NEUENBURG
I.
Die ersten bezeugten Mitglieder der Familie von N. sind zwei Brüder, Rudolf und Manegold. Sie erscheinen in den Quellen um die Mitte des 12. Jh.s zusammen als Herren von N. Dieses Miteigentumsregime zeigt an, daß dieser Ort ein Erbgut war, das der Familie seit wenigstens einer Generation gehörte. Die Familie hatte aber erst jüngst von einer aufgelassenen Burg vom Beginn des 11. Jh.s Besitz ergriffen, von der sich zugl. auch ihr Name ableitete (das castellum novum aus der Zeit um 1011, also zur Zeit Kg. Rudolfs, war zum castrum novum um 1143 geworden). Man muß die zweite Hälfte des 12. Jh.s abwarten, um die Entwicklung einer Stadt unterhalb der Burg zu beobachten. An der Wende vom 12. zum 13. Jh. bezeichnete sich die Familie als Erbin der Gf.en von Fenis, von denen die Brüder Burchard und Kuno Ende des 11. Jh.s die Bf.ssitze von Basel und Lausanne innehatten. Fenis ist die frz. Form von Vinelz, einem Dorf am Ufer des Bieler Sees, wo man heute noch die Spuren einer alten Burg sieht. Diese Burg, im Bereich der Erblande der N.er liegend, könnte viell. die Wiege der Familie sein. Aber der Ursprung ist bescheidener, als es die Familie behauptete: Vinelz war nie das Zentrum einer Gft., einer insgesamt doch zu wichtigen Struktur, um keinerlei schriftliche Spuren zu hinterlassen, auch im 11. und 12. Jh., wo die Quellen noch rar sind.
II.
Mitte des 12. Jh.s trugen die Mitglieder der Familie von N. nur den Herrentitel. Aufgrund ihres schnellen Aufstiegs nahmen sie den Gf.entitel in den letzten Jahren des Jh.s an. Die Brüder Rudolf II. und Ulrich III., die, wie ihre Ahnen, sich die Herrschaft teilten, ließen ihren neuen Titel durch die zwei obersten Gewalten der Christenheit, den Papst und den Ks., anerkennen. Die Familie erreichte ihren sozialen Höhepunkt im Imperium an der Wende vom 12. zum 13. Jh.: In der Tat erscheint Gf. Rudolf II., der auch Minnesänger war, an bevorzugter Stelle im Manesse-Kodex. Diese ausgedehnte Anthologie präsentiert 140 Dichter, die nicht in einer chronologischen oder alphabetischen Reihenfolge, sondern nach dem Rang des betreffenden Autors angeordnet wurden. Rudolf von N. erscheint dort an zehnter Stelle und als erster Gf., dem nur Ks., Kg.e und Hzg.e vorausgehen. Ein weiteres Anzeichen für die soziale Bedeutung der Familie zu dieser Zeit ist ein dritter Bruder, Berthold, der die geistliche Karriere eingeschlagen hatte. Er wurde Subdiakon der römischen Kirche und Bf. von Lausanne von 1212 bis 1220.
Im Jahre 1218 teilten sich Ulrich III. und sein Neffe Berthold I., Söhne Rudolfs II., das Familiengut. Der Erste erhielt den alemannischen Teil, der Zweite den romanischen. Berthold und seine Nachkommen sicherten die Fortdauer des Zweiges Neuchâtel, aber gaben vorübergehend den Gf.entitel an den deutschsprachigen Zweig der Familie ab. Die Position Bertholds im O von N. schwächte sich angesichts des Bf.s von Basel ab, andererseits verstärkte er aber seine Bedeutung im W, insbes. in der Region des Val-de-Travers, für die er i.J. 1237 Vasall von Johann von Chalon, Gf.en von Burgund wurde. Im Jahre 1288 verlor N. die Reichsunmittelbarkeit für einen Großteil seines Besitzes, den sie von da an von der Familie von Chalon-Arlay als Lehen innehatten. Sie bewahrten trotzdem (hinsichtlich der Dauer und der Permanenz in unterschiedlichen Abstufungen) Land und Rechte im Gebiet des Seelands und des Vully, die aus ihrem ursprgl. Familienbesitz stammten. Allerdings wurden sie fortschreitend aus diesen Regionen herausgedrängt, zunächst von den Hzg.en von Savoyen, dann auch durch die Freiburger und die Berner (Bgft. von Cerlier/Erlach, Meierei von Oltigen, Lehen von Kriegstetten oder Orte wie Lugnorre und Cudrefin).
