GÖRZ
I.
Seit 1125 treten die Lurngaugf.en aus der Sippe der Meinhardiner, die auch in Friaul begütert waren, als Vögte der Patriarchen von Aquileja auf, und seit 1146 nennen sie sich nach ihrer wichtigsten Burg Gf.en von → G. Diese ihre Gft. konnten sie in der Folge v.a. auf Kosten der Patriarchen konsequent ausbauen, bis sie in der ersten Hälfte des 13. Jh.s über einen weit gestreuten Besitzkomplex vom Südtiroler Pustertal im W bis in die Windische Mark im O und nach Istrien im S verfügten. Dazu gewann Meinhard III. Mitte des 13. Jh.s durch Heirat noch die Gft. Tirol, doch teilten seine Söhne Meinhard und Albert 1271 ihr Erbe, so daß die Gft.en G. und Tirol rasch wieder getrennte Wege gingen. Durch zahlr. weitere Teilungen schwächten sich die einzelnen Albertinischen Linien so stark, daß beim Aussterben einer G.er Linie die übrigen häufig nicht in der Lage waren, ihre Erbansprüche durchzusetzen. Zwischen 1335 und 1500 fiel daher nach und nach ihr gesamter Besitz an die Habsburger. Obwohl de facto schon im 13. Jh. von Rang und Bedeutung her gefürstete Gft.en, erfolgte die offizielle Anerkennung als solche bei Tirol erst 1330 durch Ks. Ludwig d.B. und bei G. 1365 durch Ks. Karl IV. (siehe oben Abschn. A.).
Zur Zeit ihrer größten Ausdehnung im 13. und 14. Jh. bestand die Gft. G. (ohne Tirol) aus zwei deutlich getrennten und seit dem frühen 14. Jh. auch getrennt verwalteten Besitzkomplexen: im inneralpinen Raum die »Vordere«, südlich der heutigen Kärntner Grenze die »Innere« Gft. G. Die relativ geschlossene Vordere Gft. umfaßte den größten Teil des Pustertals zwischen Brixen und Lienz mit den meisten Seitentälern, große Teile Osttirols und Oberkärntens sowie Streubesitz in Unterkärnten (Moosburg, Eberstein, Stein im Jauntal). Insgesamt größer, aber deutlich zersplitterter war die Innere Gft., die vom Zentrum um die Burg und Stadt → G. über den Karst nach S bis Inneristrien und an die Kvarner Bucht reichte und nach N bis an die Julischen Alpen. Dazu kam Besitz in der Windischen Mark (heute südliches Slowenien) von Weixelburg (Višnja Gora) bis Möttling (Metlika) und ein größeres Gebiet am Unterlauf des Tagliamento mit der wichtigen (weil noch von seefähigen Schiffen zu erreichenden) Hafenstadt Latisana.
II.
Bald nach Mitte des 12. Jh.s, also kurz nach der ersten eindeutigen Nennung der Gf.en von → G., ist an ihrem Hof eine traditionelle Verwaltungsstruktur mit den hier nicht erblichen vier Hofämtern Marschall, Kämmerer, Truchseß und Mundschenk belegt. Nach dem Erbanfall Tirols schuf Meinhard IV. (= II. von Tirol) eine mustergültige Verwaltung mit einer Kanzlei als zentraler Instanz einer weitgehend verschriftlichten Geschäftstätigkeit, die sicher wesentlichen Einfluß hatte auf jene Verwaltungsmodernisierung, die nach der Länderteilung von 1271 zwischen Meinhard und seinem Bruder Albert von letzterem und seinem Sohn Heinrich auch in der Gft. G. durchgeführt wurde. Auch wenn es im Gegensatz zu Tirol aus G. keinen Hinweis auf die Existenz von Rechnungs- und Registerbüchern schon im 13. Jh. gibt, ist doch eine deutliche Zunahme des Schreibpersonals zu konstatieren: von sieben namentlich bekannten Schreibern bzw. Notaren aus der Zeit Meinhards III. von 1222-1249 auf insgesamt 22, von denen bis zu fünf gleichzeitig tätig waren, aus der nur wenig längeren Zeit Alberts I. (1271-1304). Zur selben Zeit (um 1290) können in der Tiroler Kanzlei Meinhards II. sieben gleichzeitig tätige Notare nachgewiesen werden.
