Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HOLSTEIN-SCHAUMBURG-GEMEN

A. Holstein-Schaumburg-Gemen

I.

Die Gf.en von Schaumburg werden erstmals 1110/11 erwähnt, als Adolf I. von Schaumburg von Hzg. Lothar von Süpplingburg als Gf. von Holstein und Stormarn eingesetzt wurde. Adolf I. begründete das ältere Haus, das seinen namengebenden Stammsitz an der mittleren Weser hatte. In der fünften Generation kam es unter den Brüdern Johann I. und Gerhard I. zu einer ersten Landesteilung in Form einer Mutschierung. Real geteilt wurde dann 1273 unter den Söhnen Johanns I.: den Gf.en Adolf V. und Johann II.; dabei gilt Johann I. als eigtl. Begründer der Kieler Linie, die aber schon 1321 ausstarb. Unter den Söhnen Gerhards I. kam es 1304 zu einer weiteren Landesteilung: Gerhard II. begründete die Plöner Linie, die mit Adolf IX. 1390 erlosch. Heinrich I. begründete das Haus Holstein-Rendsburg, das unter Gerhard III. 1326 erstmalig die Schleswiger Hzg.swürde erwarb und mit Adolf XI. 1459 ausstarb. Adolf VI. erhielt bei der Landesteilung Holstein-Pinneberg und das Stammland an der Weser. Er ist Stammvater des jüngeren Hauses Schaumburg, aus dem das Haus H.-S.-G. hervorging.

II.

Als erster Vertreter der Edelherren von → Gemen erscheint Bernhard von → Gemen in einer undatierten Urk. Bf. Burghards von Münster (1098-1118). Eine dynastische Erbfolge ist ab Goswin II. (um 1230-1250) nachweisbar. Unter Gottfried II. ist das Lehnsverhältnis der Edelherren von → Gemen zu den Gf.en von Kleve erstmals urkundlich fixiert (1280). Letzter männlicher Vertreter der Edelherren von → Gemen war Heinrich IV, seit 1439 verh. mit Anna von Wevelinghoven. Dieser Ehe entstammten zwei Töchter: Katharina, seit 1458 verh. mit Gf. Arnold von → Bentheim-Steinfurt und Cordula, auch Karda gen. Diese war in erster, 1457 geschlossener, kinderloser Ehe mit Goswin von Stecke, Erbmarschall des Hzg.s von Kleve, verh. Er starb 1475.

III.

