Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

Sammlungen

Waffen und Rüstungen

Der ma. Brauch, die Rüstkammer in der Nähe des Schlafgemachs des Burgherrn einzurichten, um im Bedarfsfall unmittelbar einsatzbereit zu sein, war im 16. Jh. bereits obsolet. Rüstkammern hatten sich inzwischen zu Waffenarsenalen entwickelt, die einen großen Raumbedarf einforderten. Folgl. wurden in den Schlössern angemessene Räumlichkeiten zur Unterbringung der Waffen und Rüstungen geschaffen. Bei regelmäßigen Inventarisierungen wurden Verzeichnisse erstellt. Eine Bestandsaufnahme erfolgte zumindest bei jedem Wechsel eines Rüstmeisters oder Regenten und wurde vorzugsweise in Anwesenheit des Fs.en durchgeführt, um ein höchstmögl. Maß an Kontrolle zu gewährleisten. Im Gegensatz zum Zeughaus, wo Artillerieausstattung und -munition aufbewahrt wurden, befanden sich in der Rüstkammer Waffen für den Einzelkampf, Schutzbekleidung für Reiter und Roß sowie konventionelle Pferdeausrüstungen. Zur Rüstkammer gehörte oft eine gesonderte Harnischkammer für die diversen Rüstungen des Fs.en, die nicht auf dem Schlachtfeld getragen wurden: Turnierharnische, Kürisser (dreiviertellange Reiterharnische), Schorten (Turnierröcke) sowie Stech- und Rennzeuge. Spätestens ab dem 17. Jh. wurde diese Differenzierung nicht mehr vorgenommen. Die Inventare bezogen sich fortan generell auf die Rüstkammer. Als Harnisch wurden alle aus Platten hergestellten Rüstungen bezeichnet. Sie konnten blank oder gebläut ausgeführt sein. Die in der Rüstkammer untergebrachten Armaturen umfaßten u. a. Hakenbüchsen, Faustrohre, Schießpulverflaschen, Faustkolben, Armbrüste mit Winden und Pfeilen, Wurfspieße, Knebelspieße, Säbel, Schwerter, Stilette, Dolche, Messer und Tartschen (Turnierschilde). Degen hingegen zählten bei Standespersonen zur Kleidung und waren daher in der Regel in der fsl.en Kleiderkammer verwahrt. In einer Rüstkammer befanden sich neben einsatzfähigen Waffen und Rüstungen auch veraltete oder unbrauchbar gewordene Objekte. Gegenstände mit einem bes. materiellen oder ideellen Wert wurden in die Kunstkammer oder eine separate Rüstkammer mit der persönl. Sammlung des Fs.en verbracht. Dorthin gelangten alle Beutestücke aus den Türkenkriegen, die Pretiosen in mehrfacher Hinsicht darstellten. Meist wiesen sie eine künstler. hochwertige Verarbeitung auf und waren aus kostbaren Materialien gefertigt. Ihr spezieller Sammelwert begründete sich jedoch in ihrer Funktion als ars memoriae. Sie dienten dem Gedenken an eine gewonnene Schlacht und glorifizierten die milit. Leistungen des Fs.en. Mithin bedeuteten sie eine primäre Strategie fsl. Repräsentation und Herrschaftslegitimierung. Neben oriental. Waffen und Kampfausrüstungsteilen bildeten Prunkwaffen begehrte Sammelobjekte. Es handelte sich um versilberte oder vergoldete Werke, die prächtige Dekorationen aus Elfenbein oder Perlmutt besaßen und teilw. kunstvoll tauschiert waren. Oft wurden sie mit dem Monogramm und Wappen des fsl. Auftraggebers verziert. Sie konnten außerdem weitere Hinweise auf Rang und Würden beinhalten. Hzg. Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf war 1560 der Hosenbandorden verliehen worden, woraufhin er seinen Turnierschild mit der Devise des Ordens versehen ließ. Waffen und Rüstungen repräsentierten ein beliebtes Objekt im zwischenhöf. Geschenkeaustausch. 1554 schenkte Maximilian II. seinem Bruder Ferdinand eine goldene Prunkwaffengarnitur, die ihm kurz zuvor von Wratislav von Pernstein, einem böhm. Kämmerer, als Geschenk überreicht worden war. Rapier, Dolch und Gürtel waren in Spanien gefertigt und das Rapier mit einer Klinge von Antonio Piccinino versehen worden. Die Golddekorationen des Gefäßes sind so feingliedrig mit Blättern, Voluten und Engelsköpfen ausgearbeitet, daß zum Schutz des kostbaren Werkes durch ein Schraubsystem die Möglichkeit eingeräumt wurde, die Waffe in Einzelteile zu zerlegen, um diese in einem Etui aufzubewahren.

In der Kriegskunst manifestierte sich die Herrschaftsberechtigung eines Fs.en. Ihre Funktion lag demnach nicht nur im persönl. Prestigegewinn, sondern beruhte auf der Verpflichtung des Lehnsherrn, Land und Bewohner zu schützen. Die Beherrschung der Kriegskunst galt als Herrschertugend, wie von Niccolò Machiavelli in Dell'arte della guerra für die uomini virtuosi definiert. Die polit. Ikonographie ist komplex und schließt die Repräsentation des Fs.en als miles christianus ein. In Friedenszeiten zeichneten sich die Fs.en durch ihre Leistungen bei Turnieren aus, die zugleich Übungszwecke verfolgten. Turniere wurden an allen Höfen in großer Anzahl veranstaltet und bildeten einen bedeutenden Faktor adligen Divertissements. Sie dienten nicht nur dem sportl. Wettkampf unter Fs.en, sondern in der Präsentation als Volksfest wurden sozialpolit. Ordnungsstrukturen vermittelt, die herrschaftsstabilisierend wirkten. Turniere als Bestandteil des Festwesens fungierten als instrumenti regni. Aus der Konvention, bei Festlichkeiten Turnierausrüstungen für die Gäste bereitzustellen, ergab sich ein Mindestbestand an Rüstungen und Waffen, der bei Hofe verfügbar sein mußte. Der Hofplattner Jakob Topf stellte für Ehzg. Ferdinand II. zahlreiche Rüstungen her, da dessen Turniere aufwendig gestaltet waren und mehrere Wochen dauerten. Sie umfaßten diverse Wettkampfarten wie Plankengestech, Freiturnier, Fußturnier sowie Scharmützel und wurden von Aufzügen, Mummereien und Intermedien gerahmt. Als sich Ehzg. Ferdinand II. von Tirol 1582 mit seiner Nichte Anna Caterina Gonzaga vermählte, gab er 48 Harnische in Auftrag.

