Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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KATZENELNBOGEN

C. Rheinfels über St. Goar

I.

1252 (Rinefels/Rynfels); 1266 (Rinvelz); 1271 (Rynvels); am oberen Mittelrhein, auf einem Bergsporn über dem linken Flußufer gelegen. Typische Spornanlage. R. bildete seit den Mittelpunkt der Niedergft. → Katzenelnbogen und diente den Gf.en der älteren Linie seit der Mitte des 14. Jh.s als bevorzugter Aufenthaltsort. Nach der Wiedervereinigung beider Linien 1402 war R. der bevorzugte Sitz der Gf.en von → Katzenelnbogen.

II.

Nordwestlich von St. Goar mündet der vom Hunsrück herabfließende Gründelbach in den Rhein. St. Goar liegt auf dem schmalen linken Ufer des tief eingeschnittenen oberen Mittelrheintales unweit der Talenge der Loreley. Nordwestlich erhebt sich auf einem vom Gründelbach und Lohlbach begrenzten Bergsporn die Burg R.

Das Rheintal war seit der Spätantike kontinuierlich besiedelt. Im Unterschied zu den ehem., am linken Rheinufer gelegenen Kastellorten Bingen, Boppard und Koblenz verdankt St. Goar seine Entstehung sehr wahrscheinlich einer bescheidenen, wohl im 5. Jh. entstandenen Siedlung von Fischern und Handwerkern, in der der Hl. Goar um 520 eine cella, d.h. eine Einsiedelei erbaute. Später errichtete er mit Zustimmung des bis 525 wirkenden Trierer Bf.s Felitius eine kleine Kirche, in der Reliquien Marias, Johannes des Täufers und der zwölf Apostel aufbewahrt wurden. Der Heilige verstarb vermutlich um 575. Von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Siedlung war, daß das Grab des Hl. Goar von zahlr. Wallfahrern besucht wurde, zumal die Grabstätte mit Wundern in Verbindung gebracht wurde. Goars Biograph Wandalbert verzeichnete 34 Mirakelberichte für die Zeit von 765 bis 839.

Die Bedeutung St. Goars im frühen MA lag vornehmlich in der bevorzugten zentralen geogr. Lage im Zentrum des Engtales, am Ein- bzw. Ausgang der felsigen Flußstrecke zwischen Binger Loch und Loreley. Für den regen Schifffahrtsverkehr des 8. und 9. Jh.s bildete St. Goar eine wichtige Etappenstation. Auf beiden Seiten des Mittelrheintales befanden sich im MA überregional bedeutsame Fernwege, die zum Teil auf alten vorgeschichtlichen oder römischen Trassen verliefen. Auf den Hunsrückhöhen existierte eine Straßenverbindung von Koblenz nach Bingen, die durch den Bopparder Stadtwald dem Verlauf einer römischen Militärstraße folgte und im südlichen Teil über Pfalzfeld westlich von St. Goar und Laudert in den Binger Wald führte. Südwestlich von Boppard, in der Nähe von Ehr, zweigte von diesem linksrheinischen Höhenweg eine Verbindung nach → Kastellaun ab, die bereits frühzeitig einen Bezugspunkt für die Grenzbeschreibung des St. Goarer Waldes von 820 bildete. Auf der rechten Rheinseite stellte die von Wiesbaden über Idstein, Kemel, Holzhausen nach Ems führende Hohe Straße eine zentrale Verkehrsachse dar, die das Rhein-Main-Gebiet mit dem Rhein-Mosel-Gebiet verband. Eine Reihe von Wegverbindungen führte von diesen beiden parallel zum Strom verlaufenden Höhenwegen ins Rheintal. Auf linksrheinischer Seite führte ein Weg von St. Goar über Biebernheim und durch den St. Goarer Wald nach Pfalzfeld, wo er auf den über den Hunsrück verlaufenden Höhenweg traf. Die Überquerung des Stromes ermöglichte die sehr wahrscheinlich bereits in das 5./6. Jh. zurückreichende Fährverbindung zwischen St. Goar und St. Goarshausen. Der zuletzt gen. Ort bildet den Ausgangspunkt der sog. »Hessenstraße«, die über Peterberg, Niederwallmenach und Nastätten das Mittelrheintal mit dem Einrich verband. Parallel zur Hessenstraße führte der Rheinweg von St. Goarshausen, Bogel, Nastätten und Holzhausen passierend, zur Hohen Straße. Unmittelbar am linken Rheinufer existierte bereits seit der Spätantike eine römische Militärstraße zwischen den römischen Kastellorten.

