Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Unterhaltung/Zeitvertreib

Drechseln

Grundsätzl. sind aristokrat. Existenz und Handarbeit unvereinbar. Doch gibt es Ausnahmen: In einem fortgeschrittenen Stadium der Zeremonialisierung entsteht ein Bereich des Privaten, so daß Landleben (Schäferei) und Werken (Drechseln, Schlossern, Steinschneiden, Schneidern, auch Malen und Musizieren oder, für die Damen, Kochen und Heilmittelherstellung, vgl. Tl. I, Bd. 2, S. 484, Art. »Rheinfels«), zumal mit kostbaren Materialien (v. a. Elfenbein, in Venedig, dann Amsterdam gekauft), zur Erholung und, als Mittel gegen Langeweile, zum Zeitvertreib werden kann, jedoch nicht ohne wiederum dem Prozeß der Repräsentation zu unterliegen. Zum anderen erweisen techn. Fertigkeiten und Tätigkeiten den Fs.en als den Herrn allen Wissens und, in Nachahmung Gottes (des ersten Drechslers, der Weltkugel, 1589), als Schöpfer schlechthin. Stets galt aber das Gesetz des adligen, jedem pedant. Fachwissen fernen, dafür anmutigen Dilettantismus. Zwar war techn. Neuerung mit dieser fsl. Liebhaberei, die Lehrer und Hofdrechsler erforderte, durchaus vereinbar, zumal sie im 17.-18. Jh. im Hochadel geradezu verpflichtend war und weit bis ins 19. Jh. andauerte. Doch führte von dort kein Weg zur techn. Revolution des 19. Jh.s.

1200-1450

Vor dem Ausgang des 15. Jh.s sind Nachrichten über das Phänomen und damit wohl auch dieses selbst nicht nachzuweisen. Daß Kg. Chilperich († 584) bei Gregor von Tours († 594, Historiae VI 2, zu 581) aus Gold und Edelsteinen ein Tafelgerät fertigte (feci), heißt nicht, daß er es selber schuf. Handarbeit als Teil des Personenlobs bei Bf.en und Äbten ist Zeichen asket. Haltung, oder bes. Kunstverstands wie bei Bf. Bernward von Hildesheim († 1022) oder Abt Wibald von Stablo († 1158). Eligius, der Hl. der Goldschmiede († 660), war ursprgl. wirkl. einer. Wenn es in einem habsburg. Preisgedicht von 1683 (Joachim Müllner) heißt, schon Kg. Rudolf I. († 1291) habe gedrechselt und es seien »vom Ihm gedrehte Sachen« noch vorhanden, und ähnl. von Hzg. Albrecht IV. von Österreich († 1404) behauptet wird, dann ist dies wenig glaubwürdig.

1450-1550

Im Zusammenhang mit der Aufwertung der Technik, die sich auch in herald. Devisen niederschlägt (Hobel, Bombarden, Kräne, Mühlräder, Armillarsphären) werden im späten MA gewisse Handarbeiten (so wie stets schon das Spinnen oder Sticken adliger Frauen) hoffähig, wobei das zunehmend programmierte Drehen an immer komplizierteren Werkzeugmaschinen als Ausdruck der »Mechanisierung des Weltbildes« und der Herrschaft über die Natur stets eine Sonderstellung einnahm. Das erste bislang bekannte Zeugnis für eine noch recht ungeordnete fsl. Werkstatt kommt aus dem W. Nach Aussage des zeitgen. fläm. Juristen Philipp Wielant hat Hzg. Philipp der Gute von Burgund († 1467) gegen Ende seines Lebens eine transportable Kammer (chambrette de plaisance) besessen, die ihm überall nachfolgte und in der er sich damit beschäftigte, Nadeln mit Löchern zu versehen, Holzschuhe herzustellen und zu benageln, zerbrochene Messer zu löten, gesprungenes Glas zu reparieren, et semblables passetemps. Sein Sohn, der ernste Karl der Kühne († 1477), machte sich darüber lustig und warf den ganzen Plunder nach seinem Regierungsantritt auf den Müll; wir wissen aber, daß er sich i. J.1469 pour son plaisir eine Miniaturmühle anfertigen ließ: Karl erstrebte Erfolg in großen, nicht in kleinen Dingen. Von Kunstkammererzeugnissen, von Erziehung durch Drehen, überhaupt von einer Drehbank ist noch nicht die Rede. Das »Mittelalterliche Hausbuch« von ca. 1480, durchaus der adligen Sphäre zuzurechen, enthält bereits die Abbildung einer schlichten Ausführung (Abb. u. a. Maurice 1985, Nr. 4). 1493 ist das Drehen bei den Gf.en von Henneberg bezeugt (Spiess 1993, S. 474 Anm. 95, vgl. S. 465 Anm. 48). Ks. Maximilian I. († 1519), der sich auch als Schmied und Schlosser versuchte, ließ sich 1503 in der Innsbrucker Hofburg eine kleins dachstüblein mit kämmerlein zu unserm dräzeug einrichten ließ, damit wir mit demselben dräzeug unser kurzweil haben mügen, auch 1505 ain drähpanngkh liefern. Wohl i. J. 1518 anläßl. einer Ständeversammlung der Erblande in Innsbruck erhielt er von Degen Fuchs von Fuchsberg d. J. aus bedeutender Tiroler Familie eine prunkvolle Drehbank verehrt, die vermutl. zu Sterzing 1500/1510 geschnitzt und mit Wappen verziert wurde. Heute auf Burg Kreuzenstein zu Leobendorf a.d. Donau aufbewahrt, ist sie die älteste original erhaltene überhaupt (Abb. 122). Kostbar ausgestattete Drehbänke und techn. Gerätschaften waren auch in der Folgezeit fsl. und ständ. Geschenke. In der ersten Hälfte des 16. Jh.s mehren sich die Nachrichten von fsl. Drehern. Hz. Wilhelm IV. von Bayern († 1550) und Albrecht V. († 1579) hatten ihre Drechselwerkstatt in der Münchener Neuveste. Erhalten im Musée national de la Renaissance in Écouen bei Paris (bis 1854 in Dresden) ist die kostbar mit Intarsien und Ätzmalerei verzierte Drahtziehbank des Nürnbergers Leonard Danner (Abb. 123), die er 1565 für Kfs. August von Sachsen († 1586) anfertigte, der sich angelegentl. als Tischler, Drechsler in Elfenbein (135 Stück auf eigenem Tisch in seiner Kunstkammer) und Schlosser betätigte und dementsprechende Werkzeuge in Auftrag gab.

