Sammlungen
Musikinstrumente wurden zunächst als Werkzeuge betrachtet, die der Abnutzung unterworfen waren. Nur wenn sie aus wertvollem Material hergestellt waren, erhielten sie einen Platz in fsl. Schatzkammern. Ein frühes Beispiel für eine bewußte Aufbewahrung sind die kostbar verzierten Instrumente, mit denen die Kinder am Hof Philipps des Kühnen unterrichtet wurden. Eine Wertschätzung als Sammelobjekte erlangten Musikinstrumente erst im Zuge der Renaissance, als wissenschaftlich-didakt. und künstler. Beurteilungskriterien zum Tragen kamen. Anfängl. richtete sich das Interesse auf Instrumente aus fremden Kulturen, um die Curiositas am Andersartigen zu befriedigen. Bald jedoch wurden den Exotica einheim. Musikinstrumente beiseite gestellt. Seit Beginn des 16. Jh.s bemühten sich Musiktheoretiker – wie zunächst Sebastian Virdung (1511) und Martin Agricola (1528), später Michael Praetorius (1618), Marin Mersenne (1634) und Athanasius Kircher (1650) – um eine Kontextualisierung der zeitgenöss. Instrumente mit histor. überlieferten sowie den aus Übersee eingeführten. Samuel Quiccheberg hatte 1565 mit seinem museolog. Traktat Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi den Grundstein zu einer Systematisierung des Sammelwesens gelegt und Musikinstrumente der vierten Klasse zugeordnet, in der sich techn. Geräte im weitesten Sinne, aber auch Exotica, befinden. Die Musik präsentiert sich hier als eine der artes liberales zusammen mit ihren Schwestern des Quadriviums: Geometrie, Arithmetik und Astronomie. Die Sammellust wurde außerdem gefördert durch einen zunehmenden Variantenreichtum des Instrumentariums, eine Erweiterung der Stimmlagen und Baugrößen sowie die Ausformung einer eigenständigen Instrumentalmusik. Einen wahren Aufschwung erfuhr das Sammelwesen jedoch aufgrund des sich stetig steigernden Repräsentationsbedürfnisses der Fürstenhöfe, die miteinander konkurrierten. In ihrem Auftrag wurden bes. prachtvolle Musikinstrumente hergestellt, die Eingang in die Kunst- und Wunderkammern fanden. Einige Instrumente wurden von vornherein als Kunstkammerstücke par excellence, sog. kunststuckhe, konzipiert: sie waren meistens nicht spielbar, zeichneten sich aber durch kostbare Materialien und kunstvolle Verzierungen aus. Andere Instrumente dienten dem Einsatz in der Hofkapelle und wurden anschl. in der Kunstkammer aufbewahrt. Somit konnten die Sammlungen sowohl Prunkinstrumente, Raritäten und Unikate als auch gebrauchsfähige, beschädigte oder abgelegte Musikinstrumente umfassen. Im Gegensatz hierzu enthielten die höf. Instrumentenkammern nur in Gebrauch befindl. Objekte.
