Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

LOBKOWITZ

A. Lobkowitz

I.

Die Herren von L. waren ursprgl. ein böhm. Geschlecht von Edelleuten. – Sein Sitz war wahrscheinlich die Festung Aujezd (Újezd), die ungefähr 10 km von Böhm. Leipa (Česká Lípa) lag. Der älteste bekannte Vorfahr des Geschlechts war Maresch von Aujezd, der am Ende des 14. Jh.s lebte. Die Grundlage des Familienvermögens legte erst der Sohn von Maresch Nikolaus, gen. der Arme (gest. 1435 oder 1441). Nikolaus erwarb seine Ausbildung an der artistischen Fakultät der Prager Universität und am Anfang des 15. Jh.s wurde er notarius monetarum in Kuttenberg (Kutná Hora), der zweitgrößten Stadt des Kgr.s. Dank seiner Fähigkeiten gewann Nikolaus die Gunst Kg. Wenzels IV. Dieser teilte ihm als Belohnung für seine Dienste einige kleinere Güter im Elbeland zu, u. a. auch das Dorf L. (wahrscheinlich 1409), dessen Namen das ganze Geschlecht übernahm. 1417 wurde Nikolaus von L. zum obersten Landschreiber im Kgr. Böhmen. Im folgenden Jahr eroberte er auf Befehl Kg. Wenzels IV. die nordböhm. Burg Hassenstein/Hasištejn der Herren von Plauen, die ihm dann verpfändet wurde. Nachdem er während der Hussitenkriege Kg. Wenzel IV. und Ks. Sigismund seine Loyalität erwiesen hatte, erhielt er in den 20er Jahren des 15. Jh.s weitere Güter, z. B. Komotau (Chomutov) und in seinem Besitz blieb auch Hassenstein. Dank seines Reichtums und seiner politischen Macht reihte er sich unter die bedeutendsten Adligen des Kgr.s ein. Nach dem Tod von Nikolaus von L. kam es zur Teilung des Geschlechts in zwei Linien. Sein älterer Sohn Nikolaus (gest. 1462) begründete die Linie L.-Hassenstein. Von seinem jüngeren Sohn Johann (gest. 1470) stammt die Linie Popel-L. Die Linie L.-Hassenstein, die sich nach der schon erwähnten Burg Hassenstein benannt hatte, zerfiel in der nächsten Generation in einen älteren Zweig, dessen Grundbesitz das Gut Obristwi (Obříství) war, und einen jüngeren, der sich weiter in die Linien Waltsch (Valeč), Eidlitz (Údlice), Fünfhunden (Pětipsy) und Litschkau (Líčkov) spaltete. Beide Zweige starben in der männlichen Linie am Anfang des 17. Jh.s aus.

Die Linie Popel-L. teilte sich an der Wende des 15. und 16. Jh.s in zwei Linien – → Bilin und Chlumetz. Die Linie → Bilin, die sich später noch in die Linien → Bilin (Bílina), → Dux (Duchcov), Perutz (Peruc) und Tachau (Tachov) verzweigte, starb am Anfang des 18. Jh.s aus. Die Linie Chlumetz teilte sich am Anfang des 16. Jh.s in die Linien Chlumetz und → Zbiroh. Während die letztgenannte schon am Anfang des 17. Jh.s ausgestorben war, lebt die erste noch heute. Am Anfang des 18. Jh.s spaltete sich die Linie Chlumetz weiter in die Nebenlinie Melnik (Mělník) (Sekundogenitur) und die Hauptlinie → Raudnitz (Roudnice) (Primogenitur). Aus dieser Linie bildeten sich an der Wende des 18. und 19. Jh.s drei weitere Äste – → Raudnitz, Krimitz (Křimice) und Unterberzkowitz (Dolní Beřkovice)

Es gibt einige Sagen, die die Herkunft und den Namen dieses Adelsgeschlechts erläutern. Der Historiker und Genealoge Bartolomeus Paprocký von Hlohol behauptet, daß der mutmaßliche Vorfahr des Geschlechts von L. ein Mann war, der den Namen Lobetz trug. Er stammte aus dem sagenhaften slaw. Stamm der Lutschanen (Lučané), der nach der Chronik des Cosmas an der Wende des 8. und 9. Jh.s gegen den Stamm der Tschechen habe kämpfen sollen. Nach der Schilderung von Paprocký wurde der Vorfahr der Herren von L. nach der Niederlage der Lutschanen festgenommen und von dem Prager Fs.en Neklan ins Gefängnis gesetzt. Nach dem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, begab er sich nach Schlesien, wo sein Geschlecht weiter unter dem Namen Lobkowes lebte. Einer der Nachkommen kehrte nach Böhmen zurück und gründete das Dorf L.