Der jüngste Sohn Ottos II., Johann IV., Gf. von Holstein-Schaumburg und → Sternberg heiratete 1476 Karda. Johann IV. wurde um 1450 geb., regierte zwischen 1498 und 1526 als Mitregent seines Bruders Anton und bis zu seinem Tod 1527 alleine sämtliche Besitzungen. Nach dem Tod seines Schwiegervaters Heinrich IV. von → Gemen 1492 wurde Johann IV. in dessen Nachfolge zum Zütphener Landdrosten ernannt. Er erhielt dazu die Herrschaft → Gemen und die Pfandschaft Vest Recklinghausen. 1506 wurde Johann IV. vom Hzg. von Kleve mit der Herrschaft → Gemen und der Vogtei über das Stift Vreden belehnt. Die Ehen der älteren Brüder Johanns IV. blieben kinderlos. Aus der Ehe mit Karda entstammte als einziges Kind Jobst I., der 1506 Maria Gf.in von → Nassau-Dillenburg heiratete und damit die Verwandtschaft des Hauses Holstein-Schaumburg mit dem späteren Haus Oranien begründete. Jobst I. wurde 1483 geb. und erhielt 1512 von seinem Vater die Herrschaft → Gemen, und regierte zwischen 1527 und 1531 auch die Stammlande. Aus der Ehe mit Gf.in Maria gingen 12 Kinder hervor. Der älteste Sohn Adolf XII., geb. 1511, besaß eine Reihe von geistlichen Ämtern, die er auch behielt, als er 1531 die Regierung von seinem Vater übernahm. Schaumburg und → Gemen gehörten dem Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis an und wurden in den Matrikel auch gemeinsam veranlagt. 1533 wurde Adolf XII. Koadjutor des Kölner Ebf.s Hermann V. Im Jahr 1544 verzichtete er zugunsten seines Bruders Otto IV. auf seine Primogeniturrechte, behielt aber die Herrschaft über → Gemen. 1546 wurde Adolf  XII. dann von Hzg. Wilhelm von Kleve mit der Herrschaft → Gemen und der Vogtei über Vreden belehnt. Von 1547 bis zu seinem Tod 1556 war er Ebf. von Köln. Anton, ein Bruder Adolfs  XII., wurde nach dessen Tod 1556 Regent der Herrschaft → Gemen und der Pfandschaft Recklinghausen. Auch er behielt diese zur finanziellen Absicherung als er im selben Jahr in der Nachfolge seines Bruders zum Ebf. von Köln gewählt wurde. Die übrigen Söhne Jobst I. teilen 1557 im Vertrag von → Stadthagen die Herrschaft: Otto IV. überließ seinem unverheirateten Bruder Erich das Vest Recklinghausen, Jobst II. erhielt die Herrschaft → Gemen und Ernst die Herrschaften Kruckenburg und Schlangenholz. Jobst II. war vor 1524 geb. worden. Er ist der Begründer des Hauses Holstein-Schaumburg-Gemen. Jobst II. engagierte sich für seinen Vetter, Wilhelm von → Nassau-Dillenburg, Prinz von Oranien. Infolgedessen sammelten sich verschiedene Führer der Geusen in → Gemen, darunter auch Heinrich von → Brederode, der mit einer Enkelin Jobst I. verh. war. Aufgrund der Bedrohung durch die Spanier verlegte Jobst II. seine Res. zeitweilig nach Schloß Horneburg im Vest Recklinghausen. 1561 heiratete er Elisabeth von Pallant, der er → Gemen als Wittum verschrieb. Aus dieser Ehe entstammen sieben Kinder. 1562 wurde Jobst II. vom Hzg. von Kleve mit der Herrschaft → Gemen und der Vogtei über Vreden belehnt. Nach dem Tod seines Bruders Erich gelangte die Pfandschaft Recklinghausen zunächst an → Gemen und 1571 an Otto IV. 1567 wurde Recklinghausen wieder vom Ebm. eingelöst und ging so dem Haus Holstein-Schaumburg verloren. Otto IV. führte für Jobst II. die Regentschaft, als Wilhelm von Oranien 1572 Jobst II. zum Statthalter von Ostfriesland ernannte. Unter der Herrschaft Jobsts wurden verschiedene jüdische Familien in → Gemen ansässig und der Kalvinismus eingeführt. Jobst II. starb 1581. Ihm folgte sein Sohn Heinrich V., der 1566 auf Schloß Horneburg geb. wurde. Sein Taufpate Heinrich von → Brederode vermachte ihm die Herrschaft Bergen bei Alkmaar (NL). Für ihn führte seine Mutter 11 Jahre lang die Vormundschaftsregierung, die ihr 1583 von Ks. Rudolph II. bestätigt wurde. Im Jahr 1592 heiratete Heinrich V. Mechthild von → Limburg-Stirum. Dieser Ehe entstammte der einzige Sohn, Jobst Hermann, der 1593 geb. wurde. Heinrich V. starb 1597. Die Vormundschaftsregierung für Jobst Hermann führte seine Mutter Mechthild unter zeitweiliger Beteiligung der Gf.en Hans-Otto und Hermann, den jüngeren Brüdern Heinrichs V., sowie ihres Bruders Erich zu → Limburg-Stirum. Mechthild wurde 1606 von Hzg. Wilhelm von Kleve mit der Herrschaft → Gemen und der Vogtei über Vreden belehnt. Nach dem Tod seines Vetters, Fs. Ernst von Holstein-Schaumburg, der 1622 kinderlos verstarb, regierte Jobst Hermann auch die übrigen Gebiete des Hauses Holstein-Schaumburg. Mit dem Tode Fs. Ernsts war das jüngere Haus Schaumburg im Mannesstamm erloschen. Jobst Hermann starb 1635. Ihm folgte in Schaumburg sein Vetter Otto V., ein Sohn Georg Hermannas, des jüngsten Sohnes Jobsts II. In → Gemen hingegen beanspruchte Agnes von → Limburg-Stirum, eine Schwester Mechthilds von → Limburg-Stirum, das Erbe. 1636 belehnte der Mgf. von Brandenburg in seiner Eigenschaft als Hzg. von Kleve Gf. Otto V. und Agnes von → Limburg-Stirum gemeinsam mit der Herrschaft → Gemen und der Vogtei über Vreden. Zwei Jahre später wurde Agnes allein mit → Gemen und Vreden belehnt. Im selben Jahr verkaufte sie mangels Rentabilität die Herrschaft Bergen. 1640 starb Otto V. Mit ihm ist das Haus Schaumburg im Mannesstamm in allen Linien erloschen. Die Herrschaft → Gemen brachte 1640 Agnes' Neffe Gf. Hermann Otto von → Limburg-Bronkhorst an sich und behauptet sie für sein Geschlecht bis zu dessen Aussterben i.J. 1800. Die Reichsunmittelbarkeit Gemens wurde vom Reichskammergericht i.J. 1700 anerkannt.