Seit dem MA gehörte St. Goar zum Ebm. Trier und bildete einen Bestandteil des Archidiakonats Karden. Die Pfarrei St. Goar wurde dem Landkapitel Boppard zugerechnet.

Die erste urkundliche Erwähnung von St. Goar findet sich in erhaltenen Lebensbeschreibungen des Hl. Goars. Sie stammen aus dem 8. Jh. und wurden in der »Vita Goaris« und den »Miracula s. Goaris« durch den Prümer Mönch Wandalbert 839 überarbeitet. Wandalbert berichtet vom Übergang der Zelle des Hl. Goar an die Reichsabtei Prüm. 765 hatte Kg. Pippin der Abtei die Zelle des Hl. Goar überlassen. An der Grabstätte des Hl. Goar konstituierte sich eine Klerikergemeinschaft, die seit dem 9. Jh. nachweislich nach stiftischer Verfassung lebte. Erst mit der Einführung der Reformation in lgfl. hessischer Zeit wurde das Stift St. Goar aufgehoben. Die Abtei Prüm baute St. Goar zielstrebig zum Mittelpunkt einer Grundherrschaft aus, die sich beiderseits des Rheins auf den Hunsrück und in den Taunus erstreckte. Als bedeutsam erwies sich die 830 erfolgte Schenkung eines Waldes zwischen den beiden Fiskalbezirken Boppard und Oberwesel an die Abtei Prüm durch Ludwig dem Frommen. Aus dem Erbe der Gf.en von → Arnstein, die die Vogteirechte in St. Goar für die Abtei Prüm ausübten, ging St. Goar bereits vor 1190 an die Gf.en von → Katzenelnbogen über. Die 1219 urkundlich erstmals gen. Niederungsburg der Gf.en von → Katzenelnbogen lag in der Nähe der Stiftskirche. Letzte bauliche Reste der Burg fielen 1857 dem Eisenbahnbau zum Opfer. Burg R. wurde 1245 von Gf. Diether V. von K. (gest. 1276) errichtet und scheint 1251 weitgehend vollendet worden zu sein.

St. Goar bildet das Zentrum der früh- und hochma. Prümer Villikationen im oberen Mittelrheintal sowie auf dem Hunsrück und auf dem Einrich. Vermutlich hatte sich bereits im 9. Jh. in der Stiftssiedlung ein Markt etabliert. Neben dem Weinhandel und der Schifffahrt finden sich im MA in der Stadt mehrere Färberein und Gerbereien. Eine St. Goarer Kaufmannsgilde läßt sich für das Jahr 1480 nachweisen. Jahrmarktsprivilegien wurden 1495 durch Ks. Maximilian bestätigt.

St. Goar entwickelte sich bis etwa 1200 aus eigenem Antrieb zur Stadt. Eine formelle Stadterhebung ist nicht nachweisbar. Ob St. Goar bereits zu Beginn des 13. Jh.s über eine steinerne Befestigung verfügte ist unklar. Die in der älteren Literatur vorgeschlagene Datierung einer ersten Stadtmauer in das ausgehende 12. bzw. beginnende 13. Jh. basiert auf einer i.J. 1202 überlieferten erfolglosen Belagerung einer befestigten Kirche in St. Goar. Die Nachricht könnte sich auf die Stiftskirche beziehen, die in unmittelbarer Nähe der Niederungsburg der Gf.en von → Katzenelnbogen gelegen hat. Die heute noch in großen Teilen erhaltene steinerne Stadtbefestigung dat. in ihrem Baubestand in die Mitte des 14. Jh.s.

In der urkundlichen Überlieferung der Gf.en von → Katzenelnbogen wird St. Goar seit der Mitte des 13. Jh. mehrfach als Stadt bezeichnet (so z. B. 1252, 1263 und 1273). Im 13. Jh. oblag die Verwaltung der Stadt einem Schultheiß und einem siebenköpfigen Schöffenkollegium. 1285 werden Bürgermeister und der elf Personen umfassende Rat erwähnt. Als Gerichtsherrn fungierten die Gf.en von → Katzenelnbogen Das erste an einer 1331 ausgestellten Urk. befindliche Stadtsiegel zeigt im oberen Feld einen Löwen und im unteren ein gegittertes Feld mit Lilien. Eine Judengemeinde läßt sich in St. Goar erstmals 1330 nachweisen. Der für die Gf. en von → Katzenelnbogen wichtige Zoll zu St. Goar ist erstmals 1219 bezeugt. Ein Zollhaus ist allerdings erst 1368 urkundlich nachweisbar.