Im 16. Jh. wurde noch mit scharfen Waffen gekämpft, was sich im Verlauf des 17. Jh.s änderte. Die verschiedenen Turnierdisziplinen erforderten spezielle Harnische. Da die Herstellung von Rüstungen mit einem hohen Kostenaufwand verbunden war, wurden Kombinationsmodelle entwickelt, die je nach Disziplin variabel montiert werden konnten. Wenn ein Fs. sich die Anfertigung mehrerer Rüstungen leisten konnte, wurde dies im Sinne der conspicuous consumption zur Schau gestellt. Als bevorzugtes Medium zur propagandist. Vermittlung dienten Portraits, auf denen der Herrscher mit einer Prunkrüstung in Szene gesetzt war. Der Memorialcharakter offenbarte sich auf zwei Ebenen. Zum einen wurden Turniere visuell festgehalten und zur Dekoration von Herrschaftsarchitektur verwandt. In Dresden schmückten Tafelbilder mit Turnierdarstellungen sowohl die Arkaden des Stallhofes als auch die Ahnengalerie im Langen Gang. Sie waren somit unmittelbar in den Kontext von Turnier und Fest sowie dynast. Mneme eingebunden. Zum anderen wurden die Teilnehmer in Turnierbüchern verzeichnet. Zuweilen wurden Turnierbücher mit fiktiven Ahnen ergänzt, um die Genealogie des Hauses durch möglichst frühe Benennungen aufzuwerten. Mit Beginn des 17. Jh.s verloren Turniere an Bedeutung und wurden von der Jagd als adligem Vergnügen und Geschicklichkeitsbeweis abgelöst. Zeitgl. waren zwei Entwicklungen zu konstatieren. Einerseits zeigen die Inventare der Rüstkammern einen Zuwachs an Handfeuerwaffen. Unter den Pistolen und Gewehren befanden sich nun zunehmend Jagdgewehre und Mehrschußbüchsen. Andererseits erfuhren Waffen fortan eine gesteigerte Wertschätzung als eigenständige Sammelobjekte. Gesonderte Waffensammlungen wurden angelegt und durch Geschenke und Ankäufe ausgebaut. Im Kontext der Sammlungen bezeugten Waffen nun Ruhm und Legitimität des Fürstenhauses.

Zu jeder fsl. Kunstkammer gehörten Waffen und Rüstungen. Da sie ein Medium der Herrschaftsrepräsentation par excellence bildeten, waren sie integraler Bestandteil des Rundgangs, wenn Gäste durch die Sammlung geführt wurden. Kombinationswaffen entstanden Ende des 14. Jh.s, um die Vorzüge verschiedener Waffentypen in einer Handwaffe zu vereinigen. Seit Beginn des 16. Jh.s wurden in der Regel Feuerwaffen mit Blank- und Stangenwaffen oder Streitäxten und -kolben verbunden. In fsl. Auftrag wurden techn. interessante und kunsthandwerkl. reich ausgeschmückte Kombinationswaffen hergestellt, die aufgrund ihrer Exklusivität begehrte Exponate für Kunst- und Rüstkammern darstellten. Ein Rapier mit vorspringender Klinge und integriertem Dolch war aufgrund des Gewichts nicht zum prakt. Einsatz geeignet, sondern bedeutete ein kostspieliges Kunstkammerstück. Eine ausgefallene Variante bildete die Kombination von Waffe und Uhr. Uhren wurden vornehml. an Rapieren, Dolchen und Pulverflaschen angebracht. Es handelte sich um fsl.e Auftragsarbeiten, bei denen mehreren Handwerksmeistern – Uhrmacher, Klingen- und Goldschmied, Graveur – eine Kooperation ermöglicht wurde, die sonst durch Zunftvorschriften erschwert war. Am Dresdner Hof bestand ein ausgeprägtes Interesse an kombinierten Waffen und wissenschaftl. Gerätschaften, das u. a. durch die zahlreichen Aufträge an Hofuhrmacher Tobias Reichel widergespiegelt wird.

In den Büchsenkammern befanden sich nicht nur künstler. virtuose Feuerwaffen, sondern auch unkonventionelle Varianten techn. Innovationen wie z. B. der Radschloßpistole. Handfeuerwaffen mit Metallschaft wurden seit Mitte des 16. Jh.s hergestellt. Neben Konstruktionen mit einem aus Eisen oder Kupfer getriebenen Schaft wurden Modelle mit Auflagen in gegossenem Messing oder Silber geschaffen. Diese kostbaren Gewehre und Pistolen waren zumeist vergoldet sowie mit aufwendigen Dekorationen versehen und daher als Sammelobjekte beliebt. Ein dt. Zentrum der Waffenproduktion war Suhl in Thüringen. Aufgrund ihrer hohen techn. Qualität und künstler. Verarbeitung gelangten zahlreiche Suhler Waffen in die fsl. Rüstkammern.

