Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LOBKOWITZ

C. Prag, Palais Lobkowitz

I.

In den Quellen wurde das Palais vor 1650 öfter gen.: Dům Pernštejnský na Hradě pražském (tsch.); manchmal: Domus Pernsteinensis in Arce pragensi (lat.), Pernsteinisches Haus am Hradschin (dt.), usw.

Das Palais L. befindet sich in Prag, im östlichen Areal der Prager Burg, nah am Schwarzen Tor (Černá brána), in der Jiřská-Gasse 3.

Seit den 60er Jahren des 16. Jh.s bis zur Mitte des 17. Jh.s ein Renaissancepalast, nach 1650 im Barockstil umgebaut. Das Palais L. (früher → Pernstein) gehörte den Herren von L., genauer der Fs.enlinie von Chlumetz-Raudnitz, seit 1627. Heute befindet sich das Palais im Besitz von William Lobkowicz.

II.

Im 12. Jh., als das östliche Eckstück des Burgareals durch den Aufbau der Befestigung (romanische Steinmauer nach 1135) fest und dauerhaft abgegrenzt worden war, befand sich auf dem späteren Baugrundstück des Palasts ein Müllablagerungsplatz. Im 13. Jh. – nach der Ebnung des abfallenden Terrains – standen dort Häuser aus Holz, bzw. Objekte (einige mit wirtschaftlichem Charakter). Im westlichen Teil befand sich ein Fachwerkhaus. Seit dem 14. Jh. wurden auf dem Baugrundstück steinerne (gotische) Häuser gebaut, und zwar bes. am Rande der Jiřská-Gasse auf drei genauso breiten Bauparzellen (18-19 m), die eine steinerne Mauer abtrennte. Die Steinhäuser aus dieser Zeit belegen vereinzelte Erwähnungen in schriftlichen Quellen (1371, 1486). Im Jahre 1531 standen an diesem Ort zwei größere Häuser, zwischen denen die Trümmerstätte oder Baustelle des dritten Hauses lag. Das Haus an der Westseite und die mittlere Bauparzelle gehörten Wenzel Bezdružický von Kolowrat, das zweite Haus an der Ostseite besaßen die Kaplířs von Sulevice, genauer Purkart Kaplíř von Sulevice auf → Dux (Duchcov). Die eigentümliche Verbindung des westlichen und mittleren Baugrundstücks bestand auch in den nächsten Jahren. Im Jahre 1543 besaß sie Sigismund von Freygut; das östliche Baugrundstück gehörte stets Kaplířs von Sulevice. 1546 erhielt Wolf Krajíř von Krajek beide Teile (d.h. alle drei Bauparzellen). Es scheint, daß er zwei Häuser verband, das westliche nach Sigismund von Freygut und das östliche der Kaplířs von Sulevice, das er um 1546 ankaufte. Wolf Krajíř von Krajek verkauft, wahrscheinlich i.J. 1554, seine beiden Häuser zusammen mit dem Ziegelwerk und der Kalkbrennerei, die hinter dem Turm Daliborka standen, an Jaroslaus von → Pernstein. Im Frühjahr des Jahres 1555 begann der neue Besitzer mit dem umfangr. Umbau der Häuser zu einem repräsentativen Wohnsitz im Palaststil. Nach dem Tod des Jaroslaus von → Pernstein.i.J. 1560 und ein Jahr später dessen Bruders Adalbert von → Pernstein erbte den gesamten Familienbesitz der letzte von den Brüdern, Wratislaw von → Pernstein, seit 1566 der oberste Kanzler des Kgr.s Böhmen. Unter seiner Herrschaft wurde das → Pernstein-Palais auf der Prager Burg teilw. um- und ausgebaut. Es muß erwähnt werden, daß den zweiten kostspieligen Bau Wratislaws von → Pernstein