Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ISENBURG

C. Birstein

I.

Castrum Birsenstein (1279); Birstheyne (1438); Birsteyn (1503); Biersteyn (1603). – Burgsiedlung und Dorf – fuldisches Gericht Reichenbach unter Vogtei der Herren von Büdingen; nach mehrfachem Besitzwechsel als fuldisches Lehen an die Gf.en von I. – Spornburg, Ausbau in mehreren Etappen um drei Innenhöfe zum Schloß – Res. 1521 (1744 Reichsfs.enstand) bis 1815, noch heute von der Familie der Fs.en von → Isenburg bewohnt. – Hessen, Main-Kinzig-Kr., Gmd. B.

II.

Schloß B., auf einem steilen Bergsporn am Zusammenfluß von Reichenbach und Riedbach gelegen, wurde wohl im frühen 13. Jh. erbaut, als Sicherungsburg des zum Kl. Fulda gehörigen Gerichts Reichenbach, das mit einer sehr alten Großpfarrei identisch ist. Der frühe Name Birsenstein verweist viell. auf jagdliche Funktionen innerhalb des den Herren von → Büdingen zustehenden Wildbanns. An der flachen Nordseite entwickelte sich aus der Vorburg eine Siedlung, mit dem zugehörigen Unterdorf im westlichen Tal. Dieser Flecken mit seinen Bewohnern findet erstmals 1372 Erwähnung.

Die Burg dürfte im Vogteibesitz der Herren von Büdingen gewesen zu sein, da Konrad von Trimberg als Ganerbe Burg Birsenstein und die Vogtei Reichenbach 1279 als Heiratsgut für seine Schwester Lukarde an deren Gatten Gf. Heinrich von Weilnau als fuldisches Lehen abtrat. Das gewachsene Interesse der Isenburger zeigte sich, als sie Anteile am Gericht und der zugehörigen Burg 1332 von → Hanau als Heiratsgut und 1335 von Trimberg durch Kauf erwarben und Heinrich von Isenburg daraufhin zur Absicherung seine Hälfte von burg und hus mit der vorburge dem Mgf.en Wilhelm von Jülich als Lehen auftrug. 1358 wurde zwischen → Isenburg und den Gf.en von Weilnau als Mitbesitzern ein Burgfriede errichtet. Dann dauerte es noch fast ein Jh., bis 1438 Diether von Isenburg den fehlenden Anteil am Schloß von Gf. Adolf von Weilnau erwerben konnte und schließlich Hans von Wallenstein 1458 auf die letzten Weilnauer Ansprüche verzichtete.

Burg B., baulich noch eine recht bescheidene Anlage, wurde Verwaltungssitz für die neuen östlichen Teile der Gft. Von hier aus betrieb Junker Diether von Isenburg, ein Halbbruder und enger Vertrauter des regierenden Gf.en Ludwig, als Amtmann zwischen 1472 und 1503 eine erfolgreiche Politik des Landesausbaues, u. a. durch Rodungen und späte Dorfgründungen in der Gerichten Spielberg und Reichenbach. Zu seinem Sprengel gehörten auch die kleine Burg Spielberg als Mittelpunkt des gleichnamigen Gerichts und die in der Stiftsfehde zerstörte Burg Bracht, die seit 1469 zur Gänze an Isenburg kam, aber bewußt nicht wieder aufgebaut wurde. Im Zuge der Vereinheitlichung der Verwaltung und Rechtsprechung wanderte der alte Gerichtsmittelpunkt vom fuldischen Fronhof in Unterreichenbach in die Burg B. Diese hatte in ruhigen Zeiten die übliche kleine Besatzung, 1503 werden zwei Türmer, zwei Wächter auf den Mauern und der Pförtner gen.

Im Erbbrüdervertrag von 1517 kam das Gericht Reichenbach mit der Burg an den mittleren der Brüder, Gf. Diether (II.), der seinen Sitz in → Wächtersbach nahm. Nach dem schon 1521 erfolgten Tod fiel B. durch Los an den Gf. Johann, der noch ein zusätzliches Baugeld von 1200 Gulden erhielt, da der Zustand des an Philipp gehenden Schlosses → Wächtersbach für besser angesehen wurde. Johann, der aus seiner 1516 geschlossenen Ehe mit Anna von → Schwarzburg bald Nachkommen erhielt, faßte für seinen »Stamm« B. als Res. ins Auge, dieweil sie sonst keinen bequemen Orth zu machung eines gräflichen Sitzes oder Behausung in irem zuertheilten Theyl der Herrschaft derzeit gehabt. Er scheint aber B. selbst nicht bewohnt zu haben, sondern baute zunächst seinen Teil im Stammschloß → Büdingen für seine Bedürfnisse aus. Nach seinem Tod 1533 bezog seine Frau Anna Assenheim als Wwe.nsitz mit einer bescheidenen Hofhaltung. Von den noch unmündigen Kindern wurde der älteste Sohn Reinhard am Hof seines Vormunds, Lgf. Philipp von Hessen, in Kassel erzogen. Als er 1541 die Regierung antrat, bezog er B. und begann mit dem Ausbau, der unten zu schildern ist. Während sich Reinhard der Reformation Luthers öffnete und im Schmalkaldischen Krieg aktiv auf der Seite Landgf. Philipps stand, wurden zwei jüngere Brüder noch mit Domherrenstellen versorgt. Sie hatten aber nicht auf die Herrschaft und damit ihre Nachfolgerechte verzichtet. Daher errichteten sie i.J. 1554 einen gemeinsamen Burgfrieden für B. und die anderen Schlösser, nämlich Wenings, Assenheim und die Anteile an → Büdingen und Dreieichenhain. Nach der Teilung der Dreieich mit der Ronneburger Linie 1556 kehrte Gf. Philipp in den weltlichen Stand zurück und heiratete 1559 Ehrengard Gf.in von → Solms-Braunfels. Ihnen wurde daraufhin Schloß B. eingeräumt, während Reinhard in die Res. Offenbach übersiedelte. Philipp, der auch den Anteil am Stammschloß in → Büdingen übernahm, hat B. bis zu seinem Tode 1596 bewohnt. Auch sein Sohn Wolfgang Ernst, der alle Schlösser wieder in seiner Hand vereinigte, hat B. als Hauptwohnsitz beibehalten und hier auch seine neuen Regierungskollegien angesiedelt. Der Flecken B. wurde nicht zur Stadt erhoben und hat auch keine urbanen Strukturen entwickelt. Als der B.er Teil 1718 mit Offenbach vereinigt wurde, zogen die zentralen Regierungsbehörden in die Res. am Main um.