Mailand bildete zunächst das Zentrum für die Herstellung von Prunkharnischen und nahm stilist. Einfluß auf die dt. Plattnerkunst. In der zweiten Hälfte des 16. Jh.s verlor es jedoch an Bedeutung. Zu den späten Meisterwerken gehörte der um 1578 von Lucio Piccinino geschaffene Prunkharnisch, den sich Ehzg. Ferdinand II. von seinem Neffen Alessandro Farnese übersenden ließ. Im Reichsgebiet waren es Augsburg und Innsbruck, wo schwerpunktmäßig das Plattnerhandwerk ausgeübt wurde. Die Familien Helmschmied und Seusenhofer arbeiteten für den ksl. Hof seit Ende des 15. Jh.s. Ende des 16. Jh.s wurden die letzten großen Aufträge für Prunkharnische vergeben. Mit dem Niedergang des Turnierwesens schwand die Nachfrage nach Harnischen. Da mit der Verbreitung der Feuerwaffen Rüstungen auch nicht mehr für den Kriegseinsatz geeignet waren, starb das Plattnerhandwerk in der zweiten Hälfte des 17. Jh.s aus.

Ehzg. Ferdinand II. ließ zur Unterbringung seiner Sammlungen auf Schloß Ambras zwei Gebäudekomplexe konzipieren. Zunächst entstand 1571-1572 die Kornschütt, die im Erdgeschoß Stallungen und im ersten Obergeschoß Bibliothek, Antiquarium und Kleine Rüstkammer beherbergte. Diese drei Einheiten waren als Studiensammlung angelegt und erinnerten stilist. an den Bautypus des studiolo. Zur Abtrennung dienten zwei Wände mit offenen Bogendurchgängen, die architekton. Transparenz zw. den drei Sammlungsbereichen boten. Die Kleine Rüstkammer befand sich im mittleren Raum zw. Bibliothek und Antiquarium. Sie beinhaltete Handfeuerwaffen, Hieb- und Stichwaffen für Nahkampf und Jagd sowie Geschützmodelle. Im Laufe der Zeit kamen Kuriositäten und eine große Anzahl an Blank- und Stangenwaffen hinzu. Die Masse der Waffen verlieh dem Raum in späteren Jahren den Charakter eines Depots. Im Nachlaßinventar von 1596 sind allein 24 Seiten diesem Bestand gewidmet. 1572-1580 wurde an die Nordseite der Kornschütt ein aus drei Trakten bestehender Bau angefügt, der zur Aufnahme der Kunst- und Rüstkammer diente. Der Verbindungsflügel zur Kornschütt enthielt die Kunstkammer, während die beiden anderen Trakte durch hölzerne Trennwände in vier Raumeinheiten unterteilt wurden. 1589 wurde parallel zum zweiten Waffensaal eine weitere Rüstkammer errichtet. Die anfängl. vier, später fünf Säle bildeten ein Armamentarium und bezeugten deutlich die persönl. Vorliebe des Ehzg.s für Rüstungen und Waffen. Ferdinand bemühte sich um eine kontinuierl. Erweiterung der Rüstkammern, die innerhalb seiner Sammlungen den systematischsten und bedeutendsten Komplex repräsentierten. Ein Inventar der Waffensammlung wurde 1581-1583 erstellt. In der ersten Rüstkammer waren zum Teil die noch in Gebrauch befindl. Turnierharnische untergebracht. Außerdem hatte Ferdinand 1582 vierzehn Rennzeuge aus dem ehemaligen Besitz Ehzg. Sigismunds von Tirol und Ks. Maximilians I. von der Burg in Innsbruck nach Ambras bringen und in der Turnierrüstkammer aufstellen lassen. Der zweite Raum widmete sich Kuriositäten. Hier stand die hölzerne, über 2,60 m große Gliederpuppe des Bauern Bartlmä Bon aus Trient, der als Hofriese die Neffen Ehzg. Ferdinands 1560 beim Fußturnier begleitet hatte. Die Puppe trug das originale Landknechtskleid mit einer Rüstung, die in der von Ferdinand gegründeten Prager Hofwerkstatt hergestellt worden war. Daneben waren als visueller Kontrast die Knabenharnische der beiden Söhne des Ehzg.s ausgestellt. Als kurioses Beutestück wurden die Hosen des vor Pavia gefangengenommenen frz. Kg.s Franz I. präsentiert. Die dritte Rüstkammer beinhaltete die persönl. Rüstungen Ferdinands. Zu diesen gehörte eine Rüstung alla Romana, die sich der Ehzg. 1582 von seinem Hofplattner Jakob Topf hatte anfertigen lassen. Es handelte sich um die Luxusausführung eines leichtgewichtigen Festharnischs, der nur für repräsentative Zwecke und nicht als Schutzkleidung vorgesehen war. In den dritten Waffensaal war ein im Grundriß dreieckiger Raum integriert: das »Türkenkammerl«, das Beutestücke aus dem Feldzug von 1556, exot. Gastgeschenke sowie orientalisierende west- und osteurop. Waffen verwahrte. Der Sieg gegen die Türken bei Szigetvár stellte den einzigen milit. Erfolg dar, den der Ehzg. zu verzeichnen hatte und für den er als Held gefeiert worden war. Auf einem Pferd war der Harnisch montiert, den Ferdinand während der Kampfhandlungen getragen hatte. Die Memorialfunktion stand im Zentrum der Präsentation. Als Sultan Suleiman II. 1566 seinen letzten Feldzug in Ungarn unternahm, sandte der oberste ksl. Feldherr Lazarus Schwendi etliche Kriegstrophäen nach Ambras. Die Kollektion umfaßte u. a. drei ungar. Rüstungen, zwei Sturmhauben, sechzehn Säbel, zwei Panzerstecher, zwei Dolche, neun Bögen mit Köchern, acht ungar. Tartschen, fünf türk. Rundschilde, fünf Busocane sowie eine Axt. Der vierte Raum bildete die Heldenrüstkammer, die die Zimelien der Sammlung beherbergte. Dieser Bestand rekrutierte sich aus Harnischen, Waffen und Bildnissen der habsburg. Vorfahren und befreundeter Fs.en. Ehzg. Ferdinand besaß eine große Anzahl an histor. Rüstungen, die er bereits in der Zeit als böhm. Statthalter in Prag zu sammeln begonnen hatte. Zu den früh erworbenen Objekten gehörte eine als Löwenkopf gestaltete Sturmhaube Karls V., die 1541 als Geschenk im Auftrag Ferdinands I. von Filippo Negroli gefertigt worden und später in den Besitz des Erzherzogs übergegangen war. Von berühmten Zeitgenossen erbat oder erwarb Ferdinand Turnier- und Prunkharnische. Diese Anfragen waren konkret gefaßt. Ferdinand ersuchte z. B. 1576 Kfs. August von Sachsen um Überlassung eines Harnisches, den jener bei der Belagerung von Gotha getragen hatte, sowie eines Leibharnisch des verstorbenen Moritz. Im Gegenzug bot er den Besitzern der Rüstungen ein Exemplar des geplanten Bildinventars an, das von Jacob Schrenck von Notzing angelegt und schließl. 1601 unter dem Titel Armamentarium heroicum veröffentlicht wurde. Das Werk gilt als der erste gedruckte und illustrierte Museumskatalog überhaupt. Es beinhaltete die in Kupfer gestochenen ganzfigurigen Bildnisse der in der Heldenrüstkammer vertretenen Feldherren mit ihren Harnischen, die jeweils mit einem historiograph. Kommentar versehen waren. Zu den Exponaten zählten Rüstungen von neun Ks.n, neun ausländ. Kg.en, zwölf Ehzg.en und 21 Reichsfs.en. Objekte von zweifelhafter Herkunft waren die Harnische des Hunnenkg.s Attila und der Libussa, der sagenhaften Gründerin von Prag. Bei der Auswahl der Objekte traten künstler. und materielle Kategorien in den Hintergrund. Das vorrangige Kriterium war die histor. Relevanz. In Analogie zu den uomini famosi-Zyklen der Renaissance wurde eine Galerie von herausragenden Potentaten und Feldherrn geschaffen, die Ferdinand selbst als »Ehrliche Gesellschaft« bezeichnete. Die Kriegskunst wurde als Herrschertugend inszeniert. Der Fokus lag auf der Würdigung der Einzelpersönlichkeit und ließ nationale sowie religiöse Aspekte weitgehend unberücksichtigt. So befand sich neben dem Trabharnisch eines Mitstreiters aus dem Türkenfeldzug 1556 eine Rüstung Sultan Suleimans II. Der Harnisch Franz I. hatte einen Ehrenplatz inmitten der Kg.e gefunden, ungeachtet seiner lebenslangen Feindschaft mit den Habsburgern. Zu den Ausstellungsstücken zählte außerdem ein Fußkampfharnisch des ungar. Kg.s Ludwig II., den Konrad Seusenhofer, der Hofplattner Ks. Maximilians I., 1515 angefertigt hatte. Die Anordnung der Exponate erfolgte nach dem gesellschaftl. Rang des ursprgl.en Besitzers und nach Themenkomplexen. Den einzelnen auf Figurinen montierten Rüstungen und Waffen waren kleine Bildnisse in einem genormten Format zugeordnet, die zur Vermittlung eines opt. Eindrucks des ehemaligen Trägers dienten. Wichtiger als eine naturgetreue Darstellung war die Visualisierung der sozialen und histor. Position. Waffen, Rüstungen und Portraits fungierten als Memorabilia, als Zeugnisse der Geschichte und damit der Leistungen der auserwählten Persönlichkeiten.

