Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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GLEICHEN

C. Gräfentonna

I.

Thonna (1110), Tunna (1123), Tonna (1133), Donnaha (1137), Tunnaha (1190). 1290 heißt der Ort erstmalig Gräfentonna, was auf seine vormalige Funktion als gfl. Res. zurückgeht. Die Burg wird erstmals 1275 erwähnt. G. war seit dem Aufkommen der Gf.en von → Gleichen um 1100 Stammsitz des Gf.enhauses, dessen Mitglieder sich erst ab 1162 nach Burg → Gleichen benannten. Zwischen Bad Langensalza und Erfurt gelegen, gehört G. zur Siedlungsgruppe der vermutlich in fränkischer Zeit angelegten drei Tonna-Orte (neben G. noch Burgtonna und Ostertonna). Es war Mittelpunkt der ursprgl. von der Abtei Fulda, ab dem 15. Jh. dann endgültig von landgfl.-wettinischer Seite lehensabhängigen Herrschaft Tonna. Von 1385 bis zur Verlagerung des gfl. Haupthofes in das nahegelegene → Ohrdruf um 1550 war G. Hauptres. der Gf.en von → Gleichen, bis 1590 auch Sitz der gfl. Kanzlei, ab 1606 dann Wittumsausstattung. Seit der Reformation blieb die Stadtkirche St. Peter und Paul Grablege der Gf.enlinie Tonna-Gleichen.

II.

G. liegt nördlich von Gotha zwischen Bad Langensalza und Erfurt am Südrand der Unstrutniederung und zugl. am kleinen Fluß Tonna. 845 erwarb Ludwig der Deutsche in Tonna vom Kl. Fulda Güter, die nach seinem Tod an Fulda zurückfallen sollten. Im weiteren Verlauf des 9. und 10. Jh.s festigte das Kl. seine Position in Tonna durch weitere Erwerbungen. Das Gf.engeschlecht, das sich zunächst nach Tonna, erst ab 1162 von → Gleichen nannte, wird mit dem Gf.en Erwin I. (gest. um 1133) in den Quellen erstmals 1099 urkundlich nachweisbar. Gf. Erwin führte in einer 1110 für das Kl. Reinhardsbrunn ausgestellten Urk. erstmalig den Herkunftsnamen »von Tonna«. Es ist unsicher, inwiefern G. neben → Gleichen, den Eichsfelder Gütern und Erfurt im 12. und 13. Jh. für das Gf.enhaus Res.funktion übernahm. Nach dem Tod des in G. residierenden Gf.en Heinrich VI. (gest. 1379) und der anschließenden Erbvereinbarung von 1385 fiel die Herrschaft Tonna an dessen erstgeborenen Sohn, den Gf.en Ernst VII. d. J. (gest. 1415). Letzterer gründete für nur eine Generation eine separate Linie, die mit dem söhnelosen Tod des Gf.en Adolf I. (gest. 1456) allerdings wieder ausstarb, so daß die Stammlande des Gf.enhauses (→ G.-Tonna) unter der Herrschaft des Gf.en Sigmund I. (1421-1494) zusammengelegt wurden. Dessen gleichnamiger, ebenfalls in G. residierender Sohn wurde als erster Vertreter des Gf.engeschlechts in der dortigen Stadtkirche bestattet. In der Enkelgeneration residierten die nachgeborenen und unverheiratet gebliebenen Gf.en Ernst (1486-1563) und Sigmund III. (1488-1555) in G. Der nach seinem Tod auch in G. bestattete Gf. Georg (1509-1570) verlegte um 1550 seinen Hof in das südlich von Gotha gelegene → Ohrdruf, das in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s nach landesfsl. Vorbild zur Res. ausgebaut wurde. Nach dem Ableben des Gf.en Philipp Ernst (1561-1619) wurde G. Wwe.nsitz seiner Gattin, der geb. → Hohenloher Gf.in Anna Agnes (1568-1616).

III.