Ähnlich wie andere Adelsgeschlechter suchten auch die Herren von L. ihren Vorfahr unter den Eliten der frühma. europ. Welt. Die nächste Wappensage leitet die Abstammung der Popel von L. von dem poln. Fs.engeschlecht Popiel ab. Die Verwandtschaft der Popel von L. mit den poln. Popiels wurde durch Namensähnlichkeit wie auch durch den roten Hut im Kleinod des L.er Wappens, das »popelisch« gen. wird, bekräftigt. Im 9. Jh. wurden die Popiels von den Piasten verfolgt. Nach der Legende ist einer von ihnen aus Polen nach Böhmen geflohen. Aus der alten Heimat brachte er nur einen Beutel mit Asche seines Guts mit, das von seinen Feinden niedergebrannt wurde. Vor seinem Tod soll er sie seinem Sohn übergeben und gesagt haben: Popel Isem a Popel Budu »Asche bin ich und zu Asche werde ich.« Dieser Spruch, der das traditionelle christliche Verständnis der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens symbolisiert, wurde zum Wappenmotto der Herren von L. In Wirklichkeit wurde der Name des Geschlechts wahrscheinlich vom Dorf Popelov, das in der Nähe von Böhm.-Leipa liegt, abgeleitet. Die Angehörigen der Linie Popel-L. verwendeten diesen Namen bis in die Mitte des 17. Jh.s. Nachdem die Linie Hassenstein-L. ausgestorben war, und es nicht mehr nötig war, sich von dieser Linie zu unterscheiden, führten die Mitglieder dieses Adelsgeschlechts nur den Namen L. Im Laufe der Jh.e sind einige Formen dieses Namens erschienen. Während im 16. und 17. Jh. der Name des Geschlechts in der Form von Lobkowic und von Lobkowicz vorkommt, verwendete das Geschlecht im 18. und 19. Jh. überwiegend die dt. Form »von L.«. In der tsch. geschriebenen Literatur des 20. Jh.s erscheint am häufigsten die moderne Schreibweise des Namens »z Lobkovic«, obwohl seit 1919 in der Familie vereinbart ist, nur noch die alttsch. Form des Namens »Lobkowicz« zu verwenden.

II.