Obwohl sie nunmehr nicht mehr reichsunmittelbar und vom Hause Chalon-Arlay abhängig waren, verstärkte die Familie von N. ihre Positionen an der Wende vom 13. zum 14. Jh. auf entscheidende Weise. Rudolf IV. führt die Verwendung des Gf.entitels wieder ein und konnte mehrere milit. Siege erringen (Schlacht von Coffrane 1296, Zerstörung von Bonneville 1301), die es ihm erlaubten, seine Souveränität auf die benachbarte Herrschaft von → Valangin auszudehnen, die im Besitz einer jüngeren Linie der Familie war, der → Aarberg- → Valangin. Nach Jahrzehnten des Rückzugs angesichts des Drucks und der Macht des Bf.s von Basel festigte sich die östliche Grenze der Gft. N. definitiv mit der Gründung von Landeron gegenüber La Neuveville.
Umgeben von mächtigen Nachbarn, verfolgten die Gf.en von N. eine Politik von Allianzen und von Lehensnahmen nach allen Seiten, um ihre Souveränität zu konsolidieren und ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie schlossen vom Ende des 13. Jh.s an mehrere Burgrechtsverträge, insbes. mit den Städten → Freiburg (1290), Biel (1306) und Bern (1308). Mitte des 14. Jh.s huldigte Ludwig von N. (1305-1373) sukzessive den Herren von Chalon (1357), dem Hzg. von Österreich (1359) und dem Gf.en von Savoyen (1360). Durch das Spiel der Eheallianzen konnten die N.er zeitweilig auf savoyischer Erde Fuß fassen, indem sie die Herrschaften von Sarraz, Champvent und Vugelles-la-Mothe kontrollierten. Die Ehe zwischen Ludwig von N. und Johanna von Montfaucon führte zu einer massiven, ja vorrangigen Verlagerung der N.er Interessen in die Franche-Comté. Der Huldigung von Dutzenden von Vasallen fügten sie direkte Macht über die Herrschaften zwischen dem Val-de-Morteau, über das sie Vogteirechte besaßen, und Orte in der Umgebungen von Besançon hinzu (Vennes, Vercel, Vuillafans-le-Neuf, Bouclans, Vaulgrenant, etc.). Nach dem Erlöschen des älteren Zweiges des Hauses N. i.J. 1395 ging die Gesamtheit ihres Besitzes an das Haus von → Freiburg i.Br. und dann Mitte des 15. Jh.s an dasjenige von Baden-Hachberg (frz. Hochberg) über. Diese Herren über den SW Dtl.s, die zunächst durch den Hof von Burgund, dann durch den Dienst des Kg.es von Frankreich angezogen wurden, vermehrten so ihren westlichen Besitz (Champlitte, Rigney, Longecourt, Seurre, etc.) Alle Herrschaften in der Franche-Comté wurden im Namen von Maria von Burgund von ihrem Ehemann Maximilian von Habsburg nach den Burgunderkriegen beschlagnahmt und der Besitz der Familie von N. auf die Ufer des Doubs beschränkt.
III.
Die ältesten Laiensiegel der Herren von N. tragen als Emblem entweder einen Reiter oder eine Burg. Die Burg war gewählt worden, um an den Namen der Familie zu erinnern, wie das zu dieser Zeit üblich war. Das Burg-Emblem hält sich auf den Siegeln bis zum 14. Jh., wo es entwickelter und von zwei kleinen Schilden begleitet erscheint, die gesparrte Pfähle tragen.
Neben den Siegeln haben die N.er sehr wahrscheinlich ursprgl. auf ihrem Schild einen Adler getragen. Die Farben dieses Schildes waren wahrscheinlich in Gold ein schwarzer, rot bewehrter Adler mit rotem Schnabel. Dieser Schild war erblich, da wir den Adler auch in den jüngeren Linien bei den → Nidau und → Aarberg- → Valangin wiederfinden.
Auf ihrem Banner trugen die Gf.en von N. von Rot und Weiß gesparrte Pfähle auf goldenem Grund. Die Anzahl der Pfähle hat zwischen zwei und drei geschwankt, bevor sie schließlich im 14. Jh. auf einen Pfahl reduziert wurde. Die erste farbige Darstellung des Wappens von N. befindet sich im Manesse-Kodex, die dort den Gf.en-Dichter Rudolf von N.-Fenis illustriert.
