Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LOBKOWITZ

C. Libochowitz

I.

Im MA nannte man den Ort: Lubochowitz (1282), Lubichowicz (1335), Lubochowicz (1337), Lybochouicz (1352), Lybiechowicz (1405), Libochowicz (1411), Libochovice (1412) u.ä., in der Frühen Neuzeit schrieb man: Libochowicze, oft auch Libochowicze nad Ohrzí, ggf. Lybochovicze (tsch.) und L. (dt.).

L. liegt in Böhmen, 13,5 km westlich von der Stadt → Raudnitz an der Elbe (Roudnice nad Labem), größtenteils am linken Ufer des Flusses Eger unweit eines steilen Hügels, auf dem die Ruine der Burg Hassenburg (Hazmburk, Klapý) steht.

Anfang des 17. Jh.s gehörte zum Schloß in L. auch die gleichnamige Herrschaft, die insgesamt ein Schloß, eine Stadt, eine wüste Burg (Hassenburg) und 17 Dörfer bildeten. Am Ende der Herrschaft der Herren von → Lobkowitz sah das Dominium ohne Zweifel genauso aus.

Spätestens am Ende des 13. Jh.s stand in der Stadt L. eine Festung neben der Burg Klapý (später Hassenburg) der zweite Wohnsitz des Adels. Im 15. Jh., wahrscheinlich nachdem die Stadt i.J. 1424 von den Hussiten niedergebrannt worden war, wurde die Festung teilw. zerstört und verwüstet. Nachdem man die Burg Hassenburg Anfang des 16. Jh.s verlassen hatte, wurde L. zum Verwaltungszentrum der Herrschaft. Die Festung (in den Quellen auch als Schloß bezeichnet) diente wahrscheinlich nicht als Wohnsitz des Besitzers. Nach 1558, als Johann d.Ä. von → Lobkowitz die Herrschaft gekauft hatte, wurde anstelle der verwahrlosten Festung ein Renaissanceschloß gebaut. Nach dem Brand der Stadt i.J. 1676 ließ Gundakar, Fs. von Dietrichstein an der gleichen Stelle ein neues Schloß im Barockstil (1683-1689) erbauen. Das Schloß und die Herrschaft L. waren im Besitz der Herren von → Lobkowitz von 1558 bis 1594, genauer im Besitz Johanns d.Ä. von → Lobkowitz (gest. 1569) und dessen Sohns Georg d.Ä. von → Lobkowitz (gest. 1607).

II.

Das Schloß und die Stadt L. liegen in der fruchtbaren Tiefebene, die nach dem Fluß Eger – Egerer Tafel (Oharská tabule, Dolnooharská tabule) oder Unteres Egerland (Dolní Poohří) benannt ist, in 166 m Höhe. Die Eger, die sich hier in einem großen Bogen nach N wendet, bildete die natürliche Südgrenze der Stadt. Von der Brücke, die vor der Regelung des Flußlaufes etwas weiter östlich anstelle der ursprgl. Furt stand, führte die Kostelní-Gasse (heute Purky- ňova-Gasse) mit der Pfarrkirche Allerheiligen links und dem Schloß rechts ab. Die Mündung der Gasse öffnet sich auf einen länglichen rechteckigen Marktplatz (mit kürzeren Seiten am W und O). Den nördlichen Rand der Stadt bildete früher eine längliche Hauptstraße – heute eine Landstraße, die sich hinter dem westlichen Rand des Marktplatzes nach S und dann nach W wendet (nach Dubany). An dieser Brechung der Landstraße, genauer im südwestlichen Teil des heutigen Stadtkerns, befand sich das jüdische Viertel. NW von der Stadt steht die St.-Laurentius-Kirche mit Friedhof; ein Stück weiter im W dann der jüdische Friedhof. Das Schloß liegt über dem Bogen des Flusses, bzw. über der Flußtiefe unter dem Namen »Zátoka«. Im N grenzt die spätgotische Schloßkapelle des Hl. Johannes mit Turm an das Schloß an; östlich vom Schloß erstreckt sich der Schloßgarten und der ausgedehnte Park. Die natürlichen und klimatischen Verhältnisse der Egerer Tafel waren (und sind immer noch) für Landwirtschaft günstig, v.a. für Getreideanbau, Ostbaumzucht und Hopfenbau.

