Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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FINSTINGEN

C. Finstingen

I.

Curtis de Philistingis (1136); in terra de Phylestanges (1224); in villa predicta de Vinstinga ac territorio, banno et finagio eiusdem ville (1377); castrum sive fortalicium et villa de Fenestranges (1433); an der oberen Saar. Die Burg war vom 13. Jh. bis zum Erlöschen des Geschlechts Ende des 15. Jhs Hauptsitz der Herren von F., Verwaltungsmittelpunkt und wirtschaftliches Zentrum der gleichnamigen Herrschaft.

II.

Die Burg lag auf einer terrassenförmigen Erhebung am linken Saarufer, etwa auf halbem Weg zwischen Saarburg (Sarrebourg) und Bokkenheim (Sarre-Union). Sie kontrollierte die Straße im Saartal, die von Saarburg kommend mitten durch die Finstinger Burgsiedlung und dann an der Burg Geroldseck vorbei nach → Saarwerden und Bockenheim führte.

In einer gefälschten Urk. des 12. Jh.s wird F. für das Jahr 1070 als Ort einer Münzstätte des Kl.s Remiremont gen. Eine Burg ist dort seit 1238/41 belegt. Die Erwähnung eines Lombarden i.J. 1305 spricht für eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung. 1377 ist F. Sitz eines prepositus der Herrschaft. 1427 wird erstmals eine Stadtbefestigung erwähnt, 1457 ein eigenes Gewohnheitsrecht (nach der stede recht und gewonheit zu Vinstingen). 1559 erfolgte die Stiftung eines Hospitals. Unter den 1584 erstmals aufgeführten Handwerkszünften sind die lederverarbeitenden Gewerbe bes. stark repräsentiert. Anläßlich der Aufhebung der Leibeigenschaft 1584 wurde die Gemeindeverfassung festgeschrieben: An der Spitze stehen die zwei Baumeister der Herrschaft, die sich um den Erhalt und die Finanzierung der (Befestigungs-)bauten kümmern, aber auch die Rechtsprechung überwachen. Darauf folgen im Rang der Schultheiß, die Schöffenrichter und der Bürgermeister sowie eine Reihe weiterer Gemeindebeamter. Teils wurden sie ernannt, teils gewählt. Für das Schultheißen- und das Bürgermeisteramt hatte die Gmd. das Vorschlagsrecht.

III.

Über die ma. Burg, die sich an der Stelle des heutigen Schlosses befand, ist kaum etwas bekannt. Die Provenienz einer von Emil Burger veröffentlichten Zeichnung, die den Bauzustand von 1353 zeigen soll, ist unklar. Der Bau des Schlosses auf dem Platz der ehem. Burg wird heute in die zweite Hälfte des 16. Jhs dat. An den südöstlich gelegenen Wohngebäuden hat sich an der Front zur Saar hin die spätgotische Fassade noch erhalten. Auch das Torgebäude stammt noch aus dieser Zeit. Infolge der Regelung der konfessionellen Verhältnisse im Burgfrieden von 1584, der die Kollegiatkirche den Lutheranern zuschlug, wurde im Südostflügel des Schlosses von der katholischen Herrschaft eine Kapelle eingebaut (Patronat: St. Mauricius). Der heutige Bauzustand geht auf den Umbau zurück, den 1766 Dominique de Frimont vornehmen ließ, dem der Hzg. von Lothringen das Schloß verkauft hatte. Neu errichtet wurden damals die Wirtschaftsgebäude, die den Hof des Schlosses nach N halbkreisförmig abschließen.

