HOHENLOHE
I.
Wichartesheim (9. Jh., Kopie 12. Jh.); Wichartthesheim (um 1100); Wikhartshein (1310); Wikkersheim (1374); Weickersheim (1375) – Stadt – Herrschaft W.; Gf.en von → Hohenlohe – Schloß – Res. mit Unterbrechungen vom 12. bis ins 18. Jh. – D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Stuttgart, Main-Tauber-Kr.
II.
W. (230 m NN) liegt im Winkel der Mündung des Vorbachs in die Tauber, inmitten einer altbesiedelten, vornehmlich durch Acker- und Weinbau geprägten Landschaft. In MA und Frühneuzeit passierte den Ort (1245 villa, 1321 stat, 1323 oppidum, 1332 burg und stat) eine vielfrequentierte Straße vom Main bei Miltenberg über Tauberbischofsheim und Mergentheim nach Rothenburg ob der Tauber. Neben drei schon im späten MA veranstalteten Jahrmärkten gab es seit 1580 einen wöchentlichen Getreidemarkt, auf dem freilich auch mit Wolle, Obst und Wein gehandelt wurde.
Alter fuldischer und komburgischer Besitz war seit 1244 vollständig in Händen der 1153 von W., dann von → Hohenlohe gen. Edelherren. Im Zuge eines Tauschhandels wurde die zuvor allodiale Herrschaft 1345 dem Kl. Fulda lehnbar gemacht; 1392 gelangte die Lehnshoheit durch Kauf an das Hochstift Würzburg. Seit dem ausgehenden 14. Jh. wiederholt versetzt, befanden sich Burg und Herrschaft von 1397 an im Pfandbesitz Konrad von Weinsbergs, der mit Anna von → Hohenlohe-W. vermählt war und dessen Tochter Elisabeth, verehelichte Hzg.in von Sachsen, in den 1430er Jahren hier residierte. 1449 wurde die Pfandschaft von den Rechberg übernommen, 1467 schließlich erfolgte die dauerhafte Wiederlösung seitens der → Hohenlohe. Zum herrschaftlichen Amt gehörten im 14. und 15. Jh. die Dörfer Königshofen, Rettersheim, Neubronn, Oberndorf, Rinderfeld und Wermuthausen (Main-Tauber-Kr.); ein hohenlohisches Zentgericht ist in W. seit 1360 bezeugt. Als Res. fungierte die Stadt seit dem letzten Drittel des 15. Jh.s, namentlich unter den Gf.en Gottfried (gest. 1497), Johann (gest. 1509), Wolfgang I. (gest. 1545), Wolfgang II. (gest. 1610) und Georg Friedrich (gest. 1645) sowie nochmals unter den Gf.en Siegfried (gest. 1684) und Karl Ludwig (gest. 1756).
Die ältere, seit 1219 bezeugte Pfarrkirche St. Georg (Diöz. Würzburg, X. Archidiakonat, Landkapitel Mergentheim) lag außerhalb der Ortschaft am Vorbach in Richtung Schäftersheim; erst 1418/19 entstand der noch heute existierende innerstädtische Neubau in der Achse des Marktplatzes. Ursprgl. dem Stift Haug in Würzburg zugehörig, wurde die Pfarrei 1289 dem Neumünsterstift daselbst inkorporiert. Daneben gab es in der Stadt und ihrer näheren Umgebung mehrere Kapellen: St. Lucia (1284), Jesu Christi (1300), Hl. Blut (1323), Hl. Kreuz und St. Ottilien. Für das Schloß sind zwei Kapellen nachgewiesen, die eine zu Ehren der Hl. Maria Magdalena (1296), die andere – gestiftet von Konrad von → Weinsberg – mit dem Patrozinium des Hl. Eucharius (1424). Eine Bruderschaft wurde 1403 durch die Herrschaft gestiftet. Zahlr. Universitätsbesucher aus W. seit dem späteren 14. Jh. lassen auf frühen Schulunterricht schließen. In den 1580er Jahren erhielt die örtliche Schule ein eigenes Haus. Die Reformation im Geiste Martin Luthers wurde seit 1541 eingeführt und fand 1556 ihren Abschluß.
III.
Von der Wasserburg des hohen und späten MAs ist außer den unteren Geschossen des runden Bergfrieds sowie Mauerresten im nördlich anschließenden Flügel nichts erhalten. Das heutige Erscheinungsbild des Schlosses ist geprägt von den Neubauten zur Zeit der Renaissance und des Barock.
