HARDEGG
I.
H. (StG H., VB Hollabrunn, Niederösterreich; zur Etymologie siehe Abschn. A. I.): Höhenburg an der Thaya an der Grenze zu Mähren; Herrschaftsmittelpunkt vom späten 12. bis zum späten 13. Jh., danach weiterhin wichtiger Aufenthaltsort der Gf.en bis ins 16. Jh. Die Burg befindet sich auf einem Felssporn über der Thaya direkt an der Grenze zu Mähren und war deshalb von großer strategischer Bedeutung. Sie lag aber wirtschaftsgeographisch und verkehrstechnisch abgelegen, nur die Thayatalstraße war einigermaßen von Bedeutung. Ausgedehnte Wälder in der Umgebung waren geeignet für die Jagd. Umfangreicherer Acker- und Weinbau waren erst in einiger Kilometer Entfernung möglich.
Bereits für das 10. Jh. läßt sich eine Besiedelung am Burgfelsen nachweisen, wobei für diese Zeit die Existenz einer hölzernen Befestigung als möglich erachtet wurde. Eine erste Steinburg wurde in der ersten Hälfte des 12. Jh.s errichtet. Eine wesentliche Ausbauphase gab es um 1200. In der ersten Hälfte des 13. Jh.s wurde die Kernburg auf drei Seiten mit einer Ringmauer verstärkt, in der ersten Hälfte des 14. Jh.s erfuhr die Anlage eine bedeutende Erweiterung v.a. nach W, die wohl mit den Herrschaftsteilungen in Verbindung steht (siehe Abschn. A. IV.). Auch die Stadtmauer wurde mit der Burg verbunden.
Von der ausgedehnten und stark gegliederten Anlage können nur die wichtigsten Gebäude und Bauteile angeführt werden: In der zweiten Hälfte des 12. Jh.s wurde der Ringmauer im N ein rechteckiges Gebäude mit den Maßen 7,5 x 10,5 m aufgesetzt, das aufgrund der geräumigen Innenfläche wohl zum Wohnen diente. Als zugangssichernder, repräsentativer Bauteil entstand um 1200 ein weit vorgelagerter, burgfriedartiger O-Turm. Damals wurde auch ein mehrteiliger, jedoch einheitlich konzipierter Saalbau (49 x 10 m) errichtet, der mehrschiffig angelegt war und Wohn- und Repräsentationszwecken diente, wobei Letzteres durch Biforienfenster herausgestrichen wird. Die damalige Burg übertraf sogar die landesfsl. Res.en. Während der Ausbauten im 14. Jh. entstand ein schlanker, bergfriedartiger 27 m hoher Turm mit einer Mauerstärke von 8,5 m. In dieser Zeit wurde wohl aufgrund der Herrschaftsteilung die direkt mit dem Bering der bestehenden Anlage verbundene Westburg errichtet, die über einen mehrgeschossigen Wohnturm (12 x 27 m) verfügte. In den Quellen sind seit der Mitte des 14. Jh.s eine Georgs- und eine Johanneskapelle nachweisbar.
200 m westlich liegt auf einem markanten, schroffen Felsen ein Vorwerk der Burg. Am Fuße der Hauptburg befindet sich die Pfarrkirche, die bis zum Ende des 13. Jh.s den meisten Gf.en vermutlich als Grablege diente (von Bf. Gebhard [siehe Abschn. A. IV.] ist dies bezeugt).
Unter der Burg H. entwickelte sich eine kleine Siedlung, die trotz einer auf niedrigem Niveau stagnierenden Einw.zahl aus Prestigegründen seit dem Ende des 13. Jh.s Stadt gen. wurde.
Obwohl einige Gebäude verfallen sind, beeindrucken auch heute noch die weitläufige Ausdehnung der Anlage und die niveauvolle Architektur.
Quellen
Niederösterreichisches Landesarchiv (NÖLA) Hardegger Urkunden; ebd., Schlossarchiv Stetteldorf; ebd., Nachlaß Karl Keck; ebd., Alte Gülteinlagen (AE); ebd., Gültbücher
Literatur
Frank, Isnard: Zur Geschichte des Retzer Dominikanerklosters, in: 700 Jahre Stadt Retz 1279-1979, Retz 1979, S. 19-33. – Hardegg und seine Geschichte, hg. von Wilfried Enzenhofer, Wien 1976. – Häusler, Wolfgang: Die Veste Turn und die Altmühle, in: Altlengbacher Chronik, Altlengbach 1998, S. 140-171. – Keck, Karl: Die Grafen zu Hardegg, Glatz und im Machlande als Bauherren und Mäzene, in: Unsere Heimat (Niederösterreich) 60 (1989) S. 249-257. – Loinig, Elisabeth: Marktgemeinde Seefeld-Kadolz, in: Vergangenheit und Gegenwart. Der Bezirk Hollabrunn und seine Gemeinden, hg. von Ernst Bezemek und Wilibald Rosner, Hollabrunn 1993, S. 857-877. – Marian, Günter: Aspekte adeligen Lebens im konfessionellen Zeitalter. Bemerkungen zur Geschichte des Hauses Prüschenk-Hardegg im Zeitalter der Reformation, in: Mitteilungen des Heimatkundlichen Arbeitskreises für die Stadt und den Bezirk Tulln 17 (2003) S. 78-99. – Müllner, Franz: Schloß Riegersburg und Hardegg zwei ehemalige Wehrbauten, Riegerburg-Pleißing o. J. (um 1970). – Reichhalter, Gerhard/Kühtreiber Karin/Kühtreiber Thomas: Burgen Waldviertel und Wachau, St. Pölten 2001. – Reichhalter, Gerhard/Kühtreiber, Karin/Kühtreiber, Thomas: Burgen Weinviertel, mit Beiträgen von Günter Marian und Roman Zehetmayer, hg. von Falko Daim, Wien 2005. – Resch, Rudolf: Retzer Heimatbuch, Bd. 1. Von der Urzeit bis zum ausklingenden Mittelalter (1526), Retz 1936. – Schicht, Patrick: Neue Ergebnisse zur Baugeschichte der Burg Hardegg, Niederösterreich, in: Burgen und Schlösser. Zeitschrift für Burgenforschung und Denkmalpflege 1 (2005) S. 52-57. – Schicht, Patrick: Österreichs Kastellburgen des 13. und 14. Jahrhunderts, Wien 2003 (Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich. Beiheft 5). – Schützner, Hubert: Geschichte von Absdorf und Absberg, 2. Aufl., Absdorf 1959. – Weltin, Maximilian: Böhmische Mark, Reichsgrafschaft Hardegg und die Gründung der Stadt Retz. Vorbemerkung zum Nachdruck des ersten Bandes von Rudolf Reschs »Retzer Heimatbuch«, in: Resch, Rudolf: Retzer Heimatbuch, Bd. 1, 2. Aufl., Retz 1984, S. 7-28. – Zehetmayer, Alexandra: Die Bautätigkeit der Grafen Hardegg im nördlichen Niederösterreich in der Renaissance, Diplomarb. Univ. Wien, Wien 2009. – Zehetmayer, Roman: Das Urbar des Grafen Burkhard III. von Hardegg aus dem Jahre 1363. Mit einer Einleitung zur Struktur der Grafschaft Hardegg im 14. Jahrhundert, Wien u. a. 2001 (Fontes rerum Austriacarum, III/15).