Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LÖWENSTEIN

C. Scharfeneck

I.

Scarffenecke (1219), Scharphenekke (1221), Scharfenegg (1231), Scharffeneck (1401), Scharpffeneck (1472), Schloß Alt und Nuwe Scharffeneck (1509). Zu unterscheiden sind die beiden Höhenburgen Alt- und Neu-S., wobei diese bis zum Ende des 15. Jh.s begrifflich nicht differenziert wurden, was eine Zuordnung erschwert. Es wurde jedoch stets nur von einer Burg gesprochen.

Alt-S. wurde vermutlich Mitte des 13. Jh.s von dem Reichsministerialen Heinrich I. von Scharfenberg errichtet, möglicherw. als Familiensitz der Linie S.-Metz und im Zusammenhang mit dem Aufstieg seines jüngeren Bruders Konrad zum Bf. von Speyer und Metz und Reichskanzler. Die Burg war wohl Verwaltungsmittelpunkt und Res. dieser Scharfenberger Seitenlinie und befand sich als Reichsburg im Lehnsbesitz der Pfgf.en und im Afterlehnsbesitz der nun sog. Herren von S. Nach deren Aussterben 1416 zog Kurpfalz das erledigte Lehen ein, Teile der Herrschaft wurden vergeben, die Burg verpfändet. Alt-S. war zu diesem Zeitpunkt evtl. bereits aufgelassen, worauf Baubefund und Keramikfunde hinweisen, die nur bis zum letzten Drittel des 13. Jh.s reichen. Aus dieser Zeit scheinen die ersten Bauteile Neu-S.s zu stammen (die lange als Gründungszeugnis angesehene Urk. von 1232 ist eine Fälschung des 16. Jh.s). 1472 begründete Pfgf. Friedrich I. die Herrschaft S. mit Neu-S. als Wwe.n- und Wohnsitz neu und setzte sie zusammen mit der Gft. → Löwenstein sowie → Habitzheim zur Versorgung seines vorehelich geb. Sohnes Ludwig I. ein. Nach Friedrichs I. Tod wurde Ludwig I. 1477 von Pfgf. Philipp mit der Herrschaft S. belehnt, 1494 von Ks. Maximilian zum Reichsgf. erhoben. Er nannte sich künftig Ludwig von Bayern, Gf. von → Löwenstein, Herr von S. Sein Hauptaufenthaltsort war wohl → Löwenstein, für Aufenthalte auf Neu-S. gibt es keine Nachweise. Die Herrschaft verwalteten Amtleute.

Nach Friedrichs Tod 1541 teilte sich das Geschlecht der Gf.en von → Löwenstein. Wolfgang I. begründete die Herrschaft → Löwenstein.S., sein Bruder Ludwig III. erhielt die Gft. → Löwenstein, später fiel ihm im komplizierten Erbgang u. a. die Gft. → Wertheim zu. Die Herrschaft S. wurde 1571 nach Wolfgangs I. Tod unter seinen Söhnen aufgeteilt, wobei Wolfgang II. zunächst wohl auf der Ramburg und im → Löwensteiner Hof in Landau residierte, Heinrich I. zeitw. auf Neu-S. 1577 erließ er hierfür eine Burgordnung. 1579-1587 war Burg und Herrschaft wg. Kriegsschulden verpfändet. In dieser Zeit lebte Wolfgang II. zumeist auf der Burg → Habitzheim, danach meist im Löwensteiner Hof in Landau, teilw. wohl auch auf Neu-S. 1633 erlosch die ältere Linie → Löwenstein-S. Die Herrschaft S. wurde endgültig auf Gf. Johann Dietrich übertragen, den jüngsten Sohn Ludwigs III. und Stammvater der bis heute bestehenden Linie → Löwenstein- → Wertheim-Rochefort. Neu-S. wurde in den Kriegswirren wohl um 1625 gründlich zerstört, ohne daß darüber Genaues bekannt ist. In der Folgezeit diente es als Steinbruch. Restaurierungsarbeiten seit Ende des 19. Jh.s veränderten die historische Bausubstanz weiter. Die Verwaltung der Herrschaft S. wurde nach St. Johann verlegt, wo 1764 Fs. Carl Thomas ein Amtshaus, das sog. Rokokoschloß, errichten ließ.