Die Inventare der fsl. Instrumentensammlungen belegen, daß im allgemeinen der Anteil an Holzblasinstrumenten den an Saiteninstrumenten überwog. Da sie weniger kostenaufwendig waren und sich nicht so gut für Dekorationen eigneten wie Streich- und Zupfinstrumente, wurden sie seltener aufbewahrt, wenn sie ausgedient hatten. Instrumente aus Elfenbein waren hingegen kostbar und kunstvoll gearbeitet, aber weniger gut spielbar. Infolgedessen überlebten sie in großer Anzahl in den Sammlungen. Cembali und Orgeln erscheinen ebenfalls häufig in den Inventaren. Aufgrund der ihnen eigenen größeren Unbeweglichkeit und einer oft anzutreffenden prächtigen Ausstattung verließen sie seltener ihren Aufstellort und eigneten sich somit als Sammelobjekt. Die Inventare der Instrumentenkammern vermitteln einen Eindruck der höf. Musikkultur gegen Ende des 16. Jh.s. Am Kasseler Hof des Lgf.en Wilhelm IV. von Hessen befanden sich i. J. 1573 73 Blasinstrumente, sechzehn Streichinstrumente und drei Tasteninstrumente. Für Ehzg. Karl von Steiermark lassen sich 1590 ca. 150 Blasinstrumente, ca. 30 Streich- und Zupfinstrumente sowie ein Tasteninstrument nachweisen. Am Berliner Hof des Kfs.en Johann Georg II. von Brandenburg standen i. J. 1582 den 53 Blasinstrumenten fünf Streichinstrumente und elf Tasteninstrumente gegenüber. Hzg. Ludwig der Fromme von Württemberg besaß 1589 sogar über 470 Blasinstrumente, ca. 80 Streich- und Zupfinstrumente und dreizehn Tasteninstrumente. Eine Ausnahme bildete der Dresdner Hof, wo der Kfs. von Sachsen 1593 über 43 Tasteninstrumente und einige Streich- und Zupfinstrumente verfügte. Die Instrumentensammlungen Ehzg. Ferdinands II. von Tirol stellen einen Höhepunkt dar. Lt. des Inventars von 1596 wurden auf Schloß Ambras 25 Blasinstrumente, sechs Streich- und Zupfinstrumente sowie drei Tasteninstrumente aufbewahrt, und auf Burg Ruhelust befanden sich in der Musikkammer ca. 180 Blasinstrumente, ca. 45 Streich- und Zupfinstrumente sowie vier Tasteninstrumente.
Für die Entscheidung, ob ein Musikinstrument der Kunst- und Wunderkammer zugeordnet wurde, bestanden vier Auswahlkriterien. Allen ausgestellten Objekten ist gemeinsam, daß sie zwar Musik repräsentieren, diese aber prinzipiell über das Auge, manchmal auch den Tastsinn, erfaßt werden soll. Die erste Gruppe bilden Instrumente aus der Musikpraxis. Im Hinblick auf den enzyklopäd. Anspruch lagen Bemühungen vor, ein möglichst vollständiges Instrumentarium zusammenzutragen. Hierbei konnte es sich um Instrumente handeln, die zuvor von der Hofkapelle genutzt worden waren und nun aus verschiedenen Gründen nicht mehr zum Einsatz kamen, z. B. weil sie veraltet, beschädigt oder nicht mehr einwandfrei spielbar waren. Sie wurden als Antiquitäten geschätzt. Die zweite Kategorie umfaßt Instrumente, die so kostbar ausgestattet sind, daß sie als Kunstwerke betrachtet wurden. Für den Instrumentenbauer galt es die diffizile Aufgabe zu bewältigen, ein visuelles Kleinod mit guten Klangqualitäten zu schaffen. Zur dritten Gruppe gehören Instrumente, die eigentl. als solche nicht mehr bezeichnet werden können, weil die künstler. Virtuosität die musikal. Funktion ersetzt. Es sind kunsthandwerkl. Gegenstände, die zwar der Form nach als Instrumente erscheinen, aber aufgrund ihrer Konstruktion, z. B. durch das gewählte Material, als solche unbrauchbar sind. In der letzten Kategorie sind die sog. Wunderwerke vertreten. Damit werden einerseits Musikautomaten beschrieben, aber auch Instrumente, die durch ihren Klang einen Überraschungseffekt hervorrufen, weil sie opt. eine andere Akustik vermuten lassen. Hierzu zählen z. B. sehr kleine Holzblasinstrumente mit einer mehrfachen Bohrung, die bes. tiefe Töne erzeugen können.
Musikinstrumente fremder Kulturen wurden als Exotica den europ. beigeordnet. Typ. Africana waren Blashörner aus Elfenbein, die aus Westafrika stammten, sog. Oliphanten. Außerdem waren westafrikan. und südamerikan. Schellenringe, Rasseln und Rasselbänder vertreten. Als Rasseln dienten mit kleinen Steinen oder Samen gefüllte Kürbisse. Rasselbänder bestanden aus an Schnüren befestigten Ahovay-Schalen und wurden beim Tanzen getragen. Zu den Asiatica gehörten chines. Singekugeln, die durch Bewegung einen schwirrenden Ton erzeugten.
