Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LEININGEN

A. Leiningen

I.

Für die Vereinnahmung des im Lorscher Codex 780 singulär gen. Amicho als eines Vorfahren der den Leitnamen Emicho führenden späteren Gf.en von L. gibt es als Grund lediglich die Tatsache anzuführen, daß sich das Objekt seiner frommen Schenkung im Wormsgau, und zwar in Linunga marca befand. Urkundlich nicht nachweisbar, aber von der Besitzgeschichte her in hohem Maße wahrscheinlich, ist eine Abstammung der Gf.en von L. von den Gf.en im Nahegau (Emichonen), zu deren Abkömmlingen auch die Wildgrafen, Raugrafen und Gf.en von Veldenz gehören. Die Stammlande sind jedenfalls im Raum des südöstlichen Nahegaus und des Wormsgaus zu suchen. Zu den Emichonen gehörte der in der älteren Literatur fälschlicherweise als »Emich I. von L.« bezeichnete berüchtigte Kreuzfahrer und Judenverfolger von 1096. Dieser Emicho nannte sich jedoch nach Flonheim. Der Name »L.« hingegen taucht erstmals 1128 mit dem in der Literatur als »II.« gezählten Emich auf. Stammsitz ist → Altleiningen.

II.

Der leiningische Gf.entitel reicht wohl auf den comitatus der Nahegaugf.en zurück und ist nicht mit der von den Pfgf.en bei Rhein zu Lehen gehenden Landgerichtsbarkeit verbunden. Friedrich I. (Emich) ist 1205 Landvogt im Speyergau und Vogt des staufischen Hauskl.s → Limburg. Friedrich IV. von L. versah dies. Landvogtei unter den Kg.en Rudolf und Albrecht I. Sein Sohn Jofried wurde unter Kg. Heinrich VII. Reichslandvogt in Ober- und Unterelsaß und im Breisgau. Während des Italienzugs 1310-1313 fungierte er als Reichsgroßhofmeister (magister magne curie imperialis).

Aus dem Hause L. kamen die Bf.e Heinrich von Speyer (1245-1272), Berthold von Bamberg (1258-1285) und Emich von Speyer (1314-1328), nicht hingegen Embriko von Augsburg (1063-1077), Embricho von Würzburg (1127-1146), Siegfried von Speyer (1127-1146) und Gunther von Speyer (1146-1161).

Lehensherren waren das Reich und Kurpfalz, die Ebf.e von Mainz, Köln und Trier, die Bf.e von Worms, Speyer, Lüttich, Straßburg und Metz, die Kl. Prüm, Fulda, Hornbach, Klingenmünster, Limburg, Weißenburg und Murbach, die Hzg.e von Lothringen, die Hzg.e von Bar und – ein Kuriosum – die rangniedrigeren Herren von Hirschhorn.

Vermutlich nahegaugfl. Allodialbesitz im Worms- und südöstlichen Nahegau wurde bei Übernahme der Gft. L. durch einen Saarbrücker Gf.en um 1212 um bedeutendes saarbrückisches Eigen vermehrt.

Empfänger – zumeist aufgetragener – leiningischer Aktivlehen waren die niederadeligen Familien von Albsheim, Alzey, Dalberg, Dalsheim, Daun-Oberstein, Dienheim, Flörsheim, Ingelheim, Kriechingen, Lambsheim, Lautersheim, → Löwenstein, Meckenheim, Mertesheim, Metz, Monsheim, → Montfort, Randeck, Remchingen, Seckenhausen, Steinach, Wachenheim, Wartenberg und Weingarten.

III.

Die Gf.en von L. führten in Blau drei silberne Adler (2:1) im ungeteilten Schild. Dazu kam bei der 1317 entstandenen Sekundogenitur ein dreilätziger roter Turnierkragen im Schildeshaupt.

Eine ganzseitige Abbildung Graue Friderich von Liningen beim siegreichen Zweikampf mit einem HEIDen, das leiningische Wappen auf Schild und Satteldecke, findet sich in der Manessischen Liederhandschrift. Der Text des zugehörigen, der abgebildeten Person zugeschriebenen Minneliedes weist nicht notwendig auf einen Kreuzzug hin. Der als solcher durch den Illustrator gedeutete Begriff vart entspricht dem nhd. Wort »Fahrt« und kann bspw. Kriegsfahrt, aber auch nur Reise meinen. Für ein aus aktuellem Anlaß entstandenes Minnelied möchte man den wohl 1212, spätestens 1214 verstorbenen Gf.en Friedrich I. von L. als Verfasser ausschließen, wenn man nicht wüßte, daß er sich am Hofe des ebenfalls als Verfasser von Minneliedern bekannten Ks.s Heinrich VI. aufgehalten hat und als Vermittler der frz. Vorlage von Herborts von Fritzlar Troja-Roman gilt. So könnte das Minnelied auch die späte Stilübung eines alten Mannes sein, zumal es jenem nachgewiesenermaßen an Originalität mangelt. Friedrichs Teilnahme am 3. Kreuzzug 1189-1192 ist möglich bis wahrscheinlich, wenn auch nur in hundert Jahre jüngeren literarischen Quellen erwähnt, dem Epos Landgraf Ludwigs Kreuzfahrt eines unbekannten Verfassers von 1301 und dem Versroman Wilhelm von Österreich Johanns von Würzburg aus dem Jahre 1314. Fernreisen hatte der Gf. gar etliche unternommen, sei es 1187 im Gefolge Friedrich Barbarossas zur Zusammenkunft mit dem frz. Kg. an der Maas, sei es 1194 als Begleiter des freigelassenen Richard Löwenherz durch Brabant nach England oder 1198 ein weiteres Mal nach England, diesmal als Vertrauensmann der welfischen Partei, mit dem Auftrag, dem bei seinem Onkel Richard Löwenherz weilenden Otto von Braunschweig die dt. Kg.skrone anzubieten. Aus der Lombardei, wohin er Otto IV. zur Ks.krönung begleitet hat und wo er 1210 vielfach nachweisbar ist, kehrte er – möglicherw. krankheitshalber – vor der Weiterfahrt des Hofes nach Süditalien zurück.