Das Grab der Gf.en im Chor der Kollegiatskirche zu N. stellt eines der Hauptwerke der ma. Skulptur in der Schweiz dar. Es wurde i.J. 1372 durch den Gf.en Ludwig in Erinnerung an seine Verwandten errichtet. Dieses Grabmonument besteht zum Teil aus einem älteren Monument, einem Gisant-Sarkophag seiner Eltern, deren Statuen im neuen Ensemble aufgerichtet wurden. Das Grab wurde anfänglich aus einer Gruppe von zwölf polychromen Statuen gebildet, die den Gf.en und seine Familie darstellen. Es ist das Werk eines gewissen Claus, eines aus Basel stammenden Malers (Claus von Wissenburg, Claus Sieber von → Tübingen?).
Im Laufe des 15. Jh.s sind drei Statuen hinzugekommen und haben das Monument vervollständigt. Sie zeigen den Willen der nachfolgenden Gf.en von N. an, die Kontinuität der Familie zu stärken, indem sie ihre Gräber ebenfalls dorthin verlegten. Die Statuen von Konrad und Johann von → Freiburg sind das Werk des Meisters der Kirche von Sankt-Vinzenz in Bern, Matthäus Ensinger. Die dritte Statue, diejenige des Rudolf von Baden-Hachberg, ist einige Jahrzehnte später hinzugefügt worden und als einzige nicht farbig gefaßt.
IV.
N. gehörte Mitte des 12. Jh.s Rudolf I. und dann seinem Sohn Ulrich II. Sie wurden sowohl Herren von Arconciel (in der Nähe von Freiburg) als auch Herren von N. gen. Rudolf hatte Emma, die Schwester des letzten Herrn von Glâne geheiratet. Aus dieser Ehe stammte der Besitz der Herrschaft Arconciel. Ulrich II. (gest. 1191/92), dehnte seine Einflußzone in Richtung des Jurabogens aus und machte N. zum neuen Machtzentrum der Familie. Seine Söhne, Rudolf II. (gest. 1196) und Ulrich III. (gest. 1226), nahmen den Gf.entitel und definitiv auch den Namen von N. am Ende des 12. Jh.s an. Im Jahre 1214 gewährten Ulrich III. und sein Neffe Berthold (gest. 1260) der Stadt N. Freiheiten. Im Jahre 1218 teilen sie sich das Familiengut entlang der Sprachgrenze. Der Erste erhielt den alemannischen, der Zweite den romanischen Teil. Die territoriale Zersplitterung wurde unter den Söhnen, dann auch unter den Enkeln Ulrichs III. fortges., die am Anfang der Zweige von → Nidau, Strassberg, Aarberg und → Valangin standen (dies war die einzige Ausnahme der an der Sprachgrenze orientierten Aufteilung des Besitzes).
Berthold und seine Nachkommen sicherten die Fortdauer des Zweiges Neuchâtel, aber gaben zeitw. den Gf.entitel auf. Nach einer Schwächeperiode unter der Herrschaft von Rudolf III. (1260-1264) und Amadeus (1264-1287), zeichnete sich mit Rudolf IV. (1287-1343), der den Gf.entitel wieder führte, eine Erholung ab. Nachdem die Gf.en von N. sich lange Zeit nach dem Waadtland und Savoyen (mit der Ehe von Amadeus und von Jordanne de la Sarraz, dann von Rudolf IV. mit Eléonore von Savoyen) ausgerichtet hatten, wandte sich ab 1325 mit der Ehe des Gf.en Ludwig (1343-1373) und der Johanna von Montfaucon ihre Heiratspolitik entschieden der Franche-Comté zu.
Von kriegerischer Art, wählten Gf. Ludwig und sein Sohn Johann eine Karriere als Condottieri, was sie auf die Schlachtfelder von Frankreich und Italien führte. Diese Unternehmen enden mit starken Schulden und mit dem verfrühten Tod des Johann von N. in Gefangenschaft. In den letzten Jahren seines Lebens ließ Gf. Ludwig in der Kollegiatskirche von N. ein Grabmonument zu seinem und seiner Familie Gedächtnis errichten. Weil männliche Erben fehlten, war es Isabelle von N. (1373-1395), die ihrem Vater Ludwig folgte. Besorgt, das väterliche Erbe zu bewahren und die Integrität dessen aufrechtzuerhalten, was einmal das Gebiet von N. werden würde, beschlagnahmte sie die Mehrzahl der Lehen, die im Besitz anderer Familienmitglieder waren. Sie gab jedoch die Herrschaft von Vaumarcus an Gerhard von N., den illegitimen Sohn ihres Bruders Johann, um durch diesen Bastard die Existenz der männlichen Linie der Familie zu erhalten. Isabelles Tod bedeutete das Erlöschen des legitimen Zweiges der Gf.en von N. Die Gft. ging 1395 in den Besitz ihres Neffen Konrad von → Freiburg über.