das neue Schloß in Leitomischl (Litomyšl) darstellte, das ihm zusammen mit der Herrschaft i.J. 1567 für zwanzig Jahre vom Ks. verpachtet wurde. Das neue prachtvolle Schloß in Leitomischl wurde zu seiner ländlichen Res., gleich nach dem Palast auf der Prager Burg. Zum → Pernstein-Palais kaufte Wratislaw i.J. 1574 ein Haus, das unter dem Schwarzen Turm über dem Burggraben, also an der Außenseite der Burgmauer zwischen dem Innen- und Außentor der Burg, stand. Das Haus grenzte zwar nicht an den Palast an, aber es befand sich in seiner Nähe. Es scheint, daß das Haus von der Dienerschaft und gelegentlich von den Untertanen des Kanzlers bewohnt wurde. Die Untertanen brachten hauptsächlich Viktualien in den Palast und übten verschiedene Handwerks- und Hilfsarbeiten aus. In dieser Zeit, viell. auch unter Wratislaws Nachfolgern, wurden zwei weitere Häuser auf der Prager Burg gekauft, die gegenüber dem Palast über die Jiřská-Gasse neben dem Bgf.enamt standen. Diese zwei Häuser mit eingefriedetem Hof dienten höchstwahrscheinlich als Pferdeställe, Schuppen und Lager (Heu, Holz u.ä.). Nach dem Tod Wratislaws von → Pernstein im Okt. 1582, übernahm dessen Sohn Johann von → Pernstein die Verwaltung des Familienvermögens samt Palast und anderer drei Häuser auf der Burg. Johann kam i.J. 1597 auf dem Kriegsfeld ums Leben und das (eingeschränkte) Vermögen übernahmen seine Mutter, von Herkunft her Spanierin, Marie Manrique de Lara y Mendoza, seine Wwe. Marie Manrique d.J. von → Pernstein, und einige seine Schwestern. Die bekannteste von ihnen, Polyxena, Wwe. von Wilhelm von → Rosenberg, wurde i.J. 1603 zum rechtmäßigen Vormund seiner minderjährigen Kinder – Wratislaw Eusebius, Frebonia und Anna – und Verwalterin deren Erbschaft. In dems. Jahr heiratete sie Zdenko Adalbert Popel von L., den obersten Kanzler des Kgr.s Böhmen. Polyxena von L. lebte auf dem → Pernstein-Palast die meiste Zeit ihres Lebens und seit 1603 dann »dauerhaft« mit ihrem zweiten Ehemann. 1627 lief die Vormundschaft aus und es kam zum Vergleich des Vermögens zwischen Polyxena, der Fs.in von L. und ihrem Neffen Wratislaw Eusebius von → Pernstein. Polyxena wurde zur erblichen Besitzerin vom → Pernstein.Palais und von allen anderen Häusern der Pernsteins auf der Prager Burg. Wratislaw Eusebius bekam die Herrschaft Leitomischl. Seit diesem Vergleich, also seit 1627, wurde das → Pernstein.Palais zum erblichen Eigentum der Fs.en von L. und für den nächsten Zeitraum auch ihre Hauptres. im Kgr. Böhmen. Der einzige Sohn Zdenko Adalberts und Polyxena von L., Wenzel Eusebius der zweite Fs. von L. ließ nach 1650 den Palast im Barockstil umbauen. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung Palais L. Gegenüber dem Palast über die Jiřská-Gasse errichtete man Marställe. Sie standen an der Stelle zweier ehem. pernsteinischer Häuser, die man später als Kleines-L.-Palais bezeichnete. Über dem dritten Haus unter dem Schwarzen Turm liegen nach 1627 keine näheren Auskünfte vor; in den 90er Jahren des 19. Jh.s wurde das Haus niedergerissen.

