LOBKOWITZ
I.
Im MA wurde der Ort: Hlumec (1235), Hlumech (1250), Chlumczie (1382), Chlumec (1474) gen.; in der Frühen Neuzeit dann: Chlumec, Chlumetio, bzw. Chlumecz.
H.-C. (Vysoký Chlumec) liegt in Mittelböhmen ungefähr 80 km südlich von Prag. Die dortige Burg wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s gegr. In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s wurde sie im spätgotischen Stil umgebaut. Zur weiteren partiellen Rekonstruktion des Gebäudes kam es in der zweiten Hälfte des 16. und im 17. Jh.s. Nach 1650 hätte Chlumetz im Barockstil umgebaut werden sollen. Der Tod Wenzel Eusebius von → Lobkowitz machte jedoch die Umbaupläne zunichte und H.-C. blieb bis heute in spätgotischer Gestalt.
H.-C. war seit 1474 im Besitz der Herren von → Lobkowitz. Bis 1603 war es die Hauptres. der Linie der Popel von → Lobkowitz.von Chlumetz. 1998 hat die Familie Lobkowicz H.-C. an Gf. Riprand Arco-Zinneberg verkauft.
II.
H.-C. befindet sich in der malerischen Landschaft im Gebiet an der mittleren Moldau, in der Nähe der Stadt Sedlčany. Das Schloß wurde auf einem Granithügel erbaut, der sich 532 m über die Umgebung emporhebt.
Über die älteste Besiedlung von H.-C. liegen keine konkreten Informationen vor. Obwohl es möglich ist, daß auf diesem Hügel schon vor der Gründung der Burg eine Siedlung oder ein kleinerer Herrenwohnsitz stand, kam es zur Entwicklung dieser Lokalität erst in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s. Als 1474 die Herren von → Lobkowitz die Herrschaft erworben hatte, gehörten zu ihr nur 16 Dörfer. Den Herren von → Lobkowitz gelang es, die Herrschaft erheblich zu erweitern. Das älteste Urbar von 1604 erfaßt bereits 48 Dörfer und zwei Städtchen. Zur Herrschaft gehörten 331 Untertanen (im Sinne von Untertanenansiedlungen; Rente- und Steuerzahler) – davon 291 Ansiedler und 40 Kleinbauern, Hintersassen und leeren Häuser. Zum größten Aufschwung der Herrschaft kam es in der ersten Hälfte des 17. Jh.s. Damals ist sie zur größten Herrschaft im Vltavský kraj (Kr. Moldau) geworden. 1650 bildeten die Herrschaft Schloß und Stadt, vier Städtchen und 86 Dörfer. Insgesamt hatte sie 520 Ansiedler.
Es scheint, daß die Wirtschaftsführung auf H.-C. v.a. auf Getreideanbau und Viehzucht, bes. Schafe gegr. war. Ein näheres Bild vermittelt erst das Urbar aus dem Jahre 1637. Auf der ganzen Herrschaft befanden sich 18 Höfe (bei acht von ihnen gab es einen Obstgarten und bei vier von ihnen einen Garten, beim Hof in Chlumetz gab es dann einen Fasanengarten und ein Gehege), zehn Schafställe, sieben Brauereien, vierzahn Mühlen, drei Sägewerke, eine Walke, eine Ziegelei und eine Schmiede. Das Urbar führt auch Angaben über die Teich- und Forstwirtschaft an – auf der Herrschaft gab es 117 Teiche und 229 Fanggebiete verschiedener Waldbestände.
H.-C. gehörte in den Vltavský kraj (Kr. Moldau) und zur Prager (Erz-)Diöz.