Die Bevölkerungsdichte und die soziale Struktur des Städtchens, bzw. der Stadt, L. kann zum Teil anhand der ältesten erhalten Stadtbücher untersucht und anhand der Steuerregister, die in der zweiten Hälfte des 16. und Anfang des 17. Jh.s entstanden sind, abgeschätzt werden. 1603 wurden in der Herrschaft L. 440 Ansiedler (untertänige Ansiedlungen) registriert, drei Jahre später, nachdem die Herrschaft an den Fs.en Sigismund Báthory abgetreten wurde, waren es 444 Ansiedler. Es wird geschätzt, daß die Stadt zu dieser Zeit insgesamt 87 Häuser, also 500 Einw. hatte. In der Stadt wohnten einige jüdische Familien. Die christliche Bevölkerung lebte von Landwirtschaft und Handwerk. Die Handwerker organisierten sich in Zünften, bis auf einige Spezialisten. Der letzte Besitzer der Herrschaft L. aus dem Geschlecht Zajícové von Hassenburg, Christoph, einer der Söhne des bekannten Humanisten Johann III., verkaufte die Herrschaft i.J. 1558 an Johann d.Ä. von → Lobkowitz, den obersten Hofmeister des Kgr.s Böhmen. Unter seiner Herrschaft und v.a. unter seinem Sohn Georg wurde das wirtschaftliche Potential der Stadt außergewöhnlich gehoben und erweitert. Insbes. muß der kostspielige Bau des neuen Renaissanceschlosses unter Johann Popel erwähnt werden, bei dem viele städtische Handwerker und Zulieferer beschäftigt waren. Von einer noch größerer Bedeutung war das umfangr., vom Georg von → Lobkowitz i.J. 1590 erteilte Privileg, auf dessen Grundlage die Stadt die Brauberechtigung erhielt (sie gewann die Brauerei für sich), das Mälzerrecht und das Recht des freien Getreidehandels. Diese Vorrechte wurden aber durch das dauerhafte Beharren der Stadtgemeinde im katholischen Glauben bedingt.

In der Frühen Neuzeit gehörte L. zum Litoměřický kraj (Kr. Leitmeritz) und bis zum Jahr 1655, als in Leitmeritz der Bf.sitz errichtet wurde, zur Prager Erzdiöz. Unter der Herrschaft der Herren von → Lobkowitz fiel die Pfarrei L. unter das Vikariat Trebnitz (Třebenice). In der Stadt selbst befanden sich drei Kirchen: die Pfarrkirche Allerheiligen (ursprgl. gotisch, nach 1700 neu erbaut), die Schloßkapelle St. Johann (spätgotisch) und die St.-Laurentius-Kirche auf dem Friedhof am nordwestlichen Rand der Stadt (neu erbaut 1601, nach 1720 umgebaut). Sie fielen unter die Verwaltung des Pfarrers von → Lobkowitz und des jeweiligen Kaplans. 1591 übertrug Georg von → Lobkowitz alle Kirchen auf seinem Dominium unter das Patronat des Rektors des neu gegr. Jesuitenkollegs in Komotau (Chomutov), d.h. auch die erwähnten drei Kirchen in L.

Die erste Erwähnung von L. als Siedlung städtischen Charakters stammt aus dem Jahre 1292, als ihr Heiman von Lichtenburg Grundstücke unter erblicher Abgabe erteilt und den Gebrauch des Magdeburger Rechts erlaubt haben sollte. Zum ersten Mal bezeichnet man L. explizit als Städtchen (oppidum) in der Urk. des Kg.s Johann von Luxembourg aus dem Jahre 1335, in der der Kg. den Verkauf der Burg Klapý an Zbyněk Zajíc von → Waldeck bestätigte. Seit dieser Zeit gehörte L. Zbyněk Zajíc und seinen Nachkommen, die auf der Burg ihren Familienwohnsitz Hassenburg errichteten. Das erste bedeutende Privileg für L., abgesehen von der nicht erhaltenen Schenkungsurk. von Johann Zajíc von Hassenburg aus dem Jahre 1477, war das Privileg Kg. Wladislaws II. Jagiello vom 13. Mai 1507. Lt. diesem Vorrecht konnte in der Stadt ein Jahrmarkt stattfinden und sie erhielt auch das Recht, jeden Mittwoch einen Wochenmarkt zu veranstalten. Das zweite kgl. Privileg stellt die Urk. Ks. Ferdinands I. von Habsburg vom 7. Aug. 1560 dar, die das Städtchen L. zur Stadt mit vollkommenem Stadtrecht, zwölfköpfigem Stadtrat mit Bürgermeister, an der Spitze mit Stadtrichter, erhoben hatte. Das nächste Privileg der Stadt war die bereits erwähnte Beschenkung der Stadt durch Georg d.Ä. von → Lobkowitz i.J. 1590 und dann noch die Bestätigungssurk. Adams von → Sternberg vom 12. Nov. 1614.