III.

Das Palastgelände hatte (und hat) einen unregelmäßigen, länglichen Grundriß mit einem größeren und einem kleineren Burghof. Das Gelände umschließen im N die Jiřská-Gasse, im O der Schwarze Turm, im S die Burgmauer und im W das ehem. Institut für adlige Frauen (früher das → Rosenberg-Palais).

Über die Baumeister des → Pernstein-Palais liegen keine Informationen vor. Man kann nur annehmen, daß während der zweiten Phase dessen Umbaus unter Wratislaw von → Pernstein zu ihnen die Italiener Giovanni Battista Aostalli und Ulrico Aostalli della Sala gehörten. Sie entwarfen und leiteten wahrscheinlich den Schloßbau in Leitomischl und waren in dieser Zeit auch an den Bauarbeiten auf der Prager Burg beteiligt. In den 20er Jahren des 17. Jh.s arbeitete der Dachdecker Jakob Piffler im Palast und viell. auch der bisher nicht identifizierte Steinmetz Jakob. Ziegeln und Kalk lieferte Christoph Fischer von Fischbach auf den Bau.

Der Renaissancepalast entstand auf der Grundlage der von Wolf Krajíř von Krajek gebauten Häusern, die bereits eine geschlossene vierflügelförmige Disposition hatten. Nach 1554 setzen die Bauarbeiten am Palast in drei aufeinanderfolgenden Etappen fort. In der ersten Phase (Etappe) unter Jaroslaus von → Pernstein entstand ein Objekt mit vier Flügeln und mit einem rechteckigen Burghof an der Westseite des Baugrundstückes (am → Rosenberg-Palais). Die Flügel auf diesem Burghof waren eingeschossig, die äußere Fassade des südlichen Flügels war wesentlich höher. Sie hob sich über den Überresten der romanischen im unteren Teil durch dicke Hintermauerung gestärkten Burgmauer empor. Zur Fassade gehörten zwei Türme, die den ganzen Flügel überragten. Im neuen Nordflügel entstand eine Einfahrt in den Burghof eng an der inneren nordwestlichen Ecke, die an das alte Tor in der Burgmauer auf der Jiřská-Gasse anknüpfte. Die Ostseite der Bauparzelle wurde noch nicht durchgehend bebaut. In den Jahren 1560-1577, d.h. unter Wratislaw von → Pernstein verlief die zweite Phase des Umbaus. Während dieser Etappe wurde die Ostseite des Palasts ausgebaut. Dort entstand ein kleiner Burghof, der von drei Seiten verschlossen war. Hinter dem Burghof in der südöstlichen scharfen Ecke ließ Wratislaw von → Pernstein ein selbständiges, bzw. repräsentatives Objekt erbauen. In der nordwestlichen Ecke des Burghofs, im ersten Stock des Anbaus des kleinen Flügels wurde eine Kapelle gebaut. Sie wurde i.J. 1577 vom Ebf. Anton Brus von Mohelnice geweiht. Unter der Kapelle befand sich eine gewölbte Einfahrt in den Burghof. An den Wänden der Flügel auf dem großen rechteckigen Burghof wurde ein Teil der Terrakotta-Verzierung, die charakteristisch für die erste Phase des Renaissanceumbaus war, entfernt und mit Verputz versehen. Die Außenfassaden wurden mit Sgraffiti (figurale Motive) verziert. Die dritte Etappe des Umbaus verbindet man mit dem Namen Polyxenas von L. geb. von → Pernstein. Im ersten Drittel des 17. Jh.s wurde der südöstliche, vorragende, den Burggraben ergänzende Flügel an der Stelle des alten Gebäudes gebaut und der Nordflügel am kleinen Burghof beendet. Nach einem kleinen Brand i.J. 1625 wurde wahrscheinlich der südliche, der Stadt zugewandte Flügel erhöht und mit ihm, wie es scheint, auch seine beiden Türme, die neu mit einem Dach versehen wurden. Es wurden auch einige Steinmetzarbeiten durgeführt, bes. wurden Steinumrahmungen für neue Fenster und Portale gemeißelt. Mit diesen Anbauten und Veränderungen wurde der Bau des Palasts abgeschlossen.