Der erste bekannte Burgbesitzer war Purkart von Janovice. Er erhielt die Burg wahrscheinlich von seinen Brüdern oder ließ diese selbst erbauen. Im Besitz der Herren von Janovice blieb die Burg bis 1470, als sie der oberste Bgf. des Kgr.s Böhmen Jenec von Janovice und Petersburg an Friedrich Ojíř von Očedělice verkauft hatte. Dieser hielt die Burg nicht lange. Schon 1474 verkaufte er die Herrschaft H.-C. an Anna geb. Švihovská von Riesenburg, die Wwe. von Johann Popel von → Lobkowitz. 1476, zwei Jahre nach dem Kauf der Burg, übernahmen sie Annas Söhne Depolt, Wenzel und Ladislaus. 1490 kam es zur Teilung des Unteilbaren. Depolt war wg. der Streitigkeiten mit seinen Brüdern daraus ausgetreten und übernahm den väterlichen Anteil in Sedlčany und Miličín und erwarb weitere Güter, bes. → Bilin. Chlumetz blieb im Besitz seiner Brüder Wenzel und Ladislaus. Da Wenzel ohne männliche Nachkommen starb, ist Ladislaus Sohn Ladislaus (1501-1584) zum Erben des ganzen Vermögens geworden. Dank Ladislaus und seiner Nachkommen setzte sich die Linie von Chlumetz fort. 1549 kaufte Ladislaus von → Lobkowitz zur Herrschaft H.-C. noch das Gut Jistebnice, 1522 einen Teil der Herrschaft Borotin, 1576 die Bergstadt Schöneberg (Krásná Hora), 1581 den Rittersitz und Hof in Kamenice und andere Dörfer. 1578 wurde ihm die Stadt und das Gut Sedlčany verpfändet. Zur nächsten Erweiterung der Herrschaft kam es in der Zeit, in der sich H.-C. im Besitz des Zdenko Adalbert Popel von → Lobkowitz und seiner Frau Polyxena befand. Im Jahre 1609 kaufte man zur Herrschaft einige Dörfer. 1619 wurde auf H.-C. eine Zwangsverwaltung eingeführt, aber nach der Niederlage des Ständeaufstands konnten Zdenko Adalbert und Polyxena ihren Besitz wieder übernehmen. 1623 erweiterten sie die Herrschaft erheblich um Güter, die sie aus ksl. Konfiskationen angekauft hatten. Es handelte sich z. B. um die Herrschaften Obdenitz (Obdĕnitce), Neuhof (Nové Dvory), Kameik (Kamýk) oder Nedrahowitz (Nedrahovice). Trotz dieser beeindruckenden Erweiterung der Herrschaft ließ seit Anfang des 17. Jh.s die Bedeutung von H.-C. nach. Nach der Vermählung des Zdenko Adalbert Popel von → Lobkowitz mit Polyxena (1603), der Wwe. von Wilhelm von → Rosenberg, wurde zur Hauptlandres. der Linie von Chlumetz die Herrschaft → Raudnitz an der Elbe. Seit dem ersten Drittel des 17. Jh.s beschränkte sich die Rolle von Chlumetz ausschließlich auf ein Administrativ- und Verwaltungszentrum der anliegenden Herrschaft und auf Viktualienlieferanten für das Palais → Lobkowitz, bzw. → Pernstein in Prag. Mit der Verwaltung der Herrschaft wurde ein Hauptmann beauftragt; seit 1608 auch der Regent, der der Oberverwalter aller Güter des Zdenko Adalbert Popel von → Lobkowitz und seiner Frau Polyxena war.
Über die Beziehungen zwischen der Obrigkeit und den Untertanen liegen nur wenige Berichte vor. Eine bestimmte Spannung ist erst für die Zeit nach der Niederlage des Ständeaufstands nachweisbar. 1620 entzogen die Herren von → Lobkowitz der Stadt Sedlčany, die sich 1619 an die Seite der Aufständischen gestellt hatte, alle ihre Privilegien. In den folgenden Jahren lag die Ursache der Konflikte in der Rekatholisierungstätigkeit des Zdenko Adalbert Popel von → Lobkowitz, und hauptsächlich seiner Frau Polyxena.
III.
Die bauhistorische Untersuchung wies nach, daß die Burg seit ihrer Gründung zwei ungleich große Wohnflügel hatte – einen westlichen und einen östlichen. Diese waren an der Süd- und Nordseite durch Mauern verbunden und bildeten und verschlossen den verhältnismäßig kleinen inneren trapezförmigen Burghof. Während der westliche Flügel, der sich der Eingangsseite mit einer Wand ohne Fenster anschloß, breit und flach gewesen war, war der östliche Flügel kurz, schmal und tief. Diesen Wohnkern umgab der Burggraben, der sich im südöstlichen Abhang in eine kleinere Vorburg ausweitete, in der wirtschaftliche Gebäuden stehen konnten. Die Burg betrat man vom W über eine Hängebrücke, später dann über eine Zugbrücke. Der Zugangsweg führte weiter um den ganzen Wohnkern herum und mündete im SO durch das zweite (heute nicht mehr erhaltene) Burgtor in den inneren Burghof. Den südlichen Teil des Burggrabens verband eine Sonderpforte nach einer Fallbrücke mit dem inneren Burghof. In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s wurde der Palas um Seitenhofflügel erweitert. Zum östlichen Wohnpalas wurde ein mächtiger Pfeiler mit einem Erker aus Ziegelmauerwerk zugebaut. Den inneren Burghof betrat man jetzt durch ein Tor zwischen beiden Wohngebäuden, das in der nördlichen Umfassungsmauer durchgebohrt wurde. Der alte Zugangsweg, der den inneren Kern der Burg umrundete, wurde allmählich mit neuen im Burggraben errichteten Bauten bebaut. Anstelle der ehem. Vorburg im SO enstand an der Südseite eine spätgotische Unterburg mit neuem Hof, den man durch ein westliches, gotisches, an der rechten Seite durch einen prismaförmigen Turm geschütztes Tor betrat. Der Turm und das anliegende Wohngebäude an der Südseite wurden mit der inneren Burg durch einen balkonartigen Gang verbunden, auf den man über die ehem. Fallbrücke kam. Im Laufe des 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jh.s fanden auf der Burg keine deutlichen Bauveränderungen statt. Die Burggestalt ist aus der Vedute Johann Willenbergs aus dem Jahre 1602 bekannt. Über die innere Organisation der Wohnräume oder sogar über ihre Ausstattung liegen für den untersuchten Zeitraum keine Informationen vor. Unbekannt sind auch die Namen der auf Chlumetz tätigen Baumeister, Architekten oder Künstler.