Das Adelsgeschlecht von L. zeichnete sich bis auf einige kleine Ausnahmen durch tiefen katholischen Glauben und treuen Dienst den Herrschern gegenüber aus. Für ihre Loyalität gaben ihnen die böhm. Kg.e und römischen Ks. bedeutende Landesämter, zahlr. ansehnliche Würden und einträgliche Güter. Das bedeutendste Mitglied des Geschlechts Hassenstein-L. war Bohuslaus (1460-1510). In seiner Jugend studierte er an den Universitäten in Straßburg, Bologna und Ferrara, wo er auch den Doktortitel in Theologie erwarb. Nach der Rückkehr nach Böhmen wurde er zum Vyšehrader Probst und erwarb das Amt des obersten Kanzlers im Kgr. Böhmen. Später wurde er kgl. Sekretär. Bohuslaus Hassenstein ist v.a. als einer der bedeutendsten böhm. Humanisten berühmt geworden. Neben seiner eigenen literarischen und wissenschaftlichen Tätigkeit muß erwähnt werden, daß er eine der berühmtesten Bibliotheken seiner Zeit anlegte. Eine sehr interessante Persönlichkeit ist auch Bohuslaus Felix Hassenstein von L. (1517-1583). Obwohl er als Utraquist erzogen worden war, blieb er während des Ständeaufstands i.J. 1547 Ks. Ferdinand I. von Habsburg treu. Für seine Treue wurde er nach dem Ständeaufstand mit dem Titel eines kgl. Rats und mit dem Amt des Joachimsthaler Hauptmanns belohnt. 1554 kämpfte er erfolgreich an der Seite der Habsburger gegen den Mgf.en Albrecht von Brandenburg am Main. 1555 wurde er Vogt in der Niederlausitz, 1570 oberster Landrichter und 1576 oberster Kämmerer des Kgr.s Böhmen. Trotz seiner prohabsburgischen politischen Einstellung blieb Bohuslaus Felix Utraquist. Er wurde allmählich sogar anerkanntes Haupt der böhm. nichtkatholischen Opposition und einer der Hauptfürsprecher der Böhm.en Konfession. Der älteste Sohn von Bohuslaus Felix Bohuslaus Joachim (1546-1605) wurde zum Rektor der Universität in Wittenberg gewählt. Später wurde er zum ks. Rat und zum Hauptmann der Bunzlauer Region ernannt. Der Begründer der popelischen Linie des Stammes Johann (gest. 1470) wurde am 3. Aug. 1459 zusammen mit seinem Bruder Nikolaus Hassenstein (gest. 1462) von Ks. Friedrich III. in den Herrenstand erhoben. In Böhmen wurde die Nobilitierung beider Herren von L. erst zwanzig Jahre später anerkannt. Die berühmte Loyalität der Herren von L. den böhm. Herrschern und römischen Ks.n gegenüber bestätigte auch der Stifter der Linie von Tachau Johann Popel von L. (1510-1570). Als Ersatz für Anleihen, die der Kg. Ferdinand I. bei ihm gemacht hatte, erhielt er die bedeutenden westböhm. Güter Tachau (Tachov) und → Bischofteinitz (Horšovský Týn). Später ernannte ihn Ferdinand von Habsburg zum obersten Kämmerer des Kgr.s Böhmen, zum Präsidenten der Böhm.en Kammer und i.J. 1554 erwarb er den Titeln nach das bedeutendste Landesamt des obersten Bgf.en. Unter seinen Nachkommen erhielten diese bedeutenden Landesämter noch Christoph (1546-1609) und Wilhelm (gest. 1626). Der ältere Sohn Christoph studierte in seiner Jugend an den ital. Universitäten in Bologna und Perugia. Später unternahm er eine große Kavalierreise, während der er zahlr. Orte in West- und Südeuropa besuchte. Dank seiner Sprachkenntnisse und der erworbenen Ausbildung wurde er in der Zeit der Regierung des Ks.s Rudolf II. mit diplomatischen Aufgaben beauftragt. 1592 wurde Christoph zum Präsidenten des Appellationsgerichts ernannt, in den Jahren 1598-1599 bekleidete er das Amt des obersten Kämmerers und seit 1599 bis zu seinem Tod das Amt des obersten Hofmeisters des Kgr.s Böhmen.

Der Bruder von Christoph Wilhelm (gest. 1626) erhielt nach dem Familienabkommen → Bischofteinitz. Wilhelm wich von der Familientradition ab, indem er als einer der wenigen Herren von L. den böhm. Herrschern die Treue brach, sich sogar von dem katholischen Glauben abwandte und Protestant wurde. 1618 stellte er sich an die Seite der widerständischen böhm. Stände, nahm aktiv am Prager Fenstersturz teil, und wurde dann zu einem der Direktoren gewählt. Nach der Annahme Friedrichs von der Pfalz als böhm. Kg. wurde Wilhelm von L. von dem Herrscher ins Amt des obersten Hofmeisters berufen. Über dieses Amt hat er sich nur ein Jahr freuen können. Nach der Restaurierung der habsburgischen Herrschaft in Böhmen wurde er zum Verlust des Vermögens und zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt.

Aus der Linie → Dux (Duchcov) erwarb bedeutende Titel und Ämter v.a. Georg (1556-1590), der in den Jahren 1585-1590 die Funktion des Appellationspräsidenten ausübte, und sein Bruder Depolt Matthias (gest. 1621), der Großmeister des Malteserordens wurde und das Amt des kgl. Statthalters bekleidete.

Aus der Linie → Bilin gilt die Aufmerksamkeit hauptsächlich Wilhelm (1575-1647), der das Familienvermögen durch Aufkauf der nach 1620 konfiszierten Güter bedeutend erweiterte. In den Jahren 1628-1634 bekleidete er das Amt des Hofrichters, 1634 wurde er zum obersten Jägermeister ernannt.

Obwohl die Angehörigen der Linie → Bilin bedeutende Landesämter bekleideten, waren es die Mitglieder der Linie Chlumetz, deren Begründer der jüngere Sohn Johanns von L. (gest. 1470) Ladislaus (gest. 1505) gewesen war, die noch größeren politischen Einfluß hatten. Seine Söhne Johann (1490-1569) und Ladislaus (1501-1584) teilten die Linie weiter in die ältere Linie → Zbiroh und die jüngere Chlumetz.

