ISENBURG
I.
Gelsterbach (830/50); Gelstrebach (880); Kelsterbach (1275); Kelsterpach (1581). Hsch. und Wildbann Dreieich der Herren von Hagen, dann von Münzenberg; 1255 an die Herren von → Falkenstein, 1420 an die Herren seit 1442 Gf.en von I., 1556 Gf.en von I.-Ronneburg. – Schloß am Main (heute verschwunden) – Res. 1566-1597, 1600 an die Lgfschaft Hessen verkauft – Hessen, Lkr. Groß-Gerau, Stadt (seit 1952) K.
II.
Bei der Teilung in der Ronneburger Linie 1565 fiel dem mittleren Bruder, Gf. Wolfgang (1533-1597), das Amt Langen in der Dreieich nebst Außenbesitz in der Wetterau zu, darunter ein Anteil an Schloß Cleeberg, der bereits als Wittum für seine Frau vorgesehen war. Da in seinem Lande kein größerer Ort, nicht einmal ein zur Hofhaltung geeignetes Gebäude vorhanden war, entschloß sich der Gf. zu einem völligen Neubau und wählte dazu ein Gelände beim Dorf K. in anmutiger Lage am Mainufer, in Sichtweite der kurmainzischen Stadt Höchst. Die ersten Werkverträge für ein Bauvorhaben, das eigtl. zu den finanziellen Mitteln in keinem Verhältnis stand, wurden 1566 geschlossen. Bei oft längeren Unterbrechungen wurde das Vorhaben erst zwei Jahrzehnte später zu Ende geführt. Die »Wolfenburg«, wie sie gen. wurde, erregte schon die Bewunderung der Zeitgenossen, der englische Reisende Thomas Coryate verglich sie 1608 mit dem Heidelberger Schloß.
Leben und politische Laufbahn des Gf.en machen die baulichen Ambitionen verständlicher. Der 1533 geb. Wolfgang wurde 1540 zur Erziehung an den nassauischen Hof Wilhelms »des Reichen« in Dillenburg geschickt, wo er als Spielgefährte von dessen gleichnamigem Sohn aufwuchs. Als dieser 1544 das kleine Fsm. Orange in Frankreich erbte und sich nun Prinz von Oranien nannte, folgte ihm Wolfgang in die südlichen Niederlande, wo er an den Höfen Breda und v.a. Brüssel unter der Aufsicht der Statthalterin und Schwester Karls V., Maria von Ungarn, span. Etikette und Großmachtpolitik kennenlernte. Nach der Rückkehr 1550 in die Heimat schlossen sich einige Jahre später Feldzugerfahrungen in Diensten der Spanischen Niederlande und später immer wieder wichtige diplomatische Missionen im Auftrag des Reiches an, v.a. unter dem ihm verbundenen Ks. Maximilian II.
Wolfgang hatte 1561 Gf.in Johanna von → Hanau-Lichtenberg geheiratet, der er als Provisorium Frauengemächer über der Kapelle im Stammschloß → Büdingen einrichtete. Kurzzeitig hat das Paar auch auf der → Ronneburg gelebt. Als die Arbeiten an Schloß K. in vollem Gange waren, zerbrach die Ehe und wurde 1573 geschieden, ein Sohn aus der Verbindung hatte nicht überlebt. Wolfgang ging noch zwei weitere Ehen ein, ohne Nachkommen zu erhalten. Die Funktionen des bisherigen Mittelpunktes Langen, Ort des alten »Maigerichts« für den Forst Dreieich, wurden nach K. verlegt, das auch Sitz des Amtmanns und Kellers wurde. Eine bedeutende Hofhaltung hat sich dennoch nicht entwickelt, viell. wg. der häufigen Abwesenheit des Gf.en. Auch der dörfliche Charakter K.s dürfte sich kaum verändert haben. Nach dem Tode des älteren Bruders Georg fiel Wolfgang u. a. dessen steckengebliebener Schloßbau in → Meerholz zu, den er wieder in Angriff nahm. 1583 vollzog der lutherische Gf., der in früher Jugend noch die niederen Weihen eines katholischen Domherrn erhalten hatte, den Konfessionswechsel zum Kalvinismus und setzte mit Unterstützung der Kurpfalz reformierte Pfarrer ein. Als Wolfgang am 20. Dez. 1597 starb und in der K.er Schloßkapelle beigesetzt wurde, fiel sein Territorium an den jüngsten der Brüder, Gf. Heinrich. Dieser kehrte als kämpferischer Lutheraner die kirchlichen Verhältnisse sogleich wieder um. Mehr noch, als letzter der Ronneburger Linie, aus der keine männlichen Nachkommen vorhanden waren, und mit dem Birsteiner Vetter Wolfgang Ernst als Haupterben tief verfeindet, verkaufte er im Juni 1600 das Amt Langen mit dem K.er Schloß an Landgf. Ludwig V. von Hessen-Darmstadt, vorgeblich um das lutherische Bekenntnis zu sichern, aber wohl auch wg. der durch den Schloßbau entstandenen erheblichen Schuldenlast. Am 31. Mai 1601 ist Gf. Heinrich dann verstorben. Der Vetter Wolfgang Ernst focht den dem Hausgesetz von 1517 strikt zuwider laufenden Vertrag und die milit. Besetzung durch Hesse-Darmstadt vergeblich an. Der lange Streit vor den höchsten Reichsgerichten endete erst 1710 in einem Vergleich mit Hessen, gänzlich zuungunsten des → Isenberger Gf.enhauses. Das K.er Schloß war zu diesem Zeitpunkt im Kriegsgeschehen des 17. Jh.s längst untergegangen.
