Herrschaftszeichen
Im MA und der beginnenden Neuzeit waren Wappen emblemat. Zeichen, die sowohl eine Person als auch eine Gruppe repräsentieren konnten. Sie fungierten als ein »code social« (Pastoureau 1993, S. 246), über den die Rolle des Einzelnen in einer Familie oder Gruppe und wiederum deren Rang innerhalb der Gesellschaft definiert war (Paravicini 1998, S. 347f.). Grundsätzl. konnte im MA und in der frühen Neuzeit jede rechtsfähige Person ein Wappen führen, doch war es eine v. a. im Adel verbreitete Form der Repräsentation. Die Genese des Wappenwesens seit der Mitte des 12. Jh.s steht in Zusammenhang mit der räuml. Stabilisierung von Herrschaft und der Ausbildung von landesherrschaftl. Res.en (Fenske 1985, S. 153f.).
Die Anfänge des europ. Wappenwesens nahmen vom Raum zw. Loire und Rhein ihren Ausgang, der stets Zentrum herald. Weiterentwicklungen bleiben sollte. Bereits im 13. Jh. waren Wappen im ganzen abendländ. Europa in Gebrauch. Ihre Entstehung wird als unmittelbare Folge von Veränderungen der Wehrtechnik seit dem 11. Jh. gedeutet (Pastoureau 1993, S. 20-36): Die zunehmend lückenlose Bedeckung der Körperoberfläche durch die Rüstung, insbes. das Verbergen des Gesichtes eines Ritters durch die neuen Topfhelme, weckten das Bedürfnis nach einer alternativen Sichtbarmachung von Identität (siehe Abb. 157 zum Stw. »Siegel«). Damit ist das Rittertum als das soziale Milieu bestimmt, in dem sich das Wappenwesen ausbildete. Seine Formen und Farben waren der visuellen Kultur des Rittertums entlehnt. Der milit. Charakter dieser neuen Repräsentationsform schlug sich in den meisten europ. Sprachen in deren Benennung nieder, z. B. in der Ableitung vom mhd. Begriff wâpen (lat./ital. arma, frz. armoires, engl. armes).
Das Schild bildete die Grundform eines Wappens (Farbtafel 66). Die zumeist aus einer Farbe und einem Metall (gold = gelb / silber = weiß) kombinierte Grundierung des Wappenschildes wurde von Heeresbannern übernommen. Die darauf dargestellten figürl. Symbole waren spezif. Zeichen, die sich hochadlige Geschlechter im 12. Jh. zulegten und die dann von deren Lehnsnehmern als Wappenmotiv rezipiert wurden. Sie kamen über die kurz zuvor aufkommenden adligen Siegel in das sich entwickelnde Wappenwesen. Die Tradier- und Vererbbarkeit eines Siegelbildes fand ihre Entsprechung in der Übertragbarkeit von herald. Farben und Motiven über Generationen hinweg. Zugl. deutet die Rezeption von Farbe und Motiv aus den identätsstiftenden Zeichen des Lehnsherren auf die gruppenspezif. Referenzialität des einzelnen, persönl. Wappens.
In einem Fusionsprozeß der unterschiedl. Elemente entstand während des 12. Jh. das, was wir als Wappen im Sinne eines emblemat. Zeichens verstehen (Pastoureau 2004, S. 216). Bis zur Mitte des 13. Jh.s wechselten Personen bzw. Gruppen noch häufig ihre Wappen, ehe sich ein durch Vererbbarkeit geprägtes herald. System etablierte. Familiäre Leitwappen wurden u. a. durch Minderung (Brisur, »Bastardfaden«) bzw. Wappenscheidung zu persönl. Zeichen modifiziert. Nach 1200 kam mit dem Helm und den unterschiedl. Bestandteilen der Helmzier das Oberwappen hinzu (Timbrierung), das die Möglichkeiten der Wappen zur Identitätsstiftung noch erweiterte (im Überblick: Paravicini 1998, S. 360-368; Pastoureau 1976, S. 33f.). Infolge von Eheverbindungen wurden die Wappen zweier Familien durch die Teilung der Schildfläche zu einem neuen gemeinschaftl. vereinigt. Wappen waren somit ein Medium, das über die genealog. Verbindungen des bzw. der Wappenführenden Auskunft geben konnte. Im ausgehenden MA fanden dann schriftbasierte, teils persönl. Devisen Eingang in die Wappengestaltung. Schließl. kamen Wappenhalter und seit dem frühen 17. Jh. Wappenzelte oder -mäntel hinzu.
