GÖRZ
I.
Höhenburg auf einem etwa 50 m über den Talboden aufragenden und nach drei Seiten relativ steil abfallenden Felshügel. Der Name bezieht sich auf eine im 13. Jh. angelegten Brücke unterhalb des Hügels, auf der die von der 1,5 km entfernten Stadt Lienz nach N führende Straße die Isel querte. Gegr. von Gf. Meinhard III. von → Görz als Ersatz für seine ältere Burg Lienz, die er im Frieden von Lieserhofen 1252 als freies Eigen aufgeben hatte müssen und die sich nun nur mehr in seinem Lehensbesitz befand (siehe oben Abschn. A. III.). Seither Zentrum der »Vorderen Gft. → Görz« und Hauptres. der am längsten überlebenden Teillinie der Albertinischen Linie der Gf.en von → Görz bis zu deren Aussterben i.J. 1500. Schon im folgenden Jahr verkaufte Kg. Maximilian mit Vorbehalt des Rückkaufs die mit dem übrigen Görzer Erbe an ihn gefallene Herrschaft Lienz an den Frh.en Michael von → Wolkenstein-Rodenegg, der B. zu seinem Familiensitz machte. Da sich er und seine Nachfolger wg. ihrer Tätigkeit in hohen tirolischen Ämtern überwiegend in Innsbruck aufhielten, ließen sie sich in ihrer Herrschaft Lienz von einem »Anwalt«, der ebenfalls auf B. seinen Sitz hatte, oder von jüngeren Brüdern vertreten. 1605-1608 ließen die → Wolkensteiner in der Stadt Lienz die → Liebburg bauen und verlegten in der Folge ihre Res. dorthin.
II.
Das Lienzer Becken liegt am Schnittpunkt der west-östlich verlaufenden Drautalfurche mit dem Alpenübergang Plöckenpaß – Felbertauern und war bereits keltisch besiedelt. Im MA gehörte es zur Gft. Lurn im Hzm. Kärnten. Zwar legte Karl der Große 811 die Drau als Grenze zwischen den Missionsgebieten des Ebm.s Salzburg im N und des Patriarchats Aquileja im S fest, doch blieben den Patriarchen einige Besitzungen nördlich der Drau, darunter die Siedlung Patrias(= Patriarchs-)dorf nördlich der Iselmündung mit der Pfarrkirche St. Andrä. Dort lag auch das heute abgekommene castrum Lunze, vermutlich die Stammburg der späteren Gf.en von → Görz, ursprgl. jedoch Besitz der Patriarchen, welche die Vorfahren der Gf.en von → Görz damit belehnten, was 1226 zuletzt bestätigt wurde. In der Folge betrachteten es die Gf.en als Eigenbesitz (siehe jedoch Abschn. A. III.). Wohl wg. der Verlegung des politischen und besitzmäßigen Schwerpunkts der Gf.enfamilie in das Patriarchat Aquileja erscheinen im 13. Jh. die Bgf.en von Lienz (erstmals gen. 1216 Otto castellanus de Luenz) als ihre Vertreter und ihr bedeutendstes Vasallengeschlecht in Kärnten; ein Mitglied dieser Familie ist in der Manessischen Liederhandschrift als Minnesänger vertreten.
Seit dem 11. Jh. ließen die Lurngaugf.en im Talboden zwischen Isel und Drau roden und gegen Ende 12. Jh. im Mündungswinkel eine dreieckige Siedlung mit etwa 30 Häusern (entspricht etwa der Bebauung rund um den heutigen Hauptplatz) anlegen, an deren Nordwestecke als der gefährdetsten Stelle eine herrschaftliche Burg zu stehen kam. 1242 wurde der so entstandene Ort Lienz erstmals als civitas bezeichnet und etwa 1311/20 nach einer ersten kleinen Erweiterung Richtung W erstmals ummauert. Eine weitere Ummauerung, die durch Einbeziehung größerer Gebiete im W und N nun etwa die dreifache Fläche umfaßte, erfolgte Ende 15. oder Anfang des 16. Jh.s. Ein Stadtrechtsprivileg erhielt Lienz erst 1440, doch sind städtische Strukturen nicht nur in baulicher, sondern auch in verwaltungsmäßiger Hinsicht schon früher erkennbar. Die Stadtburg war Amtssitz des gfl. Vicedoms, der auch landesfsl. Richter war, und auch die Münzstätte der Gf.en war hier untergebracht. In ihrer unmittelbaren Nähe stand der sog. Viztumsturm als Sitz der Bgf.en. In der Stadt war auch die allg. Verwaltung der Gft. angesiedelt, während es für den Hof auf Schloß B. eine eigene Administration gab. Der auf den Burgen der weiteren Umgebung sitzende görzische Adel besaß Häuser in Lienz. Gf.in Adelheid von → Görz-Tirol gründete hier 1240 ein Dominikanerinnen-, Gf.in Eufemia von → Görz 1349 ein Karmeliterkl. Gf. Meinhard II./IV. siedelte eine Judenfamilie an, die im