Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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GENF

C. Annecy

I.

Offenbar hatten die Gf.en von Genf eine Res. in A.-le-Vieux, wie aus einigen Urk.n von 1192 und 1205 zu ersehen ist. Dieses Schloß existierte womöglich schon Anfang des 12. Jh.s. Das genaue Datum der Errichtung des Schlosses auf dem Kalkfelsen auf dem Ausläufer des Semnoz (an die 470 m hoch) ist unbekannt. Es überragte die Stadt und den Thiou und überwachte die Straße von → Genf nach Italien am Ausgang der Schlucht zum See, und auch die Brücken über dessen Ableitungskanäle. Im N und im O sind die Felswände steil, aber im S und W ist das Terrain ziemlich eben und mußte durch einen großen Graben gesichert werden. Die schriftlichen Quellen lassen immerhin eine Verbindung herstellen zwischen der Gründung einer Kirche Saint-Maurice, heute zerstört und der Entwicklung der Siedlung A.-le-Neuf, 1192 Stadt geworden, dem Bau der Befestigung und der Niederlassung der Gf.en von Genf in A. Diese womöglich vor 1107 gegr. Kirche wurde 1132 Pfarrkirche.

Es ist eine Folge der Streitigkeiten, zuerst mit den Bf.en von Genf, dann mit den Gf.en von Savoyen, die sich am → Genfer See ansiedeln wollten, so daß die Gf.en von Genf sich gezwungen sahen, ihre Stammburg → Bourg-de-Four in Genf aufzugeben, um sich seit dem 12. Jh. nach und nach in A. niederzulassen. Dennoch ist ihre tatsächliche Anwesenheit im Schloß nicht vor dem 13. Jh. bezeugt. Die erste Erwähnung 1219 erscheint im Vertrag von Desingy, einem Vergleich zwischen Bf. Aimon von Genf und dem Gf.en Wilhelm. In diesem Vertrag wird das Schloß dazu bestimmt, Adlige aufzunehmen, die sich als Geiseln des Gf.en zur Verfügung stellten. Ebenso verpfändete 1251 Gf. Wilhelm II. Burg und Gericht (mandement) A. als Anerkennung der Schulden, die er bei seinem Bruder hatte. Die Urk. erwähnt, daß sie auf Schloß A. in camera retro salam ausgestellt wurde. Zwei Jahre später fand die Investiturzeremonie von Gf. Raoul, Sohn Wilhelms, im Schloß von A. in der aula comitis statt, ein Zeichen dafür, daß zu der Zeit das Schloß Res. der Gf.en war und zudem das Zentrum der landesherrlichen Macht. Die seit 1325 in A. aufbewahrten Kastellaneirechnungen erlauben es, sich die Entwicklung des Schlosses und seiner Funktion im 14. und 15. Jh. vorzustellen.

II.

Die erste Hälfte des 14. Jh.s, Regierungszeit Amadeus' II. und seiner Ehefrau Mahaut von Boulogne, war eine Zeit des Friedens und der Blüte der Stadt und des Schlosses. Die Beziehungen zum Hause Savoyen hatten sich gebessert, eine Allianz mit dem Ks. war besiegelt, eine Münzstätte war errichtet in der ehem. maison de l'Ile und Verteidigungsanlagen der Stadt wurden gebaut. Wälle wurden um das Schloß aufgeworfen, die Siedlung erweiterte sich und machte so das Schloß zum Mittelpunkt der Stadt. Arbeiten am Schloß wurden 1325 unternommen und vermehrt nach dem Brand von 1340, der sämtliche Gebäude verheert hatte: die maior turris, den großen Saal des Vieux-Logis und den Donjon. Die Rechnungen zeigen, daß Zimmerleute und Steinmetzen zu diesem Zweck angeworben wurden. 1367 gestand Amadeus IV., Sohn Amadeus' III., der Stadt A. Abgabenfreiheit zu. Die Bürgerschaft beteiligte sich von da an bei der Wache und am Unterhalt der Befestigungen. A. präsentierte sich damals als Regionalhauptstadt, dominiert vom Schloß und umschlossen von gut bewachten Mauern.

Robert von Genf, letzter Nachkomme der Linie der Gf.en von Genf und 1378 gewählter Papst unter dem Namen Clemens VII., unternahm große Anstrengungen, um dem Schloß den Anschein einer richtigen fsl. Res. zu geben, namentlich durch den Bau eines neuen Turmes.

Das Schloß verblieb in den Händen der Gf.en von Genf bis zum Erwerb der Gft. durch Amadeus VIII. von Savoyen i.J. 1401. Seitdem wurde es zu einer der savoyischen Res.en v.a. der jüngeren Linien, als Amadeus VIII. die Apanage Genf schuf.

Die Rechnungen, teilw. und lückenhaft veröffentlicht, zeigen die schrittweisen Veränderungen. Es gibt keine Ansicht des Schlosses vor 1402, als der neue savoyische Kastellan das Schloß auf der ersten Seite seines Rechnungsbuches zeichnete.

III.