Innerhalb der Kunstkammer war der sechzehnte Kasten Waffen gewidmet. Hier wurden Objekte ausgestellt, die sich durch ihre künstler. Virtuosität, Kostbarkeit, Rarität oder als Kuriosa auszeichneten. Entsprechend dem enzyklopäd. Prinzip der Kunstkammer fanden sich ma. Blankwaffen und kunstvoll gearbeitete Feuerwaffen neben Exotica wie einem ägypt. Pfeil, türk. Dolchen und der Streitaxt Montezumas. Spielarten wie ein zusammenlegbarer Spieß und ein Paar Sporen, welche aufgeschraubt und mit Wein oder Wasser gefüllt werden konnten, riefen Staunen hervor. Ein bes. exklusives Kunstkammerstück repräsentierte der um 1474 entstandene Prunkstreitkolben Ks. Friedrichs III., der nicht zum Kriegseinsatz, sondern zum vergnügl. Zeitvertreib konzipiert war. Der hohle Schaft des traditionellen Rangabzeichens birgt ein zusammenlegbares Spielbrett für Schach und Trick-Track mit Spielsteinen, und den Handgriff ziert eine Sonnenuhr mit Kompaß. Zu den Höhepunkten des Kastens gehörten außerdem drei geweihte Schwerter. Eines der Papstschwerter stammte aus dem Besitz Ks. Ferdinands I., die beiden anderen hatten Pius V. und Gregor XIII. als Geschenke an Ehzg. Ferdinand II. überreicht.