Die Gesamtanlage liegt auf einer Terrasse an der Südseite der Unstrutaue in westlicher Ortslage und besteht aus dem Bereich der leicht trapezförmigen Vorburg und dem des vierflügeligen Kernschlosses, die beide mit Gräben umgeben waren und über eine Zugbrücke miteinander verbunden. 1275 wird zum ersten Mal die Burg erwähnt (castri nostri Tunna), 1295 als castro Thunna, 1306 mit Amtleuten auf dem Hause zu Tonna; 1350 heißt es Castrum Graven-Tunna. Seit dem 19. Jh. findet sich in der Literatur als historisch nicht belegte Bezeichnung der Name Kettenburg. Vermutlich erfolgte der Ausbau der Burganlage im 12. Jh. und war im darauffolgenden Jh. vorerst abgeschlossen. Aus dieser Bauphase sind der »Bergfried« und Mauerteile erhalten. Während der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Wettinern und dem Mainzer Ebm. im Streit um die Mainzer Bf.swahl, in der sich die Gf.en von → Gleichen dem Bündnis gegen den Lgf.en angeschlossen hatten, wurde Burg Tonna im Spätsommer 1375 durch Karl IV. belagert und beschädigt. Erneut belagert, aber nicht eingenommen wurde die Burg im Juli 1450 durch Kfs. Friedrich den Sanftmütigen im Sächsischen Bruderkrieg. Unter Gf. Sigmund II. (gest. 1525) und dessen Nachfolgern sind Gebäude der Kernburg unter Einbeziehung älterer Bauteile neu errichtet worden. Im Äußeren vollendet war der Bau 1555. Inschriftlich belegt ist die Erbauung der großen »Hofstube« im Ostflügel 1515, die zeitgl. mit der Umgestaltung des Küchenbaus im Südflügel verlief. Der aus dem 14. Jh. stammende vermutlich zu Wohnzwecken genutzte Bau in der Südostecke des Bauensembles wurde ebenfalls in die 1555 fertiggestellten Wohngebäude einbezogen. 1522 wurden die Bauarbeiten am zunächst noch freistehenden und als weiteren repräsentativen Kernbau konzipierten »Hohen Haus« abgeschlossen, das seit dem 19. Jh. so gen. wird. Es ist im Inneren ausgestattet mit je einem, sich über das gesamte Stockwerk erstreckenden Saal. Um ein weiteres Geschoß wurde 1535 auf eine Höhe von ca. 28 m der rechteckige Turm erhöht, der bei diesem Umbau eine Kuppel mit vier halbkreisförmigen Giebeln erhielt, die 1684 wieder abgetragen und durch ein Zeltdach ersetzt wurde. In einer weiteren Bauetappe wurde 1541 der spitzbogige Torbau mit seinem nicht erhaltenen Zwerchhaus fertiggestellt, an dem ein Allianzwappen (1541) der Häuser → Gleichen und → Schönburg angebracht wurde, das auf die Eheverbindung zwischen dem Gf.en Philipp (1483-1549) und dessen aus dem Haus → Schönburg stammender Gattin Margarete (1487-1535) verweist. Darüber hinaus war die heraldische Darstellung mit einem Verweis auf den Leitspruch des sächsischen Kfs.en Johann Friedrich I. versehen, VDMIAE (= verbum domini manet in aeternam), worin die lehnsherrliche Verbundenheit mit den Ernestinern zum Ausdruck gebracht wurde. Zum Baumeister der zwischen 1520 und 1542 errichteten Gebäude liegen keine gesicherten Informationen vor. Die letzten Bautätigkeiten sind 1555 am Erker des Ostbaus inschriftlich festgehalten. Hier kann der Bau dem Ohrdrufer Ratsherrn und Baumeister Georg Kirchhof (gest. 1565) zugeordnet werden. Der Ostbau ist somit der jüngste Bauteil der Vierflügelanlage und muß als Verbindungsbau an zuvor freier Stelle dazugekommen sein. Architektonisch fällt hier v.a. der Renaissanceerker an der Hoffassade auf, der in einer Inschrift die Schloßherren benennt: 1515 ernst und sigmunt gebruder graffen zu gleichen und herrn zu thonna. Ein weiteres Wappen befindet sich darunter. Mit der Vollendung des Ostbaus als ebenfalls repräsentativen Wohnbau der gfl. Familie wurde die Vierflügelanlage baulich geschlossen, das bis dahin nach S freistehende »Hohe Haus« wurde in das Bauensemble integriert, so daß die Umwandlung der Burg zur gfl. Res. damit abgeschlossen war. Weitere im West- und Südwestteil der Burganlage gelegene Gebäude wurden im 20. Jh. stark überbaut. Nach dem Aussterben des Gf.enhauses kamen Schloß und Herrschaft Tonna 1634 kraft des dreizehn Jahre zuvor abgeschlossenen Erbvertrags an die Schenken von Tautenburg, 1640 vorübergehend an das gfl. Haus → Waldeck, bis sie 1677 durch Kauf Sachsen-Gotha zufielen und in der Folge in das ernestinische Teilhzm. eingegliedert wurden. In diesem Zusammenhang wurde 1678 der später wieder verworfene Plan zum Umbau zur Dreiflügelanlage ins Auge gefaßt. Im 18. Jh. diente das Schloß vorübergehend als Getreidespeicher, später als Verwaltungsbau und als Gefängnis. 1730 kam die erhaltene steinerne Brücke hinzu. Das Schloß verfiel dann jedoch zusehends und wurde in den Koalitionskriegen 1806 beschädigt. Bis 1859 diente es als Sitz des Rentamts, seit 1861 und auch im weiteren Verlauf des 20. Jh.s dann als Strafanstalt. Im 19. Jh. wurden die Zwerchgiebel entfernt, in den sechziger Jahren des vergangenen Jh.s wurden Torbögen sowie heraldische und epigraphische Schmuckelemente zurückgebaut.

Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, bearb. von Paul Lehfeldt, H 10, Jena 1891 [S. 214-224]. – Galletti, Johann Georg August: Versuch einer Geschichte der Herrschaft Tonna, Tonna 1777. – Hopf, Udo: Das »Alte Gräfliche Schloß« zu Tonna. Eine Residenz der Grafen von Gleichen, in: Gothaisches Museums-Jahrbuch 4 (2001) S. 41-61. – Menk, Gerhard: Erwerb und Verwaltung der Herrschaft Tonna durch Waldeck (1640-1677), in: Thüringische Forschungen. FS Hans Eberhardt, hg. von Michael Gockel und Volker Wahl, Weimar u. a. 1993, S. 189-213. – Patze, Hans: Art. Gräfentonna, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 9, Stuttgart 1989, S. 162-167. – Toppius, Andreas: Verzeichnüsz etlicher Sachen der Herschafft Tonna, Erfurt 1658.