Um ins Schloß zu gelangen, mußte man die Öffnung für eine Zugbrücke über den Graben passieren, danach das Schloßtor. Der Kg.innenturm (Tour de la Reine) – so gen. seit dem 18. Jh. – mit einer Höhe von etwa 38 m war von fundamentaler Bedeutung für die Verteidigung des Tores. Die Hindernisse waren auf diese Weise vervielfacht. Das Eingangstor wird in den Rechnungen von 1331-1332 an erwähnt, der Turm zum ersten Mal 1325 unter der Bezeichnung maior turris oder magna turris, aber die Basis stammt nach archäologischen Befunden wohl aus der zweiten Hälfte des 13. Jh.s. Das 13. Jh. entspricht einer Periode intensiver kriegerischer Aktivität und Feindseligkeit gegen das Haus Savoyen, der Turm sollte den Donjon verstärken. Am Ende des 14. Jh.s, einer Zeit der Stabilität, wurden ihm zwei weitere Etagen hinzugefügt, aus Gründen des Komforts, nicht der Verteidigung. Das scheint die Größe der Fenster und die Flankierung durch Verbindungsmauern anzuzeigen. Dies war der schwächste Abschnitt im Verteidigungsfall, was erklärt, daß das Erdgeschoß und die erste Etage dieses Turm die einzigen Teile des Schlosses mit einem deutlich defensiven Charakter sind: vier Meter dicke Mauern, sehr enge Schießscharten, keine Tür oder Treppe im Erdgeschoß, ein einziger äußerer Zugang durch eine Zugbrücke geschützt. 1356 wurde dieser Turm magna turris alba gen. und diente als Gefängnis.

Um den Schloßhof herum befanden sich im N ebenfalls zwei Türme, heute Tour Saint-Pierre und Tour Saint-Paul. Letzterer wurde 1393 vollendet und in den Urk.n turris nova gen. Er maß 25 m x 8,50 m. Der Turm Saint-Pierre war kleiner. Er wird 1340 erstmalig gen. als dem großen Saal benachbart, und 1392 als Tour de la Pome wg. der Form seiner Dachspitze. Diese beiden Türme umrahmen das Vieux-Logis.

Das Vieux-Logis (26 m x 12,7 m) besteht aus drei verschiedenen Gebäuden. Hinter der nördlichen Fassade befinden sich im Erdgeschoß die Küche und die Gesinderäume, auf der ersten Etage das Zimmer des Gf.en, und in der zweiten Etage die chambre de parement. Die Aufteilung dieses Wohnflügels geht auf die erste Hälfte des 14. Jh.s zurück (zw. 1325 und 1340). Die Arbeiten setzten sich bis ins 15. Jh. fort. Das Erdgeschoß umfaßte die untere aula, die 1340 in einen heizbaren Versammlungssaal umgewandelt wurde, das Pèle, wo zwei Öfen installiert wurden sowie Holzbänke. 1346 wurden Glasfenster eingesetzt. 1394 wurde aus dem Pèle ein Vorratsgewölbe. Im ersten Stock befand sich der zentrale Teil des Schlosses, um den sich die Appartements des Gf.en und die Kapelle gruppierten. Im 14. Jh. wurde die Ausschmückung dafür durch den Kastellan in Auftrag gegeben. Ausgeführt wurde sie durch Maître Pierre de Lausanne, der 1334 dazu angestellt war, 127 Dutzend Schmuckleisten (bordures) in der magna aula zu malen. Der Wandschmuck wurde 1356 vollendet. Dieser Raum wurde auch mit Glasfenstern versehen.

Das Schlafgemach des Gf.en auf der ersten Etage des Vieux-Logis, 1340 camera maior domini gen., änderte seine Bezeichnung gegen 1370 in Rotes Zimmer, camera rubea bzw. magna camera rubea. Dieses Zimmer erreichte man durch den Turm Saint-Pierre mittels eines Durchgangs, dann weiter durch den Saal über dem Brunnen. Über der Tür befindet sich das Wappen des Gf.en von Genf. Die Appartements des Gf.en besaßen eine priv. Abtritt. 1393, als Robert von Genf unter dem Namen Clemens VII. Papst wurde, ist im Schloß ein Hirschsaal (chambre du Cerf) bezeugt, zweifellos in Anlehnung an den des Papstpalastes in Avignon benannt; aber von seiner Ausmalung ist uns nichts überliefert. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s ist auch eine Bibliothek bekannt, neben dem Schlafgemach des Gf.en und der Kapelle. Die Räume des Gf.en und der Gf.in besaßen jeder ein kleines priv. Oratorium.

Ein Inventar, angelegt 1393 aus Anlaß der schwierigen Nachfolge des Gf.en Peter von Genf und des Todes seiner Gemahlin Marguerite de Joinville, gibt wertvolle Informationen über Gegenstände und Ausschmückung im Schloß von A. Das Inventar nennt den Inhalt eines jeden Raumes und die Bücher der Bibliothek. Möbel waren selten: einige Bänke, einige Schränke, Gestelle, Borde (dressoirs) für Geschirr, Bettgestelle, Tische, Truhen, wie auch ein Gesangspult für die Kapelle der Gf.in. Die Goldstoffe für die Möbelbezüge kamen aus Lucca, aus Tarent die Seide, aus Arras und Damaskus die hochschäftige Tapisserien (de haute lisse), Köper aus Dtl. und Wollstoff (camelot) aus Reims. Auf den Bettdecken befand sich das gfl. Wappen. Das Inventar von 1393 erwähnt auch die Wappen und Devisen der Häuser Savoyen, Bourbon, Anjou, Coucy, Craon und Vertus, und bilden so die Verbindung der Gf.en von Genf mit diesen Familien ab. Es gab 17 hochschäftige Tapisserien.