Ks. Rudolf II. hatte auf der Prager Burg keine separate Rüstkammer eingerichtet, sondern Waffen und Rüstungen in seine Kunstkammer integriert. Ein undatiertes Inventar aus seiner Regierungszeit gibt an, daß sich in der Sammlung 57 Jagd- und Scheibenbüchsen dt. und österr. Büchsenmacher befanden, deren Schäfte reiche Dekorationen mit Elfenbein- und Beineinlagen aufwiesen. Ein dekoratives Schaustück, das den eigentl. Waffencharakter weitgehend verloren hat, repräsentierte eine von Daniel Sadeler und David Altenstetter 1607 in Prag gefertigte Silberbüchse. Eine überaus reiche Ornamentierung schmückt Radschloßgewehr und außergewöhnl. geformte Pulverflasche. Das Muster der Silberplatten wurde auch für eine Uhr verwandt. Rudolf II. zeigte großes Interesse an oriental. und insbes. türk. Waffen. In seiner Sammlung befanden sich etwa 163 türk. Waffen und Ausrüstungsgegenstände. Die Anzahl variiert je nach Inventar. Das Kunstkammerinventar von 1607-1611 benennt 41 Säbel, elf Busocane, drei Streitäxte, fünf türk. Bögen, zwei Stecher, neun Palaschklingen, sechs Palasche, sechzehn Dolche, 23 Messer, 105 in einer Truhe befindl. indian. bzw. türk. Dolche und Messer, ein türk. Schild, fünf Flaschen und vier Roßzeuge. Den überaus zahlreichen oriental. Waffen standen nur 42 europ. Objekte gegenüber: sechzehn Schwerter, fünfzehn Rapiere bzw. Rapierklingen, sieben Dolche, ein Helm, ein Rundschild und zwei Papstschwerter. Das von den böhm. Ständen 1619 erstellte Inventar verzeichnet auch Feuerwaffen, womit sich das Verhältnis grundlegend wandelt. An oriental. Waffen fanden sich sieben türk. Gewehre, 44 Säbel, sieben Busocane, sieben Hacken, fünf Bögen, sieben Palasche, 32 Dolche und Messer, neunzehn Schilde, drei Janitscharenhauben, sechs Feldflaschen, acht Roßzeuge und sechs Schabracken. Die insgesamt 331 europ. Exponate umfaßten 240 Feuerwaffen, 35 Rapiere, 55 Dolche und Schwerter sowie elf Spieße. Es werden somit die Differenzen in der Technik der Kriegsführung deutlich. Aufgrund der hervorragenden Fertigungsqualität und der verwandten kostbaren Materialien erfuhren oriental. Waffen eine bes. Wertachtung und bedeuteten zugl. einen hohen Kostenfaktor. Türk. Säbel erreichten oft einen Wert, der um oder über 100 ß lag, wohingegen ein europ. Stück mit 15 ß angesetzt wurde. Mit Edelsteinen und Gold verarbeitete türk. Messer erzielten Summen zw. 400 und 600 ß. Das Inventar von 1619 schätzte die sechs türk. Schabracken auf einen Wert von 4100 ß und alle 240 europ. Feuerwaffen zusammen auf nur 3190 ß. Selten kamen oriental. Prunkstücke als Kriegsbeute in die Sammlung, wie der von Schwendi mitgebrachte, in Gold und Silber gefertigte und mit Türkisen und Granaten verzierte Panzerstecher. In der Regel handelte es sich um Ehrengeschenke, die der Sultan an die Gesandtschaften überreichte. Beliebte Objekte waren aufwendig dekorierte Bogenköcher und Trinkflaschen. Zu den diplomat. Geschenken in der Prager Kunstkammer gehörten zwei Samurai-Rüstungen, die Ks. Rudolf II. 1580 im Namen des Tenno übersandt wurden. Sie repräsentierten schon seinerzeit bes. exklusive Exponate.