Wappen waren anders als Siegel nicht an ein einzelnes Trägermedium gebunden, weshalb ihre Überlieferungswege sehr vielfältig sind (Farbtafel 66 und 67). Sie besetzen nicht nur die Oberflächen von Rüstungen (siehe Abb. 157 zum Stw. »Siegel«), allen voran der Schilde. Wappen sind in zwei- aber auch dreidimensionaler Gestalt an und in Gegenständen präsent, die die wappenführende Person als Besitz in Anspruch nahm. Schließl. wurden Wappen über ihren repräsentativen Status hinaus zum Bestandteil von erzählenden Bildern (Abb. 154 zum Art. »Herrschaftszeichen«), in denen sie einer dargestellten Person Identität verliehen.
Für die Zeit bis 1350 sind Wappen vorrangig auf Waffen und Rüstungen sowie auf Siegeln (siehe Abb. 157 von Stichwort »Siegel«) erhalten geblieben. Seit dem 14. Jh. ging die milit. Funktion der Wappen immer mehr zurück und beschränkte sich schließl. auf die Identifikation des Turnierkämpfers. Wappen wurden immer mehr zu einem Zeichen, mit dem sich der Einzelne in das soziale Gefüge eines herrschaftl. Hofes sichtbar einordnete.
Mit der Schlußphase des höf. Turniers gelangte auch das Amt des Herolds (davon: Heraldik, die Kenntnis des Wappenwesens) zu immer größerer Bedeutung (Pastoureau 1976, S. 33-35). Dieser war nicht nur Künder und mit seiner Kleidung Träger des Wappens seines Herren (siehe Abb. 173 beim Art. »Herold«), sondern auch dessen Sachverständiger im herald. System. Wichtigstes Hilfsmittel der Herolde bildeten Wappenbücher, in denen sie Wappen kompilierten. Über den Charakter bloßer Zusammenstellungen hinaus wurden Gefolgschaftsstrukturen zw. einem Lehnsherrn und seines Lehnsleuten visualisiert (Farbtafel 66). Obgleich diese Handschriften im deutschsprachigen Raum seit dem 13. Jh. faßbar sind, stammt der weitaus größte Teil der Überlieferung aus der Zeit nach 1450.
Waren Wappen eines Herrschaftsträgers seit dem 15. Jh. in den Innen- und Außenräumen der Res.en verstärkt in unterschiedl. medialen Zusammenhängen präsent, kam es nach 1550 mit der zunehmenden institutioniellen Differenzierung und Bürokratisierung von Herrschaft zu einer konsequenten Verbreitung von Wappen in und an Amtsräumen im Herrschaftsbereich und zur Markierung von dessen räuml. Grenzen. Zugl. vollzog sich ein Transformationsprozeß, in dessen Verlauf das personengebundene Wappen eines Herrschenden zunehmend zum Wappen seines Territorium wurde.
→ vgl. auch Farbtafel 5, 7, 11, 16, 30, 35, 47, 48, 50, 51, 60, 63, 71, 77, 78, 122, 142; Abb. 71, 88, 101, 104, 118, 154, 157, 158, 163, 173, 174
Quellen
Berchem, Egon von: Die Wappenbücher des deutschen Mittelalters, in: Beiträge zur Geschichte der Heraldik, hg. von Egon von Berchem, Bd. 1 (J. Siebmacher's großes Wappenbuch, D), Berlin 1939 (ND Neustadt a.d. Aisch 1972).
Literatur
Biewer, Ludwig: Wappen als Träger der Kommunikation im Mittelalter. Einige ausgewählte Beispiele; in: Medien der Kommunikation im Mittelalter, hg. von Karl-Heinz Spiess, Wiesbaden 2003 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, 15), S. 139-154. – Fenske, Lutz: Adel und Rittertum im Spiegel früher heraldischer Formen und deren Entwicklung, in: Das ritterliche Turnier im Mittelalter. Beiträge zu einer vergleichenden Formen- und Verhaltensgeschichte des Rittertums, hg. von Josef Fleckenstein, Göttingen 1985 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 80), S. 74-160. – Galbreath, Donald L./Jéquier, Léon: Manuel du blason, 2. Aufl., Lausanne 1977 [dt.: Handbuch der Heraldik, München 1989]. – Neubecker, Ottfried: Heraldik, Frankfurt am Main 1977. – Paravicini, Werner: Gruppe und Person. Repräsentation durch Wappen im späteren Mittelalter, in: Die Repräsentation der Gruppen. Texte – Bilder – Objekte, hg. von Otto G. Oexle und Andrea von Hülsen-Esch, Göttingen 1998 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 141), S. 327-389 [mit einer umfassenden Bibliographie, S. 373-389]. – Pastoureau, Michel: Les armoiries, Turnhout 1976 (Typologie des sources du Moyen Âge occidental, 20). – Pastoureau, Michel: Traité d'heraldique, 2. Aufl., Paris 1993. – Pastoureau, Michel: Une histoire symbolique du Moyen Âge occidental, Paris 2004.