LOBKOWITZ
I.
Im MA nannte man den Ort Belina (1057), Belsk (1208), Belyna (1289), Bielina (1303); in der Frühen Neuzeit dann Bílina, dt. B.
Das Schloß und die Stadt B. liegen in Nordwestböhmen, ungefähr 15 km südlich von Aussig (Ústí nad Labem). Bereits am Ende des 10. Jh.s stand hier eine Burgstätte, in deren Vorburg im 13. Jh. eine neue Burganlage erbaut wurde, um die sich eine Stadt entwickelte. Anfang des 16. Jh.s wurde die Burg im gotischen Stil umgebaut. Der nächste Umbau des Sitzes im Renaissancestil geschah am Anfang des 17. Jh.s. Das heutige Schloß stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jh.s und ist im Frühbarockstil gebaut.
Das Schloß und die Herrschaft B. gehörten zum Besitz der B.er-Linie der Herren von → Lobkowitz seit 1502. Nach dem Tod der Erbin der Herrschaft Eleonore Caroline (gest. 1720) ging diese in die Hände ihres Mannes Philipp Hyazinth, Fs.en von → Lobkowitz, über und wurde somit zum Besitz der Herren von → Lobkowitz in → Raudnitz. 1949 wurde das Schloß B. vom tsch. Staat konfisziert. 1992 bekam die Familie Lobkowicz, genauer Martin Lobkowicz, das Schloß zurück.
II.
B. liegt in der hügeligen Landschaft am Rande des Böhm.en Mittelgebirges am oberen Lauf des gleichnamigen Flusses. Die Stadt umschließen an mehreren Seiten Berge. Die Burg in B. stellte im MA eine der bedeutendsten Burganlagen im Grenzgebiet dar. B. lag an der Salzstraße von Prag nach Pirna.
Obwohl die erste bekannte Besiedlung von B. schon auf das 10. Jh. dat. wird, sind genauere Angaben über die Bevölkerungsdichte und Sozialstruktur erst für den späteren Zeitraum vorhanden. Im 15. Jh. zählte zur Herrschaft B. eine Stadt und mind. sieben Dörfer. 1654 umfaßte die Herrschaft neben dem Schloß und der Stadt auch das Städtchen Nicklsberg (Mikulov) und 14 Dörfer. Insgesamt zählte man auf der Herrschaft am Ende des untersuchten Zeitraums 192 Ansiedler. Bis zu den Hussitenkriegen überwog in B. die dt. Bevölkerung. Seit dem ersten Drittel des 15. Jh.s bis zum 17. Jh.s hatte die Stadt eher tsch. Charakter.
Die Bürger von B. lebten sowohl von der Landwirtschaft (z. B. Weinanbau) als auch vom Handwerk. Zum Aufschwung der Handwerkerzünfte kam es im 16. Jh. Aus dieser Zeit stammt die Zunftordnung der Faßbinder (1538), Schneider (1550) oder Schuhmacher (1570).
B. war ein bedeutendes geistliches Zentrum Nordwestböhmens. 1061 stiftete der Verwalter der Provinz in B. Mstiš die St.-Petrus-und-Paulus-Kirche, die allmählich die Funktion einer Pfarrkirche übernahm. Seit dem 13. Jh. steht in der Brüxer-Vorstadt (Mostecké předměstí) die St.-Stephan-Kirche. 1420 wurde anstelle einer frühma. Kirche die Kirche Mariä Verkündigung neu erbaut. B. fiel von Anfang an unter die Prager (Erz-) Diöz. Anfang des 13. Jh.s wurde sie zum Sitz des Erzdiakonats. 1302 errichtete Albrecht von Žeberk in B. ein Spital mit der St.-Elisabeth-Kirche, das er dem Orden der Deutschen Ritter in Waldsassen schenkte. Dems. Orden übergab er das Patronat über die St.-Petrus-und-Paulus-Kirche in der Stadt.
