LIMPURG
I.
Geilendorff (1260), Gailndorff 1374), Gaildorf (seit 14. Jh.). G. war in seiner langen Geschichte stets dem Limpurger Land zugehörig, dessen »Hauptstadt« es Jh.e lang sein sollte. Als Res.ort der älteren Stammlinie → Limpurg-G. war es der einzige Ort im Limpurger Land, der zur Stadt erhoben wurde. Die evangelische Stadtkirche ist die größte und nach der Comburg die zweitälteste Erbbegräbnisstätte der → Limpurger Schenken.
II.
Im oberen Kochertal liegt G., 333 m NN, umgeben von den Berghängen der Limpurger Berge (südlich), der Mainhardter Berge (westlich) und der Welzheimer Berge (östlich). Der Kocher, der frisches, sauberes Wasser bot, durchfließt rund 110 km von seinem Ursprung entfernt die kleine Res.stadt. Verkehrstechnisch liegt G. heute an den beiden Bundesstraßen 19 und 298, sowie an der Bahnstrecke Stuttgart–Nürnberg.
G. wird vermutlich im 7. Jh. erstmals besiedelt. Kirchenpolitisch gehörte G. zunächst zur 741 gegr. Urpfarrei Stöckenburg. Nachdem durch die Christianisierung die beiden Stöckenburger Filialkirchen westlich (Westheim) und südlich (Obersontheim = sunt/sont = mhd. süd) der Stöckenburg entstanden waren, erreichte die weitere Missionierung die Errichtung der Urpfarrei Münster (2 km flußaufwärts von G. gelegen).
G. war und ist eine Beamtenstadt. Die Schenken von → Limpurg unterhielten einen recht aufwendigen Hofstaat mit Hofmeister, Hausvogt, Stadt- und Landvogt, Hühner- und Bettelvogt, Kanzleischreiber, Forstmeister, Oberförster und viele mehr.
Nach dem Aussterben der → Limpurger im Mannesstamm bildeten sich durch die zehn Erbtöchter neue Linien, die sich in G. niederließen: die Gf.en von → Solms, Wurmbrand, → Löwenstein, → Waldeck, Pückler, Bentinck bis hin zu den Fs.en → Bentheim. All die Gen. machten es ihren Ahnen gleich: sie richteten in G. einen Hofstaat ein, mit all den erwähnten Hofbeamten. So gab es plötzlich nicht nur einen Hofmeister [später Rentamtmann gen.]. Nun gab es einen bei den → Solms, bei Wurmbrands, bei → Löwensteins, bei Pücklers, bei → Waldecks etc. Das gleiche Bild bot sich bei den Forstmeistern und sonstigen gfl. Angestellten. Im Jahre 1790 beschäftigten die ansässigen Gf.enhäuser in G. nicht weniger als 209 Diener und Beamte bei einer Gesamteinw.schaft von etwa 1200 Bürgern (17%). Durch die Mediatisierung Limpurgs 1806 an Württemberg wurde G. plötzlich Oberamt [Kreisstadt]. Und so gesellten sich zu den herrschaftlichen Beamten noch die staatlichen: der Oberamtmann [heute Landrat], der Oberamtsrichter, der Oberamtsarzt, Oberamtstierarzt, Oberamtsgeometer etc. Zu dieser Beamtenschaft traten noch die zahlr. Beamten im G.er Finanzamt, im Arbeitsamt und in anderen, staatlichen Behören. Ebenso die Lehrer, die sich im Sold der Stadt befanden. Immerhin hat das G.er Gymnasium eine über 550jährge Tradition und damit versammelten sich zu allen Zeiten recht viele Lehrer in der Stadt.
Daneben gab es zahlr. Gewerbetreibende. Hauptsächlich das Handwerk war in G. stets zahlr. vertreten. Von 1763 bis 1898 existierte in G. ein Alaun- und Vitriolbergwerk, das als Letztes seiner Art in Württemberg 1898 seine Pforten schloß. Daneben gab es noch die G.er Glasfabrik, die erste Kaltwasserheilanstalt Württembergs und zahlr. Industriebetriebe (Höchel, Knoll, Süschala etc.).
Erste Erwähnung G.s i.J. 1260 als Name eines Rittergeschlechts (Rabenoldus de Gaillndorff), das in Diensten der Schenken von → Limpurg stand. Von diesen Rittern sind lediglich ein Vater und seine beiden Söhne als Zeugen in Urk.n namentlich überliefert. Weder Herkunft noch Verbleib dieser Familie sind bekannt. Sie lebten in einem zwei- bis dreigeschossigem, rechteckigem Wohnhaus, das auf den Grundmauern des heutigen »Alten Schlosses« stand. Zu ihren Aufgaben gehörte es, den Holzhandel auf dem Kocher zu überwachen. Für sechs Stämme, die die Kocherbrücke bei G. passierten, mußte von den Holzbauern ein Zollgeld in Höhe eines Rheinischen Gulden entrichtet werden (ein Stamm = 6 Heller). Nach dem vermutlichen Aussterben der G.er Ritter übernahmen die Schenken von → Limpurg das ritterliche Anwesen und nutzen es als Jagdschlößchen. Ab 1374 treten sie als Besitzer des Fleckens auf. Schenk Friedrich III. von → Limpurg erreichte i.J. 1404 die Erhöhung zur Stadt durch Kg. Ruprecht von der Pfalz. Das Stadtrecht beinhaltete das Maurerrecht, Marktrecht (Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte) sowie das Asylrecht für unvorsätzliche Totschläger. Bereits 1403 hatten die Schenken von → Limpurg das Halsgericht verliehen bekommen.