Im Kontext von Auseinandersetzungen zwischen den Gf.en von → Katzenelnbogen und der Abtei Prüm entstand offenbar in den 1280er Jahren unterhalb der Burg R. die St. Goarer Neustadt, die 1286 erstmals erwähnt wird. Vermutlich handelte es sich um eine Gegengründung der Gf.en von → Katzenelnbogen gegen das noch unter der Herrschaft der Abtei Prüm stehende St. Goar. In der St. Goarer Neustadt unterhalb der Burg befanden sich zahlr. Burgmannensitze, das Zollhaus sowie mehrere zur Burg R. gehörende Wirtschaftsgebäude, so z. B. ein Viehstall, der Geflügelhof und der Schafstall.

In der zweiten Hälfte des 13. Jh.s entfremdeten die Gf.en von → Katzenelnbogen die Stadt St. Goar der Abtei Prüm. Am Ende der Entwicklung entzog Ks. Ludwig der Bayer dem Abt Heinrich von Prüm 1330 alle Reichslehen, da dieser ihm nicht gehuldigt hatte und belehnte die Gf.en von → Katzenellenbogen mit den Prümer Reichslehen am Rhein, zu denen auch Burg R. und die Stadt St. Goar gehörten. Ungeachtet der Unterwerfung des Abtes und der Rückgabe der Lehen, hatten Gf.en von → Katzenelnbogen die Stadtherrschaft an sich gezogen. Ein weiteres Indiz für die zunehmende Einflußnahme der Gf.en von → Katzenelnbogen auf das kulturell-religiöse Leben in St. Goar ist ihre Partizipation bei der Ernennung des Stiftskapitels. Bis 1408 bestimmte ausschließlich der Abt von Prüm die Zusammensetzung des Kapitels. In der Folgezeit geschah dies im Wechsel mit den Gf.en von → Katzenelnbogen und 1423 wurde das Vorschlagsrecht für neu zu besetzende Stiftsherren und -vikariate endgültig an die Dynastenfamilie abgetreten. 1444 hatten die Gf.en von → Katzenelnbogen den Neubau des Langhauses der Stiftskirche initiiert. 1460 stiftete Philipp d.Ä. von → Katzenelnbogen einen neuen Altar. Zwei gut erhaltene Grabmäler des 14. Jh.s im südlichen Seitenschiff belegen den Versuch der Gf.en von → Katzenelnbogen in der Nähe ihrer Res.burg R. eine Familiengrablege zu errichten. Bei den beiden spätgotischen Epitaphen handelt es sich um den Grabstein des Prümer Abtes Diether von → Katzenelnbogen (gest. 1350) mit Abtsstab und die Grabplatte der ehem. Tumba der Gf.in Adelheid von → Katzenelnbogen aus dem Hause der Gf.en von → Waldeck (gest. 1329).

Die von den Gf.en von → Katzenelnbogen in der St. Goar eingerichtete Münzstätte war in der zweiten Hälfte des 14. Jh. offenbar nur kurze Zeit dort tätig. Sehr wahrscheinlich befand sie sich in der 1388 erstmals urkundlich nachweisbaren Münzgasse in der Nähe des Marktes.

Außerhalb der Burg R. befand sich der gfl. Badehof, der nicht mit den im SpätMA erwähnten Badestuben auf der Burg identisch ist, sondern in der Stadt unweit der Stiftskirche zu lokalisieren ist. Erstmals urkundlich 1286 erwähnt, spielte der Badehof im kulturellen Leben der Gf.en von → Katzenelnbogen eine bedeutende Rolle. Ins Bad luden die Gf.en ihnen nahe stehende Personen ein, wie z. B. den k.ischen Rat Daniel von Mudersbach oder die gfl. Hofmeister. Der Badehof, der von dem 1410 zum gfl. Gesinde gehörenden Bader Johannes betreut wurde, verfügte u. a. über einen Weinkeller.

III.