Eine Miniatur im Bilderzyklus von Ks. Heinrichs Romfahrt 1311 zeigt einen berittenen Krieger (Gf. Jofried von L.) mit dem leiningischen Wappenschild.

Mit dem Augustiner-Chorherrenstift Höningen in der Nähe der wohl annähernd gleichzeitig errichteten Stammburg → Altleiningen schufen sich die Leininger um 1120 Hausstift und Familiengrablege. In Zusammenhang mit der 1205 erworbenen Vogtei über Kl. Limburg steht der Bau der → Hardenburg über dem Isenachtal. Sie wurde 1317 Res. der Sekundogenitur des Hauses L. Der dritte große Burgenbau zu eigenen Wohnzwecken galt der Burg → Neuleiningen.

IV.

Mit Friedrich I. (Emich) erlosch vor 1214 schon in der dritten gesicherten Generation das ältere Haus L. im Mannesstamm. Begründer des zweiten Hauses L. wurde der Sohn Friedrich aus erster Ehe seiner Schwester Lukard mit dem Gf.en Simon II. von Saarbrücken. Er wird als Friedrich II. von L. gezählt. Bereits zwischen dessen Söhnen Friedrich III. und Emich IV. kam es 1237 zu einer Erbteilung, in deren Folge die kurzlebige Nebenlinie L.-Landeck entstand (bis 1290). Nachhaltig war die Aufspaltung des Hauses 1317/18 in die beiden Hauptlinien L.-Dagsburg und L.-Hardenburg. Erstere wurde nach dem Tode des Gf.en Hesso 1467 durch einen Enkel seiner mit Reinhard III. von Westerburg verehelichten Schwester Margareta fortges., der als Reinhard I. Begründer der in der Reichsmatrikel von 1521 nunmehr → L.-Westerburg gen. Linie wurde. Von L.-Hardenburg spaltete sich 1344 noch L.-Rixingen ab (bis 1499/1500) und nach 1500 bis vor 1586 L.-Apremont. Es war die Sekundogenitur L.-Hardenburg, die es 1779 schaffte, gefürstet zu werden, sich kurz vor der Frz. Revolution ein Residenzschloß in Dürkheim zu bauen, die beim Reichsdeputationshauptschluß im Rechtsrheinischen entschädigt wurde und deren Nachkommen bis heute in Amorbach im Odenwald ihren Lebensmittelpunkt haben. Diese gewannen nach der Mediatisierung noch einmal mit Fs. Karl, dem ersten Präsidenten des Reichsministeriums, politische Bedeutung und konnten durch ihn, den Halbbruder der Kg.in Victoria von England, ihre Verbindungen zum europ. Hochadel ausbauen.

Quellen

Toussaint, Ingo: Die Grafen von Leiningen, Sigmaringen 1982, S. 253 ff. – Toussaint, Ingo: Zwei Fragmente des Weißenburger »liber feudorum«, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 79 (1981) S. 155-214. – Regesten deutscher Minnesänger des 12. und 13. Jahrhunderts, hg. von Uwe Meves unter Mitarb. von Cord Meyer und Janina Drostel. Berlin u. a. 2005.

Alter, Willi: Die Emicho-Gruppe zu Ende des 8. Jahrhunderts, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 60 (1962) S. 5-32. – Möhring, Hannes: Graf Emicho und die Judenverfolgungen von 1096, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 56 (1992) S. 97-111. – Toussaint, Ingo: Die Grafschaften Leiningen im Mittelalter (1237-1467)/Die Grafschaften Leiningen in der Neuzeit, in: Pfalzatlas, hg. von Willi Alter, Karte Nr. 67, Speyer am Rhein 1975. Hierzu auch Textbd. S. 1056-1107 (27. und 28. Heft 1977). – Toussaint, Ingo: Die Grafen von Leiningen, Sigmaringen 1982.