Wissenschaften
(vom arab. al-kimiya, Stein der Weisen und griech. chemeia, chymeia, Kunst der Metallverwandlung)
Die ältesten ma. Schriften zur Alchemie sind zwei Rezeptsammlungen Compositiones ad tingenda musiva (Über das Färben der Mosaike) (8. Jh.) und die Diversarum Artium Schedula des Theophilus Presbyter (1122/23). In der zweiten Hälfte des 13. Jh.s entstanden die alchemist. Schriften eines Geber genannten Autors, von dem sogar die Herkunft unbekannt ist, insbes. die Summa Perfectionis, die mehr systemat. Zugang zu den Methoden bietet.
Zentrale Anliegen der Alchemie waren einerseits so utop. Ziele wie Gold aus unedlen Substanzen herzustellen und den Stein der Weisen zu finden; andererseits kreisten die Laborarbeiten um die Materien Glas, Metalle und – wenn man das als Materie bezeichnen darf – Farben. Da die moderne Theorie von den chem. Elementen erst im 18. und v. a. 19. Jh. entstand, experimentierte man mit »Stoffen«, deren Charakterisierung notwendigerweise umständl. war, obwohl Gold und Silber - nach Ausweis von Numismatikern – in erstaunl. Reinheit, aber auch in fallweise ebenso erstaunl. konstanten Legierungen (Hess 2001) verarbeitet worden sind. Auch Quecksilber war in reinem Zustand bekannt, ebenso Messing, Eisen, Zinn und Blei, aber darauf kam es gar nicht an. Obwohl Glasbläser und die verschiedenartigen Metallarbeiter im HochMA längst selbständige Handwerker waren, entstanden viele neue Impulse durch das Köcheln in den Labors der Alchemisten.
Beim Glas interessierte im HochMA die Methode, die Masse zu färben und farbig zu bemalen (Kirchenfenster, andere Prunkfenster, Trinkgefäße, Schmuck, Mosaike, Email, Glasuren für Ziegel und Keramik). Damit einher gingen die Methoden, Flachglas herzustellen, was ein sekundärer Vorgang nach dem primären Glasblasen sein mußte, es zu zerschneiden und mit Bleiumrahmung zu verbinden. Das viel grundsätzl. Problem des Glases war aber die hohe Schmelztemperatur der Grundsubstanz Quarz (Sand) (c.1700° C), die durch Beimengen (z. B. von Blei und Arsen) reduziert werden mußte, ohne daß die Haltbarkeit darunter litt oder ungewünschte Färbungen auftraten. Der Schmelzprozeß wurde andererseits auch durch verbesserte Ofentechnik gefördert, indem die Regelung der Windzufuhr zur Temperaturerhöhung führte.
Auch reines Eisen hat mit ca. 1500°C eine hohe Schmelztemperatur, die durch einfaches Holzkohlenfeuer (ca. 900°C) nicht erreicht werden kann. Im 14. Jh. wurden im Siegerland die ersten Hochöfen benützt, damit begann die Arbeit mit flüssigem Eisen und die massenweise Herstellung von Stahl (Frischöfen). In den alchemist. Labors ging es aber in der Regel um Nichteisenmetalle und um Edelmetalle, deren Schmelzpunkt unter 1000°C lagen. Für die Buchmalerei interessierten z. B. goldglänzende Legierungen. Überhaupt wurden die sog. »Transmutationen« meist nach ihrer Farbe beurteilt; klass. Transmutationen waren das herrl. rote Zinnober, ein kristallines Quecksilbersulfid und die goldglänzenden Kupferlegierungen Messing (mit Zink) und Bronze (mit Zinn); auch strahlendes blau und grün konnte man aus Kupfer machen.
Was geschah nun aber mit denjenigen Alchemisten, denen es – aus verständl. Gründen – nicht gelang, einen Fs.en von ihrer Fähigkeit »Gold zu machen« zu überzeugen? Nicht alle waren Hochstapler und Scharlatane; die »Transmutationen«, die einigen Alchemisten gelangen, entsprachen Legierungen, die durchaus von Interesse waren. Die österr. Habsburger schickten Alchemisten, die den Hof durch Vorführungen überzeugt hatten, zu den ksl. Berg- und Hüttenwerken von Böhmen und Ungarn, wo sie durchaus Nützl. verrichteten.
