Unterhaltung/Zeitvertreib
Vorgelesen und gelesen wurde das ganze MA hindurch, unter verschiedenen Umständen und bei vielerlei Anlässen, aber erst ab dem 12. Jh. scheint man sich um eine begriffl. Differenzierung bemüht zu haben. So versucht Johannes von Salisbury der Zweideutigkeit abzuhelfen, indem er eine Unterscheidung zw. legere und prelegere vorschlägt. Hugo von St. Viktor geht aber einen Schritt weiter, indem er drei Aspekte des Lesens festlegt: lego librum illi (jemandem etwas vorlesen), lego librum (Privatlektüre) und lego librum ab illo (mir wird etwas vorgelesen). Diese Dreiteilung läßt sich auch in der Volkssprache belegen, so z. B. im ersten Fall den brief man vor im las, im zweiten selbe er den brief las (mit der Erklärung ›weil er lesekundig war‹), und im dritten wir lêsin in bezug auf einen Bibeltext in einer Predigt, wo die leseunkundigen Zuhörer nur im übertragenen Sinne ›lesen‹, durch Vermittlung eines litteratus, des Predigers.
Zu den im Vergleich zur modernen Lektüre hervorstechenden Eigentümlichkeiten der Lesepraxis im MA gehört erstens das Verhältnis von Latein und Volkssprache. Lange bezog sich der Begriff litteratus nicht etwa auf die Lesefähigkeit schlechthin, sondern er beschränkte sich auf den Kleriker, der lat. lesen konnte. Er hatte infolgedessen ein ständ., aber auch sprachl. Gepräge. Ab dem 12. Jh., und mit zunehmender Häufigkeit im SpätMA, mehren sich die Zeichen dafür, daß der Begriff sich auf den Laien ausweitet, der in seiner Muttersprache lesefähig ist, ohne notwendigerweise lat. lesen zu können (diese Entwicklung findet trotz des Bestrebens mancher Kleriker statt, ihr Bildungsmonopol aufrechtzuerhalten, indem sie die Lesefähigkeit auf den Bereich des Lateinischen beschränken). Am Ende des MA ist also die traditionelle Auffassung von litteratus (lesen kann, wer lat. liest) nicht mehr unbedingt gültig. Es kommen z. B. Fälle vor, in denen die Lesefähigkeit ausdrückl. von lat. Sprachkenntnissen abgekoppelt wird, wenn von Laien gesprochen wird, die das latin nit verstanden grüntl. und doch lesen können teutsch. Die bildungsmäßige Trennungslinie zieht sich nicht mehr zw. Klerikern und Laien, sondern innerhalb des Laienstandes zw. denen, die als verstanden, klug oder vernunftig bezeichnet wurden, und denen, die als einfaltige leigen gelten.
Ein zweites Charakteristikum ist aus der Zählebigkeit der Doppelformel ›hoeren oder lesen‹ abzulesen. Diese Formel geht auf die lat. Literatur der Antike zurück (z. B. lego vel audio; audientes aut legentes), ist auch im Mittellateinischen zu belegen (z. B. lector vel auditor), und ab dem 12. Jh. (in der Zeit, in der der weitgehende Übergang zur Schriftlichkeit in den Volkssprachen zu verzeichnen ist) findet sie auch in die volkssprachl. Literaturen (dt., frz., engl.) Eingang. Aus der Häufigkeit dieser Doppelformel ist die Verschränktheit des gesprochenen mit dem gelesenen Wort im MA zu ersehen. Sie weist auf eine zweifache Rezeption von Literatur hin, von seiten der Hörer oder der Leser, wobei die Hörer einen Vorlesenden voraussetzen, durch dessen Vermittlung sie indirekt zu ›lesen‹ imstande sind, während die Leser über einen direkten Zugang zum geschriebenen Text verfügen. In dieser Doppelformel ist also die von Hugo von St. Viktor vorgenommene Dreiteilung der Lesepraxis verkörpert. Sie dient aber auch als Warnung davor, die Geschwindigkeit des Übergangs von einer Hör- zu einer Leserezeption nicht zu überschätzen. So sehr der Literaturbetrieb am Hofe darum bestrebt gewesen sein mag, die bislang von den Klerikern monopolisierte Schriftlichkeit auch für sich selbst zu beanspruchen, muß noch insofern mit der mündl. Dimension gerechnet werden, als auch der öffentl. Vortrag neben der sich erst langsam verbreitenden Privatlektüre eine Wirklichkeit des Hoflebens war. Das Lesen hat das Hören nicht einfach abgelöst. Stattdessen bestanden beide Möglichkeiten lange nebeneinander.
Eine dritte Eigentümlichkeit des Lesens und Vorlesens im MA bezieht sich auf die Frage, ob laut oder still gelesen wurde. Es versteht sich von selbst, daß nur laut vorgelesen werden konnte, aber daraus ist nicht zu schließen, daß nur still für sich gelesen wurde, wie wir es heutzutage pflegen. Zwar haben wir es bei der Privatlektüre (im Gegensatz zur Gruppensituation des Vortrags) mit einer Isolierung des Lesers zu tun (er vertieft sich in den Text, trennt sich weitgehend von anderen), aber das geht nicht immer so weit, daß man unbedingt von einer stillen Lektüre in völligem Schweigen reden dürfte. Schon in der lat. Antike, v. a. wg. der leserunfreundl. Gewohnheit der scriptura continua, las man normalerweise laut, und nur in Ausnahmefällen still (z. B. wenn es um Vertrauliches ging, wie bei einem Liebesbrief, oder um polit. Brisantes). Das hat sich im MA fortges., und zwar so sehr, daß auch in der Benediktinerregel, in der vom Mönch verlangt wird, er müsse beim Lesen seine Nachbarn nicht stören, nicht auszuschließen ist, daß er sotto voce oder leise vor sich hinmurmelnd gelesen haben mag. Sucht man nach einem Ort, an dem am ehesten die Gewohnheit des stillen Lesens zu vermuten ist, so kommt nicht der Hof, sondern v. a. der Hörsaal der spätma. Universität in Frage (es gibt Abb., in denen der Lehrer aus seinem Text vorliest, während Studenten ein eigenes aufgeschlagenes Exemplar vor sich haben).
→ vgl. auch Farbtafel 3, 56; Abb. 2, 95, 124, 127, 191, 192
Literatur
Green, Dennis H.: Medieval Listening and Reading, The primary reception of German literature 800-1300, Cambridge 1994. – Green, Dennis H.: Terminologische Überlegungen zum Hören und Lesen im Mittelalter, in: Eine Epoche im Umbruch: Volkssprachliche Literalität 1200-1300, Cambridger Symposium 2001, S. 1-22. – Medienwechsel. Erträge aus zwölf Jahren Forschung zum Thema ›Mündlichkeit und Schriftlichkeit‹, hg. von Wolfgang Raible, Tübingen 1998. - Scholz, Manfred G.: Hören und Lesen. Studien zur primären Rezeption der Literatur im 12. und 13. Jahrhundert, Wiesbaden 1980. – Spriewald, Ingeborg: Literatur zwischen Hören und Lesen. Wandel von Funktion und Rezeption im späten Mittelalter. Fallstudien zu Beheim, Folz und Sachs, Weimar 1990.