Der Begründer der Linie → Zbiroh Johann (1490-1569) erweiterte das Familienvermögen um die Burgen Točník und Žebrák, die in der Nähe von → Zbiroh lagen, und um die nordböhm. Herrschaft → Libochowitz (Libochovice). Dank der Unterstützung der Habsburger erhielt er eine Reihe von bedeutenden Ämtern. 1538 wurde er Hofrichter und drei Jahre später wurde er zum obersten Landrichter des Kgr.s Böhmen ernannt. Während des Ständeaufstands i.J. 1547 blieb er unentwegt an der Seite Ferdinands von Habsburg, in dessen Namen er mit den rebellierenden Ständen Verhandlungen führte. Dafür wurde er belohnt, indem er i.J. 1554 in das angesehene Amt des obersten Hofmeisters des Kgr.s Böhmen berufen wurde.

Johanns ältester Sohn Johann (1521-1590), Besitzer der Burg Točník, wurde i.J. 1570 zum Präsidenten des Appellationsgerichts ernannt, 1577 zum Präsidenten der Böhm.en Kammer und i.J. 1578 zum Hauptmann der dt. Lehen.

Noch größere Erfolge erzielte der nächste Sohn Johanns Georg (1551-1607), der seine Karriere am Hofe Ferdinands von Tirol begann. In den Jahren 1582-1584 bekleidete er das Amt des obersten Landrichters, in den Jahren 1584-1585 des obersten Kämmerers, und i.J. 1585 wurde er zum obersten Hofmeister des Kgr.s Böhmen ernannt. Georg Popel bemühte sich zielbewußt, seinen politischen Einfluß auszuweiten. Er wurde dabei sowohl von seinen Verwandten als auch von weiteren radikalen Katholiken, die seinem stark gegenreformatorischen Kurs zugewandt waren, unterstützt. Um das Amt des obersten Bgf.en zu erwerben, das nach dem Tod Wilhelms von → Rosenberg frei wurde, widersetzte er sich auf dem Landtag i.J. 1593 selbst dem Ks. Rudolf II. Dafür wurde er im folgenden Jahr vom Amt des obersten Hofmeisters enthoben, zum Verlust des Vermögens und zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt.

Der Begründer der eigtl. popelischen Linie Chlumetz war Ladislaus (1501-1584). Ladislaus vermehrte das Familienvermögen maßgeblich Neben dem Hauptfamilienbesitz in → Hoch-Chlumetz hielt er noch weitere Güter in Böhmen (Sedlčany, Borotin, Krásná Hora) und in der Oberpfalz (Störnstein, Neustadt an der Waldnaab). Ähnlich wie die meisten Angehörigen dieses Adelsgeschlechts blieb er i.J. 1547 den Habsburgern treu. 1548 wurde er zum ersten Präsidenten des Appellationsgerichts ernannt. Das Appellationsgericht wurde zu einem der machtpolitischen Instrumente, mit deren Hilfe die habsburgischen Herrscher ihr Zentralisierungsprogramm in Böhmen durchsetzten. 1570 wurde Ladislaus in das Amt des obersten Hofmeisters des Kgr.s Böhmen berufen.

Sein Sohn Ladislaus (1566-1621) erweiterte das Familienvermögen u. a. um die schles. Herrschaft Rybnik und das mähr. Holeschau (Holešov). Das Vordringen der Herren von L. nach Mähren bedeutete eine große Verstärkung in den Reihen des katholischen Adels dieses Landes. Holeschau wurde unter der Herrschaft Ladislaus von L. zu einem der Hauptzentren der gegenreformatorischen Politik in Mähren. Die bedeutende Stellung seines Besitzers, der einige politische Funktionen gewechselt hatte, trug dazu deutlich bei. 1607 wurde er zum Statthalter der Mgft. Mähren ernannt, 1608 zum obersten Kämmerer der Mgft. Mähren und 1615 trat er in das oberste Landesamt ein – das Amt des mähr. Landeshauptmanns.