Die Buchmalerei zeigt noch heute, welch breites Farbspektrum im MA verwendbar war. In anderen Bereichen wie der Wandmalerei und bei Textilien hat sich diese Vielfalt viel weniger erhalten. Wichtige Kriterien für Farben waren die Haftfähigkeit und Verträglichkeit mit Kalk und Öl. Neben allen natürl. Farbmitteln wurde auch eine große Zahl von künstl. in der Farbenproduktion verwendet. Die Farbskala hat sich im MA gegenüber der Antike vervielfacht. Eine interessante Neuerfindung war »aurum musicum«, ein als Goldersatz benutztes Zinnsulfat, das bei einer dauerhaft gleichmäßig gehaltenen Temperatur von über 632°C hergestellt werden mußte. Wenn die Temperatur darunter sank, wurde die Substanz unansehnl. braun.
Die Herstellung von Medikamenten auf dem chem. Wege wurde durch den Arzt Paracelsus im 16. Jh. populär, obwohl sie den ma. Alchemisten nicht fremd gewesen war. Chemisch-pharmazeut. Kenntnisse waren von bes. Interesse an den Fürstenhöfen, die Alchemisten im 16. und 17. Jh. geradezu mag. anzogen. Selbst der Astronom Tycho Brahe widmete Ks. Rudolph II. die Rezeptur für ein quecksilberhaltiges Elixier im Stile von Paracelsus, das Medicamentum in usum Imperatoris Rudolphi II., welches aber nicht gerade zur Aufheiterung von Melancholien dienl. ist, unter denen der Ks. litt.
In den genannten alchemist. Schriften wurden ausgiebig Verfahren und Geräte beschrieben. Die wichtigsten Verfahren bei Geber waren die »Sublimation« (Reinigen von Metallen durch gezielte Schmelzvorgänge) und die »Destillation« (Dämpfe von Flüssigkeiten – mit und ohne Wärmeeinwirkung – in die Höhe steigen lassen, sie kondensieren und wieder auffangen) wozu sich auch Albertus Magnus in der Schrift de secretis mulierum geäußert hatte. Die wichtigsten chem. Laborgefäße erhielten in dieser Zeit ihre typ. Formgebung. Andere Labormethoden waren die Descension, Calcination (i.e. Oxidation), Solution, Koagulation (Ausfällung), Fixierung.
Hohes Niveau wird dem alchem. Labor am Hofe Ks. Rudolphs II. nachgesagt; eine Reihe von bewährten Rezepturen trugen im 17. Jh. Rudolphs Namen. In dem Labor arbeiteten einige der Hofbediensteten und gelegentl. auswärtige Gelehrte. Von Gelehrsamkeit zu sprechen rechtfertigt sich, weil einige auch auf den Gebieten der traditionellen Wissenschaften Erfolg hatten: Astronomie, Mathematik. Als Wissenschaft im klass. Sinn war Alchemie nicht anerkannt, sie wurde auch nicht an Universitäten gelehrt.
Im allg. hat die Beschäftigung mit Alchemie nur durch erhaltene Handschriften, Bücher und Korrespondenzen ihre Spuren hinterlassen. Ein einmaliger Glücksfall sind die Archivalien über die Tätigkeit Gf. Wolfgangs II. von Hohenlohe in Schloß Weikersheim (1587-1610). Zwar ist auch hier das eigentl. Laboratorium nicht erhalten, wenn auch sein Standort noch an Gewölberesten an der Schloßmauer zu erkennen ist, aber die Einrichtung ist durch Rechnungen einmalig gut belegt. Ebensogut ist man über den Kauf der Stoffe und Materialien unterrichtet, über Laboranten und Diener und sogar die Bibliothek des Schlosses mit ihrer umfangr. alchemist. Spezialsammlung. Neben Transmutationen und medizin. Rezepturen befaßte sich der Gf. mit prakt. Alchemie in Form von Alkoholdestillation und Salpetersiederei – beides wurde in Weikersheim in größerem Maßstab betrieben. Die erhaltene Korrespondenz umfaßt auch die menschl. Seiten der Alchemie wie das Schicksal des in Süddtl. weit herumgekommenen betrüger. Goldmachers Michael Polhaimer, der allerdings nicht den Folgen seiner Scharlatanerie sondern der Trunksucht erlag. Erfreul. offen gab der Gf. über seine eigene Motivation Auskunft – hauptberufl. war er der Regierungschef von Hohenlohe und hatte 14 Kinder. Er hatte Lust zu chymischen Sachen, er delectierte sich in chymischen Sachen, er verfügte sich recreationis gratia in sein Laboratorium. Als er dies nach einer fröhlichen Tafel i. J. 1609 wieder einmal tat, traf ihn allerdings ein Schlaganfall, denn er hatte dort kein Ruhebett wie der Gottorfer Hzg. in seinem astronom. Lusthaus.