II.

Die wenigen Reste der Höhenburg Alt-S. liegen nördlich von Frankweiler auf einem Felssporn über dem Eingang des Hainbachtals, etwa 100 m oberhalb des Ortes.

Die Höhenburg Neu-S., oberhalb Dernbachs gelegen und mit einer Länge von 150 m und einer Breite von 60 m viertgrößte Burganlage der Pfalz, thront in west-östlicher Ausrichtung 280 m über dem Talgrund auf einem Ausläufer des Roßbergs. Die durch das auf drei Seiten steil abfallende Gelände günstige fortifikatorische Lage wird unterstützt durch eine in Südwestdtl. einzigartige Schildmauer, die zusammen mit dem Halsgraben den Zugang zur Burg in Feindrichtung von O her vollständig abriegelt.

Der Ort Dernbach wird 1189 bei seiner Übertragung auf das Kl. Eußerthal erstmals urkundlich erwähnt und steht bis zur Auflösung des Kl.s 1560 im Spannungsfeld zwischen diesem und den Inhabern Neu-S.s. 1415 wurde Dernbach von der Mutterpfarrei Gleisweiler gelöst und zur eigenen Pfarrei erhoben. Die Pfarrkirche gehörte zum Archidiakonat des Dompropstes des Bm.s Speyer. Neu-S. wurde eingepfarrt. Über ein Patronatsrecht der S.er ist nichts bekannt.

Zur Herrschaft S. gehörte der Nordteil von Albersweiler, St. Johann, Gräfenhausen, Mettenbach, Rothenbach, Bindersbach, Steigert, seit 1482 bzw. 1521 Dernbach sowie Ramberg und die Ramburg (1536 von Ludwigs Sohn Friedrich gekauft und künftig auch als Wohnburg dienend), zudem Rechte in den Haingeraiden und Zollrechte in Wiesloch und Germersheim sowie Einkünfte und Rechte in weiteren pfälzischen Orten.

III.

Die Baugeschichte und Architektur der als abgegangen angesehenen Burg Alt-S. konnten auch Grabungen in den Jahren nach Auffinden von Resten der Wehranlage 1954 nicht erhellen, da die Bausubstanz dem südlich gelegenen Steinbruch weitgehend zum Opfer fiel. Es ist jedoch eine weitaus größere Burganlage anzunehmen, als bisher geglaubt. Grabungen der allerjüngsten Zeit lassen eine Entstehung bereits im ersten Drittel des 12. Jh.s vermuten. Dieser Befund bedarf der Interpretation, in den Schriftquellen sind hierfür bisher keine Belege bekannt.