Noch größere Erfolge erzielte der Bruder von Ladislaus Zdenko Adalbert (1568-1628), den viele Autoren für den bedeutendsten Vertreter der Adelsfamilie L. halten. Auch er gründete seine Karriere auf die Treue in Diensten der herrschenden Dynastie und der katholischen Kirche. Schon mit dreiundzwanzig trat er i.J. 1591 in den Reichsrat ein, wo er die Möglichkeit bekam, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen. Während der 90er Jahre des 16. Jh.s leitete er auf Antrag Ks. Rudolfs II. diplomatische Missionen. Dank der Unterstützung aus Spanien und aus dem Hl. Stuhl wurde er i.J. 1599 ins Amt des obersten Kanzlers des Kgr.s Böhmen berufen. Die Böhm.e Hofkanzlei gehörte dabei zu den bedeutendsten Landesorganen, denn sie war eine der wenigen Institutionen die für alle Länder der böhm. Krone galt. Nach dem Jahr 1599 setzte sich Zdenko Adalbert Popel von L. kraft seines Amtes für die Durchsetzung der gegenreformatorischen Politik im Kgr. Böhmen ein. Im Jahre 1617 hatte er den größten Anteil an der Annahme Ferdinands von Steiermark als böhm. Kg. Für seine Dienste den Habsburgern gegenüber wurde Zdenko Adalbert Popel von L. i.J. 1620 der Orden des Goldenen Vlieses verliehen. Am 17. Aug. 1624 wurde er vom Ks. Ferdinand II. in den Reichsfs.enstand erhoben. Einen Monat später wurde sein Fs.enstand auch im Kgr. Böhmen unter dem Titel »Herrscher des Hauses L.« anerkannt. Zdenko Adalbert Popel von L. erweiterte deutlich das Familienvermögen. Neben den Gütern, die ihm sein Vater und Bruder Ladislaus vererbt hatten, erwarb er durch die Eheschließung mit der Wwe. des obersten Bgf.en Wilhelm von → Rosenberg Polyxena von → Rosenberg, geb. von → Pernstein auch die Herrschaft → Raudnitz an der Elbe. In den 20er Jahren des 17. Jh.s hat er zusammen mit seiner Frau zahlr. Güter aus der Konfiskation aufgekauft, z. B. Mühlhausen (Nelahozeves), Enzowan (Encovany), Unterberzkowitz (Dolní Beřkovice).

Zdenko Adalbert Popel von L. hatte einen einzigen Sohn Wenzel Eusebius Franz (1609-1677). Auch er hatte eine sehr erfolgreiche Karriere im ksl. Dienst absolviert und i.J. 1644 wurde ihm ähnlich wie seinem Vater der Orden des Goldenen Vlieses verliehen. Schon 1637 trat er in den Hofkriegsrat ein und 1650 wurde er sein Präsident. Neunzehn Jahre später wurde er in das Amt des obersten Hofmeisters berufen und ist zur einflußreichsten Person am Ks.hof geworden. Er übte die Funktion des obersten Hofmeisters bis zum Jahr 1674 aus, als er wg. eines Machtkonflikts mit dem Ks. des Amtes enthoben und lebenslänglich in seiner Res. → Raudnitz interniert wurde. Die zahlr. Güter, die ihm seine Eltern vererbt hatten, erweiterte er noch. Den bedeutendsten Erwerb i.J. 1646 stellte die schles. Herrschaft Sagan/Żagań dar, wodurch er den Titel eines Hzg.s von Sagan annehmen konnte. Bereits i.J. 1641 vereinigte er seine Herrschaften in der Pfalz und erreichte ihre Erhebung zur gefürsteten Gft. Störnstein. Position, Einfluß und Vermögen machten aus Wenzel Eusebius von L. einen der bedeutendsten Männer der Habsburgermonarchie; diesbezüglich stellte er sogar seinen Vater Zdenko Adalbert, den manche für den größten L. hielten, in den Schatten.

III.