Die personale Verbindung zwischen dem Schloß und der Stadt war zur Zeit der Herren von → Lobkowitz sehr stark, genauso wie unter der Herrschaft der Herren Zajíc von Hassenburg (zwischen der Festung und dem Städtchen), auch später unter neuen Besitzern und Eigentümern. Bis auf einige Namen der Stadtbewohner im Herrendienst, bzw. der Höflinge, der Beamten und Diener, die ihren Besitz in der Stadt hatten, läßt sich über die gegenseitigen Beziehungen und Konflikte aus den erhaltenen Quellen nichts bes. Wesentliches oder Zusammenhängendes erschließen.

III.

Die Gestalt des Renaissanceschlosses in L. ist weder aus einem Bild noch einem Schloßplan bekannt. Die Auskunft über den Charakter und die innere Gliederung (und Ausstattung) bieten Schloßinventare und zum Teil einige amtliche Berichte aus der Zeit der Herren von → Lobkowitz und aus der Zeit, in der sich die Herrschaft im lebenslangen Besitz des siebenbürgischen Fs.en Sigismund Báthory befand (1603) 1606-1613. Es muß erwähnt, daß Georg d.Ä. von → Lobkowitz dauerhaft in Prag saß. Seit 1590 bewohnte er das → Lobkowitz (heute → Schwarzenberg)-Palais auf dem Hradschin-Platz (Haus Nr. 185), das er damals von Christopf und Wilhelm von → Lobkowitz aus der Linie von → Bischofteinitz (Horšovský Týn) kaufte.

Das Renaissanceschloß in L. war ein einstökkiger Bau, mit rechteckigem Grundriß und Zentralhof, den an allen Seiten Wohngebäude (Flügel) umgaben. An der nördlichen Außenseite wurde er mit der spätgotischen Schloßkapelle (durch einen balkonartigen Gang) verbunden.

Der Baumeister des Schlosses war Meister Jakob (bisher nicht identifiziert); 1595 besaß der ital. Baumeister Johann Belot (wahrscheinlich Johann Anton Bellot) ein Haus in L. Der Bau des Schlosses verlief in den Jahren 1563-1564, die innere Ausstattung wurde in den nächsten zwei Jahren beschafft. Seit 1567 verweilte auf dem Schloß Johann d.Ä. von → Lobkowitz. Die Res. wurde weiter umgebaut und mit Mobiliar und Kunstgegenständen ausgestattet, wie aus dem Inventar aus dem Jahre 1594 ersichtlich ist.

Dem Inventar aus dem Jahre 1594 nach bestand das Schloß aus 27 Räumlichkeiten. Im ersten Geschoß befand sich: das Lusthaus, das große Frauenzimmer, zwei Zimmer und drei Kammern neben dem Frauenzimmer, ein großer Saal (Palas), ein großes Zimmer neben dem Palas, zwei Kammern. Im Erdgeschoß: ein Zimmer, ein balkonartiger Gang zur Kirche, eine kleine Stube an der Kirche, ein Zimmer für Kämmerer, drei Herrenzimmer, eine Frauenzimmerstube, die Kanzlei des Frauenzimmers, eine weitere Kanzlei, eine Stube vor dem Frauenzimmer, eine Stube für eine junge Adlige, die Kammer der jungen Adligen, eine Halle vor dem Frauenzimmer, die Stube der jungen Adligen Eva, die Kammer der Adligen. Im Keller: die Silberkammer neben der Schenke. Es ist sichtbar, daß das Inventar nur Herrenzimmer und -räumlichkeiten erfaßt – es fehlen Betriebs-, Bediensteten- und Beamtenräume, z. B. Küche, Speisekammer, Kanzleien und Wohnräume der Obrigkeitsbeamten u.ä. In den einzelnen Zimmern auf dem Schloß fand die Kommission bei der Inventaraufnahme: 246 Bücher, 69 Gemälden und Plastiken, 14 goldene und silberne Kreuze, fünf goldene Ringe, zwei Schachteln mit Perlen und Edelsteinen, 28 türkische Teppiche, 86 Tapeten, drei Spiegel, 38 Stühle, 90 Wappenstühle, 25 Truhen, 19 Tafeln, zehn Tische, zwölf Schreibtische usw.

