LOOZ
I.
Die Gf.en von L./Loon treten als solche erstmals im ersten Drittel des 11. Jh.s im Hennegau und Haspengau auf, sind aber wahrscheinlich Mitglieder älterer dort ansässiger Adelsfamilien. Die in den nd. Quellen übliche Schreibweise war meist Loon, auch Loen, seltener Lohn, in den frz.sprachigen L., lat. auch Los. Heute ist im flämisch/ndl. Loon, im frz.sprachigen und dt. Sprachraum L. die übliche Bezeichnung.
Namengebend und Stammsitz ist → Borgloon (Prov. Belg. Limburg), wo noch heute Reste der Burg nachzuweisen sind. Loon wird vom germ. Lauhun abgeleitet, was soviel wie »bewaldeter Hügel« bedeutet.
Als erster Gf. von L., der diesen Titel führt, erscheint Giselbert (1015-1044/46), Sohn eines Gf.en von Hocht und Bruder des Bf.s Balderich II. von Lüttich (1008-1018). Erste Nennung in dieser Funktion 1031.
Die Familie stammt wahrscheinlich aus der Familie der Rainier von Hennegau, die im 10. Jh. in Gegensatz zu Ks. Otto I. gerieten. Stammbäume, die angebliche Familienverbindungen der Gf.en von L. mit den Karolingern nachweisen, wurden erst im 17. und 18. Jh. im Zusammenhang mit dem Bemühen der Herren von Corswarem um Nachweis der Abstammung von den alten Gf.en von L. gefertigt.
II.
Die Gft. L. war spätestens seit 1190 ein Lehen der Lütticher Kirche. Allerdings ist fraglich, ob sie mit allen Besitzungen von Lüttich abhängig war und wie sie in ihre Lehnshoheit gekommen sind. Für manche Bereiche gab es eine Vasallität zum Reich, so bei der Aufsicht über kgl. Besitzungen, die Leinpfade an der Maas sowie die Schöffenbänke (höhere Gerichtsbarkeit) in einem Teil der Gft. Möglicherw. gab es ursprgl. eine Reichsvasallität bzw. eine generelle Doppelvasallität zum Reich. Die Gf.en von L. erscheinen als souveräne Fs.en auf Reichstagen und sind mit regierenden Familien des Reichs wie Namur, Bayern, Metz, Geldern, Flandern, Holland, Brabant, Chiny, Jülich und Lothringen verbunden.
Arnold I. (1078/79-1125/35) der dritte bekannte Gf., heiratete um 1100 die Erbtochter des Bgf.en von Mainz, womit die Gft. → Rieneck in Oberfranken (und die Vogtei über St. Peter in Aschaffenburg) verbunden war. Arnold ist als Bgf. von Mainz ab dem 11. Mai 1108 nachgewiesen, in dieser Funktion befreite er den Ebf. Adalbert von Mainz 1115 aus der Gefangenschaft Ks. Heinrichs V. in Speyer. Eine Personalunion der Gft.en L., → Rieneck und der Bgft. Mainz bestand bis ca. 1195, dann Trennung, kurzfristige Vereinigung 1221-1227, danach endgültige Trennung. Die Gf.en von → Rieneck regierten bis 1559.
Vergrößerung des Territoriums durch Erbschaften der Herrschaften → Kolmont und → Bilzen unter Ludwig I. (1138/41-1171) und der Gft. → Duras 1188/90. Arnold IV. (1223/27-1276/78) erwarb 1226 durch Heirat die Gft. Chiny (Prov. Luxemburg), die er nachgeborenen Söhnen übergab. Sein Enkel vereinigte die Gft.en wieder und gab Söhnen aus zweiter Ehe Herrschaften innerhalb der Gft. Chiny. So entstand eine Linie, die sich L.-Aigimont nannte und die zu Beginn des 15. Jh.s ausstarb. Da die Gft. Chiny (Lehen der Gf.en Bar) nicht vom Bm. Lüttich lehnsrührig war, konnte sie auch nach dem Anfall an Lüttich 1361/66 im Besitz der Nachkommen der Gf.en von L. bleiben. Nachdem schon Diedrich von Heinsberg 1340 einen Teil der Gft. an Johann den Blinden verkauft hatte, verkauften seine Nachfolger den Rest 1364 an Wenzel von Luxemburg.
III.
Das Wappen (neunmal von Gold und Rot geteilt) der ehem. Gft. L. hat sich heute in den Wappen der Städte der ehem. Gft. und dem Wappen der belgischen Provinz Limburg erhalten. Grabdenkmäler mit Wappen sind von den Gf.en von → Rieneck erhalten, die das gleiche Wappen trugen. Von den Herrschaftssitzen, den Burgen in → Borgloon, → Brustem, → Kolmont und → Kuringen bei Hasselt (Prinsenhof) haben sich nur die Plätze oder Ruinen erhalten bzw. sie sind Neubauten gewichen. Erhalten haben sich die von den Gf.en von L. gestiftete ehem. Prämonstratenserabtei Averbode (bei Diest) und die ehem. Zisterzienserinnenabtei Herkenrode bei → Kuringen/Hasselt, wenngleich es auch hier nur wenig Bausubstanz aus dem MA gibt. Die letztere ist auch Grabkirche der Familie geworden. Darstellungen und Abbildungen der Gf.en wurden erst in der Romantik geschaffen. Erhalten haben sich zahlr. Reitersiegel.