Die heute übliche Bezeichnung »Altes Schloß« entstand vermutlich erst im frühen 18. Jh., in der Zeit der beginnenden Erbauseinandersetzungen, in deren Verlauf es auch um die alte Burg ging (damals aber schon in den Akten als »Schloß« bezeichnet). Es handelt sich architekturhistorisch gesehen nicht um ein Schloß (Repräsentationsgebäude) sondern um eine Burg (Wehranlage).
Während es zwischen den Schenken von → Limpurg und der Reichsstadt Schwäbisch Hall immer wieder zu Streitigkeiten gekommen war, bildete sich zwischen den Schenken und der G.er Stadtbevölkerung eine Beziehung, die über Jh.e hinweg von wirtschaftlicher, bzw. administrativer Abhängigkeit geprägt sein sollte. Die Schenken von → Limpurg beschäftigen zahlr. G.er, und diese wiederum bezahlten ihre Steuern und leisteten ihren Fron den Limpurgern gegenüber.
Jedoch kam es immer wieder auch im Limpurger Land zu Auseinandersetzungen, wenn eben jene Steuern, Abgaben oder der Fron zu sehr drückten. So geschehen im Bauernkrieg, als sich im April 1525 die G.er Bauern in der evangelischen Stadtkirche versammelten, um ihre Forderungen gegenüber den Schenken zu formulieren. Unter diesen Bauern befanden sich auch einige aggressive Vertreter, die die anderen dazu aufstachelten, gemeinsam gegen das Kl. Murrhardt zu ziehen. Nachdem sie das Murrhardter Kl. geplündert und neidergebrannt hatten, zogen sie ins Kl. Lorch. Dort wiederholte sich das grausame Schauspiel aufs Neue. Das gleiche Schicksal ereilte auch die alte Stauferburg Hohenstaufen nahe Göppingen, die ebenso von den G.ern belagert und gestürmt wurde, um anschl. geplündert und niedergebrannt zu werden. Die Schenken von → Limpurg gingen im Gegensatz zu anderen weltlichen Herrschern, relativ milde mit den Bauern und ihren Anführern um.
Natürlich gab es in den Jh.en danach immer wieder Konflikte. V.a. in theologischer Hinsicht gingen die Meinungen zwischen Herren und Untertanen oft auseinander. Doch zu so dramatischen Zuspitzungen wie während des Bauernkriegs sollte niemals wieder kommen.
Während der Plünderungen und Brandschatzungen des Dreißigjährigen Kriegs solidarisierten sich die Schenken von → Limpurg mit der geschundenen Bevölkerung. 1648 verlangten die in G. einfallenden Franzosen Kontributionen von den G.ern. Diese waren jedoch längst nicht mehr in der Lage diese zu leisten. Und so ritt Schenk Joachim Gottfried nach Nürnberg um sein gesamtes Silber, das er über die Jahre hin gerettet hatte, zu »versilbern«, um damit die Franzosen auszubezahlen und G. endlich auch den lang ersehnten Frieden zu bringen.
Das Verhältnis der Schenken von → Limpurg zu ihren Beamten war in aller Regel gut. Die Fluktuation recht gering und die Beamtenstellen »vererbten« sich häufig vom Vater auf den Sohn. Es lassen sich ganze Beamtenfamilien über viele Generationen hinweg beobachten, die ihren Dienst am Hofe, den Kanzleien oder Forstämter der Schenken versahen.
III.
Die ältesten erhaltenen Gebäudeteile finden sich in den tiefen großräumigen Kellergewölben. In den untersten Schichten der Burgfundamente sind Staufische Buckelquader zu finden, die aus der Zeit zwischen 1150 und 1250 stammen. Vermutlich entstand im 13. Jh. ein rechteckiges Steinhaus – der noch heute erkennbare Kernbau. Dieses erste Gebäude maß nach neuesten Erkenntnissen 11 x 15,5 m. In ihm lebten die Ritter von Gailndorff (siehe oben).
Der Baumeister der heute noch sichtbaren Vierflügelanlage war ein Hans Unker von Kehln (möglicherw. Kehlheim), dessen Wappen mit gekreuztem Steinmetzwinkel sich links am Torbogeneingang findet. Die Tafel über dem Toreingang gibt als Bauzeit der Vierflügelanlage die Jahre zwischen 1479 und 1482 an. Baumeister früherer Bauphasen sind nicht zu ermitteln. Jedoch lassen sich eine Vielzahl von Steinmetzzeichen in den unterschiedlichsten Stockwerken und Bauteilen (Türfriese etc.) der Burg finden.