H.-C. vermittelte seinen Besitzern nicht nur den dürftigen wirtschaftlichen Hintergrund, sondern diente auch als Beweis für die Altehrwürdigkeit des Geschlechts und stellte die Grundlage ihrer Autorität innerhalb der Ständegemeinde dar. Noch im 16. Jh. war die Burg H.-C. eine vollkommen ausreichende Res., die neben der wirtschaftlich-verwaltenden, und politisch-administrativen Funktion auch eine Verteidigungsfunktion hatte. Seit dem 17. Jh. verlor der letztgenannte Aspekt an Bedeutung und wurde durch andere, ganz unterschiedliche Kriterien in den Schatten gestellt. Weder der Zustand noch die Größe der Burg entsprachen den repräsentativen Ansprüchen des Geschlechts, das sich innerhalb der letzten hundert Jahre zu den vordersten Adelsfamilien im Kgr. Böhmen erhob, nicht mehr. Als Anfang des 17. Jh.s die Herrschaft → Raudnitz an der Elbe in den Besitz der Familie → Lobkowitz gekommen war, die wesentlich mehr den Bedürfnissen der neuen Zeit entsprochen hatte, verlor Chlumetz den Status als ländliche Hauptresindenz des Geschlechts.
Quellen
Praha, Národní archiv v Praze [Nationalarchiv in Prag], fond Desky zemské větší. [Archivbestand Größere Landtafeln] – Litoměřice, Státní oblastni archiv v Litomericich, fond Velkostatek Vysoký Chlumec [Staatliches Regionalarchiv in Leitmeritz, Archivbestand Großgrundbesitz Hoch-Chlumetz]. – Zámek Nelahozeves, fond Lobkovicové roudnictí – Rodinný archiv [Schloß Mühlhausen, Lobkowitz von Raudnitz – Familienarchiv].
Literatur
Durdík, Tomáš: České hrady, Praha 1984, S. 193-195. – Křivka, Josef: Panství Vysoký Chlumec v první polovině 17. století, in: Sedlčanský sborník, Příbram 1971, S. 46-60. – Podlaha, Antonín/Šittler, Eduard: Soupis památek historických a uměleckých v politickém okresu sedlčanském, Praha 1898. – Ryantová, Marie: Proměny lobkovické rezidence na Vysokém Chlumci v 16. a 17. století, in: Aristokratické rezidence a dvory v raném novověku, hg. von Václav Bůžek und Pavel Král, České Budějovice 1999 (Opera historica, 7), S. 223-250. – Ryantová, Marie: Nejstarší urbář panství Vysoký Chlumec z roku 1604, in: Seminář a jeho hosté. Sborník k šedesátým narozeninám doc. Dr. Rostislava Nového, hg. von Zdeněk Hojda, Jiří Pešek und Blanka Zilynská, Praha 1992, S. 227-236. – Ryantová, Marie, Urbáře vysokochlumeckého panství v první polovině 17. století, in: Vlast a rodný kraj v díle historika. Sborník prací žáků a přátel věnovaných profesoru Josefu Petráňovi, hg. von Jaroslav Pánek, Praha 2004, S. 371-385. – Sedláček, August: Hrady, zámky a tvrze Království českého, Bd. 15: Kou- řimsko, Praha 1927, S. 132-139. – Žižka, Jan: K podobě a stavebním dějinám hradu Vysoký Chlumec, in: Památky středních Čech 15,2 (2001) S. 1-18.