IV.

Das Wappen der Edelherren von → Gemen enthält auf einem Balken drei belegte Pfähle. Es findet sich in seiner ältesten Darstellung auf einem Siegel Gottfrieds II. von → Gemen (1284). Das Wappen der Gf.en von H.-S.-G. ist ein Allianzwappen. Im viergeteilten Schild ist im rechten oberen und im linken unteren Feld das Wappen der Gft. Sternberg, im linken oberen und im rechten unteren das Wappen der Herren von → Gemen. Das aufgelegte Mittelschild zeigt das Wappen der Gf.en von Holstein-Schaumburg.

Quellen

M. Cyriacus Spangenberg, Chronicon in welchem der Grafen zu Holstein, Schaumburg, Sterneberg und Gemen Namen, Herkommen, Genealogie, Friedens- und kriegstaten beschrieben werden. Stadthagen 1614. – Bei der Wieden, Helge: Schaumburgische Genealogie. Stammtafeln der Grafen von Holstein und Schaumburg – auch Herzöge von Schleswig – bis zu ihrem Aussterben 1640, 2. Aufl., Melle 1999.

Aschoff, Diethard: Zur Geschichte der Juden in der Herrschaft Gemen bis zum Ende des alten Reiches (1550-1803), in: Studien zur Geschichte des Westmünsterlandes (2007) S. 103-146. – Aschoff, Diethard: Isaak von Gemen (gest. 1605). Ein westmünsterländisches Judenschicksal in der frühen Neuzeit, in: Gemener Geschichten. Eine Sammlung von über 80 Aufsätzen, die in den letzten 100 Jahren zur Geschichte Gemens veröffentlicht worden sind, bearb. von Albert Storcks, o.O. 2003 (Schriftenreihe des Heimatvereins Gemen, 5), S. 137-147. – Dotzauer, Winfried: Die deutschen Reichskreise in der Verfassung des Alten Reiches und ihr Eigenleben (1500-1806), Darmstadt 1989. – Glässer, Johannes: Die Grafen von Schaumburg-Holstein und das Vest Recklinghausen. Diss. Phil. Münster 1930, in: Vestische Zeitschrift 38 (1931) S. 1-113. – Husmeier, Gudrun: Graf Otto IV. von Holstein-Schaumburg (1517-1576), Bielefeld 2002 (Schaumburger Studien, 60). – Krosenbrink, Henk: Der Achtzigjährige Krieg im Achterhoek in Lied und Gedicht, in: Zu den Auswirkungen des Achtzigjährigen Krieges auf die östlichen Niederlande und das Westmünsterland, hg. von Timothy Sodmann, Vreden 2002. – Küper Aloys: Die Haus- und Wirtschaftspolitik der Regenten über die Herrschaft Gemen. Diss. phil. Münster, Bocholt 1916. – Landsberg-Velen und Gemen, Friedrich von: Geschichte der Herrschaft Gemen, ihrer Herren und deren Geschlechter, Münster 1884. – Leenen, Hans: Die Herrschaft Gemen in Bildern und Dokumenten, Münster 1981. – Wallner, Emil: Die kreissässigen Territorien am Vorabend des Luneviller Friedens, Insbruck 1929. – Wolf, Manfred: Die Grafen von Schaumburg und die Herrschaft Gemen, in: Schaumburg und Welt. Zu Schaumburgs auswärtigen Beziehungen, hg. von Hubert Höing, Bielefeld 2002 (Schaumburger Studien, 61), S. 237-246.