Das ursprgl. Stammwappen der Herren von L. war ein silberner Schild mit rotem Haupt und dem Kleinod eines roten Federköchers mit einer silbernen Feder. Seit 1459, als die Brüder Johann und Nikolaus von L. in der Reichsfrh.enstand erhoben wurden, verwendeten die Herren von L. einen gevierten Schild, dessen erstes und viertes Feld das ursprgl. Stammwappen trug, während das zweite und dritte Feld einen schräglinks gestellten schwarzen Adler mit goldener Rüstung und goldenem Perizonium darstellten, der dem verwandten Adelsgeschlecht der Herren von Žirotín gehörte. Um die Erweiterung des Wappens haben sich Zdenko Adalbert Popel von L. und sein Sohn Wenzel Eusebius verdient gemacht. Nach der Erhebung Zdenko Adalberts in den Fs.enstand i.J. 1624 wurde das Wappen um einen fsl. Mantel und eine Krone erweitert. Unter Wenzel Eusebius von L. gewann das Wappen der Fs.en von L. die Gestalt, die sie bis heute verwenden. Das Wappen der Raudnitzer Linie der Fs.en von L. ist um sechs neue Felder erweitert worden. Das erste den Auerochskopf darstellende Feld ist ein altes Symbol der Herren von → Pernstein. Aus diesem Adelsgeschlecht stammte Wenzels Mutter. Das dritte und fünfte Feld hängt mit der Erhebung der Familienherrschaft Neustadt an der Waldnaab und Störnstein zur gefürsteten Gft. zusammen. Auf dem dritten Feld in Blau sind drei goldene Sterne über drei silbernen Bergen, die die Gft. Störnstein präsentieren. Das fünfte Feld in Gold umfaßt drei schwarze Pfähle und symbolisiert die Reichsfs.enwürde. Eine ähnliche Auswirkung auf die Gestaltung des Wappens hatte der Erwerb des Hzm.s Sagan i.J. 1646. Das Wappen der Herren von L. erweiterte sich um einen goldenen Engel, der das Symbol von Sagan war, und um einen Adler, das Wahrzeichen Schlesiens. Zur letzten Änderung des L.er Fs.enwappens kam es i.J. 1651, als der Ks. Ferdinand III. die Verdienste Wenzel Eusebius würdigte, indem er das Stammwappen um einen goldenen Löwen in Blau (viertes Feld) verbesserte. Dieses Wappen ergänzte ein zentrales Schild, der das ursprgl. gevierte Wappen der Herren von L. trug. Das Wappen der L.er Fs.enlinie umfaßt auch vier Kleinode: das Stammkleinod und das Kleinod der Pernsteins, von Störnstein und von Schlesien.

Die Herren von L. ließen viele repräsentative Bauten erbauen. Einige von ihnen gehören zu den Perlen der tsch. Architektur. Der Begründer der Linie von Tachau Johann Popel von L. (1510-1570) ließ auf Hradschin in Prag ein prachtvolles Palais bauen, das heute unter dem Namen → Schwarzenberg-Palais bekannt ist. Ähnlich stiftete er den Renaissanceumbau des Schlosses in → Bischofteinitz (Horšovský Týn). Mit Wenzel Eusebius verbindet man den Barockumbau des Schlosses in → Raudnitz an der Elbe und des L.-Palais auf der Prager Burg. Die Herren von L. stifteten auch den Bau einiger bedeutender kirchlicher Bauten. Zdenko Adalbert Popel von L. und seine Frau Polyxena sind Stifter des Kapuzinerkl.s in → Raudnitz an der Elbe, in dem sich die Familiengruft befindet. Benigna Katharina von L., Gattin von Wilhelm von L. (1575-1647) aus der Linie von → Bilin stiftete die berühmte Loretokirche in Prag (1626-1631).

Die Herren von L. waren auch als Mäzene und Sammler bekannt. Die Raudnitzer L.er Bibliothek, die heute auf Schloß Mühlhausen (Nelahozeves) aufbewahrt wird, gehörte mit ihren fast Hunderttausend Bänden zu einer der umfangreichsten Büchersammlungen in der Tschechischen Republik. Große Aufmerksamkeit verdienen auch andere Sammlungen. Berühmt ist v.a. die L.er Gemäldegalerie, die an der Wende des 16. und 17. Jh.s durch die Vereinigung der Rosenberger, → Pernsteiner und L.er Gemäldegalerie entstanden ist. Sie umfaßt Werke der bedeutendsten Renaissance- und Barockmeister (z. B. L. Cranach, D. Velázquez, P. Brueghel d.Ä.). Die Hälfte von ihnen stellen Porträts dar. Von großer Bedeutung ist auch die Waffen-, Möbel-, Keramiksammlung sowie die Sammlung der Kirchengegenstände. Zu dem L.er Besitz gehörte auch die berühmte Wachsfigur des Prager Jesuskinds, die sich heute in der Kirche St. Maria Victoria auf der Kleinseite in Prag befindet. Im Jahre 1628 schenkte sie Polyxena, die Wwe. von Zdenko Adalbert Popel von L., den hiesigen Karmelitermönchen.

IV.

An der Wende des 15. und 16. Jh.s teilten sich die Popel von L. in zwei Zweige, deren Begründer die Söhne des Johann Popel von L. waren (gest. 1470). Depolt (gest. 1527) gründete die Linie von → Bilin, Laudislaus (gest. 1505) die von Chlumetz.