III.

Teile der älteren Burganlage blieben in dem um das innere »Höfchen« gruppierten Baubestand, v.a. im »Küchenbau« erhalten. Ein Rest des ursprgl. Bergfrieds auf einer Felsrippe bildet das Untergeschoß des mehrfach überformten Turmes. Trotz Verbesserungen der Wohnqualität, so wurden 1503 die Große Stube und eine Stube bei der Kapelle mit Kachelöfen und Glasfenstern ausgestattet, wird B. bei der Teilung 1521 ein unerpauwen, verfallen Hauß gen. In den Jahren nach 1527 sind Arbeiten am »Neuen Bau« belegt, dem späteren Fs.enbau, bis heute der eigtl. Wohnflügel des Schlosses. Gf. Reinhard, der B. 1541 mit Antritt der Eigenregierung bewohnte, entfaltete eine rege Bautätigkeit; es heißt, er habe das Schloß um schöne neue Gebeuen vnd Kemnaten erweitert und zu einem bequemen Gravensitz eingerichtet. Die Außenwerke wurden auf den Stand der Zeit gebracht und für die schwierige Wasserversorgung zusätzlich zu einem Tiefbrunnen 1542 eine »Wasserkunst« von Talgrund aus betrieben, die erst 1775 durch eine Quellwasserleitung ersetzt wurde. Der Umbau des älteren Küchenbaus 1549-1551 wird in der Kunstgeschichte wg. der Fensterformen Meister Asmus zugeschrieben, der am Hanauer Schloß in → Steinau gewirkt hat, doch gibt es dafür keine Quellenbelege. Im Äußeren weitgehend erhalten blieb der Kapellenbau von 1555, die im Mittelgeschoß gelegene Kapelle selbst ist jedoch verschwunden. Da Burg B. rechtlich nicht in den Büdinger Wald eingeforstet war, gab es um das Bauholz einen langen Streit. Unter Gf. Philipp und stärker noch dessen Sohn und seit 1592 Mitregent, Gf. Wolfgang Ernst, ging die Bautätigkeit weiter. 1592 errichtete Meister Hans Eckel von → Büdingen einen Kanzleibau für die Regierungsgremien, um 1600 kam ein großer Marstall mit darüber liegender Rüstkammer hinzu. 1603 wurde ein neuer Wohntrakt erstellt, der mit Rollwerk und Pilastern geschmückte Schweifgiebel erhielt. Im Innern ist eine reiche Ausstattung belegt, so im großen Hirschsaal mit einem prachtvollen Kamin von Hans Büttner. Zahlr. weitere Büdinger Handwerker, wie die Steinmetzen Jost Scherf oder Diel Wallrab werden dabei erwähnt, aber auch Künstler von auswärts wie der Frankfurter Bildhauer Heinrich Thomas. Bei wachsender Kriegsgefahr wurde ab 1620 unter Leitung von Baumeister Joachim Rumpf ein bastionärer Ausbau der Vorwerke eingeleitet.

Im 18. Jh. erfolgten dann grundlegende Umbauten in den Formen eines schlichten Barock, welche die Renaissancearchitektur der um drei Höfe gruppierten Anlage weitgehend eliminierten. An die Stelle des alten Pfortenbaus rückte 1733/34 der von dem Hanauer Baumeister Christian Ludwig Hermann entworfene Kanzlei- und Archivbau. Zwischen 1763 und 1768 errichtete Johann Wilhelm Faber, nassauischer Hofbaumeister zu Usingen, den Neuen Bau, vornehmlich zu repräsentativen Zwecken der 1744 in den Reichsfs.enstand erhobenen Familie. Die Raumfolge mit Sälen und Kabinetten findet ihre Krönung im Weißen Saal mit feinsten Stukkaturen. Die Hoffront, auch der Vorhof mit dem von Schloß Langenselbold dorthin überführten Brunnenbecken, erhielten erst Anfang des 20. Jh.s ihre heutige Gestalt. Im 19. Jh. schon waren die älteren Befestigungen und die Wälle im Burgberg beseitigt worden.

Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Bd. 1: Kreis Gelnhausen, bearb. von L. Bikkell,. Marburg 1901, S. 125-138. – Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen, Tl. 2: Regierungsbezirk Darmstadt, bearb. von Folkhard Cremer, München u. a. 2008, S. 92-94. – Dielmann, Karl: Schloß Birstein. Bergfeste – Renaissanceschloß – Fürstensitz, in: Büdinger Geschichtsblätter 2 (1958) S. 109-122. – Wolf, Inge: Christian Ludwig Hermann – Baudirektor am Hanauer Hof, in: Hanauer Geschichtsblätter 30 (1988) S. 445-555.