JUSTINGEN
I.
Über die ma. Burg J. sind aufgrund der späteren Überbauung kaum substantielle Aussagen möglich. Obwohl keine Keramikfunde vorliegen, die dies bestätigen könnten, geht die Forschung davon aus, daß die Burg mit den ältesten gen. Justingern noch ins späte 11. Jh. dat. Positiv belegt ist das castrum zum Jahr 1216. Bei der reichspolitisch herausragenden Stellung der Herren von J. ist ohne weiteres davon auszugehen, daß dem Geschlecht um 1200 eine wenigstens rudimentäre Hofbildung und der Aufbau einer eigenen, auf Burg J. hin zentrierten Ministerialität gelungen war. Dies deutet sich etwa darin an, daß nur etwa 250 m südöstlich von Hohenjustingen die Ministerialenburg Studach stand, auf der i.J. 1216 die Brüder Otto und Albert von Studach als Dienstleute der Justinger saßen. Die Burg Studach dürfte noch Ende des 12. Jh.s errichtet worden sein, sie ist aber früh, viell. schon in den Kämpfen um 1235 wieder verschwunden. Auch die Herren von Stadion waren zeitweilig Lehensleute der Justinger. Die Burg J. erfüllte somit im frühen 13. Jh. (bis in die Zeit um 1235) eine Zentralfunktion mit rudimentären Formen von Hof- und Res.bildung. Diesen Charakter dürfte sie aber mit ihrer (Teil-) Zerstörung 1235/36 verloren haben. Im SpätMA sank die Burg J. auf den Rang einer einfachen Niederadelsburg zurück, deren Bewohner sich in den Dienst der großen Landesherrschaften stellten (Württemberg, Vorderösterreich).
Zwischen 1345 und 1494 besaß die Weinberger Linie der Herren von → Stöffeln durch Einheirat die reichsfreie Herrschaft J. Für drei Jahre gehörte die Herrschaft Ulrich und Wilhelm von Stotzingen. Von 1497 bis 1530 war sie in der Hand der bedeutenden Herren von Bubenhofen, die in dieser Zeit jedoch einen dramatischen Niedergang erfuhren und J. an die Herren von Freyberg abstießen. Aus Bubenhofenscher Zeit stammt mit dem Justinger Urbar von 1497 das älteste erhaltene Lagerbuch der Herrschaft. Mit den Herren von Freyberg, die hier seit 1530 residierten, verbindet sich eine späte Blüte der Burg J. Nach einer verloren gegangenen Inschrift begann Georg Ludwig von Freyberg bereits in den 40-er Jahren des 16. Jh.s auf dem Terrain der älteren Burg, die dem Verfall preisgegeben wurde, mit dem Bau einer vierflügeligen Renaissanceanlage, die 1567/69 fertig gestellt war und die in der schwäbischen Schlösserlandschaft zwischen württ. Renaissance und den gegenreformatorisch inspirierten Renaissanceschlössern des Meßkircher Typs eine Mittlerfunktion einnahm. Von Interesse ist, daß im Schloß J. während dieser Zeit der schles. Reformator Caspar von Schwenckfeldt (1489-1561) seine letzten Lebensjahre verbrachte, nachdem er bei den zur Reformation übergetretenen Frh.en von Freyberg Asyl gefunden hatte. Das Schloß J. bestand aus drei Geschossen und verfügte über einen Innenhof mit Laubengängen. Der vierte Flügel war praktisch auf diesen Laubengang reduziert, von dem aus auf den oberen Stockwerken die einzelnen Räume erschlossen waren. Zum Haus gehörten mehrere beheizbare Stuben, zahlr. Schlafkammern, ein großer repräsentativer Saal im ersten Obergeschoß und eine Hauskapelle. Im 18. Jh. ist ein Billardzimmer nachgewiesen. 1751 erwarb Württemberg Herrschaft und Schloß J. Das Schloß J. war zwar ein beeindruckendes Bauwerk von großem kunsthistorischem Interesse. Es erfüllte jedoch trotz seines repräsentativen Charakters kaum noch eine Res.enfunktion. Dazu fehlte den Frh.en von Freyberg trotz ihrer regionalen Bedeutung der »Hof«. Die Tatsache, daß im Zuge barockisierender Umbaumaßnahmen zwischen 1697 und 1717 der ehem. Prunksaal zum Opfer fiel, verweist darauf, daß auf J. nicht mehr öffentlich wirksam repräsentiert wurde. Im Jahr 1834 wurde das beeindruckende Renaissanceschloß, jetzt nur noch baufällige Nebenres. des Hauses Württemberg, abgebrochen.