Hzg. Albrecht der Beherzte hatte nach der Leipziger Teilung 1485 Dresden zur Residenzstadt des neu gegründeten albertin. Hzm.s Sachsen erklärt. Unter seinem Sohn, Georg dem Bärtigen, wurde eine Harnischkammer im Residenzschloß begr., die den bisher auf verschiedene Burgen und Schlösser verstreuten Waffenbesitz zusammenführte. Diese Kammer beherbergte Leib-, Turnier- und Prunkwaffen und bildete den ältesten Bestand des albertin. Sammlungswesens. Sie wurde fortan kontinuierl. erweitert und konnte bald illustre Besucher aufweisen. Kg. Ferdinand I. weilte 1538 anläßl. eines Staatsbesuchs in Dresden und besichtigte die Harnischkammer. 1539 bestallte Hzg. Georg mit Hans von Dehn-Rothfelser erstmals einen Verwalter für die Waffensammlung. Nach der Übertragung der Kurwürde auf Moritz von Sachsen wurden ab 1548 umfangr. Neu- und Umbauten am Dresdner Schloß durchgeführt und die Harnischkammer in das Erdgeschoß des Hausmannsturms verbracht. Zeugnisse bedeutender histor. Ereignisse aus der Regierungszeit Moritz' wurden in die Kammer überführt: das Kurschwert von 1547 und der Feldharnisch, den Moritz bei der Belagerung Magdeburgs 1550-1551 getragen hatte. Die Rüstkammer diente zur Ausstattung für das ausgeprägte Turnier- und Festwesen, das am Dresdner Hof gepflegt wurde. Zu den aufgeführten Turnierarten zählten das Gestech, Scharfrennen, Pallienrennen und Freiturnier. Es war daher vorteilhaft, daß die Turnierteilnehmer nach der Ausrüstung vom Hausmannsturm aus unmittelbar in den Schloßhof einziehen konnten. Im Gegensatz zu den Beständen im Zeughaus der sächs. Armee handelte es sich nur um künstler. und handwerkl. wertvolle Waffen und Gerätschaften. Kfs. August unternahm erste Schritte auf dem Weg zu einer musealen Präsentation. Er ließ den Bestand vollständig erfassen und bes. prächtige Exponate auf geschnitzten Holzpferden ausstellen. Das älteste überlieferte Inventar stammt aus dem Jahr 1561 und verzeichnet einen Teilbestand der Turnierausrüstungen. 1567 wurde ein Gesamtinventar der Rüst- und Harnischkammer erstellt, das bereits über 1 500 Waffen auflistet, aber auch Ausrüstungsgegenstände des Pferde- und Geschirrstalls enthält. Das nachfolgende Inventar von 1568 gilt der »Neuen Rüst- und Harnischkammer« und bezieht sich nur auf den Waffenbestand. Ergänzende Inventarisierungen wurden zw. 1576 und 1584 durchgeführt. August versammelte an seinem Hof zahlreiche Plattner, Rüstmeister, Büchsenmeister, Gold- und Messerschmiede, Schäfter und Riemer, die in seinem Auftrag Objekte für die Sammlung anfertigten. Zu den berühmtesten Plattnern zählte der Augsburger Anton Peffenhauser, der insgesamt 36 Turnier- und Knabenharnische für den sächs. Hof schuf, aber auch für zahlreiche andere Fs.en tätig war, u. a. für Maximilian II., Rudolf II. und Albrecht V. von Bayern. Von den einheim. Meistern sind die Annaberger Plattner Peter von Speyer d.Ä. und Wolf von Speyer zu erwähnen. In bezug auf Umfang und Erlesenheit trat die kursächs. Rüstkammer in Konkurrenz zur intensiven Sammeltätigkeit Ehzg. Ferdinands II. von Tirol. Unter August wuchs der Bestand um das Zehnfache an, so daß sich erneut Raumbedarf ergab. Kfs. Christian I. ließ daher 1586-1588 den Neuen Stall errichten, der für die Unterbringung des Marstalls und der Rüstkammer konzipiert war. Es handelte sich um einen neuen Bautyp, wie er auch an anderen Höfen (Wien, München, Heidelberg, Kassel) entstand. Deutl. Analogien zum Dresdner Gebäudekomplex weisen die 1598 fertiggestellten Spanischen Stallungen auf der Prager Burg auf, die außer dem repräsentativen Marstall die Kunstkammer und Gemäldegalerie Rudolfs II. beherbergten. Auf der neuen Rennbahn des Dresdner Stallhofes fand 1589 das erste Ringrennen statt. 1591 war der Umzug der Rüstkammer in das erste Obergeschoß des Stallgebäudes vollzogen, und zwei Jahre später wurden die Armbrüste aus dem Schießhaus eingegliedert. Im Schloß selbst verblieben nur einige Leibwaffen des Kfs.en. Die Sammlung befand sich in unmittelbarer Nähe zur Turnierbahn, so daß die Teilnehmer zum Ankleiden vom Hof aus über eine steinerne Rampe in die Kammer reiten konnten. Gäste gelangten durch die Ahnengalerie des Langen Ganges in die Rüstkammer, um diese zu besichtigen. Sie durchliefen eine via memoriae des Hauses Wettin, die sich krieger. präsentierte. Auf den Bildnissen erschienen die realen und fiktiven Vorfahren mit Harnisch und Schwert ausgestattet, und den Eingang zur Rüstkammer zierte ein Portrait Widukinds, der die Sachsen im Kampf gegen Karl den Großen angeführt hatte. Kfs. Christian II. ließ 1605-1606 eine grundlegende Inventarisierung des umfangr. Sammlungsbestandes durchführen. Das Verzeichnis von 1606 umfaßt 1 602 Seiten und listet den Bestand aus inzw. 32 Räumen nach themat. Gruppierungen auf. Jedoch gab es keine strikte räuml. Trennung von Turnier-, Feld- und Prunkharnischen, und der überwiegende Teil der zugehörigen Kürissättel wurde in einer eigenen Sattelkammer untergebracht. In der Schwarzen Reiter- bzw. Schlittenkammer waren fünfzehn Harnische auf geschnitzten Holzpferden und weitere auf Ständern ausgestellt. Zu den Prunkstücken gehörten der reich dekorierte geschwärzte Trabharnisch Augusts, den dieser 1547 in der Schlacht bei Mühlberg getragen hatte, sowie der von ihm bei der Belagerung Magdeburgs 1567 genutzte schlichte geschwärzte Feldharnisch. Die Pallienkammer war prunkvollen Harnischen für verschiedene Turnierarten sowie Feldharnischen aus bedeutsamen Schlachten gewidmet. Sie zeigte sich in der Konzeption der Heldenrüstkammer in Ambras kongenial, da die vertretenen Persönlichkeiten eine ehrenwerte Gesellschaft sächs. Ahnen und befreundeter Herrscher bildeten. Die Auswahl der Harnische erfolgte entweder, um des berühmten Trägers zu gedenken, oder, um an ein histor. relevantes Ereignis zu erinnern. Im Inventar wurde der jeweilige Kontext vermerkt. In diesem Raum kamen auch die Geschenke anderer Fs.en zu Ehren. 1588 hatte Hzg. Carl Emanuel von Savoyen einen vergoldeten Prunkharnisch an Christian I. übersandt, welcher zunächst in der Kunstkammer und ab 1619 in der Rüstkammer verwahrt wurde. Neben zahlreichen Exponaten auf Ständern waren auf 25 hölzernen Pferden Harnische für Mann und Roß montiert. Darunter befanden sich die für Kfs. August geschlagenen Rennzeuge mit einem Gewicht von 85 kg sowie das Glanzstück der Sammlung: der vom Antwerpener Goldschmied Eliseus Libaerts 1563-1564 geschaffene Prunkharnisch für Mann und Roß, der als unübertroffenes Meisterwerk der Plattnerkunst gilt (Farbtafel 83). Die Harnischgarnitur war im Auftrag des schwed. Kg.s Erik XIV. für seine Brautwerbung gefertigt worden, wurde aber auf dem Transportweg von den Dänen als Kriegsbeute entwendet. 1606 gelang es Kfs. Christian II. dieses Prunkstück gegen Zahlung von 8 800 Gulden zu erwerben. Die Summe war so hoch, daß sie bis 1609 in Raten begl. werden mußte. Die großflächig vergoldete Garnitur schmücken Tier- und Pflanzenmotive sowie Darstellungen aus der antiken Mythologie. Auf dem Mannesharnisch sind Szenen aus dem Trojanischen Krieg sowie der Argonautensage und auf dem Roßharnisch Herkulestaten abgebildet. Zwei der dynast. Repräsentation gewidmete Räume lagen im zweiten Obergeschoß des Stallgebäudes: die Ungarische Kammer und die Kurkammer. In der Ungarischen Kammer, die ab 1674 »Türckische Cammer« gen. wurde, waren oriental., ungar. und ital. Waffen versammelt. Der große Bestand beansprucht 130 Seiten des Inventars, auf denen die verschiedensten Feuer- und Kombinationswaffen, Hieb- und Stichwaffen, Bögen, Helme, Schilde etc. bis hin zu Sätteln, Pferdeschmuck und Reitröcken verzeichnet sind. Eine größere Anzahl osman. Waffen stammt aus der Zeit Sultan Suleimans II. Es handelte sich nicht nur um Beutestücke aus milit. Auseinandersetzungen, sondern auch um Geschenke und Ankäufe. Diplomat. Beziehungen und Handelsverkehr hatten zu einer Beliebtheit des oriental. Stils und orientalisierender Mode geführt. Die kostbare Ausstattung osman. Waffen mit Edelsteinen und die aufwendige Verarbeitung exot. Kleidung sprachen die an den Fürstenhöfen verbreitete Prunkliebe an. Im Zuge umfangr. Geschenkesendungen der Höfe in Mantua, Florenz und Turin an Christian I. füllte sich die Dresdner Türkenkammer mit oriental. Waffen. Unter den Präsenten befanden sich zwei mamluk. Zeremonialäxte vom Beginn des 16. Jh.s. Unter Christian II. kamen weitere Objekte hinzu, die Ks. Rudolf II. als Dank für die im Langen Türkenkrieg (1593-1606) geleistete milit. Unterstützung übersandte. Ks. Matthias und Ks. Ferdinand nutzten das Interesse Kfs. Johann Georgs I. an oriental. Waffen, um sich mit der Übersendung prunkvoller osman. Requisiten der polit. Unterstützung durch Kursachsen zu versichern. Umfangr. Neuzugänge erfolgten nach den Türkenkriegen 1663-1664. Kombinationswaffen galten als beliebte Sammelobjekte, da sie techn. Raffinesse mit handwerkl. Kunstfertigkeit und Erfindungsreichtum verbanden. In der Regel wurden zwei bis drei Waffentypen in einer Handwaffe zusammengeführt. Unter den in der Ungarischen Kammer ausgestellten Werken befand sich ein Streithammer mit versenkbarer Stoßklinge, der 1593 von Balthasar Hacker angefertigt worden war (Farbtafel 84). Er war nicht für den prakt. Gebrauch, sondern als kuriose Prunkwaffe konzipiert. Der Schlagkopf vereint vier Werkzeuge, näml. Axteisen, Hammer, Nageleisen und vierkantigen, spitz auslaufenden Haken. Schlagkopf, Schaft und Stoßklinge weisen reiche Dekorationen auf. Das Kurwappen und das hzgl.-sächs. Wappen prangen auf der Stoßklinge und dem Schaft. Die Kurkammer bildete den Mittelpunkt reichspolit. Repräsentation und Herrschaftslegitimierung, denn sie versammelte die Kurschwerter. Von besonderer dynast. Bedeutung ist das Kurschwert Friedrichs des Streitbaren, der 1423 als erster Wettiner belehnt wurde, sowie jenes von Moritz von Sachsen, als 1547 die Kurwürde auf die albertin. Linie übertragen wurde. Außerdem wurden in der Kurkammer Prunkwaffengarnituren verwahrt. Die überaus pretiösen Blankwaffen – Schwerter, Rapiere, Degen und Dolche – waren großenteils Geschenke und damit Zeugnisse eines weitverzweigten diplomat. Beziehungsgeflechts unter den Fs.enhöfen. Kfs. August pflegte eine enge Freundschaft mit Ks. Maximilian II. und Ehzg. Ferdinand II. von Tirol. Gegenseitige Besuche und Geschenke festigten den Bund zw. Wettinern und Habsburgern. Prunkwaffengarnituren des span. Goldschmiedes Pere Juan Poch aus Barcelona, die von den Habsburgern bevorzugt verschenkt wurden, erfreuten sich großer Beliebtheit. Kfs. Christian II. zeigte eine bes. Vorliebe für Prachtentfaltung und erweiterte die Sammlung v. a. mit Prunkharnischen und edelsteinbesetzten Waffen. Christian II. ließ nicht nur Meisterwerke, wie den erwähnten Harnisch von Libaerts, ankaufen, sondern vergab auch gezielt Aufträge. 1610 bestellte er eine Prunkwaffengarnitur im oriental. Stil bei Johann Michael in Prag und ließ auf der Schabracke den eigenen Namen und die Titel mit Rubinen einlegen. Beim Dresdner Goldschmied Gabriel Gipfel wurden zwei mehrteilige kostbare Jagdgarnituren angefertigt, wovon die eine mit 351 Türkisen verziert und die andere mit 193 Smaragden besetzt war. Allein die Türkis-Garnitur kostete 2 000 Gulden und bedeutete mithin ein prestigeträchtiges Statussymbol. Die nachfolgenden Kfs.en Johann Georg I. und Johann Georg II. bereicherten die Sammlung vornehml. um wertvolle Jagdwaffen, da das Turnierwesen an Bedeutung verloren hatte.