Ausgangspunkt der Entwicklung St. Goars zur Res. ist die 1245 erfolgte Gründung der Burg R. durch Gf. Diether V. von → Katzenelnbogen (gest. 1276). Die neue Höhenburg hat als Nachfolgebau der 1219 erstmals urkundlich erwähnten Niederungsburg der Gf.en von → Katzenelnbogen nahe der Stiftskirche zu gelten. Ausschlaggebend für die zunehmende Bedeutung der Burg R. unter den übrigen k.ischen Burgen war sehr wahrscheinlich die verkehrsgünstige Lage oberhalb der lukrativen Zollstelle St. Goar. Infolge der um 1260 erfolgten Teilung des Hauses in eine ältere und eine jüngere Linie verblieben Burg R. und St. Goar bei der älteren Linie. In der Niedergft. → Katzenelnbogen entstanden im 14. Jh. in Reichenberg und Burgschwalbach zwei weitere Res.burgen, die in der Bedeutungshierarchie der k.ischen Burgen jedoch hinter Burg R. zurückstehen. Sowohl in Burgschwalbach als auch in Reichenberg entstanden im Vorfeld der Burgen Talsiedlungen, die sich ungeachtet der Stadtrechtsprivilegien nicht zu vollwertigen Städten entwickelten.

Unterhalb der Burg R. entstand vor 1286 die sog. Neustadt, in der sich zahlr. Burgmannensitze und das Zollhaus befanden. Daß die Gf.en von → Katzenelnbogen als Stadtherren auch die Befestigung von Alt- und Neustadt St. Goar vorantrieben ist vorauszusetzen. Seit wann St. Goar über eine steinerne Befestigungsmauer verfügte ist jedoch bislang unklar. Ob die Errichtung der Mauer etwa zur gleichen Zeit erfolgte wie der Ausbau der Burg R. durch Gf. Wilhelm II. (gest. 1385), in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s erfolgte, ist unklar.

Die 1245 begonnene und sehr wahrscheinlich 1251 vollendete Burg Gf. Diethers V. beschränkte sich nach bisherigem Kenntnisstand auf eine Kernburg, bestehend aus einem runden an die Angriffsseite der Ringmauer gerückten Bergfried sowie ein Wohnbau an der dem Rheintal zugewandten Ostseite.

Eine zweite Bauphase schloß sich mit der Errichtung des später als Uhrenturm bezeichnete Torturms der Vorburg an. Der Torturm konnte dendrochronologisch in das Jahr 1303 dat. werden, so daß die Urheberschaft für diese Baumaßnahme dem Gf.en Wilhelm I. (gest. 1331) zuzuschreiben ist. Ob dieser zweiten Bauphase bereits die sich an den Torturm anschließende Schildmauer angehört läßt sich nach bisherigem Kenntnisstand nicht sagen. Von dem Archidiakon der Trierer Kirche erhielt Wilhelm I. von → Katzenelnbogen die Erlaubnis bei der Burg eine Kapelle zu errichten, die jedoch nicht eindeutig zu lokalisieren ist.

Der weitere Ausbau der Burg R. wird in der Literatur Wilhelm II. von → Katzenelnbogen (gest. 1385) zugeschrieben, der seinem 1331 gest. Vater Wihelm I. als Inhaber der Niedergft. gefolgt war, und sich am 9. Feb. 1332 Gf. von → Katzenelnbogen, Herr zu R. nannte. Außer der im O gelegenen äußeren Schildmauer, die von dem bereits erwähnten 1303 datierten Torturm und einem sog. Armbrüster- (bzw. Büchsenmeisterturm) flankiert wurde, erhielt die Burg eine zweite innere Schildmauer an der Südwestseite der Kernburg, deren Eckpunkte an der Südostseite hinter ihr stehende runde Bergfried sowie an der entgegen gesetzten Seite eine Tourelle bildeten. Im Vorfeld der inneren Schildmauer lag ein später als Marstallhof bezeichneter Vorhof mit Wirtschaftsgebäuden. An der Nordwestecke der Kernburg wurde ein Kapellenbau aufgeführt, der neben dem Palas die Rheinfront der Anlage beherrschte. Offenbar hat es bis zur Fertigstellung des Kapellenbaus innerhalb der Burg keinen eigenständigen Sakralbau gegeben. Den Abschluß der unter Gf. Wilhelm II. durchgeführten Baumaßnahmen auf Burg R. markiert sehr wahrscheinlich die am 3. Febr. 1371 von Gf. Wilhelm II. getätigte Stiftung eines Altares zu Ehren Gottes, Mariens, der Hl. Drei Kg.e sowie der Hl. Georg und Goar. Ebenfalls unter dem Datum des 3. Feb. 1371 hat der Gf. nicht nur für die R.er Burgkapelle sonern auch für die Sakralbauten auf den Burgen Reichenberg, Neu-Katzenelnbogen und Dornberg je einen Altar gestiftet. Vermutlich erfolgten die frommen Stiftungen als Dank zum Abschluß eines umfangr. Burgenbauprogramms.