Parallel dazu kam es in Tirol wie in G. zu einer Entfeudalisierung der Verwaltung: An die Stelle von Adeligen traten zunehmend besoldete Beamte, Hofkleriker und Familiaren, sogar bei den Hofämtern, so weit diese bestehen blieben. Meinhard II./IV. überzog seinen Herrschaftsbereich mit einem flächendeckenden Netz von Gerichten mit landesfsl. Richtern an der Spitze, denen Rechtsprechung und Verwaltung oblag, und erzielte durch die Schaffung eines Tiroler Landrechts eine einheitliche Jurisdiktion. In G. verschwanden im 13. Jh. die von Ministerialen besetzten Ämter des Truchsessen (zuletzt gen. 1206) und des Mundschenks (um 1250), ihre Funktionen wurden auf mehrere niedrigere, überwiegend mit Bürgerlichen besetzte Ämter (Kellner, Küchenmeister, Zehrgadner, Kastner, Weingartner) aufgeteilt. Das Marschallamt, das sehr häufig, oft sogar jährl., unter verschiedenen Ministerialen wechselte, erlosch wie jenes des Kämmerers (Finanz- und Vermögensverwalter) im 14. Jh. und wurde durch einen Hauptmann ersetzt, während die Aufgaben des Kämmerers anscheinend von verschiedenen Kanzleiämtern übernommen wurden. Als deren Leiter sind Kanzler seit 1331 belegt; durch die folgenden Länderteilungen und die damit verbundene Reduzierung der Gesamtverwaltung verlor jedoch die Kanzlei und mit ihr der Kanzler an Bedeutung. 1437 wurde Bgf. Haug von Lienz als Erbmarschall bezeichnet, doch scheint ihm dieses Amt (oder nur Würde?) später wieder aberkannt worden zu sein. Spätere Marschälle begleiteten den Gf.en in Art eines Adjutanten. Einen Vicedom als Verwalter des persönlichen Besitzes des Gf.en gab es seit der ersten Hälfte des 13. Jh.s, einen Hofmeister (zuständig für das gesamtheitliche Funktionieren des Hofes und damit auch Oberinstanz der oben gen. und anderer niedrigeren Ämter, der den Hof beliefernden Jäger und Fischer, der Wildbänne usw.; das ihm untergeordnete Personal auf Schloß → Bruck umfaßte im 15. Jh. über 60 Personen) seit dessen letzten Viertel. Im früheren 14. Jh. bildete sich unter Heinrich II., der sich v.a. in Friaul und der ital. Politik engagierte, neben der Hof- auch eine Art Landesverwaltung heraus, charakterisiert zunächst durch einen eigenen Hauptmann für die Vordere Gft. G. mit Sitz in Lienz seit 1308. Nach Heinrichs Tod 1323 wurde dieses Amt mit Sitz in G. auch für die G.er Besitzungen südlich der Karnischen Alpen und Karawanken eingeführt. Schon etwas früher, in den Jahren um 1300, hatte sich eine bes. Verwaltungsstruktur mit eigenen Hauptleuten für die Gebiete in Istrien bzw. in Krain herauszubilden begonnen. Länderteilungen hatten jeweils auch die Schaffung neuer Höfe mit den entspr. Funktionsträgern zur Folge. Seit 1390 ist eine Mitwirkung der Stände bei Entscheidungen über wichtige Landesangelegenheiten und für Steuereinhebungen belegt, seit 1443/44 auch Landtage.