Ehzg. Ferdinand II. von Tirol hatte sich als großer Kunstförderer und Sammler betätigt. In seiner Kunst- und Wunderkammer auf Schloß Ambras war der vierte – der sog. weiße – Kasten den Musikinstrumenten gewidmet, die nicht oder nicht mehr genutzt wurden. Im Inventar von 1596 sind insgesamt 34 Objekte verzeichnet. Als Unika gelten aufgrund ihrer Bauweise fünf Tartölten, die den Klang der menschl. Stimme nachahmen (Farbtafel 88). Solche Drachenschalmeien haben schon am Hof Maximilians I. bei Theateraufführungen und Mummereien als Bühnenrequisiten gedient. Da sie nicht nur akust. eingesetzt wurden, sondern auch opt. Eindrücke vermittelten, sind sie der Kategorie der zoomorphen Theaterinstrumente zuzuordnen. Vermutl. gehören sie zu den Objekten, die aus der Instrumentenkammer in die Kunstkammer überführt wurden. Im Besitz Ehzg. Ferdinands II. befand sich auch eine Trompete, die in ihrer Gattung als prunkvollstes Objekt weltweit gilt (Farbtafel 89). Sie wurde 1581 von Anton Schnitzer gefertigt. Das versilberte Messingrohr zieren Gravierungen, die Musen mit Musikinstrumenten darstellen. Knauf, Stürze und Zwingen sind vergoldet. Im Jahr 1574 hatte Girolamo Virchi für Ehzg. Ferdinand eine Cister angefertigt, die eine ideale Verbindung von zweckmäßiger Konstruktion und künstler. Ausstattung bietet. Neben dem fsl. Wappen weist sie ein reiches manierist. Schnitzwerk wie Karyatiden, Putti und Akanthusblätter auf. Die Schnecke wird von einer Frauenfigur bekrönt, die den Tod der Lukretia darstellt, und die Rückseite des Griffbrettes schmückt ein Narrengesicht. Ein außergewöhnl. Unikat stellt eine Lautencister dar, die bereits im 16. Jh. Aufsehen erregte. Sie vereint die Merkmale beider Zupfinstrumente, so daß ein asymmetr. Instrument mit drei Schallöchern entstanden ist. Ausgestellt wurde zudem eine Elfenbeinlaute, die Georg Gerle 1580 angefertigt hatte. Tasteninstrumente boten ein Feld für Kunstkammerstücke. In Ambras fand sich die Kombination eines Spinetts mit einem Regal, das in Form eines Spielbrettes (Mühle, Schach und Trick-Track) 1587 von Anthonius Meidting gebaut und mit der Devise Ks. Ferdinands I.: sic transit gloria mundi versehen worden war. Als weitere Rarität wurde ein vor 1569 gefertigtes Claviorganum präsentiert, in dem sich Orgelpositiv, Regal und Spinett verbinden. Es zeichnet sich zudem durch Scherzregister mit Frosch- und Vogellauten sowie Groteskenmalerei auf dem Gehäuse aus. Sowohl Ehzg. Ferdinand als auch sein Neffe Rudolf besaßen ein Glasglockenklavier. Hierbei handelt es sich um ein kastenartiges Holzgehäuse, in dessen Innerem zylinderförmige Glaskörper mit filzbezogenen Klöppeln angeschlagen werden. Das Gehäuse weist neben dem Wappen eine Dekoration aus Grotesken und mytholog. Figuren auf.
