GLEICHEN
I.
Glychen (1162), Glichen (1180), Gelichen (1190), Glichin (1226); seit Ende des 12. Jh.s auch Gleichen (1196). Burg G. ist die nördlichste der im Thüringer Becken bei Erfurt gelegenen »Drei-Gleichen-Burgen«, zu denen neben G. die Burgen Mühlenberg und Wachsenburg zählen. Seit 1162 war Burg G. namensgebend für das gleichnamige Gf.engeschlecht. Als mainzisch-ebfl. Lehen wurde sie von 1160 an bis zum Beginn des 17. Jh.s von den Gf.en von → G. als Res. genutzt. Nach dem Aussterben der Grafen von Gleichen empfingen aus der Hand von Kurmainz 1639 die Gf.en von Hatzfeld-G. die Burg mit ihren Herrschaftsrechten zu Lehen.
II.
Als nördlichste der »Drei-Gleichen« erhebt sich die heute als Ruine erhaltene Burg G. in der Nähe des Ortes Wandersleben in einer Höhe von 365 m über NN auf einem Rätsandsteinhügel. Die Burg liegt südwestlich von Erfurt, zwischen Gotha und → Arnstadt und fand bereits 1088 anläßlich ihrer Belagerung durch Ks. Heinrich IV. in der milit. Auseinandersetzung mit dem Mgf.en Eckbert von Meißen Erwähnung. In der ersten Hälfte des 12. Jh.s gelangte sie über den rheinischen Pfgf.en Wilhelm und dessen Mutter zusammen mit Burg Wachsenburg in den Besitz des Mainzer Ebf.s, der 1160 seine Vasallen, die Gf.en von Tonna, mit Burg G. belieh. Aus ihren Reihen bezeichnet sich erstmals Erwin II. (gest. 1192) als Comes de Glychen. Die zentrale strategische Bedeutung der Burganlagen für die Beherrschung des Thüringer Beckens erklärt sich in erster Linie durch ihre Nähe zu Erfurt und der hier verlaufenden Fernhandelsrouten. Erwin II. und seine Nachkommen nutzten die Burg im weiteren Verlauf des 12. und 13. Jh.s als Res. Nach dem Ableben des Gf.en Heinrich VII. von G. (gest. um 1379) und der anschließenden Erbteilung von 1385 residierten Angehörige der jüngeren Gf.enlinie auf Burg G. Nach der erneuten Zusammenlegung der gfl. Stammlande (→ G.-Tonna) 1456 diente die Burg mit Unterbrechungen bis zum Ende des 16. Jh.s Angehörigen des Gf.engeschlechts als Res., verlor diese Funktion dann jedoch allmählich zugunsten → Ohrdrufs, wohin der gfl. Haupthof unter Gf. Georg von G.-Tonna (1509-1570) um 1550 verlegt wurde. Danach hielten sich auf der Burg weiterhin gfl. Amtleute auf. Letztes auf Burg G. residierendes Familienmitglied war mit seiner Gattin Gf. Philipp Ernst von G.-Tonna (1561-1619), der noch in den achtziger Jahren des 16. Jh.s die bauliche Erweiterung der im Kern ma. Burganlage auf den Weg brachte. Zur Entstehung einer Stadt kam es nicht. Nach dem Aussterben des gleichischen Gf.enhauses 1631 setzte Kurmainz seinen Lehensanspruch gegen ernestinische Besetzungsversuche durch und übergab mit ksl. Unterstützung 1639/41 den Gf.en von Hatzfeld-G. die Burg und die Herrschaft → G. zu Lehen. Letztere besaßen die Burg bis zu ihrem Aussterben 1794, ließen die Burganlage als Res. jedoch ungenutzt. Mit dem Verlust der Res.funktion und dem beginnenden baulichen Verfall im Verlauf des 18. Jh.s ging eine zusehends romantisierende Sicht auf die Burg einher. 90 Jahre nach dem Aussterben der Gf.en von G. rühmte der Arnstädter Pfarrer und Publizist Johann Gottfried Gregorii (Pseud.: Meslissantes, 1685-1770) die landschaftsprägende Gestalt der Burg und unterstrich ihre Eignung für eine hochadelige Hofhaltung: Der Prospect von selbigem in das ebene Land nach Weymar zu ist sehr lustig und angenehm. Die Situation dieses Schlosses ist zu einer gfl. Hofhaltung so plaisirlich, daß man leichtlich alle Nothdurfft herbey schaffen kan (Melissantes, Berg-Schlösser, 1721). Nach dem Ende kurmainzischer Herrschaft in Thüringen fiel Burg G. 1803 zunächst unter preußische, 1811 dann unter frz. Verwaltung, die den Abbruch plante. Verhindert wurde dies auf Initiative des damaligen Erfurter Universitätsrektors. Nach weiteren Besitzerwechseln – vorübergehend befand sich die Ruine im 19. Jh. im Besitz eines preußischen Generals – ging die Burganlage 1934 an die Stadt Erfurt.
