Stiftungen
Obwohl das Wort »Stiftung« an sich erst seit dem 14. Jh. belegt ist (Grimm), gab es religiöse Stiftungen als Zeichen, daß Menschen sich mit dem Tod beschäftigen und sich ein Andenken auf Erden schaffen wollen, seit dem frühen MA. Stiftungen waren grundsätzl. religiös motiviert, als fromme, karitative oder gemeinnützige Stiftungen zur Erlangung des ewigen Seelenheils. Doch konnten auch säkulare Motive für die Stiftungstätigkeit bestimmend sein. Hierzu sind bspw. ein ausgeprägtes Prestigedenken, der Gedanke an die Repräsentation über den Tod hinaus, die Erfüllung gewisser Konventionen sowie der Wettbewerb in religiösen Leistungen oder auch der Wunsch nach karitativer Hilfe zu zählen. Die Empfänger von Stiftungen waren Kirchen, Kl., einzelne Geistliche, Bruderschaften, soziale Unterschichten oder auch die Allgemeinheit, etwa wenn das gestiftete Vermögen für den Straßen- oder Brückenbau bestimmt wurde.
Ihren Ausdruck fand die ma. Stiftungstätigkeit in Meßstiftungen, in Seelgeräten und Anniversarien, in der Stiftung von Sachgegenständen, liturg. Geräten, Gewändern, Büchern oder Kirchenschmuck, auch in Form der Abtretung wertvollen Schmucks zugunsten religiöser Einrichtungen. Die Stiftung von Kollegiatstiften, häufig in den Pfalzen, diente der Grablege der Stifterfamilie oder der liturg. Repräsentation. Der Stiftsklerus mußte sich zudem häufig für Dienste am Hof bereit halten, bspw. für Kanzleidienste oder seelsorgerl. Tätigkeiten. Die Stiftung von Grundnahrungsmitteln für die Kl. spielte im SpäMA nur noch eine untergeordnete Rolle, die sich ledigl. in der Pitanzstiftung erhalten hatte. Daneben sind eine Vielzahl von Kunststiftungen zu verzeichnen. Bedeutende Beispiele sind das Grabmal Gf. Eitelfriedrichs II. von Hohenzollern in der ehemaligen Stiftskirche St. Jakob zu Hechingen oder auch die Stifterfiguren im Naumburger Dom.
Häufig waren die Stiftungen im Testament festgeschrieben und wurden somit vor Reisen oder Kriegszügen verfügt. So stattete bspw. Ruprecht III. 1401 vor einem Italienzug ein Predigtamt in Heidelberg mit 1 000 Gulden, die Lieb-Frauenkirche im oberpfälz. Amberg zudem mit 2 600 Gulden aus und förderte die Fertigstellung des Heiliggeiststiftes in Heidelberg, in dessen Chor er selbst beigesetzt wurde. Dementsprechend sind wohl auch die Figuren im Naumburger Dom mit der Stiftungstätigkeit der mgfl. Familie der Wettiner in Verbindung zu bringen, deren gesteigertes Selbstbewußtsein durch die Stiftung in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s seinen kunstvollen Ausdruck fand und in eine Phase reicher Stiftungstätigkeit eingeordnet werden kann. In dieser Phase, nach dem Erwerb Thüringens, wurden auch das Augustiner-Chorherrenstift Petersberg bei Halle als Grablege der Wettiner neu gestaltet und das Zisterzienserkl. Altzelle gestiftet.
Eine ausgeprägte Stiftungstätigkeit einer Frau, die sich mit persönl.-karitativem Einsatz verband, zeigt sich im Fall der Landgräfin Elisabeth von Thüringen. Sie sorgte als Wwe. mit ihrer Stiftung für das Franziskus-Hospital in Marburg (1228 geweiht) nicht nur für dessen materielle Grundlage, sondern betreute auch persönl. die Kranken. Für das 12. und 13. Jh. ist dann eine Zunahme der bürgerl. Stifter zu verzeichnen, wobei die Stiftungen v. a. Hospitälern zugute kamen.
Die Stiftungstätigkeit erfuhr im 15. Jh. eine gewisse Profanisierung, was sich bspw. in der Ausgestaltung einiger Grabmäler mit übergroßen Figuren belegt werden kann. U. a. Ks. Maximilian I. schuf sich mit seinem projektierten Grab in der Innsbrucker Hofkirche ein repräsentatives Andenken, das weniger dem ursprgl., frommen Zweck der Erlangung des Seelenheils diente, sondern der Repräsentation über den Tod hinaus. Generell ist ab der zweiten Hälfte des 15. Jh.s einerseits ein Rückgang der Stiftungstätigkeit zu beobachten, der sich im Zuge der Reformation naturgemäß noch verstärkte. Andererseits setzte eine gewisse Umdeutung der Stiftungstätigkeit ein. So ging man ab dem frühen 16. Jh. in den protestant. Territorien dazu über, die Gaben nicht mehr der Kirche, sondern einem wohltätigen Zweck zur Verfügung zu stellen. In diese Richtung deuteten Bestrebungen in verschiedenen Städten, Stiftungen in den gemeinen Kasten zu überführen, um daraus die Armen und Bedürftigen zu unterstützen.