Auf einer Inschrifttafel über dem Toreingang ist zu lesen: Wir albrecht herre zu limpurg des römischen reichs erbschenk und semper frei habend angefangen und volbracht disen baw uf sant michels tag nach cristus geburt viertzenhundert und in dem LXXXII jar.
Erstmals wird die »Veste« G. 1399 in einem Vertrag zwischen den Städten G. und Schwäbisch Hall erwähnt, in dem es um das Treibholz auf dem Kocher ging. In diesem Vertrag heißt es, daß jeder, der auf dem Kocher Holz flößen, will, für sechs Stück Holz einen Rheinischen Gulden berappen mußte. Und zwar an jede Herrschaft, in deren Gebiet er sich gerade befand. In dieser Urk. heißt es: es sey gepunden an strengen oder ungepunden das da herabgehet uf dem waßer das da heißet der Kocher für die vestin Kranßperg Geilndorff Buchhorn und Limpurg.
Aus dieser Veste entstand durch diverse Um- und Anbauten die noch heute sichtbare Vierflügelanlage. Genauere allumfassende Bauuntersuchungen fehlen bis heute. Lediglich über einzelne Gebäudeteile oder Bauphasen lassen sich vage Aussagen machen.
Im nördlichen Hauptgebäude befanden sich in den oberen Stockwerken die priv. Gemächer des Schenkenpaares, die auch heute noch die breiten Wandelgänge und großzügigen Räume erkennen lassen. Darunter finden sich der »Wurmbrandsaal«, sowie der »Weiße Saal«, die einst repräsentativen Zwecken dienten. Im untersten Geschoß, beinahe auf Hoflevel, befindet sich die Dürnitz, der Speise- und Aufenthaltsraum der Dienerschaft und des Wachpersonals. Darunter befindet sich das große Kellergewölbe, das einst der Lagerung von Speisen und Getränken diente. Das nach dem Dreißigjährigen Krieg von einer auf drei Ebenen vergrößerte Dachgeschoß, diente zur Lagerung des Korns und anderer Lebensmittel. Dieser Nordflügel ist der älteste Gebäudeteil. Der Ostflügel dürfte im 16. Jh. angebaut worden sein. Er steht auch deutlich sichtbar außerhalb der Stadtmauer, die einst die Außenwand des alten Hauptbaus auf Ost- und Nordseite darstellte. In ihm lag einst die alte Haberkammer, in der vier Säulen die große Hallendecke trugen. Zwei dieser vier Säulen wurden später entfernt, nachdem der große Raum durch eine eingezogene Wand geteilt worden war. In ihm lagen, ebenso wie im Südflügel weitere, vermutlich einst administrativen Zwecken dienende Räume (Schreib-, Verwaltungs- und Archivräume). Dem Südflügel schlissen sich in Richtung W die beiden Tortürme und das Torhaus an. In ihm befand sich die umfangr. Bibliothek der Schenken von → Limpurg, die zwar nicht mehr als solche existiert, deren Bestand jedoch mittels noch vorhandener Bibliothekslisten und -inventare nachvollziehbar rekonstruierbar ist.
Im Westflügel schließlich dürften sich die Privatgemächer der Dienerschaft befunden haben. Im Schloß selbst waren neben der leitenden Beamtenschaft (siehe oben Abschn. II., 2) beschäftigt: zwei Köche, zwei Bäcker, ein Konditor, etliche Diener, Zofen, Küchen- und Stallburschen, Kammerschreiber, Privatlehrer und Gouvernanten (Erzieherinnen).
Im Schloß gab es nachweislich zwei Kapellen (eine davon mit Sakristei). Es dürften daneben aber noch weitere »Andachtsräume« existiert haben.
Das Schloß war von Anfang an als Wasserschloß konzipiert. Davon zeugt der noch heute sichtbare Graben, der das Schloß umgibt. Die Zugbrücke am Hauttor wurde über Seile nach oben gezogen. Die Führungsschächte dieser Seile sind bis heute sichtbar.
Damit das Wasser nicht in die tiefen Gewölbekeller eindringen konnte, befand sich neben der äußeren Abgrenzungsmauer noch die dicht am Gebäude entlang führende Zwingermauer. Diese führte teilw. im Abstand von etwa einem Meter rings um das Gebäude entlang. An einigen wenigen Stellen ist diese Zwingermauer noch heute zu erkennen.
Vom einstigen Inventar und Interieur des Schlosses ist nicht mehr viel übriggeblieben. Nach Beendigung des Limpurger Erbstreits wurden die zahlr. Möbel, Gemälde, Teppiche und sonstigen Inneneinrichtungsgegenstände von den Erben in andere Schlösser gebracht, wo sie teilw. heute noch lagern.