Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Genealogie

Bildprogramme

1200-1450

Die Rechtsform des Wahlkönigtums im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation verhinderte die Entwicklung ausgeprägt dynast. Legitimation bis zum hohen MA. Um 1200 ist noch ein Unterschied zw. genea-myth. und genea-linearer (K. Heck/B. Jahn) Ableitung deutlich. Das Kgtm. legitimierte sich mit Bezug auf die myth. Ursprünge und die Sukzession vorbildl. anerkannter Prototypen. Die Bildprogramme des MA konzentrieren den Aspekt der Amtsgenealogie und präsentieren diachrone, mehrere Geschlechter umspannende Zyklen dt. Kg.e und Ks. Beispiele sind der Karlsschrein in Aachen (1182-1215), das Verglasungsprogramm des Straßburger Münsters (spätes 12. Jh.) und der Figurenfries von den Chorschranken des Kölner Doms (1332-40). Ableitungen, die eine lückenlos belegbare Linearität der Geschlechterabfolge dokumentieren, treten nur vereinzelt bei ambitionierten, Herrschaft anstrebenden Geschlechtern auf. Erste Stammtafeln bildeten die Welfen mit der Historia Welforum (um 1170) und der Genealogia Welforum (um 1120/26) aus. Ansätze zu genealog. geprägten Bildprogrammen blieben oftmals mit dem Gedächtnis eines vorbildl. Prototypen verknüpft, so z. B. das stauf. Programm des Armreliquiars Karls des Großen, das Amtssukzession mit dynast. Kontinuität verbindet.

Die Entwicklung rein genealog. Bildprogramme scheint an zwei Vorbedingungen geknüpft zu sein: Der ansteigende Gebrauch des Wappens als unveränderl. und kontinuierl. Zeichen einer Person oder Familie sowie die wachsende Bedeutung der Ahnenprobe als rationalisiertes System des Abstammungsnachweis seit dem 13. Jh. Als Mittel der Beweisführung wurden Abstammungsnachweise zunehmend visualisiert: Ahnenreihen vereinen alle Mitglieder eines Geschlechts in einem linear-additiven System, Ahnentafeln strukturieren die Vorfahren nach hierarch. Prinzipien, in denen alle Ahnen symmetr. auf den Probanden bezogen werden. Hierarch. Systeme übernahmen Baumstrukturen, für die vermutl. die Ikonographie der Wurzel Jesse Vorbild war, später wurde die Baumikonographie durch stärker schemat. Bildformen verdrängt. Als Repräsentationsform der Ahnen konnten Wappen oder Bildnisse eingesetzt werden.

Die hierarch. angelegte Struktur begünstigte die Übertragung genealog. Systeme in den öffentl. Raum. Die um 1367 entstandenen Büsten mit Wappen in der Triforiumsgalerie im Chor des Veitsdoms in Prag präsentieren den Sippenverband Karls IV. in Bezug zu den Tumben der mittleren Chorkapellen mit den Vorfahren Karls IV. in einem System aus privilegierten und subordinierten Positionen. Hier liegt noch kein ausschließl. dynast. Programm vor, auch die am Bauprojekt beteiligten Ebf. und Architekten wurden in die Bildnisserie aufgenommen. Aus der Mitte des 14. Jh.s dat. das Wandgemälde im Palas der Burg Karlstein, in dem Karl IV. seine Abstammung in einem aus Figuren gebildeten Stammbaum veranschaulichte, der jedoch noch myth. Bestandteile aufwies und damit die weiterhin geltende Praxis der fiktionalen Ergänzungen belegt.

1450-1550

Genealog. Bildprogramme wurden integrative Bestandteile der fsl. Gedächtniskultur. Zahlreiche Grabmonumente überliefern den Zusammenhang von gisant und Wappen, zunächst zur Identifizierung des Verstorbenen. Dynast. Grabmalstypen mit genealog. Systemen entstanden zuerst im burgund. Raum mit wappentragenden pleurants an den Seitenwandungen der Tumben. Im dt. Raum dominiert dagegen der Typus mit Wappenfriesen an den Seiten oder auf der Tumbenplatte, Beispiele überliefert die Nekropole der hess. Lgf.en in der Elisabethkirche in Marburg. Mit vier, acht oder sechzehn Wappenschilden war die Anzahl dem System der Ahnentafel angeglichen, jedoch noch in unsystemat. Auswahl; statt einer stringent durchgeführten Ahnenprobe existiert ein Konglomerat aus Ahnen- und Sippenwappen. Genealog. Systeme konnten auch die Umgebung des Grabmals besetzen, etwa als gemalte Wappen an der Rückwand einer Nische, in die das Grabdenkmal für Mgf. Friedrich von Baden († 1517) in Baden-Baden eingestellt wurde (Abb. 147). Das Grabmal Maximilians I., von 1502-17 ursprgl. für die Residenzkapelle in Wiener Neustadt geplant aber in der Hofkirche in Innsbruck realisiert, verlagert das genealog. Programm in 40 überlebensgroße Bronzestatuen, die mit aufgestellten Wappenschilden als Ks. und Verwandte Maximilians identifizierbar sind. Die Statuen umgeben das Grabmal und gaben dem Ks., ähnl. wie die burgund. pleurants das Totengeleit. Unter ihnen befinden sich fiktionale Ergänzungen wie Kg. Artus oder Gottfried von Bouillon, die bei der Wiederaufnahme des Projekts durch Ferdinand I. entfernt wurden, weil das Programm den streng genealog. Prämissen der habsburg. Hausüberlieferung nicht mehr stand hielt.