Nach der 1586 in der Neuensteiner Hauptlinie vorgenommenen Erbteilung zog Gf. Wolfgang II. von → Langenburg nach W. und ließ, während er zunächst noch die nur provisorisch hergerichtete alte Burg bewohnte, südlich davon nach Plänen des Niederländers Georg Robin von den Baumeistern Wolfgang Beringer (Würzburg) und Jakob Stegle (Stuttgart) 1595 ein neues, prächtiges Schloß auf dreieckigem Grdr. (ca. 80 m Schenkellänge) beginnen, von dem allerdings bis 1605 nur der Südflügel (Saaltrakt) und der halbe Nordwestflügel mit Treppenturm und sechs prächtigen Rollwerkgiebeln zur Ausführung kamen. Auch der der Stadt zugewandte Ostflügel (Langenburger Bau) wurde 1595 begonnen; ob er schon damals bis zur Vollendung gedieh, anschl. dem Dreißigjährigen Krieg zum Opfer fiel und danach nur wiederaufgebaut wurde, ist nicht geklärt. Den Abschluß des Innenhofs nach Nordosten bilden die anspruchslosen Prinzessinnen- und Beamtenbauten, in denen noch Mauerreste der ma. Wasserburg stecken. Erst zwei Generationen später entstand 1679/84 unter Gf. Siegfried der bis heute existierende Ostflügel und davor, in der Achse von Stadtkirche und Marktplatz, ein repräsentativer Portalbau mit Marstall nach Entwürfen von Paul Platz (Belfort); zugl. wurde der alte Turm aufgestockt und mit einer markanten Haube bekrönt. Weitere Ausbaumaßnahmen, darunter namentlich die Anlage eines frz. Gartens (1708/23) und die Arkadenbauten zum Marktplatz hin (1729) erfolgten im 18. Jh.
Der unter Wolfgang II. vollendete Südflügel barg im Erdgeschoß das Archiv, die Hofstube und die Kapelle; im Norwestflügel waren unten die Küche, oben Wohnräume untergebracht. Nahezu das ganze Obergeschoß des Südflügels nimmt – flankiert von Tafelzimmer und Kapelle (Loge und Empore) – der prächtige, zwischen 1598 und 1605 entstandene Fest- oder Rittersaal ein (38 x 12 x 9 m), in dem sich stilistische Einflüsse aus den Niederlanden, Niedersachsen und Preußen verbinden. Seine im Dachstuhl aufgehängte Kassettendecke (Balthasar Katzenberger, Würzburg) zeigt Jagdszenen nach ndl. Vorlagen. Zwischen den Fenstern an den Längsseiten sind lebensgroße, farbig gefaßte Tierskulpturen angebracht (Gerhard Schmidt und Christoph Limmerich, → Königsberg). Dem aus Kalk geschnittenen Eingangsportal an der östlichen Stirnseite, das mit der Darstellung einer Türkenschlacht und des Hl. Georg geschmückt ist, entspricht auf der Westseite ein mächtiger Kamin aus Andernacher Tuffstein (Michael Junker, Miltenberg) mit dem Allianzwappen des Bauherrn und einem großen, die Herrschaft idealisierenden Relief; links und rechts davon ist zu je 32 Ahnen die Herkunft des Gf.en Wolfgang II. und seiner Gemahlin Magdalena von → Nassau-Dillenburg in farbigen Wappenstammbäumen dokumentiert. Die sonstigen Räume des Schlosses wurden im 18. Jh. gestaltet.
Die 1418/19 von Konrad von → Weinsberg gestiftete Stadtkirche wurde von den Gf.en Wolfgang II. und Georg Friedrich von → Hohenlohe erweitert und repräsentativ gestaltet, 1587/92 mit einem Frontturm und 1615/18 mit zwei den Chor flankierenden Türmen, die sich nach innen als Oratorien öffnen, alles in historisierenden Formen. Bereits 1437 wurde hier der kleine Hzg. Heinrich von Sachsen-Lauenburg, Weinsbergs Enkel, beigesetzt, 1452 Wilhelm von Rechberg und seit dem frühen 16. Jh. mehrere Angehörige des Hauses → Hohenlohe. 1603/06 entstand unter dem östlichen Mittelschiffjoch des Langhauses ein Gruftgewölbe für die Gf.en von → Hohenlohe-W. Die sonstige residenzspezifische Architektur um den Marktplatz dat. durchweg aus dem 18. Jh. An Gebäuden und Denkmälern in der Stadt sind vielfach hohenlohische Wappentafeln aus verschiedenen Jh.en angebracht.