Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

GEROLDSECK

C. Geroldseck

I.

Die Res. der Herren von Hohengeroldseck war von ihrer Erbauung bis ins ausgehende 16. Jh. die um 1250 errichtete Stammburg Hohengeroldseck. Dem Charakter der spätma. Adelsherrschaft entspricht es, daß auch die übrigen Burgen der verschiedenen Teilherrschaften bewohnt wurden – die Burg G. war jedoch namengebend und der repräsentative Kristallisationspunkt der Herrschaft.

Eine Vorgängerburg ist in der 1139 erwähnten und zu Beginn des 20. Jh.s ergrabenen alten G.er Burg auf dem 604 m hohen Rauhkasten zu sehen (List, Altgeroldseck), einer kleinen, 460 qm messenden Anlage, die nur aus einem Palas und einem Hof hinter einer starken Schildmauer bestand. Sie wurde vermutlich abgebrochen, als die neue Burg gebaut war. Mit einem Viertel dieser Anlage waren die Burgherren dem Kl. Gengenbach lehnspflichtig, was als Ausgleichsleistung für den Bau der Anlage teilw. auf Gengenbacher Kl.gebiet, aber damit auch für eine doch starke Stellung der → G.er gegenüber dem Kl. und seinen (Zähringer) Vögten gesehen werden kann.

II.

Die G.er Burg auf dem frei in die Landschaft ragenden und eine Höhe von 525 m erreichenden Schönberg dürfte, wie bereits erwähnt, ihre Entstehung und ihren durchaus großzügig zu nennenden Bau den 1257 belegten Silbervorkommen in Prinzbach verdanken. Nachrichten über Bau, Erweiterung oder Unterhalt sind keine überliefert.

Für die Position der Burg an dieser Stelle war die Politik der → G.er in der Mitte des 13. Jh.s ausschlaggebend, als sie sich im Gefolge des Bf.s von Straßburg des Kinzigtals zwischen Zell am Harmersbach und Hausach aus dem staufischen Erbe bemächtigten. Berücksichtigt man, daß mit der vermutlich bereits unmittelbar bevorstehenden Sulzer Erbschaft fast das gesamte Kinzigtal zwischen Zell und Lossburg geroldseckisch war – wenn auch nur für kurze Zeit – ist die Ausrichtung der Anlage auf den Blick vom Kinzigtal her schlüssig.

Die Anlage erscheint, zumindest im Bereich der Oberburg, aus einem Stück zu sein. Rückschlüsse auf zeitliche Abfolgen geben allein eine nur von außen sichtbare Baufuge im Sokkelbereich des erhaltenen Palasbaus und die Benennung der beiden Bauten mit »Alter Bau« und »Neues Haus auf dem Felsen«. Die erstgenannte Baufuge ist noch nicht systematisch erforscht, könnte aber auf einen ursprgl. kleiner begonnenen ersten Bau zurückgehen.

III.

Die Burg besteht aus einer Oberburg, die dem Umriß des, zweifellos künstlich abgespitzten, Porphyrfelsens folgt und dessen Klüfte mit Spannbogen von achtbarer Spannweite überbrückt. Auf diesem künstlich geschaffenen Plateau erheben sich zwei links und rechts eines großen Innenhofs gelagerte Palasbauten, die jeweils vier Voll- und zwei Dachgeschosse umfassen. Beide Gebäude waren durch Wendelsteine in den Ecken des Innenhofs zugänglich. Kompositorisches Empfinden spricht aus deren symmetrischen Anlage: die Wendeltreppe zum Alten Bau dreht nach links, die zum neuen Bau nach rechts. Im zweiten Obergeschoß des Alten Baus lag ein Festsaal, der mit 80 qm Größe – und einer Raumhöhe von 4 m – die Hälfte des Stockwerks einnahm und durch gotische Drillingsfenster sein Licht erhielt. Im neuen Bau wird man einen ähnlichen zweiten Saal vermuten können (List, Geroldseck).

Der Burgbrunnen, abgeteuft in 65 m Tiefe bis auf Grundwasser führende Schichten, steht zwar im Bereich der Unterburg, ist aber von diesem völlig abgeschlossen und nur von der Oberburg aus zugänglich.

Die Forschung hat für die Burgen der → G.er, und hier können außer der Burg G. auch die Anlagen von Sulz (Albeck) und Landeck herangezogen werden, das Fehlen des »klassischen« Bergfrieds und dagegen die Orientierung auf einen hohen wohnturmartigen Palas festgestellt. Geht man pragmatisch an das Phänomen heran, stellt man bei der Konzeption der Burg ein enormes Platzangebot von immerhin fast 600 qm in den drei Vollgeschossen des Alten Baus und ca. 450-500 qm in denen des Neuen Baus fest, zu denen dann noch einmal ca. 200 qm in den beiden Dachgeschossen kommen. Offenbar war es dem Bauherrn wichtiger, das Platzangebot zu schaffen als der Burg einen Turm zu geben.

Die Unterburg dürfte üblicherweise Wirtschaftsgebäude, Stallungen etc. beherbergt haben.

Von größeren Baumaßnahmen während des 14. und 15. Jh.s ist nichts überliefert, angesichts der finanziellen Lage der Herrschaft dürfte man sich auf die notwendigsten Erhaltungsmaßnahmen beschränkt haben.

Der bes. Rang, den die Herren von → G. ihrer Stammburg zumaßen, wird erst im 16. Jh. deutlich, als eine Familienchronik als Ausdruck des adligen »Herkommens« in Auftrag gegeben wird und in diesem Zusammenhang eine steinerne Tafel über dem Tor zum Alten Bau vom Ruhm des Geschlechts kündet. Das aber steht in engem Zusammenhang mit dem Wiederaufstieg der Familie nach der Katastrophe der pfälzischen Eroberung und Besetzung der Burg 1486.

Von der Ausstattung der Burg ist nichts bekannt, man kann jedoch nach Auswertung entspr. Inventare aus anderen G.er Burgen von einem durchaus standesgemäßen, aber den eingeschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten entspr. Auftreten ausgehen.

Erst am Ende des 15. Jh.s bezieht Jakob von G. mit dem auf staufischen Fundamenten neu errichteten Renaissance-Schloß Dautenstein eine Res. im Tal und verläßt die Stammburg.