Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HOHENZOLLERN

C. Haigerloch

I.

Haigerloch (kopial 17. Jh. zum Jahr 1095), Haigirlo, Haggerlo, Hegerlo (12. und 13. Jh.); der Name geht auf die Bezeichnung für ein Waldgebiet zurück (ahd. loh = Wald; die Silben davor sind wohl von ahd. heigir = Reiher abzuleiten). H., am östlichen Rand der fruchtbaren Ackerlandschaft des Oberen Gäus gelegen, gehört heute zum Zollernalbkreis. Die Stadt war 1576-1634 Res. der Gf.en von → Hohenzollern-H. und 1747-1769 des Fs.en Joseph Friedrich von → Hohenzollern-Sigmaringen.

II.

Die topographische Lage in einer doppelten Talschlinge des tief in den Muschelkalk eingeschnittenen Flüßleins Eyach prägt das Stadtbild. Die Stadt gliedert sich in eine Oberstadt auf einem schmalen, stark abfallenden Sporn links der Eyach und eine Unterstadt auf der Talsohle rechts der Eyach. Die Oberstadt ging aus dem Burgweiler einer erstmals 1095 gen. Burg hervor. Diese verlor spätestens im 14. Jh. die Funktion als Burg, nachdem um 1200 eine neue Burg auf der gegenüberliegenden Eyachseite errichtet worden war. Am Fuße dieser neuen Burg wurde noch in der ersten Hälfte des 13. Jh.s die Unterstadt angelegt.

Aufgrund der Topographie hatte die Stadt keine verkehrsgünstige Lage. Die einzige Durchgangsstraße, vom Schwarzwald nach → Hechingen führend, verlief durch die Oberstadt. In die Unterstadt mit dem Marktplatz konnte man von der Oberstadt über einen Steg gelangen, schwere Fuhrwerke mußten allerdings die Eyach durch eine Furt überqueren.

Ein Schultheiß und städtische Bürger werden erstmals 1237 urkundlich gen. Stadtgründer waren die Gf.en von Hohenberg, die teilw. nach H. benannt wurden, so der Minnesänger Albrecht II. von Hohenberg, der in der Manessischen Liederhandschrift als graf Albrecht von Heigerlov abgebildet ist. Stadterweiterungen (Vorstadt, Haag) erfolgten in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s. Oberstadt und Unterstadt bildeten im 14. Jh. aufgrund einer Erbteilung vorübergehend zwei getrennte Städte mit eigenen Siegeln und eigenen Verwaltungen. Zusammen mit der Gf.schaft Hohenberg gelangte H. 1381 an die Habsburger, die die Stadt jedoch mehrmals verpfändeten. 1497 tauschte sie Gf. Eitelfriedrich II. von → Hohenzollern gegen die Herrschaft Rhäzuns in Graubünden ein. Die mit der Stadt verbundene Herrschaft umfaßte um 1500 acht Dörfer, im 16. Jh. kamen zwei weitere Orte sowie das Schloß Ensisheim nördlich von Beuron hinzu.

Das Herkommen der Stadt wurde 1457 kodifiziert. Als der Gf. von → Hohenzollern seine für die Gft. erlassene Landesordnung einführen wollte, widersetzte sich die Stadt. Es kam 1551 zu einem Vergleich, der der Stadt umfangr. Selbstverwaltungsrechte beließ und die Anlage eines neuen Stadtbuches zur Folge hatte.

Kirchlich waren Oberstadt und Unterstadt getrennt. Die Oberstadt war nach Weildorf, die Unterstadt nach Trillfingen eingepfarrt, wobei die Pfarrer wohl schon seit dem SpätMA in H. wohnten und zumindest die Unterstadtkirche einen eigenen Friedhof hatte. Erst 1683 wurde eine einheitliche Stadtpfarrei errichtet. Juden sind seit dem 16. Jh. nachweisbar.

Zwischen 1517 und 1526 war H. Witwensitz der Wwe. des Gf.en Franz Wolfgang von → Hohenzollern. Dessen Sohn Christoph Friedrich hatte hier in den 1530er Jahren zusammen mit seiner nicht standesgemäßen Frau Anna Rehlinger seinen Wohnsitz.

Bei der Erbteilung von 1576 zwischen den Söhnen des Gf.en Karl I. von → Hohenzollern erhielt Gf. Christoph (1552-1592) die Herrschaft H. und die daran unmittelbar angrenzende, drei Dörfer umfassende Herrschaft Wehrstein zugesprochen. Christoph machte H., wo damals zwischen 600 und 700 Menschen lebten (1568: 137 Steuerpflichtige) zu seiner Res. Eine umfangr. Bautätigkeit ließ mit dem Schloß und der Schloßkirche eine ausgeprägte Res.architektur entstehen. In der Nähe von H. wurde ein Stück Freie Pirsch zu einem Lust- und Tiergarten eingezäunt.