Das Haus von → Freiburg i.Br. herrscht nur zwei Generationen lang über N. mit Konrad (1395-1424) und dann Johann (1424-1458). Konrad heiratete Marie de Vergy, die Tochter des Seneschalls von Burgund, während sein Sohn Maria von Chalon heiratete, die Tochter des Lehnsherrn Ludwig von Chalon. Diese Ehen erlaubten, die Legitimität ihrer Herrschaft über N. zu bewahren und vermieden zugl., von ihren mächtigen Nachbarn absorbiert zu werden. Nach dem Tod Johanns von → Freiburg folgte ihm Rudolf von Baden-Hachberg nach, der Sohn seines Vetters. Dem neue Souverain gelang es, die Ansprüche von Ludwig von Chalon abzuweisen, der als Oberherr und als Schwager des Verstorbenen seine Rechte auf die Gft. bestritt.
Die Geschichte der Gf.en von N. im 15. Jh. war aufs engste mit der Geschichte des Hauses von Burgund verbunden. Johann von → Freiburg hatte die wichtige Position eines Marschalls von Burgund inne, ein Amt, das auch seine Nachfolger Rudolf (1458-1487) und später Philipp von Baden-Hachberg (1487-1503) bekleideten. Nach den Burgunderkriegen näherten sich die Gf.en von N. Frankreich an. Philipp von Baden-Hachberg, der Maria von Savoyen, Tochter des Hzg.s von Savoyen und Nichte des Kg.s von Frankreich geheiratet hatte, saß seit 1484 im Rat des Kg.s. Im Jahre 1491 wurde er zum Großkammerherrn von Frankreich und Gouverneur der Provence ernannt, 1503, dem Jahr seines Todes, zum Generalleutnant des Languedoc. Seine Tochter Johanna folgte ihm nach. Sie heiratet 1504 Ludwig von Orleans-Longueville. Die Gft. von N. ging damit für zwei Jh.e in die Hände eines Bastardzweiges des kgl. Hauses Frankreich über. Die letzte Vertreterin dieser Linie, Maria von Nemours, starb 1707. Die Souveränität wurde sodann unter mehreren Bewerbern dem Kg. von Preußen zugesprochen, der behauptete, über die Fs.en von Orange die alten Hoheitsrechte der Familie von Chalon über N. zu besitzen.
Quellen
Monuments de l'histoire de Neuchâtel, hg. von Georges-Auguste Matile, 3 vol., Neuchâtel, 1844-1848.
Literatur
Bartolini, Lionel/Morerod, Jean-Daniel/Näf, Anton/Reynier, Christian de: Rodolphe, comte de Neuchâtel et poète, Neuchâtel 2006. – Bujard, Jacques/Schätti, Nicolas: Le tombeau des comtes à la collégiale de Neuchâtel, in: Berns mutige Zeit. Das 13. und 14. Jahrhundert neu entdeckt, hg. von Rainer C. Schwinges, Berne 2003, S. 135. – Courvoisier, Jean: Panorama de l'histoire neuchâteloise, 1972. – Histoire du Pays de Neuchâtel, hg. von Michel Egloff, Bd. 1: De la Préhistoire au Moyen Âge, Hauterive 1989. – Jequier, Leon/Jequier, Michel: Armorial neuchâtelois, Bd. 2, Neuchâtel 1944, S. 91-97. – Jules, Jeanjaquet: Traités d'alliance et de combourgeoisie de Neuchâtel avec les villes et cantons suisses, 1290-1815, Neuchâtel 1923. – Morerod, Jean-Daniel: Comment fonder une principauté d'Empire? Les signes manifestes du pouvoir comtal à Neuchâtel, in La Suisse occidentale et l'Empire, hg. von Dems., Lausanne 2004, S. 137-163. – Morerod, Jean-Daniel: La zone d'influence d'Ulric II dans l'Arc jurassien et la genèse du comté de Neuchâtel (1140-1191), in: Musée neuchâtelois (1998) S. 237-246. – Selzer, Stephan: Deutsche Söldner im Italien des Trecento, Tübingen 2001 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, 98), S. 359. – Vuille, Paul: Notes sur les premiers seigneurs de Neuchâtel, in: Musée neuchâtelois (1979) S. 109-121.