Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Wehr- und Befestigungsanlagen der Residenz

Zeughaus

Das Zeughaus (Zeug(k)hauß, Zeuckhaus u. ä.) diente im MA und früher Neuzeit primär als Speicher für alle Arten von a) Schutz- und Trutzwaffen (arma atque tela), Feuerwaffen (schwere Feuerwaffen, Handfeuerwaffen, Blank- und Stangenwaffen und Raketen) sowie b) Panzerzeug (z. B. Harnische) mit entspr. Zubehör (z. B. Kugellehren und Ladzeug), Hilfsgeräten und Werkzeugen sowie d) Musikinstrumenten (z. B. Trommeln und Pfeifen).

Aus den Begriffen »gezeug/gezeugen« (mhd. [ge]ziuc, ahd. [gi]ziuch) wurde das Wort Zeug abgeleitet, das mehrere Bedeutungen besitzt und Mittel, Gerät, Stoff oder Vorrat bezeichnet. Die Verknüpfung der Begriffe »zeug« und »haus« zu Zeughaus in der frühen Neuzeit löste die ältere lat. Bezeichnung für einen Waffenspeicher armamentarium (von lat. arma »das Gefügte« oder armatura für Werkzeuge diverser Art, Kriegsgerät, Waffen, Rüstung, Bewaffnete, Waffenmacht oder Verteidigungsmittel) ab. Demgegenüber stand der aus dem arab. und über Italien vermittelte Begriff Arsenal (arab. dar(es) sina'a, dar-as-sina'a, darazzana; ital. arsenale) wörtl. für »Haus der Handwerks(er)arbeit, Schiffswerft, Werkhaus oder auch Fabrik«. Im SpätMA und der frühen Neuzeit wurden die Bezeichnungen Armamentarium, (Leib-) Rüstkammer, Zeughaus und Arsenal synonym verwendet, wobei die Bezeichnung Zeughaus im deutschsprachigen Gebiet bis zum 17. Jh. überwog. Daneben gab es seit dem 14. Jh. (zumeist regional oder lokal begründete) Begriffe, die entweder auf das zu lagernde Gut zurückzuführen sind oder aber den Aufbewahrungsort einer speziellen Gütergattung näher bezeichnen, darunter: Antwerchstadel, Balistarium, Harnischkammer, Bussenhus(z) und -hof, Bu(e)chsen-, Puchsenstaden und Puxenhaus, Bussenhusz, Blyden-/Pleidenhaus, -hüsli, Schotkammere, Zevg-Plei-Plid- oder Blidhaus, Schotkamere, Harnskamer oder Waffengewölbe.

Zeughäuser waren Nutzbauten, die neben der milit. auch eine symbolisch-repräsentative Zweckbestimmung besaßen. Die vielfältigen Aufgaben, die ein Zeughaus seiner Besatzung zu erfüllen hatte (wie die Beschaffung, Lagerung, Unterhaltung und Bereitstellung sowie den Ersatz von techn. Kriegsmaterial zu Angriff und Verteidigung sowie z. T. auch die Herstellung von Rüstungsgütern) verdeutlicht seine interne Multifunktionalität. Darüber hinaus ist der repräsentative Charakter der Architektur sowie die Zurschaustellung der milit. Schlagkraft, die ein gut unterhaltendes und entspr. gefüllten Zeughaus (Stichwort: psycholog. Abschreckung) ausstrahlen sollte, von großer Bedeutung für die jeweilige Herrschaft.

Die Positionierung eines Zeughauses innerhalb eines Residenzortes war nicht festgelegt und hing von der jeweiligen lokalen Ortsstruktur ab. Im Zeughaus konnte eine Werkstatt integriert sein, ansonsten erfolgte die Beschickung durch externe Werkstätten. So belieferten bspw. die steir. oder oberösterr. Werkstätten in Weiz, Judenburg, Graz bzw. Waldneukirchen bei Hall das Grazer Zeughaus, wo allerdings auch Importe aus Passau eingingen. Die Beachtung der Herstellungsorte der Waffen und Harnische etc., die in einem Zeughaus versammelt waren, verdeutlicht neben der Spezialisierung einzelner Handwerker an bestimmten Orten die entspr. Handelsbeziehungen einer Res.