Neben dem Grabmal war auch die Res. bevorzugter Ort zur Anbringung genealog. Bildprogramme. Dynast. Wappensysteme markieren oftmals territoriale Grenzen oder die Übergänge von Res. und Stadt. Als Grenz- und Schwellensituation übernehmen Tor- und Portalanlagen neben fortifikator. auch repräsentative Funktionen. Fassadenprogramme kombinieren das Fürstenenbildnis mit herald. Elementen und Bildnissen seiner Vorfahren, dokumentieren damit durch Erblegitimität begründeten Herrschaftsanspruch, so z. B. im Schloßportal in Brieg (um 1550). Das Übergreifen in den öffentl. Raum manifestiert sich auch im sakralen Bereich. Bilden Grablegen noch begrenzte Zonen der fsl. Vereinnahmung, greifen mit Ahnenwappen besetzte Schlußsteine auf das Gewölbesystem und damit auf den gesamten Kirchenraum über. Das Gewölbeschema mit seinen Kreuzungspunkten und Varianzen von Zentrum und Peripherie eignet sich bes., ein genealog. Beziehungsgeflecht als raumkonstituierende Struktur umzusetzen. In der Gewölbezone der Marienkirche in Büdingen (zweite Hälfte 15. Jh.) wurde eine vollständige Ahnenprobe des Stifterpaares Ludwig von Ysenburg und Maria von Nassau realisiert.

1550-1650

Die Verbindung von Gedächtniskultur und Genealogie etablierte sich zu Beginn der Frühen Neuzeit. Insgesamt nahm Größe und Bedeutung der Grabmonumente zu, die genealog. Programme wurden systemat. als konsequent geführte Ahnenprobe über mehrere Generationen ausgebildet. Im seit dem 16. Jh. vorherrschenden Typus des Figurenwanddenkmals werden die Bild- und Statuenprogramme in monumentalen, mehrstöckigen Schaufronten realisiert, in die sich die schemat. Struktur der Ahnenprobe offenbar problemlos einfügt. Der bevorzugte Aufstellungsort der Wandgräber in Pfarr- und Kathedralkirchen der Residenzstadt statt in Schloßkapellen belegt die rhetor. Disposition der Programmatik. Eines der frühesten Beispiele ist das Grabmonument von Philipp dem Großmütigen († 1567) und seiner Frau Christine von Sachsen († 1549) in der Martinskirche in Kassel. Neben den beiden vollplastischen, annähernd lebensgroßen Statuen des Fürstenpaares umgibt den in eine Ädikula eingestellten Kenotaph ein System von Ahnenwappen, die räuml. so geordnet wurden, daß matrilineare und patrilineare Wappen hierarch. auf die Kenotaphmitte bezogen sind und die jeweilige Nähe oder Ferne zur agnat. Stammlinie akzentuieren. Die spätmittelalterl. Form der um die Tumba gereihten Wappen weicht hier schon einem System, das auf eine bevorzugte Frontalansicht hin konzipiert wurde. Das wenig später entstandene Grabmonument für Ulrich zu Mecklenburg († 1603) und seine zwei Gemahlinnen im Dom von Güstrow vereinheitlicht diese Tendenz zu einer genealog. Schautafel. Hinter den lebensgroßen priants bilden Wappen mit Halbfiguren und Inschriften eine Ahnentafel, die auf die Probanden bezogen ist, deren vollplast. Statue das Wappen substituiert (Abb. 148).

Neben dem Grabmonument existieren weitere Formen genealog. besetzter Bildprogramme, die den Kirchenraum herrschaftl. markieren. Der 1634 entstandene Herrschaftsstand der Gf.en von Schwarzburg in der Stadtkirche in Rudolstadt vereint mit Grablege im unteren und Logen des Regenten und des Hofes in den oberen Geschossen die lebenden und toten Körper der Dynastie. Ein alle Geschosse umfassender Wappenbaum und die kniende Figurengruppe mit dem Vater des Regenten vor der Öffnung der Fürstenloge stiftet den genealog. Zusammenhang.