Die Ambraser Kunstkammer umfaßte zudem zahlreiche Exotica wie z. B. einen mit einer Eidechse verzierten Oliphanten, eine Schellentrommel, Singekugeln und eine Panpfeife. Auch in der Stuttgarter Sammlung konnten zwei reich dekorierte Oliphanten bewundert werden, die zusammen mit weiteren Elfenbeinhörnern bei den Elfenbeinarbeiten aufbewahrt wurden. Die Münchner Kunstkammer beinhaltete drei »indianische« Schellen, für die nicht geklärt werden kann, ob es sich um Americana oder Africana handelte. Von drei Oliphanten war einer mit einem Eidechsen- oder Krokodilrelief versehen.
In Dresden hingegen zeigte sich ein ausgeprägtes Interesse an mechan. Wissenschaften. Im vierten und fünften Raum der Kunstkammer befanden sich mathemat. und techn. Instrumente, denen einige Musikinstrumente und Musikautomaten zugeordnet waren. Neben einer Orgel, deren Einzelteile aus farbigem Glas hergestellt waren, stand ein hölzernes Positiv mit sechs verschiedenen Pfeifen. Ein weiteres Positiv hatte der Bildhauer Christoph Walther 1584 geschaffen und eine Orgel von Johann Lang eingebaut. Unter den vielen ausgestellten Uhren waren zwei Werke zu sehen, die Musik erzeugten, wovon eine Uhr mittels eines Glockenwerks Osterlieder und die andere über ein Pfeifenwerk Weihnachtsgesang erklingen ließ. Einen Musikautomaten, der selbständig Motetten spielte, hatte Kfs. Aug. 1582 beim Reichstag in Augsburg erworben.
Die Sammlungen der fsl. Kunst- und Wunderkammern boten eine Vielfalt an Repräsentationsstrategien. Die ausgestellten Musikinstrumente dienten aufgrund ihrer Exklusivität stets dem Herrscherlob, sei es durch kostbare Materialien, künstler. Virtuosität, techn. Raffinessen, exot. Provenienz oder auch genealog. Verweise.
→ vgl. auch Farbtafel 130; Abb. 6, 72, 117
Quellen
Doering, Oscar: Des Augsburger Patriciers Philipp Hainhofer Reisen nach Innsbruck und Dresden, Wien 1901 (Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Neuzeit. NF 10). – Johann Baptist Fickler, Das Inventar der Münchner herzoglichen Kunstkammer von 1598 (BSB München, Cgm 2133); ediert in: Transkription der Inventarhandschrift cgm 2133, hg. von Peter Diemer in Zusammenarbeit mit Elke Bujok und Dorothea Diemer, München 2004. – Inventar der Ambraser Kunstkammer 1596, ediert in: Urkunden und Regesten aus der k. k. Hofbibliothek, hg. von Wendelin Boeheim, in: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses 7 (1888) S. XCI-CCCXIII. – Inventar der Kunstkammer zu Stuttgart, 1654. – Inventar über des Kurfürsten zu Sachsenn, 1587. – Inventarium Schmidlianum, 1670-1692. – Athanasius Kircher, Musurgia universalis sive ars magna consoni et dissoni, Rom 1650. – Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II., Prag, 1607-1611, hg. von Rotraud Bauer und Herbert Haupt, in: JbKS 72 (1976) S. 1-140. – Michael Praetorius, Theatrum instrumentorum, in: Syntagma musicum, Bd. 2, Wolfenbüttel 1618.
Literatur
Bujok, Elke: Neue Welten in europäischen Sammlungen. Africana und Americana in Kunstkammern bis 1670, Berlin 2004. – Sandbichler, Veronika: Die Kunst- und Wunderkammer Erzherzog Ferdinands II., in: Für Aug' und Ohr. Musik in Kunst- und Wunderkammern (Ausstellungskatalog), hg. von Wilfried Seipel, Wien 1999, S. 17-19. – Scheicher 1979. – Schlosser, Julius von: Die Sammlung alter Musikinstrumente. Beschreibendes Verzeichnis, Wien 1920. – Stradner, Gerhard: Musikinstrumente für Aug' und Ohr, in: Für Aug' und Ohr. Musik in Kunst- und Wunderkammern (Ausstellungskatalog), hg. von Wilfried Seipel, Wien 1999, S. 11-15.