III.
Von Schloß K. blieb nur das Sockelgeschoß als Terrasse erhalten, die später in Teilen wieder bebaut wurde. Einige Ansichten des 17. Jh.s, darunter von Matthäus Merian und v.a. Wenzel Hollar, übermitteln aber ein genaueres Bild, und in den Archiven → Birstein und Darmstadt blieben umfangr. Bauakten erhalten. 1566 erhielt der Steinmetzmeister Georg Münster ein Geding, 1568 avancierte er zum leitenden Werkmeister. Er sollte den Steynen Baw, den Haupttrakt mit beidseitigen Rundtürmen und Wendeltreppen aufführen. 1567 sind Seegräber für die Außenanlagen, aber auch schon Zimmerleute gen. Die Werksteine wurden aus den Büdinger Sandsteinbrüchen über den Mainhafen bei Kesselstadt geliefert, die Hausteine dagegen u. a. aus Brüchen im mainzischen Amt Steinheim. Nach Unterbrechungen wurden die Arbeiten 1575 wiederaufgenommen, nun unter häufiger Beratung durch den Flamen Jörg Robin, inzwischen Hofbaumeister des Kf. von Mainz, der auch den Einkauf von Tannenstämmen aus den fränkischen Bm.ern und dem Schwarzwald organisierte. Ab 1576 lag die Bauleitung bei Jacob Stupanus (Stoppaino), »welscher Maurer« aus Grossoto, einem Städtchen im Veltlin, der auch am kurmainzischen Schloß in Höchst und auf der → Ronneburg nachzuweisen ist. 1581 wurde mit der Umwallung und gemauerten Gräben begonnen, das Schloß erhielt dadurch Festungscharakter. Aus den Quellen sind weitere Gebäude zu erschließen, wie Schloßkirche, Kellerei, Marstall, Kelterhaus, Schneiderei und kleinere Bauten wie Pfortenhaus, Backstube oder Waschhaus.
Literatur
Decker, Klaus-Peter: Die Mitwirkung Georg Robins am Schloßbau zu Kelsterbach am Main, in: Mainzer Zeitschrift 81 (1986) S. 63-67. – Decker, Klaus-Peter: »Hohe Schule« oder »Frauenzimmer«? – Die Aufstockung der Büdinger Schloßkapelle und die Heirat des Grafen Wolfgang zu Ysenburg-Büdingen im Jahre 1561, in: Büdinger Geschichtsblätter 18 (2004/05) S. 55-100. – Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 4: Hessen, 3. Aufl., Stuttgart 1976, S. 265 f. – Heimatbuch Kelsterbach Bd. 1: Heimatkundliche Beiträge zur Geschichte von Kelsterbach, hg. von Gustav Steubing u. a., Kelsterbach 1986. – Knöll, Jakob: Geschichte der alten Wolfenburg bei Kelsterbach, in: Landschaft Dreieich, 2. Folge, 34 und 35 (1941) S. 133-136, 139 f. – Laun, Karl/Steubing, Gustav: Die Wolfenburg. Entstehung und Untergang des Kelsterbacher Schlosses, Horb am Neckar 1991 (Heimatkundliche Beiträge zur Geschichte von Kelsterbach, 15). – Melville, Ralph: Kelsterbach am Main, in: Wenzel Hollar 1607-1677. Reisebilder vom Rhein. Kat. der Ausstellung, Mainz 1987, S. 132-133.