Depolt hatte mit seiner Gattin Anežka Mi- čanová von Klinstein und Rostock acht Söhne. Drei von ihnen gründeten weitere Nebenlinien der Popel von → Bilin: Georg (gest. 1534) stiftete die Linie von Perutz, Johann (1510-1570) die Linie von Tachau und Wenzel (gest. 1547) die Linie von → Dux. An der Spitze der eigenen Linie von → Bilin stand Christoph (gest. 1590). Der Zweig von Perutz starb bereits am Ende des 16. Jh.s aus. Sein letztes männliches Mitglied Friedrich (gest. 1594) kam während eines Feldzugs in Ungarn ums Leben. Der Zweig von Tachau starb in der Mitte des 17. Jh.s aus. Sein letztes männliches Mitglied war Johann Erdman (gest. 1648), der einzige Sohn des Wilhelm Popel von L. (gest. 1626). Da Johanns Vater nach 1620 wg. seiner Teilnahme am Ständeaufstand das ganze Vermögen konfisziert wurde, ist den Popel von Tachau (→ Bischofteinitz) von den zahlr. Familiengütern nichts geblieben. Franz Joseph (1617-1642) aus der Linie von → Dux wurde i.J. 1635 in den Reichsgf.enstand erhoben. Er war gleichzeitig das letzte männliche Mitglied dieses Zweigs. Nach seinem Tod übernahm → Dux seine Wwe. Polyxena Maria von Talmberg, durch die das Vermögen der L.er Linie von → Dux nach ihrer zweiten Eheschließung mit Maximilian von Waldstein in die Hände der Herren von Waldstein überging. Am längsten bestand die Stammlinie von → Bilin. Dank der Söhne von Wilhelm Popel von L. (gest. 1647) Christoph Ferdinand und Franz Wilhelm erlebte sie noch eine weitere Spaltung, und zwar in den eigenen Zweig von → Bilin.und in den Zweig auf Eisenberg, der seinen Namen von der Burg Eisenberg (Jezeří) im Erzgebirge ableitete. Der einzige Sohn des Herrn von → Bilin Christoph Ferdinands (1614-1658), Wenzel Ferdinand (1654-1697), wurde i.J. 1670 in den Reichsgf.enstand erhoben. In den Jahren 1679-1697 wirkte er als ständiger ksl. Botschafter nacheinander an einigen Herrscherhöfen (in München, Paris, Madrid u. a.). Mit Wenzels Sohn Leopold Joseph (1683-1707) starb dieser Zweig in männlicher Linie aus. Da Leopold Joseph unverheiratet gest. war, erbte → Bilin seine Schwester Eleonor Katharina, durch die das ganze Vermögen dieser Linie in die Hände der Raudnitzer Primogenitur der Fs.en von L. überging. Auch die Mitglieder der Eisenberger Linie Ferdinand Wilhelm (1647-1708) und Ulrich Felix (1650-1722) wurden i.J. 1670 in den Reichsgf.enstand erhoben. Ulrich Felix war das letzte männliche Mitglied der ganzen Linie von → Bilin. Aus seinem Vermögen bildete er ein Fideikomißgut und vererbte es an die fsl. Linie von L., konkret an Johann Georg Christian (1696-1755), den Begründer der Sekundogenitur von Melnik.

Der Begründer der Popel-L.er-Linie von Chlumetz Ladislaus (gest. 1505) teilte das Vermögen zwischen seinen zwei Söhnen auf. Der ältere Sohn Johannes erhielt das Gut → Zbiroh und stiftete die Linie von → Zbiroh, der jüngere Sohn Ladislaus (1501-1584) erbte → Hoch-Chlumetz und wurde Begründer der eigenen Linie von Chlumetz, die bis heute besteht. Die Linie von → Zbiroh starb mit Johann Nikolaus von L. (gest. 1614) am Anfang des 17. Jh.s aus.

Die Linie von Chlumetz wurde dank des Verdienstes von Zdenko Adalbert Popel von L. i.J. 1624 in den Reichsfs.enstand erhoben. Der neu ernannte Fs. durfte darüber hinaus auch den Titel Herr des Hauses von L. führen. Am Anfang des 18. Jh.s spaltete sich die bisher einheitliche Fs.enlinie in die Raudnitzer Primogenitur, deren Begründer Philipp Hyazinth (1680-1734) war, und die Sekundogenitur von Melnik, die von dem jüngeren Bruder Philipp Hyazinths Johann Georg Christian (1686-1753) ableitete. Beide Zweige bestehen noch heute. Die Raudnitzer Primogenitur teilte sich noch an der Wende des 18. und 19. Jh.s weiter in die Linie von → Raudnitz, Krimitz und Unterberzkowitz.