Quellen
Die Alchemie des Geber, übers. u. erklärt von Ernst Darmstaedter Berlin 1922. – Vannocio Biringuccio, Pirotechnica. Ein Lehrbuch der chemisch-metallurgischen Technologie und des Artilleriewesens aus dem 16. Jahrhundert, übers. und erl. von Otto Johannsen, Braunschweig 1925. – Newman, William R.: The »Summa Perfectionis« of Pseudo-Geber: A critical edition, translation and study, Leiden u. a. 1991. – Mappae Clavicula: a Manuscript Treatise on the Preparation of Pigments During the Middle Ages, hg. von Thomas Phillipps, in: Archeologia 32 (1847). – Theophilus, De diversibus artibus. The Various Arts. Engl. translation by C. R. Dodwell, London u. a. 1961.
Literatur
Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft, hg. von Karin Figala und Claus Priesner, München 1998. – Engel, Michael: Auf dem Wege zur modernen Chemie – Chemie und Alchemie 1550 bis 1725. Innovation, Repräsentation, Diffusion, in: Naturwissenschaft und Technik im Barock. Innovation, Repräsentation, Diffusion, hg. von Uta Lindgren, Köln 1997, S. 131-156. – Le crisi dell'alchimia, hg. von Véronique Pasche, Paris 1995. – Fuchs, Robert/Oltrogge, Doris: Farbenherstellung, in: Europäische Technik im Mittelalter 800-1400. Innovation und Tradition. Ein Handbuch, hg. von Uta Lindgren, 4. Aufl., Berlin 2001, S. 435-450. – Hess, Wolfgang: Die mittelalterliche Münztechnik, in: Europäische Technik im Mittelalter 800-1400. Innovation und Tradition. Ein Handbuch, hg. von Uta Lindgren, 4 Aufl., Berlin 2001, S. 137-143. – Naab, Friedrich: Glas – das erste künstliche Material, in: Die Technik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hg. von Ulrich Troitzsch und Wolfhard Weber, Braunschweig 1987, S. 116-119. – Priesner, Claus: Chemische Technik bei Handwerkern und Alchemisten im Mittelalter, in: Europäische Technik im Mittelalter 800-1400. Innovation und Tradition. Ein Handbuch, hg. von Uta Lindgren, 4. Aufl., Berlin 2001, S. 277-286. – Weyer, Jost: Graf Wolfgang II. von Hohenlohe und die Alchemie. Alchemistische Studien in Schloß Weikersheim 1587-1610, Sigmaringen 1992. – Wolters, Jochem: Braunfirnis, in: Europäische Technik im Mittelalter 800-1400. Innovation und Tradition. Ein Handbuch, hg. von Uta Lindgren, 4. Aufl., Berlin 2001, S. 147-160. – Wolters, Jochem: Niello im Mittelalter, in: Europäische Technik im Mittelalter 800-1400. Innovation und Tradition. Ein Handbuch, hg. von Uta Lindgren, 4. Aufl., Berlin 2001, S. 169-186. – Wolters, Jochem: Löten im Mittelalter, in: Europäische Technik im Mittelalter 800-1400. Innovation und Tradition. Ein Handbuch, hg. von Uta Lindgren, 4. Aufl., Berlin 2001, S. 187-203. – Wolters, Jochem: Drahtherstellung im Mittelalter, in: Europäische Technik im Mittelalter 800-1400. Innovation und Tradition. Ein Handbuch, hg. von Uta Lindgren, 4. Aufl., Berlin 2001, S. 205-216.