Im kathol. Bereich setzte nach dem Konzil von Trient und mit dem Fortschreiten der kathol. Reform wieder eine verstärkte Stiftungstätigkeit ein. Vorrangige Zielsetzung war die Etablierung von Reformorden zu Zwecken der Rekatholisierung sowie die Schulbildung und die Unterrichtung der Untertanen in der landesfsl. Konfession. Zudem flossen Mittel aus den fsl. Stiftungen Wallfahrtskirchen, Bruderschaften und Spitälern zu. Bes. mit Herrschern wie Maximilian I. von Bayern sowie den habsburg. Ks.n Ferdinand II. und Ferdinand III. bestiegen Regenten den Thron, die den Ideen eines konfessionellen Absolutismus verpflichtet waren und die eine reiche Stiftungstätigkeit in ihr polit.-konfessionelles Programm einordneten. So stiftete Maximilian I. gleich bei Regierungsantritt Stipendien für die Universität und das Jesuitenkolleg in Ingolstadt. Es folgten Stiftungen für ein Jesuitenseminar in München (1614) sowie für weitere Niederlassungen der Jesuiten in Altötting (1600), Mindelheim (1616), Burghausen (1629) und Amberg (1638). Andere Orden, wie etwa die Kapuziner oder die Karmeliten, konnten aufgrund der landesfsl. Stiftungstätigkeit ebenfalls nach Bayern geholt werden, um Rekatholisierung und kathol. Reform voranzutreiben. Geogr. war die Stiftungstätigkeit der Wittelsbacher nicht auf Bayern beschränkt, sondern dehnte sich bis nach Rom, Loretto und Jerusalem aus. Bereits Maximilians Vater, Hzg. Wilhelm V., war durch vielfältige Stiftungen hervorgetreten.
In den habsburg. Ländern ist mit der fortschreitenden Rekatholisierung ebenfalls eine umfangr. Stiftungstätigkeit zu beobachten, infolge der ebenfalls Reformorden ansässig gemacht wurden und der kathol. Kultus gefördert wurde. Zu den bekanntesten Stiftungen dürfte die testamentar. Verfügung der Ks.in Anna gehören, die 1618 die Gründung eines KapuzinerKl.s innerhalb der Stadtmauern Wiens bestimmte, in dem sie und ihr Gemahl Ks. Matthias die letzte Ruhestätte fanden – die Kapuzinergruft wurde zur Familiengruft der Habsburger. Auch die Fs.en der kleineren kathol. Res.en ordneten ihre Stiftungstätigkeit in die konfessionellen Strategien ein. So stiftete bspw. Pfgf. Philipp Wilhelm im frühen 17. Jh. in Neuburg ein Jesuitenkolleg und ein Kl. für den Orden der Barmherzigen Brüder. Frühneuzeitl. Stiftungstätigkeiten beschränkten sich in den kathol. Territorien jedoch nicht nur auf fsl. Stiftungen, sondern Adelige sorgten generell noch zu Lebzeiten oder durch ihre testamentar. verfügten Geldspenden für die Umsetzung konfessioneller Ziele, häufig die Ansiedlung eines Ordens, die Durchführung von Wallfahrten oder die Gründung von Bruderschaften.
→ vgl. auch Abb.28, 30, 46
Literatur
Heimann, Heinz-Dieter: »Testament«, »Ordenung«, »Giffte under den Lebendigen«. Bemerkungen zu Form und Funktion deutscher Königs- und Fürstentestamente sowie Seelgerätsstiftungen, in: Ecclesia et regnum. Festschrift für Franz-Josef Schmale, hg. von Dieter Berg und Hans-Werner Goetz, Bochum 1989, S. 273-284. – Jaritz, Gerhard: Zur Sachkultur österreichischer Klöster des Spätmittelalters, in: Klösterliche Sachkultur des Spätmittelalters, hg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1980 (Veröffentlichungen des Instituts für Mittelalterliche Realienkunde Österreichs, 3), S. 147-168. – Jaritz, Gerhard: Seelgerätstiftungen als Indikator der Entwicklung materieller Kultur im Mittelalter, in: Materielle Kultur und Religiöse Stiftung im Spätmittelalter, hg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1990 (Veröffentlichungen des Instituts für Mittelalterliche Realienkunde Österreichs, 12), S. 13-35. – Wiesner, Heinz/Crusius, Irene: Adeliges Burgstift und Reichskirche. Zu den historischen Voraussetzungen des Naumburger Westchores und seiner Stifterfiguren, in: Studien zum weltlichen Kollegiatstift in Deutschland, hg. von Irene Crusius, Göttingen 1995 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 114), S. 232-258.