Das Schloß in L. diente als genügend ausgestattete repräsentative ländliche Res. der Herren von → Lobkowitz. Der Nachteil des neuen Schlosses lag in beschränkter Unterkunftskapazität, was wahrscheinlich sowohl Georg von → Lobkowitz.als auch nach ihm Sigismund Bathory empfunden haben. Anhand Einrichtung und Ausstattung des Schlosses während der Konfiskation des Vermögens von Georg von → Lobkowitz.i.J. 1594 kann man annehmen, daß heir zuvor eine längere Zeit seine Töchter Eva Eusebia und Anna Marie wohnten – bestimmt mit Dienerschaft und Schloßpersonal.

Quellen

Lovosice, Státní okresní archiv Litoměřice se sídlem v Lovosicích – Archiv města Libochovice. [Staatliches Bezirksarchiv Leitmeritz mit Sitz in Lobositz – Archiv der Stadt Libochowitz].

Brokešová, Daniela: Kostel Všech svatých v Libochovicích do poloviny 18. stoletá, in: Dies.: Kostel Všech svatých v Libochovicích 1705-2005, Libochovice 2005, S. 3-16. – Hanzal, Josef: Renesanční zámek v Libochovicích, in: Časopis Společnosti přátel starožitností 69 (1961) S. 146-151. – Hošek, Petr: Nejstarší libochovická městská kniha z let 1544-1602, in: Města severozápadních Čech v raném novověku, hg. von Michaela Hrubá, Ústí nad Labem 2000, S. 211-222. – Kaubek, Arnošt: Děje města Libochovic nad Ohří (s odvoláním na zemské desky a jiné původní prameny), Litoměřice 1874. – Kuča, Karel: Města a městečka v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, Bd. 3, Praha 1998, S. 474-480. – Neudertová, Michaela: Dvě lobkovické rezidence na sklonku 16. století, in: Měšťané, šlechta a duchovenstvo v reziden- čních městech raného novověku (16.-18. století) [Bürger, Adel und Klerus in den Residenzstädten der frühen Neuzeit (16.-18. Jahrhundert)], sborník příspěvků z konference uspořádané ve dnech 25.-27. dubna 1995 Muzeem Prostějovska v Prostějově a Rakouským ústavem pro východní a jihovýchodní Evropu, odbočka Brno, hg. von Michaela Kokojanová, Prostějov 1997, S. 149-165. – Neudertová, Michaela: »Item ve velkém fraucimře před lusthausem se nachází …«. Příspěvek ke studiu inventářů pozdně renesančních rezidencí v severozápadních Čechách, in: Aristokratické rezidence a dvory v raném novověku, hg. von Václav Bůžek und Pavel Král, České Budějovice 1999, S. 163-199. – Neudertová, Michaela: Jiří Popel z Lobkovic a prostředky rekatolizace na sklonku 16. století. (Příspěvek k dějinám rekatolizace v severozápadních Čechách), in: Ústecký sborník historický (2000) S. 132-144. – Pešák, Václav: Sigmund Bátory v Čechách (1602-1613), in: K dějinám československým v období humanismu. Sborník prací věnovaných Janu Bedřichu Novákovi k šedesátým narozeninám, 1872-1932, Praha 1932, S. 443-467. – Sedláček, August: Hrady, zámky a tvrze Království českého, Bd. 14: Žatecko, Litoměřicko, Praha 1923, S. 8-11. – Tomas, Jindřich: Libochovice – 680 let městského života, in: DERS.: Od raně středověké aglomerace k právnímu městu a městskému stavu. (Výbor studií), hg. von Jan Klápště und Oldřich Kotyza, Litoměřice 1999, S. 339-342.