Auch heute noch dienen einige histor. Zeughäuser zur Aufbewahrung von Turnier- und Paraderüstungen (z. B. von adeligen Truppenführern), Pferdepanzern und Reiterharnischen (z. B. Reiterharnisch von Ehzg. Karl von Österreich (1564-90) im Grazer Zeughaus) sowie auch von Gewehren aller Typen inklusive verzierter Exemplare für die Jagd oder das Scheibenschießen.

1200-1450

Sowohl auf den Burgen der Landesfs.en als auch auf denen adeliger Ritter sowie in den sich entwickelnden Städten und Res.en gab es Rüstkammern, deren Lokalisation und Inventar sich nach den räuml. Gegebenheiten der jeweiligen Residenzbauten, den finanziellen Möglichkeiten der Herrschaft, den lokalen Erfordernissen sowie den polit. Gegebenheiten richteten. Die Einführung des Schießpulvers in Europa im 13. Jh. und die stetige Weiterentwicklung der Feuerwaffen seit dem 14. Jh. bedingte neue architekton. Voraussetzungen, die zur Lagerung, Wartung und effektiven Nutzung dieser und anderer Waffen notwendig waren.

1450-1550

Bes. seit der zweiten Hälfte des 15. Jh.s wurde die neue Waffengattung in immer größerem Maße milit. genutzt, was nicht nur signifikante Veränderungen in der Militärtechnik mit sich brachte, sondern auch große Veränderungen bei der baul. Gestaltung von Wehr- und Befestigungsanlagen hervorrief. Die Einrichtung von Zeughäusern in engerem Sinne, d. h. Waffenlagern neueren Typs, fand im Kontext dieser militärtechn. Entwicklung statt.

Ein spezif. Bautyp »Zeughaus« entwickelte sich daher in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s., da die beschränkte Raumkapazität der meisten Rüstkammern eine Unterbringung von Geschützen nicht ermöglichte. Dieser Typ ist zwar architekturgeschichtl. mit zu Handelszwecken genutzten Speicherbauten in Städten und landwirtschaftl. genutzten auf dem Lande verwandt (Spyker, Granarium, Kornschütte, Muthäuser u. ä.), funktional jedoch von diesen abzugrenzen.

Zeughäuser waren in der Außenwirkung repräsentativ gestaltete Nutzbauten, die an unterschiedl. Plätzen positioniert sein konnten. Es gibt zwei bevorzugte Lagen: Die erste Möglichkeit ist die der Errichtung in der Residenzstadt, wobei a) die Stadtmitte mit dem Schloß, dem Markt oder Rathaus, b) die Lage am Stadtwall oder c) an anderen Orten, denen keine direkte milit. oder repräsentative Funktion zugeschrieben werden kann, bevorzugt wurde. Die zweite Möglichkeit der Situierung ist die in einer Festung, wobei dort a) die Lage am Wall, b) als separater Gebäudekomplex, c) als Teil des Schloßhauptbaues oder d) als ein Einzelgebäude auf dem Schloßareal verzeichnet werden kann.

Die jeweilige architekton. Konzeption und Größe hing ebenfalls von den örtl. Erfordernissen ab, allerdings wurden mehrgeschossige Hallenbauten mit großen Portalen bevorzugt. Für ihre Einrichtung wurde vereinzelt ältere Bausubstanz genutzt, wenn nicht von vornherein der Neubau einer ein-, zwei- oder mehrflügeligen Anlage (mit und ohne Innenhof) intendiert war oder ein Zeughaus speziell an bereits vorhandene Bausubstanz in Bauform und -größe angepaßt werden mußte (Veste Coburg, Festung Rosenberg i. Kronach, Hohentwiel).

Im Kontext ihrer Nutzung wurden Zeughäuser im Laufe des Hoch- und SpätMA an diversen Orten erreichtet, z. B. Aachen, Amberg, Heidelberg, Heidelberg, Kronach, Festung Königstein, Querfurt, Linz und Innsbruck mit Schloß Ambras. (Im bis heute erhaltenen Landeszeughaus in Graz wird zudem die größte Sammlung von ma. und frühneuzeitl. Waffen in Europa museal präsentiert.)