Wahrscheinlich stand schon im 10. Jh. auf einem Felsenvorsprung östlich vom heutigen Schloß eine Fs.enburg, die zum Zentrum des sog. Bílinský kraj (des Kr.es B.) und zu einem der wichtigsten Verwaltungszentren des ganzen Przemysliden-Staates wurde. Der Kastellan Mstiš ließ sich in der zweiten Hälfte des 11. Jh.s in der Unterburg einen Herrenhof erbauen, dessen Bestandteil auch die Privatkirche (oder Kapelle) St. Petrus und Paulus war. Um seinen Hof und um die St.-Petrus-und-Paulus-Kirche herum weitete sich ein Marktdorf aus, das sich allmählich zu einer Stadt verwandelte. Anfang des 13. Jh.s läßt die politische Bedeutung von B. nach. Das Zentrum des Gebiets stellte die Burg in Brüx (Most) dar. Wahrscheinlich i.J. 1237 schenkte Kg. Wenzel I. die Herrschaft B. seinem Günstling Ojíř von Friedberg. Ojíř ließ in der Unterburg der alten Burg B. eine neue Burg erbauen. Gleichzeitig umschloß er die Stadt mit einer Mauer und Wassergräben. 1290 besaß Albert von Žeberk die Herrschaft. Über seine Tochter Margareta kam B. in den Besitz Ottos von Bergow, der der Höfling des Kg.s Johann von Luxembourg war. 1327 wurde ihm und seinem Bruder Otto vom Kg. der Besitz der Stadt und Burg B. bestätigt. Am Ende des 14. Jh.s verkaufte Otto von Bergow (wahrscheinlich der Enkel des Erstgen.) die Herrschaft B. an den Prager Propst Georg von Janovice, der sie später seinen Brüdern übergab. Diese haben i.J. 1407 die ganze Herrschaft an Albrecht von Koldice verkauft. 1421 wurde die Stadt von den Hussiten erobert und ihre Verwaltung übernahm der bekannte Hauptmann Jakoubek von Wrzesowitz (Jakoubek z Vřesovic). 1502 kaufte sie Depolt Popel von → Lobkowitz (gest. 1527), der zum Begründer der Lobkowitzer Linie von B. wurde. Diese Linie besaß B. bis zum Jahr 1720, als sie in den Besitz der Fs.en von → Lobkowitz in → Raudnitz überging.
1334 stellte Kg. Johann von Luxembourg ein Privileg aus, das die Stadt B. von der Kreisgerichtsbarkeit befreite. Dieses Privileg bestätigte i.J. 1371 auch Karl IV. Generell hatte B. den Status einer Untertanenstadt. 1366 erteilte Albrecht von Bergow den Bürgern ein Privileg, auf dessen Grundlage ihre Güter im Todesfall an Verwandte bis zum siebten Verwandtschaftsgrad übergehen konnten. Dieses Privileg bestätigten den Bürgern i.J. 1408 Těma von Koldice und 1428 Jakoubek von Wrzesowitz. 1437 versprachen ihnen die Besitzer der Herrschaft, Albrecht, Hanuš und Těma von Koldice, das Abendmahl unter beider Gestalt frei zu empfangen. 1440 erteilten sie ihnen das Recht auf freien An- und Verkauf von Salz. 1460 erteilte Kg. Georg von Podiebrad der Stadt B. die Berechtigung zur Organisation eines Jahrmarkts. 1475 bestätigte Těma von Koldice die Gültigkeit des Privilegs aus dem Jahre 1428 und erteilte den Bürgern das Recht auf freie Verfügung über das Vermögen. Zum großen Aufschwung der Stadt kam es unter der Herrschaft der Herren von → Lobkowitz. Schon 1504 bestätigte Depolt Popel von → Lobkowitz den Bürgern von B. ihre früheren Freiheiten, 1511 erwirkte er vom Kg. Wladislaw II. Jagiello den Majestätsbrief zur Veranstaltung des St.-Martins-Jahrmarkts. 1511 erteilte Kg. Wladislaw II. Jagiello der Stadt ein Wappen und die Berechtigung mit grünem Wachs zu siegeln. 1513 entließ der Kg. die Stadt aus der Lehenspflicht. Weitere Vorrechte erhielt die Stadt von Depolts Nachfolgern. 1549 bekam die Stadt vom Kg. Ferdinand I. ein neues Stadtwappen, das noch heute gilt. In den Jahren 1565 und 1590 erneuerten die Herren von → Lobkowitz die alte Brauberechtigung. 1601 Christoph Popel von → Lobkowitz bestätigte ältere Privilegien, allerdings beschränkte er die Brauberechtigung nur auf die katholische Bevölkerung.
