Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HARDEGG

C. Wolfpassing

I.

Das Schloß W. (KG Seitzersdorf-W. MG Hausleiten VB Korneuburg, Niederösterreich) liegt 1,1 km nördlich der Pfarrkirche von Hausleiten am südlichen Ortsrand des ehem. Dorfes W. – heute ein Ortsteil der KG Seitzersdorf-W. – oberhalb des Stranzendorfer Baches. Der Name bedeutet »bei Leuten, die zu einem Mann mit dem Namen Wolfpeizo gehören«.

Zu Beginn des 13. Jh.s ist W. als babenbergischer Besitz der Mödlinger Nebenlinie ausgewiesen. An die Stelle der bereits 1395 verödeten Burg trat der später Haghof gen. Edelmannssitz, der vom Landesfs.en mit »dem öden Haus dabei« als Lehen ausgegeben wurde. Unter den Parschenbrunnern wurde der Haghof aus diesem Besitz als freies Eigen herausgelöst. Gf. Julius I. erwarb 1538 zunächst den öden Burgstall samt dem daran gelegen Garten, die Dorfobrigkeit sowie den restlichen landesfsl. Lehenbesitz, sein Sohn Heinrich II. kaufte 1572 den Haghof dazu und ließ ihn zum Schloß ausbauen. Mit der Fertigstellung des lutherischen Bethauses unter Heinrichs Wwe. Anna Maria war W. nicht nur Herrschaftsmittelpunkt, sondern wurde als protestantisches Zentrum auch zum Antipoden der benachbarten katholischen Pfarre St. Agatha/Hausleiten.

Das Schloß W. bildet einen großflächigen, von zahlr. Wirtschaftsbauten dominierten Komplex, in dessen Zentrum isoliert der ehem. Haghof liegt. Dieser ist ein kastenförmiger, zweigeschossiger, unterkellerter Bau mit 9:3 Fensterachsen, der mit einem hohen Mansarddach geschlossen ist. Das heutige Erscheinungsbild geht noch teilw. auf den von Heinrich II. begonnen Ausbau zurück, der auf Pläne von Hans Saphoy (gest. vor 1593), einem Meister der Wiener Dombauhütte, zurückgehen dürfte. Im baulichen Verband der Umfassungsmauer ist die ehem. Schloßkapelle eingebunden. Der offensichtlich reine Ziegelbau mit Polygonalchor, Strebepfeilern und entspr. Fensterlösungen wurde wohl im Zuge des Ausbaues des Sitzes im späten 16. Jh. als gotisierender Bau errichtet. 1582 als protestantisches Bethaus fertig gestellt, wurde die Kapelle 1732 für den katholischen Gottesdienst adaptiert. Zwischen 1608 und 1684 fungiert der Bau als Grablege. Die gotisierenden Detailformen im Inneren, wie Kreuzgrat- und Kreuzrippengewölbe datieren vermutlich in die Zeit um 1580.

Quellen

Niederösterreichisches Landesarchiv (NÖLA) Hardegger Urkunden; ebd., Schlossarchiv Stetteldorf; ebd., Nachlass Karl Keck; ebd., Alte Gülteinlagen (AE); ebd., Gültbücher.

Frank, Isnard: Zur Geschichte des Retzer Dominikanerklosters, in: 700 Jahre Stadt Retz 1279-1979, Retz 1979, S. 19-33. – Hardegg und seine Geschichte, hg. von Wilfried Enzenhofer, Wien 1976. – Häusler, Wolfgang: Die Veste Turn und die Altmühle, in: Altlengbacher Chronik, Altlengbach 1998, S. 140-171. – Keck, Karl: Die Grafen zu Hardegg, Glatz und im Machlande als Bauherren und Mäzene. In: UH 60 (1989) 249-257. – Loinig, Elisabeth: Marktgemeinde Seefeld-Kadolz, in: Vergangenheit und Gegenwart. der Bezirk Hollabrunn und seine Gemeinden, hg. von Ernst Bezemek und Wilibald Rosner, Hollabrunn 1993, S. 857-877. – Marian, Günter: Aspekte adeligen Lebens im konfessionellen Zeitalter. Bemerkungen zur Geschichte des Hauses Prüschenk-Hardegg im Zeitalter der Reformation, in: Mitteilungen des Heimatkundlichen Arbeitskreises für die Stadt und den Bezirk Tulln 17 (2003) S. 78-99. – Müllner, Franz: Schloss Riegersburg und Hardegg zwei ehemalige Wehrbauten, Riegerburg-Pleißing o. J. (um 1970). – Reichhalter, Gerhard/Kühtreiber, Karin/Kühtreiber, Thomas: Burgen Waldviertel und Wachau, St. Pölten 2001. – dies.: Burgen Weinviertel, mit Beiträgen von Günter Marian und Roman Zehetmayer, hg. von Falko Daim, Wien 2005. – Resch, Rudolf: Retzer Heimatbuch, Bd. 1. Von der Urzeit bis zum ausklingenden Mittelalter (1526), Retz 1936. – Weltin, Maximilian: Böhmische Mark, Reichsgrafschaft Hardegg und die Gründung der Stadt Retz. Vorbemerkung zum Nachdruck des ersten Bandes von Rudolf Reschs »Retzer Heimatbuch«, in: Resch, Rudolf: Retzer Heimatbuch, Bd. 1, 2. Aufl., Retz 1984, S. 7-28. – Schicht, Patrick: Österreichs Kastellburgen des 13. und 14. Jahrhunderts, Wien 2003 (Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich. Beiheft 5) – Schicht, Patrick: Neue Ergebnisse zur Baugeschichte der Burg Hardegg, Niederösterreich, in: Burgen und Schlösser. Zeitschrift für Burgenforschung und Denkmalpflege 1 (2005) S. 52-57. – Schützner, Hubert: Geschichte von Absdorf und Absberg, 2. Aufl., Absdorf 1959. – Zehetmayer, Alexandra: Die Bautätigkeit der Grafen Hardegg im nördlichen Niederösterreich in der Renaissance, ms. Diplomarbeit Univ. Wien 2009 [erscheint gedruckt im Jahrbuch für Landeskunde von NÖ 2011]. – Zehetmayer, Roman: Das Urbar des Grafen Burkhard III. von Hardegg aus dem Jahre 1363. Mit einer Einleitung zur Struktur der Grafschaft Hardegg im 14. Jahrhundert, Wien, Köln, Weimar 2001 (Fontes rerum Austriacarum, III/15).