1550-1650

In der frühen Neuzeit entstanden – z. T. aufgrund der Erfordernisse des Dreißigjährigen Krieges und der Ausstattung von Söldnerheeren – zahlreiche Zeughäuser in diversen Städten, Festungen und Res.en (z. B. Berlin-Spandau, Burghausen, Coburg, Dresden, Eichstätt, Gotha, Graz, Hohentwiel, Ingolstadt, Festung Königstein, Festung Kulmbach, Leipzig, München, Festung Gottorp in Schleswig, Ulm, Zwickau). Einige Res.en besaßen zugl. sowohl ein fsl. sowie ein städt. Zeughaus, wie bspw. Amberg. Zahlreiche histor. Graphiken belegen einerseits die Einbindung dieser Zeughäuser in die örtl. Topographie, andererseits vereinzelt auch die Gestaltung und Ausstattung der Innenräume. Auskunft über ihren Bestand geben Inventare, die sich v. a. seit der frühen Neuzeit z. T. in umfangr. Form erhalten haben. Eine der prominentesten Rüstkammern ist die im Schloß Ambras, deren histor. Bestand sowohl durch Inventarlisten (Armamentarium Heroicum von 1601) als auch die erhaltenen Sachquellen rekonstruierbar ist.

→ vgl. auch Abb.38

Quellen

Kyeser, Bellifortis (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 30150), bearb. von Ulrich Montag, Berlin 2000 (Patrimonia, 137). – Von Vestungen und dan von Feűer Werken. Die Kunst, Festungen zu vertheidigen, und Büchsenmeister-Kunst [sine nota; spätes 15. Jh./Anfang 16. Jh.] 57 Bll., in: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 19.28. Aug. 40. – Caspar Brunner, Ein ordentliche und künstliche Beschreybung über ein Zeughaus und was demselben mit aller Munition und Artholerey anhengig sein mag […], 216 Bll.; 16. Jh.], 4 Abschriften, in: StA Nürnberg, Rep. 52, Nr. 23. – Bartholomäus Freisleben, Die Zeughäuser Maximililans I. Atelier Jörg Kölderer 1518, in: Österreichische Nationalbibliothek Wien, Cod. 10.824. – Leonard Fronsperger, Von Kayserlichem Kriegßrechten […], Frankfurt a. M. 1566 (ND Graz 1970). – Jakob Schrenck von Notzing, Die Heldenrüstkammer (Armamentarium [Ambrasianum] Heroicum) Erzherzog Ferdinands II. auf Schloß Ambras bei Innsbruck, hg. von Bruno Thomas, Faksimile-Druck der lat. und. der dt. Ausgabe des Kupferstich-Bildinventars von 1601 bzw. 1603, Osnabrück 1981. – Johann Ammon, Armamentarivm Principale Oder Kriegsmunition vnd Artillerey=Buch. Darinnen beschrieben. Wie ein Zeüghauß sampt aller Munition vnd zugehoere bestelt / vnd in rechtem Wesen soll vnterhalten werden […], Franckfurt am Mayn 1625. – Joseph Furttenbach d. Ä., Architectura Martialis: Das ist / Außführliches Bedencken / vber das / zu dem Geschütz vnd Waffen gehoerige Gebaew: Darinnen fuer das Erste eygentlich zuvernemmen / In was gestalt ein wolgeordnetes Zeug= oder Ruest-Hauß / sampt deß Zeug notwendigen Behaltnussen auffzubawen […], Ulm 1630 (ND Hildesheim u. a. 1975). – Vgl. zu Quellen- und Literaturangaben den Art. »Wehr- und Befestigungsanlagen der Residenz« sowie das Stw. »Festungen«. Weitere Kodizes und diesbezügl. relevante Sekundärliteratur sind verzeichnet bei Neumann 1992, 187-218.