Auch in den Ausstattungsprogrammen der Res.en wurden genealog. Argumentationsformen entwickelt, die damit ebenfalls Bestandteil des höf. Zeremoniells waren. Als öffentl. Repräsentationsorte wurden zumeist die Festsäle mit Ahnenreihen ausgestattet, wobei quantitativ linerare vor hierarch. Systemen rangierten. Beispiele einer genealog. Raumordnung nach hierarch. Prinzipien bilden das Neue Lusthaus in Stuttgart und der zw. 1569 und 1671 erbaute Festsaal im Residenzschloß von Güstrow. Sechzehn plast. Wappen mit Namenskartuschen in einem umlaufenden Fries bilden die Genealogie des seit 1555 regierenden Landesherrn Hzg. Ulrich zu Mecklenburg. Die Wappen sind auf das Eingangsportal bezogen, so daß der Hzg. mit seinem Eintreten das System zu einer vollständigen Ahnenprobe schließt.

Das genealog. Denken manifestiert sich auch im Begräbniszeremoniell. Leichentücher, Särge und Trauerarchitekturen konnten mit Ahnentafeln bestückt sein. Mit gedruckten Leichenpredigten und Funeralwerken, die seit der Mitte des 17. Jh. durch Kupferstiche ergänzt wurden, erhielt das ephemere Trauer- und Begräbniszeremoniell eine dauerhafte Präsenz und größere Verbreitung. Weitere Beispiele genealog. Ableitungen in gedruckter Form sind in der Kartographie überliefert, die dynast. Traditionen mit territorialer Raumordnung verbindet und so die polit. Funktion genealog. Bildprogramme demonstriert.

→ vgl. auch Abb.36

Quellen

Christliche Leychpredigt bey der Leichbegengnüß […] deß […] Fürsten und Herren, Herrn Johann Friderichen, den andern […], Coburg 1596. – Pompa funebris optimi potentissimiq. principis Alberti pii, archducis Autriae, (etc.) veris imaginibus ex pressa a Jacobo Franqvart eiusdem princpis morientis vita scriptore E. Puteano (etc.), Bruxeliae 1623. – Ehren Gedechtnus Dess Durchleuchtigen Hochgeborenen Fürsten und Herren Herrn Ludwigen Landgraven zu Hessen […], Marpurgi (apud Nicolaum Hampelium et Casparum Chemlinum) 1626. – Monumentum Sepulcrale, ad Illustrissimi Celsissimique Principis ac Domini, Dn. Mavritii Hassiae Landgravy, […] memoriam gloriae sempiternam erectum, Casselis (Francofurti ad Johannem Amonium) 1637.

Berns, Jörg Jochen: Baumsprache und Sprachbaum. Baumikonographie als topologischer Komplex zwischen 13. und 17. Jahrhundert, in: Genealogie als Denkform in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. von Kilian Heck und Bernhard Jahn, Tübingen 2000, S. 155-176. – Heck, Kilian/Jahn, Bernhard: Genealogie in Mittelalter und Früher Neuzeit. Leistungen und Aporien einer Denkform, in: Genealogie als Denkform in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. von Kilian Heck und Bernhard Jahn, Tübingen 2000, S. 1-9. – Heck 2002. – Kiessling, Gotthard: Die herrschaftliche Inanspruchnahme evangelischer Kirchen an Residenzorten, in: Die Künste und das Schloß in der frühen Neuzeit, hg. von Lutz Unbehaun, München u. a. 1998 (Rudolstädter Forschungen zur Residenzkultur), S. 83-94. – Kurmann, Peter: Deutsche Kaiser und Könige. Zum spätstaufischen Herrscherzyklus am Straßburger Münster, in: Kunst im Reich Kaiser Friedrichs II. von Hohenstaufen. Akten des zweiten Internationalen Kolloquiums zu Kunst und Geschichte der Stauferzeit (Rheinisches Landesmuseum Bonn 8. bis 10. Dezember 1995), hg. von Alexander Knaak, München u. a. 1997, S. 154-169. – Nilgen, Ursula: Amtsgenealogie und Amtsheiligkeit. Königs- und Bischofsreihen in der Kunstpropaganda des Hochmittelalters, in: Studien zur mittelalterlichen Kunst 800-1250. Festschrift für Florentine Mütherich zum 70. Geburtstag, hg. von Katharina Bierbrauer, Peter K. Klein und Willibald Sauerländer, München 1985, S. 217-234. – Popp, Dietmar: Das Skulpturenprogramm des Schloßportals in Brieg / Schlesien (um 1550-1556). Zur Selbstdarstellung eines Fürsten im Spannungsfeld der territorial-politischen Interessen der Großmächte Mitteleuropas, in: Bildnis, Fürst und Territorium, hg. vom Thüringer Landesmuseum Heidecksburg Rudolstadt, bearb. von Andreas Beyer, München u. a. 2000 (Rudolstädter Forschungen zur Residenzkultur), S. 111-125. – Schmidt, Maja: Tod und Herrschaft. Fürstliches Funeralwesen der Frühen Neuzeit in Thüringen, Erfurt 2002 (Veröffentlichungen der Forschungsbibliothek Gotha, 40).