Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HOHENLOHE

C. Öhringen

I.

Oringowe (1037); Oerengewe (1264); Orengau (1300); Öhringen (1652) – Stadt – Herrschaft Ö.; Gf.en von → Hohenlohe – Schloß – Witwensitz seit 1610; Res. seit 1677 – D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Stuttgart, Hohenlohekr.

II.

Die Stadt Ö. liegt in der Talaue der Ohrn (230 m NN), an der Stelle eines römischen vicus und zweier Kastelle des 2./3. Jh.s, unmittelbar hinter dem Obergermanischen Limes. In MA und Neuzeit trafen sich hier zwei Straßen von Heilbronn und Wimpfen kommend, weiter nach Schwäbisch Hall und Nürnberg. Die Stadtwerdung vollzog sich im 13. Jh. (1215 villa, 1253 stat). Neben Acker- und Weinbau florierte am Ort die Tuch- und Lederfabrikation, auch Salz- und Weinhandel trugen zum Wohlstand bei. 1360 wurde eine jährl., einwöchige Messe ksl. privilegiert; 1496 gab es insgesamt vier Jahrmärkte, ein Pferdemarkt ist seit 1582 bezeugt.

Mit dem 1037 hier gegr. Stift gelangte die Herrschaft in Ö., im Ohrnwald und in den Waldenburger Bergen von den örtlichen, mit den Saliern verschwägerten Gf.en (von Lauffen?) an das Hochstift Regensburg, dessen hiesige Güter und Rechte zunächst von den Gf.en von Komburg (bis um 1108) und schließlich seit um 1250 von den Herren von → Hohenlohe bevogtet wurden. Nach dem Ausscheiden der seit dem 13. Jh. ebenfalls beteiligten Weinsberger in der Mitte des 15. Jh.s waren die → Hohenlohe alleinige Stadtherren. Über alle Landesteilungen hinweg blieb die Stadt fortan im gemeinschaftlichen Besitz aller Linien des Gesamthauses; erst 1782 verkauften die Zweige der Waldenburger Hauptlinie ihre Anteile an die seit 1677 bestehende Linie → Hohenlohe-Oehringen, wodurch die Neuensteiner Hauptlinie in den alleinigen Besitz der Stadt gelangte.

Die Öhringer Pfarrkirche St. Peter und Paul (Diöz. Würzburg, VII. Archidiakonat, Landkapitel → Weinsberg), bei der das Kollegiatstift gegr. wurde, war von alters her das geistliche Zentrum für einen weiten Sprengel, der die südwestliche → Hohenloher Ebene und die Waldenburger Berge umfaßte. Die Zahl der Chorherren, die nur zum geringeren Teil dem Adel angehörten, scheint im Lauf der Jh.e nicht konstant gewesen zu sein; 1453 finden 24 Kanoniker und zehn Kapläne Erwähnung. Nach dem Scheitern erster reformatorischer Ansätze im Bauernkrieg, kamen mit der Berufung des Augsburger Theologen Caspar Huberinus als Stiftsprädikant seit 1544 entspr. Tendenzen neuerlich zur Geltung; die eigtl. Reformation erfolgte indes erst seit 1556. Aus der bereits für das 13. Jh. bezeugten Stiftsschule entwickelte sich unter dem Einfluß der Reformation eine Lateinschule (1692 Gymnasium), deren Ansehen weit ins Umland ausstrahlte. Daneben bestand seit dem 16. Jh. eine von der Bürgergemeinde getragene dt. Schule.

III.

Eine ma. Burg gab es in Ö. nicht, und ein Schloß wurde in der Stadt erst gebaut, als Magdalena von → Nassau-Dillenburg (gest. 1633) sich nach dem Tod ihres Gemahls Gf. Wolfgangs II. (gest. 1610) entschied, ihren Witwensitz hier zu nehmen. Nach Plänen Georg Kerns entstand daraufhin 1611/16 am südlichen Rand der Stadt, mit Front zum Marktplatz und in unmittelbarer Nachbarschaft der Stiftskirche ein ganz neuer, einflügelig-dreigeschossiger Schloßbau in Formen, die namentlich mit Blick auf die mit reichem Roll- und Beschlagwerk sowie Obelisken verzierten Giebel an → Langenburg erinnern. Der zur Ohrn und zur Stadtmauer hin gelegene Hof wurde durch gewölbte Substruktionen auf die nötige Höhe gebracht, wodurch zugl. Vorrats- und Wirtschaftsräume entstanden. Die Wohnung der Gf.in und der Saal lagen im ersten Obergeschoß, die Zimmer und Kammern ihres Hofstaats im zweiten. Im Erdgeschoß, beiderseits der Durchfahrt, waren die große und die kleine Hofstube, Aufenthaltsräume für das Personal sowie eine Bäckerei, die Küche und Speisekammern untergebracht. Über die Gasse zwischen dem Schloß und der Stiftskirche führte seit 1612 ein gedeckter Gang aus den gfl. Wohngemächern direkt in eine Loge gegenüber der Kanzel. Nachdem das Schloß seit 1677 unter Gf. Johann Friedrich I. und seinen Nachkommen zur Res. der neuen Linie → Hohenlohe-Neuenstein-Oehringen avanciert war, erfuhr es bis ins 19. Jh. noch mancherlei Erweiterungen nach W und S, wobei stets mit der Enge des zur Verfügung stehenden Raums gerungen werden mußte. Der 1717 jenseits der Stadtmauer, unterhalb des Schlosses angelegte und 1743 erweiterte Hofgarten wurde 1775 mittels einer großen Freitreppe zugänglich gemacht. Seit 1782 entstand als Erweiterung im O der Stadt die sog. Karlsvorstadt, ein repräsentativer, leicht gekrümmter Straßenzug mit Verwaltungs- und Wohngebäuden sowie Werkstätten und Gewerbebetrieben.

Die Stadt- und Stiftskirche St. Peter und Paul bildete spätestens seit der Mitte des 15. Jh.s das geistliche Zentrum der hohenlohischen Gft.en; in ihrem Blasturm war bis zur Gründung des Hohenlohe-Zentralarchivs das gemeinschaftliche Archiv des Gesamthauses untergebracht. Seit 1454 mit großen Ambitionen um- und neu gebaut (Hans von Urach, Bernhard Sporer), besteht sie aus einem behäbigen dreischiffigen Langhaus mit dichtem Netzrippengewölbe und einem wesentlich höher gelegenen, stark eingezogenen Chor mit reichem Figurenschmuck an Gewölbekonsolen und Schlußsteinen. In der dreischiffigen, kreuzrippengewölbten Krypta unter dem Chor stehen eine Tumba (1241) mit den Gebeinen der Stiftsgründerin Adelheid, der Mutter Ks. Konrads II., eine spätgotische Doppeltumba zum Gedenken an ältere Generationen der Herrschaft sowie zahlr. weitere Denkmäler. Beginnend mit Gf. Kraft VI. (gest. 1503) und seiner Gemahlin Helene von Württemberg (gest. 1506) diente die Kirche bis ins 20. Jh. zahlr. Angehörigen des Gesamthauses → Hohenlohe als Grablege. Davon zeugen nicht zuletzt viele bedeutende Grabdenkmäler des 16. bis 18. Jh.s an den Wänden des Chors, darunter Werke von Johann von Trarbach, Michael Kern (?), Melchior Schmid sowie Philipp Jakob und Georg Christoph Sommer.