1550-1650

Die Mode des Drechseln nahm in der Folgezeit solche Ausmaße an, daß Kritik lt. wurde: Die Fs.en hätten allein Zeit »das Pferd auf der Reitbahn herumzutreiben, zu schnitzeln, zu drechseln, zu malen, Alchimisterei und andere ihrem Stand ganz unangemessene Dinge zu treiben – und an die [humanist. Bildung vermittelnden] Schulen zu denken gar nicht Muße übrig behalten« (Caspar Dornau, 1620). Die Drechselei und die verwandte Automaten-Liebhaberei war dabei keine konfessionelle Eigenheit der protestant. Fs.en, wenngleich Luther 1527 in Nürnberg zu seinem Gebrauch der ars tornandi Drechselwerkzeug bestellt hatte (Maurice 1985, S. 143, Anm. 10). Die habsburg. Ks. setzen die bei Maximilian I. beobachtete Übung fort, hier wie anderswo mit Lehrmeistern, die oft aus Nürnberg kamen und im Hofamt angestellt waren. Ks. Rudolf II. († 1612), der 188 selbst gedrechselte Elfenbeingefäße in seiner Kunstkammer aufstellte, ließ sich 1599 vom sächs. Hofdrechsler Georg Wecker eine Drehstube auf der Burg in Prag einrichten; Georg war der Sohn des bayer. Hofdrechslers Hans Wecker, was auf den Austausch dieser Spezialisten unter den Höfen hinweist. Drechsler waren erwiesenermaßen auch Ks. Ferdinand III. († 1657) und Ks. Leopold I. († 1705). Die Fs.en verhielten sich nicht anders: im erwähnten Text von 1683 hieß es, alle gegenwärtigen sieben Kfs.en drechselten. Bes. die bayer. Wittelsbacher taten sich darin hervor. Von Kfs. Maximilian von Bayern († 1651) ist eine Reihe von datierten Arbeiten aus den Jahren 1608 und 1620 erhalten, so ein Elfenbeinleuchter mit der Inschrift: Ebur [Elfenbein] ars nobilitat, artem Auctor Maximilianus Bavariae Anno 1608. Von Kfs. Ferdinand Maria von Bayern ist eine selbstgedrechselte Deckelschale von 1655 erhalten, von Kfs. Max Emanuel († 1726) sogar die Drehbank. Kfs. Max III. Joseph ließ sich an der Drechselbank von Joh. Jacob Dorner d. Ä. i. J. 1765 malen (Schloß Nymphenburg, Abb. Maurice 1985, Nr. 27), auch ist eines seiner »Kunststücke« von 1770 auf uns gekommen (Abb. Maurice 1985, Nr. 101). Von Hzg. Johann Casimir von Sachsen-Coburg († 1633) gibt es noch einen Elfenbeinpokal, den er zusammen mit Johann Eisenberg oder dieser für ihn 1628 anfertigte und der als Geschenk nach Florenz kam (Abb. Maurice 1985, Nr. 72). Hzg. Anton Ulrich von Braunschweig-Lüneburg (1633-1714) und seine beiden Brüder wurden ausgebildet vom Elfenbeindrechsler Tobias Treffler, 1648 berufen; dessen Sohn drechselte dann für die Großhzg. der Toskana. Im 2. Weltkrieg verbrannt ist das Drechselkabinett der Lgf.en von Hessen zu Darmstadt von ca. 1700 (Abb. Maurice 1985, Nr. 12), erhalten blieb dagegen dasjenige des dän. Feldmarschalls Carl Gustav Wrangel in seinem Schloß Skokloster, wohin er 1664 Gerät und Werkzeug in Amsterdam bestellte. Die kgl. Drechselkammer im Schloß Kronsberg nahe Helsingør wurde 1588 nach Kopenhagen gebracht, wo es fortan einen bes. Drechselraum im Schloß gab. Während in Schweden schon im 30jährigen Krieg kgl. Drechselkammern bekannt sind, ist dergleichen für die Herrscher von Preußen und Rußland erst um 1700 belegt. In Frankreich wissen wir dergleichen erst von Ludwig XV. und Ludwig XVI., dem 1780 I.T. Mercklein, Saxon, mécanicien du Garde Meuble de la Couronne, also einer der zahlreichen dt. Handwerker in Paris eine Drechselbank fertigte (Abb. Maurice 1985, Nr. 32f.). Bis in die Gegenwart wirkt die Initiative des Gf.en Franz I. zu Erbach-Erbach (reg. 1775-1823), der auf seiner Grand Tour das Elfenbeindrehen lernte und 1783 nach Erbach verpflanzte, wo sich demzufolge das Zentrum der dt. Elfenbeinschnitzerei und das Deutsche Elfenbeinmuseum befinden. Aus England ist bis Ende des 18. Jh.s nur selten ein drehender Herrscher und keinerlei programmierte Drehbank bekannt. Im Land sich selbst regelnder Systeme gab es keinen Bedarf an Beispielen autoritärer Steuerung als herrscherl. Repräsentation.