Weitere umfangr. bauliche Aktivitäten der Gf.en von → Katzenelnbogen auf Burg R. lassen sich für die erste Hälfte des 15. Jh.s (z. B. 1410, 1435, 1437/38 und 1449) nachweisen, wobei insbes. 1410 zahlr. Bauhandwerker (Zimmerleute, Steinmetzen, Maurer, Glaser, Säger, Dachdecker) auf Burg R. tätig waren. Zu den letzten von den Gf.en von → Katzenelnbogen durchgeführten Bauarbeiten auf der Burg zählt die Aufstockung des runden Bergfrieds, der 1449 einen schmalen runden Turmaufsatz erhielt, und zu der Gruppe der im Mittelrheingebiet (Molsberg), in Hessen (Friedberg, Kaenberg, Neu-Falkenstein, Oberreifenberg, Kransberg, Homburg vor der Höhe, → Weilburg, Felsberg) und Thüringen (Osterburg) anzutreffenden »Butterfaßtürmen« zählt. Einen vergleichbaren Turmaufsatz erhielt 1468 die k.ische Marksburg über Braubach am Rhein.

Der weitere Ausbau von R. zu einer der stärksten Anlagen am Mittelrhein erfolgte nach dem Übergang der Burg an die Lgf.en von Hessen im ausgehenden 15., im 16. und 17. Jh. Die für die Bauforschung wichtigen, 1607/08 im Auftrag des Lgf.en Moritz von Hessen entstandenen kolorierten Zeichnungen der Burg R. von Wilhelm Scheffer gen. Dilich vermitteln eine anschauliche Vorstellung von der Anlage nach ihrem Ausbau zur Res. unter Lgf. Philipp d.J. von Hessen-R. Im Dreißigjährigen Krieg 1626 von Hessen-Darmstadt und 1647 von Hessen-Kassel belagert und eingenommen erfolgte 1657 bis 1672 ein weiterer Ausbau der Burg zur Festung. 1692/93 versuchten frz. Truppen Kg. Ludwigs XIV. vergeblich R. einzunehmen. Nach der kampflosen Übergabe an die frz. Revolutionsarmee 1794 wurde die Anlage 1796/97 gesprengt und zur Ruine.

Bereits zu Beginn des 15. Jh.s existierte auf R. eine Büchsenschmiede, in der 1410 ein Büchsenmeister mit Namen Matthias tätig war. 1437 bestellte Gf. Johann IV. Klaus Odenwald zum Büchsenschmiedemeister auf Lebenszeit. Die Rüstkammer auf R. wurde 1450 ausgebaut. Im selben Jahr ist ein Harnischfeger bezeugt. In den St. Goarer Zollschreiberrechnungen des 15. Jh.s finden sich zahlr. Hinweise auf die zur Burg gehörenden Wirtschaftsgebäude und -räume. Erwähnt werden z. B. Marstall, Schlachthaus, Fleischhaus, Remise, Kuhhaus und Roßmühle. Die Küche der Burg war offenbar so hell und geräumig, daß ein Notar dort am 10. Sept. 1402 eine Urk. ausstellen konnte. Im äußeren Bereich der Burg verfügten die Gf.en von → Katzenelnbogen über einen ummauerten Tiergarten, der wohl nicht mit dem 1453 erwähnten Wolfsgarten, in dem auch Wildschweine gehalten wurden, identisch war. Zu den Erweiterungsbauten des 14. Jh.s gehörten offenbar die auf dem Grundriß von Wilhelm Dilich an den nordwestlichen Ringmauer eingezeichnete Lichtkammer und die Silberkammer. An Wohn- und Herrschaftsräumen werden in der Rechnungsüberlieferung der alte und der neue Saal (1450), verschiedene Stuben (alte, neue, kleine, große) die Kammer des Gf.en sowie eine Stube der Gf.in aufgeführt. Ferner existierten auf der Burg eine Gesinde- und eine Badestube. Ein Inventar, das weitere Informationen über die Lage der Räume und deren Ausstattung der Burg R. während der Zeit der Gf.en von → Katzenelnbogen vermittelt, ist sich nach bisherigem Kenntnisstand nicht erhalten. Wesentlich umfangr. ist die Überlieferung für die Zeit der Lgf.en von Hessen und hier insbes. zur Ausstattung der Burg R. währen ihrer zweiten Glanzzeit als Res. Lgf. Philipps d.J. von Hessen in den Jahren 1567 bis 1583.

Quellen

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