Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

GÖRZ

C. Tirol, Burg

I.

Höhenburg auf einem nach drei Seiten steil abfallenden Moränenhügel oberhalb der Stadt Meran, die vorrömische Wurzel des Namens in ihrer Bedeutung ungeklärt. Als Sitz und Herkunftsname Tyroles der Gf.en im Vinschgau um 1140 erstmals gen. und in der Folge namengebend für deren im 12. und 13. Jh. in Konkurrenz zu und durch Ausschaltung von mehreren anderen Gf.engeschlechtern dieses Raumes sowie auf Kosten der Bf.e von Trient und Brixen gebildete, spätestens ab 1330 reichsunmittelbare Gft. Mit der kurzfristigen Ausnahme → St. Zenoberg alleinige Res. der Gf.en von T. bzw. T.-Görz bis zum Übergang des Landes T. an die Habsburger 1363 (siehe oben Abschn. A.). Anschl. habsburgische Nebenres., unter Hzg. Friedrich IV. zunächst Hauptres. der von diesem begründeten T.er Linie der Habsburger, die er aber 1420 nach Innsbruck verlegte. Hzg. Sigmund, der letzte dieser Linie, ersetzte 1460 für seine gelegentlichen Aufenthalte in dieser Gegend Schloß T. als Nebenres. durch ein neu gebautes Haus in Meran.

II.

Meran liegt an der Einmündung des Passeiertals, durch das man über das Timmelsjoch in das Ötztal und zum T.-Görzer Hauskl. Stams sowie über den Jaufenpaß nach Sterzing und weiter über den Brenner nach Innsbruck gelangt, in das Etschtal. Durch letzteres führt auch der Weg über den Reschenpaß, neben dem Brenner der wichtigste Paß T.s. An der Weggabelung am Übergang über die Passer entwickelte sich ein Verkehrsort mit Markt (seit 1236 Jahrmärkte nachweisbar, 1239 forum Merani), der in weiterer Folge städtischen Charakter annahm (als civitas bez. 1278, Ummauerung seit etwa 1280) und 1317 Stadtrecht erhielt, das u. a. die Wahl eines eigenen Stadtrats, der zunächst unter dem Vorsitz des landesfsl. Richters tagte (Bürgermeister werden erst ab 1415 gen.) erlaubte. Wesentlich für diese Entwicklung war v.a. auch die Nähe des landesfsl. Hofes auf Schloß T. hoch über Meran, die sich u. a. durch die Einrichtung einer Münzstätte 1272 (um 1475 nach Hall im Inntal verlegt) und einer Leihbank 1287 (beide in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens überwiegend an Konsortien toskanischer und/oder jüdischer Geschäftsleute verpachtet, dann an oberdt. und einheimische) bemerkbar machte. Seit dem Ende des 13. Jh.s wohnten der Richter des Bgf.en auf T. als Land- und Stadtrichter, spätestens seit Anfang des 14. Jh.s auch der Kellner und der Bgf. selbst in der Stadt, deren Bürger seit etwa dieser Zeit auch das Berufungsgericht (Hofding) für Rechtssachen der unteren Stände innehatten, wodurch Meran die Funktion einer Landeshauptstadt erhielt. 1310 gründeten Hzg. Otto und seine Gemahlin Eufemia ein Klarissenkl. Oberhalb einer Talstufe, die 5 km westlich von Meran den Übergang vom Etschtal zum Vinschgau bildet, lag an der Töll (einem Seitenbach der Etsch) eine der wichtigsten Zollstätten T.s. Das Etschtal war und ist ein wichtiges Wein- und Obstbaugebiet.

III.

Die Kernanlage erstreckt sich zwischen einem massiven Bergfried an der gefährdeten Bergseite und einem quergestellten großzügigen Palas mit angeschlossener Kapelle an der südlichen Talseite über insgesamt fast 100 m. Der dazwischen liegende große Hof wurde im O durch das sog. Mushaus, den Ostpalas und weitere Gebäude, im W durch Wirtschafts- und Gesindegebäude begrenzt.