Die Baugeschichte von Neu-S. verlief in zwei Phasen: die ma. Burganlage ab der Mitte des 13. Jh.s und die Umbau-, geradezu Neubaumaßnahmen nach 1469. Sie überformten die ma. Anlage vollständig. Komplett abgebrochen wurde die Oberburg auf dem Zentralfelsen mit den älteren Wohngebäuden, wohl auskragende Fachwerkgebäude auf gemauerten Außenmauern, zugänglich über einen hochgelegenen Eingang. Hier befindet sich lediglich noch der Burgbrunnen. Nach den Zerstörungen des Bauernkriegs 1525, als Neu-S. geplündert und ausgebrannt wurde, aber in der Mauersubstanz wohl nicht wesentlich zu Schaden kam, und ab 1535 wurden Umbaumaßnahmen durchgeführt. Sie sind aus den Quellen schwer zu bestimmen. Neben dem Ruinenbestand lassen sich wertvolle Informationen über die Res.architektur der zweiten Bauphase aus Inventaren gewinnen, v.a. aus denen von 1541 und 1605, die nicht nur Mobilien auflisten, sondern die Räume in Beziehung setzen (Inventarisierungsrundgang). Die Rechnungsüberlieferung setzt spärlich erst Ende des 16. Jh.s ein. Auffälligstes Bauteil Neu-S.s ist im O die imposante Schildmauer, die in ihrer bes. Stärke (60 m lang, 20 m hoch, bis zu 12 m dick) sowohl einem Artilleriebeschuß standhalten als auch eigene Artillerie (in Kasematten und auf der Wehrplattform) aufnehmen konnte (eine größere Garnison wird vermutet). Sie bildete zusammen mit dem aus äußerer und innerer Ringmauer gebildeten Zwinger, der Toranlage im W (Burgzugang) sowie der heute abgegangenen äußeren Vorburg die Verteidigungsanlagen. Hier in der Unterburg befanden sich auch die Wirtschaftsgebäude. Vermutlich lagen Vorratsraum, Kuh-, Sau- und Roßstall sowie Zeughaus im Bereich der Vorburg, ebenso (unter dem Palasgiebel) Backstube und Schmiede. Ein wohl aus der Frühzeit der Burg stammender (Wein-)Keller unter dem gewaltigen Palas ist bis heute z.T. erhalten. Die Küche befand sich im darüber liegenden Erdgeschoß, wo sich auch die Wohnung des Burgvogts sowie Schreibstube, Archiv und Rüstkammer befanden. Über diesen Funktionsräumen lagen Repräsentationsräume, u. a. ein großer Saal mit einem Erker mit Balkon und ein Gästezimmer, im dritten Stock die Wohn- und Schlafräume, darüber der Speicher. Ein zweiter Standerker an der Nordseite des Palas wurde als Kapellenerker bezeichnet. Nachweisbar sind jedoch nur verschiedene sakrale Gegenstände, keine geweihte Burgkapelle. Aborterker befanden sich im zweiten und dritten Stock. Die Ausstattung der Räume ist 1605 wesentlich besser als 1541, bis wohin Neu-S. nur als Nebenres. diente. Danach wurde die Burg für ihre Anforderungen als Res. und dem Stil der Zeit gemäß modernisiert. Für die Wasserversorgung nutzte man wohl ab dem 15. Jh. das von der Roßbergquelle über Deicheln in die Burg geleitete Quellwasser.

Quellen

Wertheim, Staatsarchiv, Hof-Ordnung Graf Heinrichs von Löwenstein-Scharfeneck. G-Rep. 30, Nr. 87. – Wertheim, Staatsarchiv, Inventare von Burg Scharfeneck (1515-1605). R-Rep. 42, Nr. 5.

Kienitz, Otto: Die Fürstlich-Löwenstein-Wertheimischen Territorien und ihre Entwicklung, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Alt-Wertheim (1919) S. 33-104. – Palatia Sacra, hg. von Volker Rödel, Abt. I: Bistum Speyer. Der Archidiakonat des Dompropstes von Speyer, Bd. 4: Der Landdekanat Weyher, Mainz 1988 (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte, 61,4). – Übel, Rolf: Alt-Scharfeneck, in: Pfälzisches Burgenlexikon, Bd. 1: A-E, hg. von Jürgen Keddigkeit, Ulrich Burkhart, Rolf Übel, 3. Aufl., Kaiserslautern 2007 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte, 12,3), S. 149-153. – Übel, Rolf: Neu-Scharfeneck, in: Pfälzisches Burgenlexikon, Bd. 3: I-N, hg. von Jürgen Keddigkeit, Ulrich Burkhart, Rolf Übel, Kaiserslautern 2005 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte, 12,3), S. 755-771. – Übel, Rolf: Burg Neuscharfeneck bei Dernbach, Kreis Südliche Weinstraße, Landau 1998. – Übel, Rolf: Die Burg Neuscharfeneck im 16. Jahrhundert, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 100 (2002) S. 239-261. – Zinsmaier, Paul: Das gefälschte Diplom König Heinrichs (VII.) für Johann von Scharfeneck, in: Mitteilungen des Österreichischen Instituts für Geschichtsforschung, Ergänzungsbd. 14, Insbruck 1939, S. 289-302.