FUGGER
I.
Die Grundlagen des Territorialbesitzes der F. legte Jakob F. der Reiche mit dem Pfandkauf der Gft. → Kirchberg sowie der Herrschaften → Wullenstetten, Weißenhorn und Pfaffenhofen auf dem Konstanzer Reichstag von 1507. Dem hoch verschuldeten Kg. Maximilian bezahlte F. dafür 50 000 Gulden. Zwei Jahre später kaufte er von Maximilian die Hofmark Schmiechen und 1514 die Herrschaft Biberbach, die aus dem Besitz der Marschälle von → Pappenheim an Maximilian gelangt war.
Jakob F.s Neffen Anton und Raymund bauten den Grundbesitz zielstrebig aus. Raymund (1489-1535) kaufte 1528 von Kg. Ferdinand I. die ostschwäbische Herrschaft Mickhausen. 1533 kamen das unweit von Biberbach gelegene Oberndorf sowie Dürrlauingen hinzu. Anton F. sicherte sich 1536-39 die Herrschaften Glött und Babenhausen, Dorndorf und die Reichspflege Donauwörth. Um die Mitte der 1540er Jahre folgten der Erwerb von Pleß und Rettenbach. Eine weitere Welle von Güterkäufen zwischen 1550 und 1557 umfaßte die Herrschaften Kirchheim an der Mindel, Boos und Kettershausen sowie mehrere Dörfer und Weiler. Allein der Erwerb Kirchheims von Hans Walter von Hirnheim (1551) kostete 250 000 Gulden. Daneben wurden beträchtliche Summen in den Ausbau bestehender Besitzungen investiert und kleinere Güter angekauft. Beim Tod Anton F.s (1560) konzentrierte sich der Besitz in einem trapezförmigen Gebiet zwischen den Reichsstädten Ulm, Donauwörth und Augsburg sowie dem F.schen Herrschaftssitz Babenhausen.
In den 1560er Jahren übernahmen Anton F.s Söhne Marx (1529-1597), Hans (1531-1598) und Jakob (1533-1598) die Herrschaft Mickhausen von Raymund F.s in Zahlungsschwierigkeiten geratenem Sohn Ulrich (1526-1584). 1573 kauften sie für 132 000 Gulden die bayerische Pfandherrschaft Mering sowie mehrere Dörfer von der Familie von → Pappenheim. Nach einer 1575 vorgenommenen Besitzteilung tätigte jeder der drei Brüder weitere Güterkäufe. Marx, der die nördlich von Augsburg und westlich des Lechs gelegenen Güter und Herrschaften (u. a. Biberbach und Oberndorf) erhalten hatte, kaufte 1580 das Biberbach benachbarte Nordendorf mit der Veste Donnersberg, im folgenden Jahr die Dörfer Hirblingen und Täfertingen bei Augsburg, 1585 Meitingen und 1597 Welden. Hans, an den bei der Teilung 1575 Kirchheim, Dürrlauingen, Glött, Schmiechen, Mickhausen und die Pfandherrschaft Mering gefallen waren, erwarb 1587 die östlich von Kirchheim liegenden Güter Hardt und Reinhartshausen und 1598 Pestenacker. Sein Sohn Christoph investierte nach dem Tod des Vaters 116 000 Gulden in die Herrschaften Mattsies und Rammingen, Christophs Bruder Marx erwarb 1598 die bayerische Hofmark Türkenfeld. Die Bemühungen von Hans und Christoph F. um die Herrschaft Mindelheim blieben indessen erfolglos. Jakob F. schließlich, der bei der Güterteilung von 1575 Babenhausen mit Kettershausen, Pleß, Boos, Waltenhausen und Rettenbach erhalten hatte, wandte hohe Summen für die bei Memmingen gelegenen Herrschaften Gottenau (1584) und Heimertingen (1589), Wasserburg am Bodensee (1592), Leeder bei Landsberg am Lech (1595) und Wellenburg bei Augsburg (1595) auf. Insgesamt stellt sich das letzte Viertel des 16. Jh.s als bes. aktive Phase der Erwerbspolitik der F. dar. In den zwei Jahrzehnten vor dem Dreißigjährigen Krieg folgten hingegen meist kleinere Zukäufe.
Während die Familie insgesamt eine langfristige Arrondierung und Sicherung ihres Grundbesitzes anstrebte, versuchte Georg F.s (1518-1569) Sohn Anton (1552-1616) gegen Ende des 16. Jh.s, binnen weniger Jahre einen größeren Güterkomplex im Umland der Reichsstadt Augsburg aufzubauen. Nach dem Erwerb Hainhofens (1580) und Aystettens überschuldete er sich beim Ankauf weiterer Güter und konnte diese nicht halten.
Darüber hinaus besaßen die F. die Herrschaft Bibersburg in der heutigen Slowakei und verfügten über Besitzungen im südlichen Elsaß, im Thurgau und in Niederösterreich. Gleichwohl bildete der Raum zwischen Donau, Iller, Lech und Bodensee eindeutig den Schwerpunkt ihrer Grunderwerbungen. R. Mandrou hat in diesem Gebiet zwischen 1507 und 1618 633 Käufe von Grundherrschaften, Höfen, Sölden und liegenden Gütern gezählt, für die die F. insgesamt 2,6 Mio. Gulden aufwandten. Am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs waren sie Eigentümer und Grundherren von rund 100 Dörfern. Ob die Erwerbspolitik der Familie systematisch auf die Bildung eines größeren Territoriums abzielte (G. von Pölnitz, P. Fried) oder primär vom Wunsch, Handelskapital krisensicher und trotzdem gewinnbringend anzulegen, motiviert war (R. Mandrou, P. Blickle), ist in der Forschung umstritten. Für ökonomische Motive sprechen die umfangr. Investitionen in das ländliche Textilgewerbe (Weißenhorner Barchent).