Nach Churer Tradition soll an der Stelle der Burg ein aufgehobenes Nonnenkl. gestanden sein. Sicher ist, daß knapp unterhalb der Burg im Bereich der südlichen Vorburg eine wohl karolingische Dreiapsidenkirche mit bis ins 6. Jh. zurückreichendem Vorgängerbau stand. Errichtung der ersten Burg wohl wenigstens eine Generation vor dem dendrochronologisch für 1138 gesicherten Umbau, also um oder vor 1100. Die Burg weist schon damals im wesentlichen den Umfang der späteren Bauphasen und mit Saalbau und Kapelle den Charakter einer Hochadelsburg auf. Der Bau des Bergfrieds wurde aber erst 1138 – also i.J. der Wahl Kg. Konrads III. und vermutlich mit dieser im Zusammenhang zu sehen – begonnen, aber wie der damals in großem Stil angegangene Umbau (vergrößerter Neubau von Palas und Kapelle, allerdings noch nicht in der späteren Höhe, sondern nur mit je einem Obergeschoß) aus unbekannten Gründen unterbrochen. 1174 wurden die Baumaßnahmen mit geänderter Planung wieder aufgenommen. An den Bergfried wurde östlich das Mushaus angesetzt, der dadurch in seiner Wehrfunktion beeinträchtigte Bergfried viell. deshalb nicht mehr weiter gebaut (seine heutige Höhe hat er aufgrund einer Aufstockung 1903/04). Der nach dem Vorbild kgl. und bfl. Pfalzen gestaltete Südpalas und die Bauplastik seines Portals, das sich an der Krönungskirche S. Michele in Pavia orientiert, sollten den Bauherrn, der sich gemeinsam mit seiner Frau am Portal darstellen ließ, als Parteigänger Ks. Friedrichs I. ausweisen. Das etwa gleichzeitig errichtete aus dem Palas in die Burgkapelle führende, ebenfalls figurenverzierte Portal zählt zu den bedeutendsten romanischen Portalen des gesamten dt. Sprachraums. In der ersten Hälfte des 13. Jh.s wurden von der Kapelle nach N bis zum Mushaus sukzessive mehrere Gebäude errichtet: ab 1210/15 im Zwickel zwischen Kapelle und Südpalas ein zunächst selbständiger, später nur mehr als Verbindung zum Ostpalas dienender kleinerer Baukörper, daran anschl. ab 1221/22 der Ostpalas und schließlich als Verbindung zum Mushaus ein ungewöhnlich großes Gebäude von unbekanntem Zweck, das im 17. Jh. größtenteils in den anschließenden Köstengraben stürzte. Parallel dazu wurden ebenfalls in mehreren Etappen ab der ersten Hälfte des 13. Jh.s die Wirtschaftsgebäude an der Westseite errichtet.

Ein weiterer repräsentativer Ausbau erfolgte unter Gf. Meinhard II. (= Meinhard IV. von → Görz). Die dendrochronologisch für die Zeit um 1270 gesicherte Aufstockung der Kapelle führte in weiterer Folge zur Aufstockung der anschließenden Gebäude, zunächst des kleinen Baues im N, dann des Südpalas, um 1300 auch des Ostpalas. Einige der Fresken in der Kapelle können ebenfalls der Zeit Meinhards II. zugewiesen werden, v.a. die bemerkenswerten Wappen (siehe oben Abschn. A. III.), der Großteil stammt jedoch aus der Zeit von Margarethe Maultasch (M. 14. Jh.). Um- und Zubauten erfolgten auch nach der Zeit Meinhards II. laufend, v.a. nach einem großen Brand 1302. Nach der Verlegung der Res. nach Innsbruck 1420 begann T. zu verfallen. Im 17. Jh. stürzten Teile der ostseitigen Gebäude ab, anderes wurde demoliert. Teils romantisierende Erhaltungs- und Wiederinstandsetzungsarbeiten im 19. und 20. Jh. Heute öffentliche Nutzung als Museum.

Eines Fürsten Traum. Meinhard II. Das Werden Tirols. Tiroler Landesausstellung 1995 Schloß Tirol-Stift Stams, Tirol-Innsbruck 1995. – Schloß Tirol. Die Wiege des Landes. Geschichte und Kunst, Lana 1995. – Trapp, Oswald: Tiroler Burgenbuch, Bd. 2: Burggrafenamt, 3. Aufl., Innsbruck u. a. 1980.