IV.
Schon kurze Zeit nach dem Auftreten der Gf.en von L. im 11. Jh. erstreckte sich ihre Macht über ein Gebiet, das ungefähr der heutigen Provinz Belgisch-Limburg entspricht und aus einem Teil des alten Massgaus, einem Teil Kempens (Toxandriens) und einem Teil des Haspengaus bestand mit Ausnahme der Städte Tongern und St. Truiden.
Vermutlich gingen die bereits im 10. Jh. nachweisbaren Gf.en von Hocht, denen der erste Gf. von L. Giselbert (1015-1044) entstammte, auf die Balderiche und Reiniere von Hennegau zurück. Giselbert hatte einen Sohn Emmo (1044/46-1078/79), der einen Sohn Arnold I. (1078/79-1125/38) hatte. Dieser war mit der Erbtochter des Bgf.en von Mainz und Gf.en von → Rieneck verh. und ist 1108 erstmals als Bgf. von Mainz gen. Drei Generationen sollten die Gf.en von L. die rund 600 km entfernten Gft.en in Personalunion innehaben, ehe sie sie in der Familie aufteilten.
Arnold I. hatte einen Sohn Arnold II. (1125/35-1138/39), der auch Gf. von → Rieneck war. Er stiftete 1135 die Prämonstratenserabtei Averbode (bei Diest) und hatte mind. sieben Kinder, von denen Ludwig I. (1138/41-1171) folgte. Er konnte die Herrschaften → Kolmont und → Bilzen erwerben, auf die schon vorher Ansprüche entstanden waren. Ludwig war 1. mit Agnes von Metz, 2. mit Mechthild von Dabo-Moha verh. Mechtild von Metz ist als Förderin des Dichters Heinrich von Veldecke bekannt geworden.
Nachfolger wurde sein Sohn Gerhard I. (1171-1194/97), unter dem die Gft. ihre größte territoriale Ausdehnung erreichen sollte. Allerdings geriet er in kriegerische Auseinandersetzung mit dem Bf. von Lüttich, der 1179 mehrere seiner Burgen, u. a. → Borgloon zerstörte. 1182 stiftete er die Zisterzienserinnenabtei Herkenrode in → Kuringen, auch befestigte er und privilegierte er den Ort → Brustem. Die Herrschaft → Horn kann, wahrscheinlich schon seit dem 11. Jh. als gesichertes Lehen der Gf.en von L. angesehen werden. 1188/90 erwarb er die Gft. → Duras, die Lütticher Lehen war, aber auch vom Hzg. von Brabant beansprucht wurde. 1190/91 mußte er sich gegen Übergriffe des Brabanters zur Wehr setzen, erlangte aber 1193 seine Zustimmung zur Übernahme von → Duras, indem er auch eine Lehnsbindung zu ihm einging. In → Rieneck ließ er die noch heute bestehende Burg errichten. Er teilte die beiden Gft.en auf. L. übergab er seinem ältesten Sohn Ludwig II. (1194/97-1218), während er dem jüngeren Gerhard (III.) die Gft. → Rieneck zuwies. Er nahm an zwei Kreuzzügen teil, beim zweiten fiel er bei der Belagerung von Akkon wahrscheinlich 1194.
Sein Sohn Ludwig II. (1194/97-1218) agierte unglücklich im Holländischen Erbfolgekrieg, in dem er mehrfach unterlag. Auch verlor er die ihm zustehende halbe kgl. Vogtei über die Stadt Maastricht an den Hzg. von Brabant, den er auch in anderen Rechten als Lehnsherrn anerkennen mußte. Mit Unterstützung des Bf.s von Lüttich konnte er Angriffe des Hzg.s von Brabant im Haspengau abwehren. Er starb durch Vergiftung, seine Ehe blieb ohne männliche Erben. Ihm folgten seine Brüder Heinrich I. (1218) und Arnold III. (1218-1221), die ebenfalls ohne männliche Erben blieben. Arnold III. wird die Gründung der Deutschordens-Ballei Alden-Biesen zugeschrieben.
Das Erbe übernahm sein Neffe aus dem Zweig → Rieneck, Ludwig III. (1221-1223/27), Sohn seines jüngeren Bruders Gerhard III. von → Rieneck und Enkel Gerhards I. von L. Dieser sah jedoch bald, daß er die Gft.en L. und → Rieneck nicht gleichzeitig regieren konnte, kehrte nach Oberfranken zurück und übergab L. seinem jüngerem Bruder Arnold IV. (1223/27-1276/78). Das war das letzte Mal, daß die beiden Gft.en gemeinsam regiert wurden.