Im Juli 1620 hatte das → Pernstein-Palais Burghöfe, unter der Erde einen kleinen und einen großen Keller. Im Erdgeschoß befanden sich ein Zimmer, eine Küche, zwei Kammern gegenüber der Küche, eine weitere Küche mit zwei gewölbten Stuben und einer Kammer. Im ersten Stock am ersten Burghof waren drei Zimmer, drei Kammern, ein Vorsaal, ein großer Saal, hinter ihm ein Zimmer, zwei andere Zimmer, ein Altan und gegenüber zwei Zimmer und zwei Kammern. Über dem Geschoß unter dem Dachboden waren sechs angefangene Stuben. Am zweiten Burghof, im Erdgeschoß befanden sich ein Zimmer, vier gewölbte Stuben und ein Stall für 16 Pferde. Gegenüber der Pforte stand ein selbständiges Haus, damals ziemlich verwüstet. Die Wohnräume, wie die archäologischen Untersuchungen zeigen, wurden mit reichlich verzierten Kachelöfen ausgestattet; nach 1638 beheizte man 16 bis 19 Zimmern. Neben den verschiedenen Möbelstücken, über die keine näheren Informationen vorliegen, Zinn- und Keramikgeschirr, Glasbechern (einige mit Wappen ihrer Besitzer), gottesdienstlichen Gegenständen wurden im Palast bis zu seinem Barockumbau v.a. eine große Sammlung des Silbergeschirrs, -instrumente und -gegenstände (wie die Inventare aus dem Jahre 1627 nachweisen), Gemäldegalerie, Bibliothek und Familienarchiv aufbewahrt. Viele Bilder, Graphiken, Plastiken, Bücher, Handschriften, Urk.n und Akten stammen aus dem Besitz der Pernsteins. Sie bildete gemeinsam mit den Sammlungen der Herren von L. die Grundlage der Kunst-, Bücher- und Archivbestände der fsl. Linie des Geschlechts, bzw. der Primogenitur. Zum Bestandteil dieser Bestände wurden auch einige wertvolle Sammlungen, bes. Bibliotheken, die von anderen Personen erworben oder abgekauft wurden (z. B. beim Ankauf nach 1620 konfiszierten Gütern).

Das → Pernstein-Palais diente als Hauptsitz der letzten drei Generationen der Herren von → Pernstein und seit der ersten Dekade des 17. Jh.s auch des obersten Kanzlers Zdenko Adalbert Popel von L., des Ehemanns von Polyxena geb. → Pernstein, und deren Sohns Wenzel Eusebius, geb. 1609. Zusammen mit ihnen bewohnten das Palais oder hielten sich hier für eine längere Zeit Höflinge, Hofbeamte, Hofdamen, Diener und die obersten Verwaltungsbeamten der Herren von → Pernstein, bzw. von L., auf. Seit Ende der ersten Dekade des 17. Jh.s diente das Palais als Hauptverwaltungszentrum der L.er Güter. Das Palais stellte hauptsächlich einen repräsentativen Wohnsitz der Besitzer in der Nähe der ksl. Res. und der Zentralbehörden des Kgr.s Böhmen dar. Im Palais trafen und versammelten sich bedeutende einheimische sowie ausländische Politiker, Botschafter, Prälaten, Generale, berühmte rudolfinische Gelehrte und Künstler; dort fanden verschiedene Festanlässe (Hochzeiten, Bankette) statt. Hier fanden ihre Zuflucht die kgl. Statthalter Wilhelm Slawata von Chlum und Koschumberg Jaroslaus Borzita von Martinitz, nachdem man sie aus den Fenstern der böhm. Kanzlei geworfen hatte. (d.h. nach dem Prager Fenstersturz).

Durdík, Tomáš/Frolík, Jan/Chotěbor, Petr: Stavební dějiny Lobkovického paláce na Pražském hradě ve středověku a raném novověku, in: Castrum Pragense 2 (1999) S. 21-112. – Frolík, Jan/Chotěbor, Petr/Žegklitz, Jaromír: Lobkovický palác na Pražském hradě a jeho hmotná kultura, in: Documenta Pragensia 9 (1991) S. 215-234. – Chotěbor, Petr: Pernštejnský palác na Pražském hradě, in: Pernštejnové v českých dějinách. Sborník příspěvků z konference v Pardubicích 8.-9. 9. 1993, hg. von Petr Vorel, Pardubice 1995, S. 261-282. – Chotěbor, Petr/Durdík, Tomáš: Lobkovický palác – renesance a manýrismus, in: Umění 43 (1995) S. 411-424. – Naňková, Věra/Lencová, Jaroslava: Barokní přestavba Lobkovického paláce, in: Umění 43 (1995) S. 425-432. – Vilímková, Milada: Příspěvek k dějinám a stavebnímu vývoji Lobkovického paláce na Pražském hradě, in: Časopis Národního muzea – Historie 143 (1974) S. 152-170. – Vilímková, Milada: Dějiny Lobkovického paláce na Pražském hradě, in: Umění 43 (1995) S. 395-410. – Vlček, Pavel u. a.: Umělecké památky Prahy – Pražský hrad a Hradčany, Praha 2000, S. 203-208. – Vorel, Petr: Páni z Pernštejna. Vzestup a pád rodu zubří hlavy v dějinách Čech a Moravy, Praha 1999.