Milit. Aufgaben wurden zunehmend dem niederen Adel übertragen, so daß sich im Laufe der Zeit eine deutl. Ausdifferenzierung in Feld-, Turnier- und Prunkharnische vollzog. Die wertvollsten Prunkharnische waren nur Repräsentationszwecken vorbehalten. Der prakt. Zweck des Harnisches ging verloren und wurde auf die Ebene eines Rangzeichens transferiert, das Adel und Rittertum symbolisierte. Das Rapier war für den Fechtkampf konzipiert, und zum Parieren wurde es in der Regel mit einem Linkehanddolch kombiniert. Als integraler Bestandteil ritterl. Bewaffnung gehörten Rapiere mit Dolchen zur Ausstattung des Hofadels, wobei der Grad der Veredelung mit Gold und Silber sowie der evtl. Besatz mit Edelsteinen streng reglementiert waren und den Rang des Trägers anzeigten. Die Motive der Dekorationen entstammten der griech.-röm. Mythologie und Historie. Der Rekurs auf einen Kanon polit. Herrschaftsikonographie und eine ausgeprägte Materialikonologie schufen ein komplexes Zeichensystem. Prunkwaffen fungierten als Medien der fsl. Repräsentation und damit als Herrschaftszeichen. Obwohl es sich in der Regel um funktionstüchtige Waffen handelte, waren sie nicht zum Gebrauch, sondern als Statussymbol gedacht. Prunkrüstungen und -waffen waren eine Erscheinung der Renaissance und insbes. der Spätrenaissance. Ihr Auftreten stand in Verbindung mit der Verhöfischung des Adels, einer Wiederbelebung des Rittertums und den Bemühungen um eine Refeudalisierung im 16. Jh.