Imperial Austria. Das Landeszeughaus in Graz, hg. von United Soft Media, CD-Rom o. O. Juni 2003 (sehr empfehlenswerte CD-Rom mit virtuellem Rundgang in den fünf Stockwerken des Grazer Zeughauses mit 200 vernetzten VR-Panoramen, 130 interaktiven Objekten sowie einem Glossar mit 1000 Begriffen). – Bartetzky, Arnold: Das Große Zeughaus in Danzig. Baugeschichte, architekturgeschichtliche Stellung, repräsentative Funktion, 2 Bde., Stuttgart 2000 (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, 9). – Düriegl, Günter: Wehrhafte Stadt. Das Wiener Bürgerliche Zeughaus im 15. und 16. Jahrhundert (Ausstellungskatalog), hg. vom Historischen Museum der Stadt Wien, Wien 1986. – Gamber, Ortwin: Die Waffen des Wiener Zeughauses im 15. und 16. Jahrhundert, in: Das Wiener Bürgerliche Zeughaus, Gotik und Renaissance (Ausstellungskatalog), Wien 1960. – Gamber, Ortwin: Art. »Bewaffnung«, in: LexMA II, 1983, Sp. 22. – Gamber, Ortwin: Art. »Waffen«, in: LexMA VIII, 1997, Sp. 1893-1903. – Geibig, Alfred/Gelbhaar, Axel: Art. »Zeughaus«, in: LexMA IX, 1998, Sp. 589-590. – Glossarium armorum, hg. von Ortwin Gamber, Graz 1972. – Welt aus Eisen. Waffen und Rüstungen aus dem Zeughaus in Graz, hg. von Thomas Höft, Wien u. a. 1998 (Edition Joanneum). – Hummelberger, Walter: Das bürgerliche Zeughaus, Wien u. a. 1972 (Wiener Geschichtsbücher, 9). – Lachmann, Manfred: Militärtechnik und Gesellschaftsordnung. Das Geschützwesen im Kurfürstentum Sachsen (Ausstellungskatalog), Berlin 1979. – Lang, Rainer: Ars belli: deutsche taktische und kriegstechnische Bilderhandschriften und Traktate im 15. und 16. Jahrhundert, Wiesbaden 2002 (Imagines medii aevi, 12,1 und 12,2). – Pichler, Fritz: Das Landes-Zeughaus in Graz, hg. von der Vorstehung des Münzen und Antiken-Cabinetes am St. L. Joanneum, 2 Bde., Graz 1880. – Neumann, Hartwig: Das Zeughaus. Die Entwicklung eines Bautyps von der spätmittelalterlichen Rüstkammer zum Arsenal im deutschsprachigen Bereich vom XV. bis XIX. Jahrhundert, Bonn 1992 (Architectura Militaris, 3) (Standardwerk zur Geschichte, Anlage und Ausstattung von Zeughäusern vom 15. bis zum 19. Jh. mit umfangreichen Quellen- und Literaturhinweisen, u. a. zu den einzelnen Zeughäusern sowie reich ausgestattetem Bildband). – Post, Paul: Das Zeughaus. Die Waffensammlung: Kriegs-, Turnier- und Jagdwaffen vom frühen Mittelalter bis zum dreißigjährigen Krieg. Ein Handbuch der Waffenkunde, Berlin 1929. – Schütte 1994. – Wehrhafte Stadt. Das Wiener Bürgerliche Zeughaus im 15. und 16. Jahrhundert (Ausstellungskatalog), Wien 1986. – Wackernagel, Rudolf H.: Das Münchener Zeughaus, München 1982. – Das Wiener Bürgerliche Zeughaus, Bd. 1: Gotik und Renaissance, Wien 1960 (Sonderausstellungskatalog, 2). – Das Wiener Bürgerliche Zeughaus. Rüstungen und Waffen aus 5 Jahrhunderten (Ausstellungskatalog), Wien 1977. – Zopf, Hans: Führer zu Militaria- und Waffensammlungen. Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republik, Republik Österreich. Mit einer Auswahl charakteristischer Wehrbauten, Schwäbisch Hall 1977. – Weiterführende Literatur bis 1992 zu einzelnen Zeughäusern ist im Bautenverzeichnis (Katalog) bei Neumann 1992, S. 218ff. verzeichnet.