Über die Beziehungen zwischen der Obrigkeit und der Stadt läßt sich aus den erhaltenen Quellen nichts Wesentliches erschließen.
III.
Die Gestalt der ursprgl. Burg ist bisher nicht genauer bekannt. Die Disposition war wahrscheinlich von Anfang an zweiteilig. Den Kern dominierte der runde, heute nicht mehr existierende Rote Turm (Červená věž), vermutlich Bergfried der ehem. Burg, dessen Bestandteil der in den Quellen erwähnte alte Palas gewesen war. Unter Depolt Popel von → Lobkowitz wurde die Burg im spätgotischen Stil umgebaut. Das auffälligste Überbleibsel dieses Umbaus ist die bisher noch stehende halbrunde östliche Doppelbastei Manda in der Ecke der Vorburg, die am Anfang des 17. Jh.s als Zeughaus diente. Es wurde auch im Kern gebaut, in dem wahrscheinlich das Weiße Haus entstand, das in den Quellen erwähnt wird. Im heutigen Schloß blieben aus dieser Zeit zwei Räumlichkeiten erhalten, das eine mit Kreuzrippengewölbe und das andere mit Zellengewölbe. Die Verwendung von Zellengewölbe weist darauf hin, daß hier am Anfang der 16. Jh.s ein Meister wirkte, der im Geiste der gegenwärtigen sächsischen Architektur geschult war. In der Unterburg befanden sich Wirtschafts- und Administrativgebäuden (z. B. Bäckerei, Marstall, Schmiede, Haus des Hauptmanns, Kanzlei der Obrigkeit). Den späten Renaissanceumbau des Schlosses, der am Anfang des 17. Jh.s unter Wilhelm Popel von → Lobkowitz stattfand, belegt die Jahreszahl 1614 über dem Haupteingang, und höchstwahrscheinlich auch die Stirnwand, die am Ende des 20. Jh.s enthüllt wurde.
Über die innere Organisation der Wohnräume oder über ihre Ausstattung sind für den untersuchten Raum keine Informationen vorhanden. Unbekannt sind ebenfalls die Namen der Baumeister, Architekten und Künstler, die auf dem Schloß bis zum Jahr 1650 tätig waren.
Das Schloß B. diente als ländliche Hauptres. der Herren von → Lobkowitz aus der Linie von B. Von der Bedeutung, die ihr die Herren von → Lobkowitz beimaßen, zeugt die Tatsache, daß sie innerhalb von zwei Jh.en dreimal gründlich umgebaut wurde.
Literatur
Anděl, Rudolf/Kabíček, Jan: Hrady a zámky severočeského kraje, Praha 1962, S. 73-74. – Durdík, Tomáš: Encyklopedie českých hradů, Praha 2005, S. 61-62. – Huttler, Theodor: Die Stadt Bilin und ihre Geschichte, Bilin 1891. – Kuča, Karel: Města a městečka v Čechách na Moravě a ve Slezsku, Bd. 1, Praha 1996, S. 113-120. – Pemsel, Ferdinand: Die Burg und das Schloß Bilin, Bilin 1927. – Sedláček, August: Hrady, zámky a tvrze Království českého, Bd. 14: Žatecko, Litoměřicko, Praha 1927, S. 211-217. – Vlček, Pavel: Ilustrovaná encyklopedie českých zámků, Praha 1999, S. 171-172.