→ vgl. auch Farbtafel 37, 71, 145, 147; Abb. 90, 112, 114, 118, 121, 157, 159, 160, 254, 255

Quellen

Doering, Oscar: Des Augsburger Patriciers Philipp Hainhofer Reisen nach Innsbruck und Dresden, Wien 1901 (Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Neuzeit, NF 10). – Inventar von Rüstkammer, Harnischkammer und Zeughaus in Gottorf 1587 (Landesarchiv Schleswig 7, Nr. 3018) – Inventar der Rüst- und Harnischkammer in Gottorf 1590 (Landesarchiv Schleswig 7, Nr. 192) – Inventar der Kleinen Rüstkammer in Gottorf 1616-1646 (Landesarchiv Schleswig 7, Nr. 201) – Inventar des Nachlasses Erzherzog Ferdinands in Ruhelust, Innsbruck und Ambras, vom 30. Mai 1596, ediert in: Urkunden und Regesten aus der k. k. Hofbibliothek, hg. von Wendelin Boeheim, in: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses 7 (1888) XCI-CCCXIII. – Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II., Prag, 1607-1611, hg. von Rotraud Bauer und Herbert Haupt, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien 72 (1976) S. 1-140. – Lieber, Elfriede: Verzeichnis der Inventare der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 1568-1945, Dresden 1979 [dort die Inventare der Rüstkammer in Dresden 1606 (Nr. 72); 1617 (Nr. 161); 1667 (Nr. 162); 1674 (Nr. 244)]. – Jacob Schrenck von Notzing: Augustissimorum Imperatorum serenissimorum […] in Ambrasasianae arcis armamentario conspiciuntur, Innsbruck 1601 (dt. Ausgabe von Johann Engelbert Noyse von Campenhouten, Innsbruck 1603). –

Beaufort-Spontin, Christian: Harnisch und Waffe Europas – die militärische Ausrüstung im 17. Jahrhundert. Ein waffenhistorisches Handbuch, München 1982. – Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde, Leipzig 1985 (Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1890). – Gries, Christian: Erzherzog Ferdinand II. von Tirol und die Sammlungen auf Schloß Ambras, in: Frühneuzeit-Info 5 (1994) S. 7-37. – Lewerken, Heinz-Werner: Die Dresdner Rüstkammer im Neuen Stall, in: In fürstlichem Glanz, 2004, S. 70-79. – Lewerken, Heinz-Werner: Feuerwaffen, in: In fürstlichem Glanz, 2004, S. 121-122. – Mai, Heinz: Von der Rüstkammer zum Zeughaus, in: Gottorf im Glanz des Barock, I, 1997, S. 93-98. – Nielsen, Kay S.: Die Rüstkammer der Gottorfer Herzöge, in: Gottorf im Glanz des Barock, I, 1997, S. 99-104 . – Pfaffenbichler, Matthias: Die türkischen Waffen in der Kunstkammer Rudolfs II., in: Rudolf II, Prague and the World. Papers from the International Conference Prague, 2-4 September, 1997, hg. von Lubomír Konečný, Prag 1998, S. 161-165. – Rudolf, Karl: Die Kunstbestrebungen Kaiser Maximilians II. im Spannungsfeld zwischen Madrid und Wien. Untersuchungen zu den Sammlungen der österreichischen und spanischen Habsburger im 16. Jahrhundert, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien 91 (1993) S. 165-256. – Scheicher 1979. – Schuckelt, Holger: Die Dresdner Türkenkammer. Geschichte und Zukunft einer kurfürstlichen Sammlung, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 27 (1998/99) S. 39-47. – Schuckelt, Holger: Turnier- und Prunkharnische, in: In fürstlichem Glanz, 2004, S. 120-121.