früheren 14. Jh. zeitw. eine hausbankähnliche Funktion für die Gf.en ausübte. Die Nähe des → Görzer Hofes war wichtig für die Tätigkeit verschiedener künstl. Gewerbe wie Goldschmiede, Glocken- und Zinngießer u. a. Münzstätte, Zollstätte und die 1298 eingerichtete Leihbank sind weitere Belege für die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt für die Vordere Gft. → Görz. Spannungen gab es gelegentlich wg. der im Dienst der Gf.en arbeitenden Handwerker (erwähnt werden Hofschmiede, -schneider, -schlosser und ein Meister Hans glasser), da sie nicht den städtischen Zunftorganisationen unterstanden. In der weiteren Umgebung wurden verschiedene Erze abgebaut, und zumindest Gf. Leonhard war offensichtlich an weiteren Schurfen interessiert, denn 1482 und 1483 wurde ein such knecht besoldet, 1486 auch eine eigene Bergordnung erlassen. Christoph d.Ä. von → Wolkenstein gründete 1564 in Lienz eine Messinghütte, deren zunächst erfolgreicher Betrieb nach dem großen Stadtbrand 1609 nicht mehr ins Laufen kam. Nach dem wolkensteinischen Konkurs 1642 wurde die Herrschaft Lienz unter landesfsl. Verwaltung gestellt und 1653 an das Haller Damenstift verkauft, von dem sie nach Aufhebung des Stifts 1783 wieder an den Staat zurück kam. Schloß B. wurde in der Folge vom Militär verwendet, stand dann einige Zeit leer und wurde 1827 von einem Privatmann erworben, der darin eine Brauerei, Gastwirtschaft und Gästezimmer einrichtete. 1911-1913 Renovierung in neuromanischem Geist, 1942 Kauf durch die Stadt Lienz, heute Museum.
III.
Typische Dynastenburg des späteren 13. Jh.s, anscheinend ohne Vorgängerbau. Der mächtige siebengeschoßige Bergfried ist an der südwestlichen Schmalseite in eine an die Geländeform angepaßte polygonale Umfassungsmauer eingestellt, deren Innenseite von den übrigen Gebäuden eingenommen wird. Die meisten Gebäude wurden in einem Zug zwischen 1252 und 1277 errichtet, im 14. und nochmals gegen Ende des 15. oder am Beginn des 16. Jh.s aufgestockt, wobei auch die Ringmauer entspr. erhöht sowie im N und zwischen Kapelle und Bergfried je ein Verbindungstrakt eingefügt und eine neue Toranlage errichtet wurden. In den 30er Jahren des 16. Jh. kam dazu ein ausgedehnter Zwinger mit entspr. Erweiterung der Toranlage, in der zweiten Hälfte des 17. Jh.s wurde der Innenhof mit Arkaden ausgestattet. Weitere Umbauten und Restaurierungen mit zum Teil weitgehender Änderung der Innenarchitektur im 19. und 20. Jh., zuletzt anläßlich der Landesausstellung 2000.
Bergfried mit Hocheingang, teilw. als Wohnturm genutzt, mit Verlies im Erdgeschoß. Daran anschl. an der Südostseite der Burg die Baueinheit von doppelstöckiger Kapelle und wohl von Anfang an dreigeschoßigem Palas mit großem Saal (20 x 7 m) im zweiten Obergeschoß mit bemalter Balkendecke und ähnlich großem Saal und weiteren Räumen im dritten Geschoß, das nach dem Inventar von 1501 das Frauenzimmer war. Die Kapelle Liegt über der Toreinfahrt, über die die wie die Kapelle selbst doppelgeschoßige Apsis etwas hinausragt. Ursprgl. flach gedeckt, 1442 von Meister Martin und seinem Sohn von der sog. Görzer Bauhütte eingewölbt. Die beiden Geschoße hatten je einen Zugang vom Palas aus, waren aber auch in der Kapelle durch eine doppelarmige Holztreppe miteinander verbunden. Um 1480/85 wurde die Kapelle vom görzischen Hofmaler Simon von Taisten reich mit Fresken geschmückt, die u. a. in jedem Geschoß einmal das Stifterpaar (Gf. Leonhard und seine Gemahlin Paola Gonzaga) zeigen und insgesamt fünfmal ihre Wappen. Eine vergitterte Nische im Oberchor enthielt, großteils in zwain painen truchl (Elfenbeinkästchen), den Heiltumsschatz der → Görzer. Weitere Wohn- und Wirtschaftsräume lagen auf der gegenüberliegenden nordwestlichen Hofseite. Urkundlich ist im 15. Jh. ein nicht näher lokalisierbares Tantzhaus bekannt. Ein viell. als Trinkstube genutzter, Ende 16. Jh. ausgemalter Raum im Nordwesttrakt zeigt den Wolkenstein'schen Stammbaum in Form von Allianzwappen der jeweiligen Ehepaare in medaillonartiger Umrahmung.