Quellen

Comptes de l'Argentier de Charles le Téméraire, duc de Bourgogne, Bd. 2: 1469, hg. von Anke Greve und Émilie Lebailly, Paris 2002, S. 443, § 1623. – Joachim Müllner, Poetischer Ehren-Ruhm-Schall […] der Drechselkunst, Nürnberg 1683. – Philippe Wielant, Recueil des antiquités de Flandres, hg. von J.J. de Smet, in: Recueil des chroniques de Flandre, Bd. 4, Brüssel 1865, S. 57.

Eine umfassende Darstellung, zumal der Frühzeit, fehlt. – Ausstellung Maximilian I., [Kat.] Innsbruck 1969, Nr. 592 und Abb. 129. – Bischoff, Cordula: Die handarbeitende Fürstin – zur Entstehung eines Typs des höfischen Privatporträts, in: Frau und Bildnis 1600-1750. Barocke Repräsentationskultur an europäischen Fürstenhöfen, hg. von Gabriele Baumbach und Cordula Bischof, Kassel 2003 (Studia Casselana, 12), S. 245-271. – Distel, Theodor: Kunstgeschichtliche Notizen. Aus der Drehstube des Kurfürsten August, in: NASG 8 (1887) S. 148-150, hier S. 148. – Fritsch, Julia: Trésors de la Renaissance au Château d'Écouen, Paris 1997 (Dossiers de l'art, 40), S. 83. – In fürstlichem Glanz, 2004 (hier die Beiträge Syndram, Dirk: Von fürstlicher Lustbarkeit und höfischer Repräsentation. Die Kunstkammer und die Dresdner Sammlungen der Renaissance, S. 54-69; Bäumel, Jutta: Kurfürstliches Werkzeug und Gartengerät, S. 160-176: Kappel, Jutta: Elfenbeindrechselkunst am Dresdner Hof, S. 176-206; Goes, André van der: Jagd- und Arbeitstisch des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen, S. 298-300). – Hablot, Laurent: La devise, mise en signe du prince, mise en scène du pouvoir. Les devises et l'emblématique des princes en France et en Europe à la fin du Moyen Âge, unveröff. Diss. phil. Poitiers 2001, Bd. 2: Les devises des princes, S. 324. – Haenel, Erich: Die Drahtziehbank des Kurfürsten August im Musée de Cluny zu Paris, in: Mitteilungen aus den Sächsischen Kunstsammlungen 5 (1914) S. 31-43 (Abb.). – Maurice, Klaus: Der drechselnde Souverän. Materialien zu einer fürstlichen Maschinenkunst. [Synoptisch:] Sovereigns as Turners. Materials on a Machine Art by Princes, translated by Dorothy Ann Schade, Zürich 1985 (Standardwerk: zahlreiche Abb. und Texte). – Quasi Centrum Europae. Europa kauft in Nürnberg, Nürnberg (Germanisches Nationalmuseum) 2002, S. 119-124 (Abb. A), S. 467-468 Nr. 32 und 34 [Drahtziehbank des Leonhard Danner]. – Spiess 1993. – Walcher-Molthein, Alfred: Die Drechselbank Kaiser Max des Ersten, in: Belvedere. Kunst und Kultur der Vergangenheit. Zeitschrift für Sammler und Kunstfreunde 7 (1925) S. 17-22 (Abb.).