HEWEN
I.
Die Herren von H. stammen mit großer Wahrscheinlichkeit von den Herren von Engen ab, die seit dem Jahr 1050 mit Adelbero und seinen Söhnen Burchard und Bertold im Gefolge der Gf.en von Nellenburg auftreten. Aus ihrer Zeugenschaft in Angelegenheiten der Nellenburger, aus ihrer Nähe zu den Zähringern in der Zeit vor 1100 wie durch ihre Beziehungen zu den Reformkl.n Allerheiligen in Schaffhausen und St. Georgen muß man schließen, daß die Herren von Engen offenkundig der gregorianischen Reform nahe standen. Auch wenn die Überlieferung zu den frühen Herren von → H. mit dem Jahr 1138 abbricht, erscheint es aufgrund besitzgeschichtlicher Erwägungen wie aufgrund des Fortlebens der Leitnamen Bertold und Burkhard wahrscheinlich, daß die nach 1174 auftretenden Herren gleichen Namens in direkter genealogischer Nachfolge des früheren Engener Adels standen. Zwischen 1174 und 1193 tritt ein Hegauadliger abwechselnd als Bertold von Engen bzw. als Berthold von H. urkundlich in Erscheinung. Dieser fließende Namenswechsel läßt darauf schließen, daß seine Familie in der Zeit um 1170/75 ihren Wohnsitz vom Dorf Engen auf den nahe gelegenen Hegauberg H. (846 m) verlegt hat. Dennoch nannte sich Bertold bis zum Jahr 1189 noch nach dem alten Sitz.
II.
Die Tatsache, daß die Familie im späteren MA zwei Äbte (Burkard Abt von Disentis, gest. 1248; Burkard Abt von Reichenau, gest. nach 1283), zwei Domdekane von Konstanz (Burkard 1254-1279; Rudolf 1274-1306) und zwei Bf.e von Konstanz (Burkard 1388-1398; Heinrich 1436-1462) hervorgebracht hat, wie auch die Tatsache, daß die Töchter des Hauses regelmäßig in gfl. Familien eingeheiratet haben (im Konnubium erscheinen die Gf.en von → Fürstenberg, Hohenberg, → Montfort, → Toggenburg und → Werdenberg) erweist den hohen Rang der Herren von H. Hierzu paßt auch der umfangr. Besitz der Familie.
Der Umfang der Herrschaft H. läßt sich zwar erst in einem Urbar aus der Zeit um 1400 genau beschreiben. Aber auch ältere Schenkungsurkk. bestätigen in etwa den später faßbaren Besitzsprengel der Herren von H. Demnach erstreckte sich ihr Besitz auf insgesamt 17 weit gestreute Orte im Hegau. Dieser Herrschaftsbereich war gesichert durch mehrere Burgen: zunächst durch die Veste Hohenh. (ca. 1170), dann aber auch durch die Burgen Neuh. bei Stetten (867 m; erste Hälfte 13. Jh.) und H.egg bei Mauenheim (812 m; wohl erste Hälfte 13. Jh.). Im 14. Jh. besaßen die H.er vorübergehend die ältere Burg Harperg (Tudoburg) im östlichen Hegau, die von den ausgestorbenen Herren von Honstetten herrührte.
Herrschaftsmittelpunkt war der alte Pfarrort Engen am Fuß des Hohenh. Hier an der Reichsstraße zwischen Rottweil und Schaffhausen bzw. Konstanz saß nach einer Urk. von 1328 Rudolf von H. zu Gericht. Diese herausgehobene rechtliche Qualität dürfte der Ort aber bereits früher besessen haben. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, daß Engen im 13. Jh. von den H.ern zur Stadt erhoben wurde. Der Zeitpunkt der Stadterhebung läßt sich nicht genau bestimmen. 1289 wird Engen erstmals als civitas, 1291 als statt erwähnt. Die Stadterhebung dürfte aber näher an die Mitte des 13. Jh.s zu rücken sein. Die Voraussetzungen für die Stadtwerdung dieses Ortes reichen sicherlich ins 12. Jh. zurück.