Der Versorgung des Hofes dienten die beiden »Schloßmoare« (Meierhöfe) in der Nähe von B. und sieben »Kuchelmaierhöfe« in der Umgebung der älteren Burg Lienz in Patriasdorf.
Quellen
Eine Reihe ungedr. Inventare im Tiroler Landesarchiv: Inv. A 202/1 (von 1420), A 202/5 (1456), A 202/6 (um 1460), A 202/11 (1501, Bettgewand), A 202/12 (1501, Kriegszeug), A 203/1 (1501), A 203/6 und A 203/7 (Übergabsinventare von 1653); ein umfangr. Nachlaßinventar von Veit Wolkenstein von 1538 im Germ. Nat.Mus. Nürnberg, Wolkenstein-Archiv, Kapsel 95. – Urbar der Herrschaft Lienz von 1583 (drei Exemplare: eines im Museum in Schloß Bruck, eines im Tiroler LA, Urbar 59/8, und eines in der Österr. Nationalbibl., Cod. 12.597). – Inventar des beweglichen Guts auf Schloß Bruck, aufgezeichnet beim Tod Gf. Johann Meinhards 1429, in: Zingerle, Oswald: Mittelalterliche Inventare aus Tirol und Vorarlberg, Innsbruck 1909, S. 204-207 (Inventar von 1430). – Schober, Richard (Bearb.): Regesten der Urkunden des Stadtarchivs Lienz. Innsbruck 1978 (Tiroler Geschichtsquellen, 5).
Literatur
Mehrere Aufsätze aus: Lienzer Buch. Beiträge zur Heimatkunde von Lienz und Umgebung (Festschrift zur 700-Jahr-Feier der Stadt Lienz). Innsbruck 1952 (= Schlern-Schriften, 98). – Brandstätter, Klaus: Hof und Regierung Graf Leonhards von Görz. Streiflichter auf die Lienzer Zollregister. in: Tirol in seinen alten Grenzen. FS für Meinrad Pizzinini zum 65. Geburtstag, hg. von Claudia Sporer-Heis, Innsbruck 2008 (Schlern-Schriften, 341), S. 41-58. – Egg, Erich: Die Görzer Bauhütte in Lienz, in: Festschrift für Landeskonservator Dr. Johanna Gritsch anläßlich der Vollendung des 60. Lebensjahres, Innsbruck 1973 (Schlern Schriften, 264), S. 77-98. – Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Lienz, Tl. 1: Bezirkshauptstadt Lienz und Lienzer Talboden, bearb. von Martha Fingernagel-Grüll u. a., Horn 2007 (Österreichische Kunsttopographie, 57,1), S. 419-448. – Leonhard und Paola. Ein ungleiches Paar, in: ca. 1500 [Katalog zur Tiroler Landesausstellung], Mailand 2000, S. 1-205. – Pizzinini, Meinrad/Hörmann, Magdalena: Schloß Bruck, in: Tiroler Burgenbuch, begr. von Oswald Trapp, Bd. 9: Pustertal, Bozen 2003, S. 438-474. – Pizzinini, Meinrad: Osttirol. Der Bezirk Lienz. Historische Lebens- und Siedlungsformen, Salzburg 1974 (Österreichische Kunsttopographie, 7). – Pizzinini, Meinrad: Lienz. Das große Stadtbuch, Lienz 1982. – Pizzinini, Meinrad: Die Kapelle des gotischen Residenzschlosses Bruck bei Lienz in Tirol, in: ARX. Burgen und Schlösser in Bayern, Österreich und Südtirol 7,2 (1985) S. 65-70. – Pizzinini, Meinrad: Der Minnesänger Heinrich Burggraf von Lienz, in: Beiträge zur Geschichte Tirols, Innsbruck 1971, S. 113-124 (auch in: Der Schlern 5 [1966] S. 226-238). – Pizzinini, Meinrad: Zur Rekonstruktion des »Görzer Grabes« in der Lienzer Stadtpfarrkirche, in: Festschrift für Landeskonservator Dr. Johanna Gritsch anläßlich der Vollendung des 60. Lebensjahres, Innsbruck 1973 (Schlern Schriften, 264), S. 223-237.