Das Schloß des 16. Jhs bestand aus drei L-förmig angeordneten Wohngebäuden (der Rheingf.en, der Gf.en von → Salm und der Herren von Croÿ), die den Hof heute noch nach S und Südosten begrenzen. In der Front des Rheingf.enhauses befand sich ein Treppenturm, der vom Schloßhof über zwei Außentreppen zu erreichen war. Den Winkel zwischen dem Haus → Salm und dem Haus Croÿ nahm ein halbrunder Treppenturm mit Wendeltreppe ein. Im Erdgeschoß des Hauses Croÿ befindet sich die Schloßkapelle mit spätgotischem Kreuzrippengewölbe. An die Stirnseite des Gebäudes wurde für die Kapelle ein Glockenturm angebaut. Die Obergeschosse aller Wohngebäude wurden als Speicher genutzt. Im Nordwesten, zur Stadt hin, schlossen sich die Stallungen und das Torhaus an. Das Schloß war von einer Ringmauer umgeben. Von der Stadt war es durch einen Graben getrennt, über den eine Zugbrücke führte. Diese Zugbrücke wird bereits in Verbindung mit der ma. Burg erwähnt. Vor der Zugbrücke befand sich der zentrale Gerichtsplatz. Die Stadt war von einer Mauer umgeben, die unmittelbar an die Schloßmauer anschloß. Man betrat die Stadt von O durch das untere Tor (»Porte d'Allemagne«), von W durch das obere Tor (»Porte de France«). Das obere Tor ist gut erhalten. Es handelt sich um eine ma. Doppelturmanlage. Das Tor schlossen zwei Flügel gegen die Stadt ab, zwei andere mit Fallgatter gegen das Land. Über den Wallgraben führte eine Zugbrücke. An der Stadtseite ist ein Türmchen mit Wendeltreppe angebaut, über die man den oberen Stock und die Plattform erreichte. Das obere Tor diente als Gefängnis, als städtisches Zeughaus und dem Stadtrat als Tagungslokal. Die städtischen Befestigungsanlagen sind in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erneuert und verstärkt worden. Ausweislich der Grundrisse von 1720 wurden die beiden Stadttore von Vorwerken (Barbakanen) geschützt, die von Wassergräben umgeben waren. Sieben Türme flankierten damals die Stadtmauer. Das Schloß und zwei Bastionen deckten die drei Ecken der dreieckigen Stadtanlage. Doch eine Fortifikation der ma. Stadtmauern gegen Artilleriebeschuß ist nicht mehr vorgenommen worden.

Für 1634 ist überliefert, daß die Gemeinherren über ein Kanzleigebäude verfügten, in dem sich ihre Amtleute zweimal wöchentlich versammelten, um in zivilrechtlichen Angelegenheiten der Untertanen zu entscheiden. Dieses Haus war Teil einer Häuserinsel zwischen Schloß und Kirche mit einer Reihe herrschaftlicher Gebäude. Dazu gehörten ein kleines Palais der Herren von Ratsamhausen und von → Landsberg von 1551/55 und ein Haus der Herren von Haraucourt (beide im 19. Jh. abgerissen), das so gen. »Eisenhaus« (Bedeutung unklar) und auf der der Kirche gegenüberliegenden Seite das Haus der Rheingf.en von Daun und das Amtshaus der Rheingf.en von → Kyrburg. Abgerissen wurde das Haus der Rheingf.en von → Kyrburg.in der ehem. Wüstgasse, in der Stammgasse hatten sie ihre Stallungen (»Ritterstall«).

Die Errichtung eines Kollegiatkapitels an der Pfarrkirche St. Peter (heute: St. Remigius) geht auf einen Plan Johanns von F. (gest. 1467) zurück, des letzten männlichen Vertreters der Linie Schwanhals. Nach seinem Tod nahm seine Wwe. Beatrix von Ogéviller 1475 die Stiftung vor. Eingerichtet wurden 9 Kanoniker- und 4 Vikariatsstellen. Bereits zuvor war mit dem Neubau der Kirche an der Stelle der durch einen Brand weitgehend zerstörten Pfarrkirche begonnen worden. Als letztes wurde das Langhaus zwischen 1492 und 1496 durch den Straßburger Steinmetzmeister Hans Hammer fertiggestellt. Die Kirche besteht aus einem dreischiffigen Langhaus, einem massiven, kaum vorspringenden Querschiff und einem sehr tiefen dreijochigen Chor mit dreiseitiger Apsis. Im linken Arm des Querschiffs stehen das Grabdenkmal Heinrichs I. von F.-Brackenkopf (gest. 1335) und das Ulrichs von Rathsamhausen, eines Mitherren von F. (gest. 1543), und seiner Frau Maria von Andlau (gest. 1534). In der Kirche sind mit Rheingf. Otto von → Kyrburg (gest. 1607) und Karl Philipp von Croÿ (gest. 1613) später noch weitere Mitherren von F. bestattet worden.

F. war Sitz einer vor 1415 gegr. Priesterbruderschaft, die jährl. zwei Zusammenkünfte abhielt, die eine in F., die andere in Diemeringen. Geistlicher Mittelpunkt war der Wendelinsaltar in der Finstinger Pfarr- und späteren Stiftskirche. Die Herren von F. waren Schirmherren der Bruderschaft, die als Gegenleistung für die ihren Mitgliedern gewährte Testierfreiheit bei ihren Zusammenkünften Messen für die Angehörigen der Familie las. 1447 machten Burkhard, Heinrich und Simon von F. die Mitgliedschaft in der Bruderschaft für sämtliche Priester der beiden Herrschaften F. und Diemeringen und derjenigen Pfarreien zur Pflicht, über die sie die Kollatur, die Hochgerichtsbarkeit oder ein anderes wichtiges Recht ausübten.