Die Herren von H. waren zu allen Zeiten in die reichspolitischen Verwicklungen einbezogen. Im späten 11. Jh. standen sie (damals noch Herren von Engen) auf der Seite der antikaiserlichen gregorianischen Reformpartei. Im 13. Jh. finden wir sie in der Nähe der Staufer. Noch i.J. 1267 traf Konradin, der letzte Hohenstaufen, wohl nicht von ungefähr in Engen mit Gf. Rudolf von Habsburg zusammen. Am Ende des 13. Jh.s lehnten sich die H.er dann eng an die Habsburger an. Rudolf VI. von H. (gest. 1333) war 1315 kgl. Hofrichter und blieb auch nach der doppelten Kg.swahl an der Seite Kg. Friedrichs. Dieser bestellte ihn zu seinem Gesandten, der seine beabsichtigte Italienfahrt vorbereiten sollte.
III.
Warum die Herren von H. trotz ihrer politischen Stellung, trotz ihres Prestiges und trotz ihrer bedeutenden Herrschaft im 14. Jh. nach und nach ihren Status einbüßten, läßt sich nur schwer fassen. Sicherlich spielte die Dienerschaft gegenüber dem Haus Habsburg, das seinen Gefolgsleuten regelmäßig Pfandleistungen abverlangte und Dienstgelder schuldig blieb, eine gewisse Rolle. Daneben ist aber auch wie beim Niedergang anderer Hochadelsfamilien die allg. Krise des 14. Jh.s zu berücksichtigen. Hinzu traten offensichtlich auch Zerwürfnisse und Fehden mit Verwandten, die ebenfalls an der materiellen Substanz des Hauses gezehrt haben mögen. So ist bekannt, daß die verwandten Gf.en von Hohenberg vor 1300 Mitbesitzer an der Burg Neuhewen waren und ihren Teil an Habsburg verkauften. Das scheint zu Zerwürfnissen geführt zu haben, die sich viell. noch in der Fehde Peters von H. gegen Gf. Burkhard von Hohenberg 1336 widerspiegelten.
Inwiefern die wiederholten Bürgschaften der Familie für Burkard von H., den Bf. von Konstanz (1388-1398), die wirtschaftliche Basis des Hauses beeinträchtigten (Sandermann, S. 53), muß dahin gestellt bleiben. Tatsache ist, daß die Herren von H. bereits 1291 die Qualität ihrer Herrschaft mindern mußten, als sie sowohl ihre Burg H.egg als auch die Stadt Engen dem Haus Habsburg zu Lehen auftrugen. Hundert Jahre später, 1398, waren sie dann in heilloser Verschuldung gezwungen, ihre Herrschaft dem Haus Habsburg zu verpfänden. Da das Erzhaus sich selbst in notorischer Geldnot befand, verpfändete es die Herrschaft bereits 1404 an Gf. Hans von → Lupfen weiter. Aus dieser Verpfändung ergaben sich in den folgenden Jahrzehnten teilw. dramatische Verwicklungen, da sich die Herren von H. unablässig darum bemühten, die ihnen von Österreich zugestandene Wiedereinlösung der Pfandherrschaft zu realisieren.
Auch nachdem Kg. Sigismund 1415 dem Gf.en Hans von → Lupfen (gest. 1436) die Herrschaft regulär als Reichslehen verlieh, kämpfte das Haus H. mit Hilfe Habsburgs verbissen um sein Wiedereinlösungsrecht. 1445 kam es zu einer Fehde, in deren Verlauf die H.er mit ihren Genossen den Gf.en von → Lupfen gefangennahmen. Und noch 1460 führte ein gewaltsamer, aber fruchtloser Versuch der Einnahme der Herrschaft durch die H.er zu einem flankierenden Aufstand der Untertanen, die gerne wieder zu ihren alten Herren zurück gekehrt wären. Am 13. Mai 1477 verzichtete Peter III. von H., der mit einer von → Lupfen verh. war, auf alle Ansprüche an die Herrschaft H. Damit war die Geschichte der Herrschaft H. gewissermaßen beendet, da diese nun in der größeren Herrschaft der Gf.en von → Lupfen-Stühlingen aufging. Zu Peter III. von H. wäre noch zu erwähnen, daß von ihm eines der seltenen Adelsporträts des 15. Jh.s erhalten ist, das von Bartolomäus Zeitblom stammt und ihn mit seinem Namenspatron, dem Hl. Petrus, abbildet (1490).
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß die Herrschaft H. i.J. 1572 an die Marschälle von → Pappenheim und von diesen 1659 an die Gf.en und Fs.en von → Fürstenberg gelangte. Die Herren von H. selbst starben 1570 mit Albert Arbogast von H. aus.