Schon Ende 12. Jh. hatten die Gf.en von → G. in Lienz Münzen der Patriarchen von Aquileja nachgeprägt. Nach der Erwerbung Tirols versuchten sie, dieses angebliche Lienzer Münzrecht auch für Meran geltend zu machen, stießen dabei aber auf den Widerstand der Bf.e von Brixen und Trient. Trotzdem ließ Meinhard seit 1259 in Meran Zwanzigpfennigmünzen prägen, deren Revers er nach dem Vorbild der Augustalen Ks. Friedrichs II. unter Verwendung des staufischen Adlers gestaltete (»Adlergroschen«). Nachdem Meinhard 1272 mit dem Bf. von Trient eine Einigung über die Münzprägung erzielt hatte, verlieh ihm Kg. Rudolf 1274 das Münzrecht für Meran. Meinhard ersetzte daraufhin auf dem Revers der Münzen den staufischen durch den Tiroler Adler und auf dem Avers das einfache Kreuz durch ein Doppelkreuz, nach dem sich für diese Münzen die Bezeichnung Kreuzer einbürgerte; zudem wurde der Feingehalt um 10% erhöht, um die Trienter Groschen noch mehr als bisher zu verdrängen. Diese Art der Prägung wurde mitsamt Meinhards Namen weit über seinen Tod hinaus beibehalten. Schon vor 1351 ließen die Gf.en von → G. in ihrer Münzstätte Lienz zeitw. Goldgulden nach Florentiner Vorbild (vorne Johannes der Täufer, rückwärts eine Lilie) prägen; ab 1364 wurde die Lilie durch das G.er Wappen ersetzt.
Jüdische und lombardische, auch obdt. Bankiers und Geldleiher wurden von Meinhard II./IV. offenbar planmäßig zum Aufbau seiner Finanzverwaltung ins Land gerufen. Sie waren seit dem späten 13. Jh. als Zoll- und Münzpächter, beim Betrieb von Leihhäusern und in der fsl. Finanzverwaltung tätig, die bedeutendsten von ihnen länderübergreifend in Tirol wie in G. Im 14. Jh. wurden sie in diesen Funktionen allmählich durch Einheimische ersetzt. Einige der Florentiner wurden in Tirol heimisch, und Judensiedlungen bestanden in Tirol und Lienz bis ins 15. Jh., in der Stadt G. über das MA hinaus.
Silbergeschirr, kostbare Trinkgefäße, Gürtel und andere Schmuckstücke sind aus einigen, zum Teil im Zusammenhang mit Verpfändungen entstandenen, Inventarlisten bekannt. Solche des 15. Jh. nennen auf Schloß Bruck unter den wertvollen Stücken neben diversem Silbergeschirr zwei Straußeneier und ain credentz mit drei natternzungen.
Paola Gonzaga, die Frau des letzten G.ers, brachte einen eigenen ital. Hofstaat von 16 Leuten nach Lienz, was in der Folge gelegentlich zu Unstimmigkeiten führte. In diesem Hofstaat war ein eigener Arzt, Meister Ludwig, und ein eigener Kaplan, und ihre Mutter bestand auch darauf, daß sie einen eigenen Hofmeister erhielt. Als Paola, der das offensichtlich in jeder Hinsicht rauhe Klima in Lienz nicht sehr zuträglich war, schon bald nach ihrer Ankunft dort erkrankte, schickte sie ihr noch eigens einen Mantuaner Arzt namens Vinzenz de Perronibus. Auf Schloß Bruck gab es einen Hofpfeifer (erwähnt 1461 Hans Guetentrunk), viell. identisch mit jenem von Paolo Santonino erwähnten mimus (s.u.), einen Hofnarren (1462/63 der nar, 1485 Kristel narr), und für die jungen Gf.en einen Schulmeister (1450 Peter Talhaymer). Auch wurden archäologische Hinweise auf die Tätigkeit von Alchemisten (Destilliergefäß und Probierschälchen) gefunden. Eigene Sänger gab es am Hof anscheinend nicht, da u. a. der Schulmeister 1485 eigens dafür bezahlt wurde, daß er den Gf.en angesungen hat.