Die bedeutende Stellung des Adelsgeschlechts von L. spiegelte sich in der Heiratspolitik wider. Die Herren von L. waren mit den ältesten Adelsfamilien im Kgr. Böhmen verwandt (z. B. → Rosenberg, → Pernstein, Berka von Dubá) wie auch mit bedeutenden Adelsgeschlechtern des Römisch-Deutschen Reiches (→ Salm-Neuburg, Starhemberg, Leuchtenberg) oder des Kgr.s Ungarn (Pálffy von Erdöd, Serenyi von Kis Serena).

Quellen

Die Überlieferung ist sehr verstreut und findet sich in den folgenden Archiven und Bibliotheken: Praha, Národní archiv v Praze, Stará manipulace, sign. L 39 (Lobkovicové) [Nationalarchiv in Prag, Alte Manipulation, Sign. L 39 (Lobkowitz)]. – Praha, Národní archiv v Praze, Dobřenského genealogická sbírka [Dobřenskýs – Genealogie – Sammlung]. – Praha, Národní archiv v Praze, Wunschwitzova genealogická sbírka. [Wunschwitzs – Genealogie – Sammlung]. – Zámek Nelahozeves, Roudnická lobkowiczká knihovna [Schloß Mühlhausen, Raudnitzer Lobkowitzer Bibliothek]. – Nelahozeves, Lobkovicové roudničti – Rodinný archiv [Schloß Mühlhausen, Lobkowitz von Raudnitz – Familienarchiv]. – Zámek Mělnik, Lobkovicové mělničti – Rodinný archiv [Schloß Melnik, Lobkowitz von Melnik – Familienarchiv]. – Státní oblastni archiv v Litoměřicích, Lobkovicové dolnobeřkovičtí – Rodinný archiv [Staatliches Regionalarchiv Leitmeritz, Lobkowitz von Unterberzkowitz – Familienarchiv].

Bobková, Lenka: Bohuslav Felix Hasištejnský z Lobkovic (1517-1583), in: Comotovia 2002. Sborník příspěvků z konference věnované výročí 750 let první písemné zmínky o existenci Chomutova (1252-2002), Chomutov, 26. 3. 2002, hg. von Petr Rak, Chomutov 2003, S. 23-30. – Boldan, Kamil/Urbánková, Emma (†): Rekonstrukce knihovny Bohuslava Hasištejnského z Lobkovic. Katalog inkunábulí roudnické lobkovické knihovny, Praha 2009. – Bůžek, Václav: Manželky a děti Jana mladšího Popela z Lobkovic (1510-1570), in: Vlast a rodný kraj v díle historika. Sborník prací žáků a přátel věnovaný profesoru Josefu Petráňovi, hg. von Jaroslav Pánek, Praha 2004, S. 261-283. – Dvorzak, Josef: Ahnentafel des erlauchten altadelichen Hauses von Lobkowitz nach allen seinen verzweigungen, o.O. o.D. – Dvořák, Max: Process Jiřího z Lobkovic, in: Český časopis historický 2 (1896) S. 271-292. – Dvořák, Max: Vyvinutí erbu někdy pánův, nyní knížat a vévodů z Lobkovic, in: Památky archeologické a místopisné 6 (1871) S. 5-18. – Gmeline, Patrick de: Histoire des princes de Lobkowicz, Paris 1977. – Kasík, Stanislav/Mašek, Petr/Mžyková, Marie: Lobkowiczové dějiny a genealogie rodu, České Budějovice 2002. – Panaček, Jaroslav: Mikuláš I. z Újezda – první Lobkovic, in: Časopis Společnosti přátel starožnosti 117 (2009) S. 31-46. – Pokorný, Pavel R.: Lobkovický erbovník, in: Sborník příspěvků z III. setkání genealogů a heraldiků, Ostrava 1986, S. 142-148. – Sedláček, August: O prvotním sídle a znaku rodu Lobkovského, in: Věstník Královské české společnosti nauk, třída filos.-histor.-filolog. 6 (1886 [Praha 1887]) S. 66-76. – Svědectví o ztrátě starého světa. Manželská korespondence Zdeňka Vojtěcha Popela z Lobkovic a Polyxeny Lobkovické z Pernštejna, hg. von Pavel Marek, České Budějovice 2005. – Tomek, Wáclav Wladivoj: Spiknutí Jiřího z Lobkovic r. 1593, in: Časopis českého muzea 27 (1853) S. 215-245 – Wolf, Adam: Fürst Wenzel Lobkowitz, erster geheimer Rath Kaiser Leopold's I. 1609-1677. Sein Leben und Wirken, Wien 1869.