III.
Der Zugang führte vermutlich am Nordhang des Bergs empor und verlief durch ein östlich gelegenes Rundbogentor. Das Haupttor und die sich hieran anschließende tonnengewölbte Durchfahrt zählen zu den ältesten, im 11. Jh. errichteten, noch erhaltenen Gebäuden der Burgruine. Umgeben wird das Bauensemble von der wohl im 12. Jh. errichteten Ringmauer, die das Bergplateau insgesamt umfaßt und ein 110 x 70 m großes Oval bildet. Die unmittelbaren literarischen Zeugnisse zur Bau- und Nutzungsgeschichte sind begrenzt. Für das Jahr 1231 berichtet die Erfurter Stadtchronistik von Gebäudeschäden an sämtlichen »Drei-Gleichen-Burgen« und gibt Hinweise zu architektonischen Details: da quam ein blicz unde brante zue Doringen an desen drien borgen, die bie einander lin, Glichen, Waaenbuerg, Molbuerg, die torme und die zinnen abe (Chronici Saxonici continuatio Erfordensis). Der erhaltene 19 m hohe und mit Quadersockel versehene Turm entstand mit der Ringmauer und wurde nach 1231 vermutlich zu Wohnzwecken aufgestockt. Eine Erweiterung hat in diesem Zusammenhang ein dreigeschossiger, wohl zu Wohnzwecken genutzter repräsentativer Bau erfahren, der mit romanischem Fensterschmuck versehen ist, und dessen Geschosse in zwei etwa gleich große Räume unterteilt sind (»romanischer Wohnbau«). Über der Tordurchfahrt sind bauliche Reste einer aus dem 14. Jh. stammenden Kapelle erhalten, die mit ihrem Nikolauspatrozinium erstmals 1453 belegt ist. Gf. Philipp Ernst initiierte am Ende des 16. Jh.s die bauliche Erweiterung der ma. Burganlage im Renaissancestil. Zu diesen Erweiterungsbauten zählt an der westlichen Ringmauer ein langgestreckter zweigeschossiger repräsentativer Wohnbau mit hochaufragendem Giebelwerk, der 1588 fertiggestellt wurde und als »Herrenhaus« bezeichnet wird. Über dessen Eingangsportal, das mit Diamantquadern eingefaßt ist, befindet sich in einer Ädikula das Wappen der Gf.en von G. Vor dessen Hoffront zeugt ein 1598 angelegter Brunnen von der späten Res.funktion der Burganlage. Südlich an den Torturm schließt sich ein weiterer »Kanzlei« gen. Bau an, dessen Erdgeschoß und tonnengewölbter Keller erhalten sind. Entlang der südlichen Ringmauer finden sich Fundamente spätma. Bauten.
Literatur
Die Burg Gleichen und ihre Bewohner in Geschichte und Sage, Erfurt 1935 (Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt, 50). – Gorff, Nici: Burg Gleichen, in: Romanische Wege um Arnstadt und Gotha, hg. von Matthias Werner, Weimar 2007, S. 127-138. – Gregorii, Johann Gottfried [Pseud.: Melissantes]: Das erneuerte Alterthum oder curieuse Beschreibung einiger […] Berg-Schlösser in Teutschland, Frankfurt am Main u. a. 1721. – Hopf, Udo/Strickhausen, Gerd/Altwasser, Elmar: Die Drei Gleichen, Regensburg 2003 (Burgen, Schlösser und Wehrbauten in Mitteleuropa, 7). – Lass, Heiko: Burg und Schloß. Überlegungen zum landesherrlichen und adeligen Profanbau in Thüringen im 15. und 16. Jahrhundert, in: Von der Burg zum Schloß. Landesherrlicher und Adeliger Profanbau in Thüringen im 15. und 16. Jahrhundert, hg. von Heiko Lass, Jena 2001, S. 17-28. – Patze, Hans: Art. Gleichen, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 9, Stuttgart 1989, S. 146-147. – Werneburg, Adolf: Geschichtliches über die Grafen von Gleichen, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Alterthumskunde von Erfurt 6 (1873) S. 1-58. – Wehnemann, Paul/Muth, Max: Thüringer Burgen, Weimar 1932. – Zeyss, Edwin: Die Burg Gleichen von Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 50 (1935) S. 95-135.