Die H.er Linie der → Hohenzollern starb 1634 mit dem Sohn Gf. Christophs aus. H. fiel an die 1623 gefürstete Linie → Hohenzollern-Sigmaringen. Das Schloß wurde 1689 Wohnsitz des 1702 gefallenen Gf.en Franz Anton, eines jüngeren Sohnes des Fs.en Meinrad I. Unter dem Fs.en Joseph Friedrich war H. seit den 1740er Jahren bis zu dessen Tod 1769 Res. des regierenden Fs.en. Joseph Friedrich hatte im österr. Erbfolgekrieg Bayern unterstützt und gab dem allodialen H. den Vorzug vor dem österr. Lehen → Sigmaringen. Ein weiterer Grund waren die mit großen Wüdterwerthigkaitten mit seiner dritten Gemahlin. Bei dieser in Sigmaringen zu bleiben, war ihm wg. tief eingewurtzleter Aversion unmöglich.

III.

Das Residenzschloß liegt auf einem Bergsporn über der Unterstadt. Es geht auf eine ma. Burg zurück, die ab 1580 auf Veranlassung Gf. Christophs zu einem Renaissanceschloß ausgebaut wurde. Bis 1585 war der Schloßhauptbau fertiggestellt. Dazu verlängerte man ein bestehendes Gebäude im W der Anlage nach N und baute an dessen Südostecke rechtwinklig einen Südflügel an sowie – zur Stadt hin vorgelagert – einen Treppenturm. Der Bau war mit Erkern an den Gebäudeecken versehen und mit einem Walmdach eingedeckt. Nördlich des Hauptbaus wurden Nebengebäude als Abschluß des Schloßhofes gruppiert (im W Zehntscheune mit Treppenturm zum Hof hin, daran anschl. im N ein Torturm mit Glocke und Uhr, die Hofkaplanei mit Schmiede und die sog. Obervogtei mit Remise und Pferdestall im Erdgeschoß). Beim Schloß wurde ab 1584 mit der 1609 geweihten Schloßkirche ein repräsentatives Gotteshaus errichtet, das Grablege für Christoph und seine Frau Katharina von Welsperg wurde. Die Bauausführung lag in den Händen des Steinmetzen Hans Stockher aus Rottenburg am Neckar und seines Mitarbeiters Martin Schill aus → Sulz.

Fs. Meinrad I. ließ das Schloß nach 1662 durch den Vorarlberger Baumeister Michael Beer umformen und erweitern. Das heutige äußere Erscheinungsbild geht im wesentlichen auf diese Bauphase zurück. Der Hauptbau verlor seine Erker, wurde um ein Stockwerk erhöht und erhielt nun ein Satteldach mit drei Giebeln. Die Fenster wurden vergrößert, Saal und Tafelstube erhöht. Zwischen Südflügel und Schloßkirche wurde die sog. Burgvogtei errichtet, die 1861 allerdings abgebrochen werden sollte.

Ein weiterer Umbau erfolgte auf Veranlassung des Gf.en Franz Anton 1697-1702: Der Hauptbau erhielt Wessobrunner Deckenstuck, neue Türen mit Ziergewänden, neue Fußbodenbeläge und eine zweiläufige Treppe im Innern. Das im Nordwesten an den Hauptbau anstoßende Mitteltor wurde neu errichtet. Im nordöstlichen Schloßhofbereich entstand der sog. Neue Bau mit großem Saal. Außerdem erweiterte man den Schloßgarten.

Fs. Joseph Friedrich zog es vor, nicht im Schloß zu wohnen, sondern ließ sich im Haag ein bescheidenes Schlößlein errichten.

Kaum daß er seine Res. nach H. verlegt hatte, ließ er 1748 das Innere der Schloßkirche durch den Stukkateur Nikolaus Schütz aus → Landsberg und den Sigmaringer Maler Meinrad von Au neu gestalten. Auf den beiden seitlichen Mittelpfeilern des Langhauses stehen sich lebensgroße holzgeschnitzte Figuren des Gf.en Christoph und des Fs.en Joseph Friedrich vor Wandbildern gegenüber, die die Stadt H. bzw. die Stadt → Sigmaringen darstellen, und erinnern an die beiden Angehörigen des Hauses → Hohenzollern, die H. zu ihrer Res. machten.