Arnold IV. konsolidierte die Gft. L., vergab Freiheitsbriefe an Städte und Ortschaften und bewährte sich im Bündnis mit dem Bf. von Lüttich in Konflikten mit Brabant. Die Heirat mit Johanna, der Erbin von Chiny (Prov. Luxemburg) brachte ihm 1226 diese Gft. ein, die er nach dem Tod seiner Ehefrau seinem nachgeborenen Sohn Ludwig (1268-1299) als Gf. von Chiny übergab. Als Gf. von L. folgte ihm sein ältester Sohn Johann (1276/78-1279), der schon zu Lebzeiten seines Vaters die Gft. → Duras verwaltet hatte. Er regierte nur kurz hatte aber männliche Nachkommen aus zwei Ehen.
Nachfolger war sein Sohn Arnold V. (1279-1323). Da sein Onkel Ludwig von Chiny kinderlos blieb, er seinen Halbbrüdern aber kein Erbrecht zugestehen wollte, hat er sie mit umfangr. Gütern innerhalb der Gft. Chiny abgefunden. So entstand die Linie L.-Agimont, die bis zum Beginn des 15. Jh.s bestand. Arnold V. war am Jülicher und am Limburgischen Erbfolgekrieg beteiligt, nahm an der Schlacht von Worringen 1288 teil, stand im Streit des Bf.s mit der Stadt Lüttich auf Seiten der Patrizier und hatte mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen. Nachfolger wurde sein Sohn Ludwig IV. (1323-1336), der sich gemeinsam mit dem Bf. von Lüttich der Expansion des Hzg.s von Brabant erwehren mußte. Im Konflikt zwischen Frankreich und England stellte er sich auf die frz. Seite. Da seine Ehe kinderlos blieb, setzte er seinen Neffen, Diedrich von Heinsberg, Sohn seiner Schwester, als Nachfolger ein.
Das Lütticher Domkapitel sah die Gft. L. jedoch als erledigtes Lehen an. Es kam zum ersten L.'schen Erbfolgekrieg, in dem sich Diederich von Heinsberg (1336-1361) der Unterstützung des Hzg.s von Brabant und Johanns des Blinden, Gf. von Luxemburg und Kg. von Böhmen, versicherte, dem er einen Teil der Gft. Chiny verkaufte. Erst 1346 wurde er vom Lütticher Bf. mit der Gft. L. investiert. Da auch Diedrich von Heinsberg ohne männlichen Erben starb, nahm der Bf. von Lüttich am 5. April 1361 den Titel eines Gf.en von L. an. Zwar stellte Gottfried von Dalenbrock (1361- 1361), ein Neffe Diedrich von Heinberg, der Gf. von Chiny geworden war, Erbansprüche, verkaufte diese jedoch, da sie sich nicht realisieren ließen, an Arnold von Rummen (1362-1366). Arnold war ein Sohn von Johanna, einer Tochter Arnolds V. von L., er war Gf. von Chiny geworden und versuchte von seiner Burg Rummen (bei St. Truiden) aus seine Ansprüche mit Gewalt durchzusetzten. Lütticher Truppen eroberten 1366 die Burg Rummen und zwangen ihn, auf alle Ansprüche zu verzichten. Bis ans Ende des alten Reiches trugen die Fs.bf.e von Lüttich den Titel eines Gf.en von L. Die ehem. Gft. L. behielt innerhalb des Fs.bm.s Lüttich eine gewisse verwaltungsmäßige Selbständigkeit.
Literatur
Baerten, Jean: Het graafschap Loon (11de-14de eeuw) ontstaan – politiek – instellingen), Assen 1969. – Borman, C. de: Le Livre des fiefs du comté de Looz sous Jean d'Arckel, Bruxelles 1875. – Daris, Jos.: Histoire de la Bonne ville, de l'église et des comtes de Looz suivie de Biographies Lossaines, 3 Bde., Liège 1861-1867. – Laret-Kayser, Arlette: Entre Bar et Luxembourg: Le Comté de Chiny des origines à 1300, Bruxelles 1986. – Moons, Jos: De graven van Loon, in: Het oude land van loon 47 (1992) S. 125-153. – Escher, Monika/Hirschmann, Frank G.: Die urbanen Zentren des hohen und späten Mittelalters. Vergleichende Untersuchungen zu Städten und Städtelandschaften im Westen des Reiches und in Ostfrankreich, Trier 2005 (Trierer Historische Forschungen, 50), Bd. 1, S. 448 f. – Ruf, Theodor: Die Grafen von Rieneck. Genealogie und Territorienbildung, 2 Bde., Würzburg 1984 (Mainfränkische Studien, 32).