Regelmäßig gefeiert wurde anscheinend die Fasnacht, zu der im 15. Jh. nicht nur Mitglieder der Familie, die sich gerade anderswo aufhielten, eigens nach Lienz kamen, sondern 1476 z. B. auch die frawen und junkhfrawen von Matray (Matrei, Markt 30 km nördlich von Lienz). 1485 trat nach Paolo Santonino bei einem Festessen in Kötschach zu Ehren Bf. Peters von Caorle ein mimus Gf. Leonhards auf, der Zither und Waldhorn spielte und Possen vortrug. In den 1480er Jahren werden mehrere Trompeter – die man an jedem Hof für ein standesgemäßes fsl. Auftreten benötigte – erwähnt, und mehrfach Ausgaben für Rennpferde (lawffen phard), doch ist nicht klar, wo und bei welchem Anlaß diese eingesetzt wurden.
Jagd und Fischerei waren wie an fast jedem mal. Hof von erheblicher Bedeutung, sowohl für das Vergnügen wie für die Versorgung des Hofs. Wild und Fische wurden dabei teils aus größerer Entfernung (z. B. vom Millstättersee und Weißensee in Kärnten nach Lienz) an den Hof gebracht, für das Wild wurden Salzlecken gelegt; mind. ein Falkner war am Hof tätig, gfl. Jäger und Fischer im gesamten Land.
Quellen
Silberinventare von Schloß Bruck, um 1460 und 1491, Tiroler LA, Inv. A 202/5 u. 6.
Literatur
Brandstätter, Klaus: Hof und Regierung Graf Leonhards von Görz. Streiflichter auf die Lienzer Zollregister. in: Tirol in seinen alten Grenzen. FS für Meinrad Pizzinini zum 65. Geburtstag, hg. von Claudia Sporer-Heis, Innsbruck 2008 (Schlern-Schriften, 341), S. 41-58. – Heuberger, Richard: Das Urkunden- und Kanzleiwesen der Grafen von Tirol, Herzoge von Kärnten aus dem Hause Görz, Innsbruck 1913 (MIÖG. Ergänzungsbd. 9). – Leonhard und Paola. Ein ungleiches Paar, in: circa 1500 [Katalog zur Tiroler Landesausstellung], Mailand 2000, S. 1-205. – Starzacher, Karl: Beiträge zum Urkundenwesen der Grafen von Görz, besonders für die Zeit von 1271-1350. Prüfungsarb. [masch.] am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Wien 1935. – Štih, Peter: Studien zur Geschichte der Grafen von Görz. Die Ministerialen und Milites der Grafen von Görz in Istrien und Krain, München 1996 (MIÖG. Ergänzungsbd. 32), bes. S. 194 ff. – Veider, Andreas: Die politischen Beziehungen der Grafen von Görz zu den deutschen Herrschern und den Landesfürsten von Österreich, Prüfungaarb. [masch.] am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Wien 1940. – Weingartner, Josef: Die letzten Grafen von Görz, in: Lienzer Buch. Beiträge zur Heimatkunde von Lienz und Umgebung (Festschrift zur 700-Jahr-Feier der Stadt Lienz), Innsbruck 1952 (Schlern-Schriften, 98), S. 111-135. – Wenninger, Markus: Juden im Herrschaftsbereich der Grafen von Görz und Görz-Tirol, in: Symposium zur Geschichte von Millstatt und Kärnten 2000, hg. von Franz Nikolasch, [Salzburg 2001], S. 108-133. – Wiesflecker, Hermann: Die Verwaltung der »Vorderen Grafschaft Görz« im Pustertal bis zum Ende des 14. Jahrhunderts, Diss. [masch.] Wien 1936. – Wiesflecker, Hermann: Meinhard der Zweite. Tirol, Kärnten und ihre Nachbarländer am Ende des 13. Jahrhunderts, Innsbruck 1955 (Schlern-Schriften, 124; Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 16).