II.
Dem Ankauf folgten häufig Investitionen in den Ausbau bzw. Neubau von Herrschaftssitzen. In der 1533 erworbenen Herrschaft Oberndorf etwa wurde 1535-46 für 75 000 Gulden eine vierflügelige Schloßanlage errichtet. Mickhausen, das Raymund F. 1528 für 4000 Gulden erworben hatte, wurde durch Baumaßnahmen (Schloß, Pfarrkirche) und Arrondierungen bis 1617 zu einer Herrschaft mit Besitzungen in 23 Orten ausgebaut, die über Herrschaftsrechte wie die Niedergerichtsbarkeit und die hohe Jagdgerechtigkeit verfügte. Ihr Wert wurde 1617 auf 191 000 Gulden, die Jahreseinkünfte auf 5.700 Gulden zuzüglich 2.200 Gulden aus Getreideverkäufen beziffert. Als bedeutendster F.scher Schloßbau des 16. Jh.s demonstriert v.a. Kirchheim, das Hans F. 1578-85 neu errichten ließ, das Prestigestreben und Repräsentationsbedürfnis der Familie. Den Bau des vierflügeligen Renaissanceschlosses unter der Leitung des Augsburger Stadtwerkmeisters Jakob Eschay und seine hervorragende künstl. Ausstattung (Plastiken von Hubert Gerhard und Carlo Pallago, Holztüren und -decken von Wendel Dietrich, Gemäldezyklen von Paolo Fiammingo) ließ Hans F. sich über 150 000 Gulden kosten. Die Dimensionen des Baus, die Errichtung einer Familiengrablege in der Schloßkirche und Hans F.s Testament zeigen, daß er Kirchheim als künftiges Stammschloß seines Familienzweigs konzipierte.
Von einer »Hofhaltung« der F. kann man allerdings vor dem Dreißigjährigen Krieg kaum sprechen, da Augsburg der Lebensmittelpunkt der meisten Familienmitglieder blieb und die Herrschaften von Amtleuten und Rentmeistern verwaltet wurden. Die Präsenz der F. in ihren Schlössern beschränkte sich meist auf Inspektionsreisen, Festlichkeiten, Jagd- und Sommeraufenthalte. Erst seit der zweiten Hälfte des 17. Jh.s verlagerte sich das soziale Leben zunehmend in die ländlichen Herrschaften, wo nun auch »Hofstaaten« aufgebaut wurden. Diese Hofhaltung ist bislang allerdings nur punktuell erforscht. Für Babenhausen ist z. B. für den Zeitraum von 1650-1800 eine rege Musik- und Theaterkultur dokumentiert. Die Herrschaften Babenhausen und Kettershausen wurden 1803 zum Fsm. Babenhausen erhoben, das bereits drei Jahre später im Kgr. Bayern aufging.
Quellen
Die Güterteilungen des 16. und 17. Jh.s führten zur Entstehung mehrerer Herrschafts- und Familienarchive, die seit 1877 im »Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Familien- und Stiftungsarchiv« (zunächst in Augsburg, dann auf Schloß Kirchheim, heute in Dillingen/Donau) zusammengeführt wurden.
Literatur
Bauer, Hans: Schwabmünchen, München 1994 (Historischer Atlas von Bayern. Schwaben, I,15). – Blickle, Peter: Memmingen, München 1967 (Historischer Atlas von Bayern. Schwaben, I,4). – Fried, Pankraz: Die Fugger in der Herrschaftsgeschichte Schwabens, München 1976. – Häberlein, Mark: Die Fugger (1367-1650). Geschichte einer Augsburger Familie, Stuttgart 2006. – Huber, Herbert: Musikpflege am Fuggerhof Babenhausen (1554-1836), Augsburg 2003. – Jahn, Joachim: Augsburg Land, München 1984 (Historischer Atlas von Bayern. Schwaben, I,11). – Karg, Franz: »Dem Fuggerischen namen erkauft«. Bemerkungen zum Besitz der Fugger, in: Herrschaft und Politik. Vom Frühen Mittelalter bis zur Gebietsreform, hg. von Walter Pötzl, Augsburg 2003 (Der Landkreis Augsburg, 3), S. 239-249. – Mandrou, Robert: Die Fugger als Grundbesitzer in Schwaben 1560-1618. Eine Fallstudie sozioökonomischen Verhaltens am Ende des 16. Jahrhunderts, Göttingen 1997. – Merten, Klaus: Die Landschlösser der Familie Fugger im 16. Jahrhundert, in: Welt im Umbruch. Augsburg zwischen Renaissance und Barock (Katalog), 3 Bde., Augsburg 1980, hier: Bd. 3, S. 66-82. – Pölnitz, Götz Frhr. von: Die Fugger, Tübingen 1960.