Gesundheit
Seit dem 14. Jh. bildete sich in Dtl. ein neues Muster des Badeverhaltens aus: die Badereise oder Badenfahrt. Kranke und Erholungssuchende reisten in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen an Orte mit warmen, mineral. Quellen, die man in der Hoffnung auf Heilung von chron. Leiden oder temporären Beschwerden ausgiebig zu Badekuren von mehreren Wochen Dauer nutzte. In den Jh.en zuvor waren v. a. die naturwarmen Quellen nördl. der Alpen nur sporad. genutzt oder von den direkten Anwohnern aufgesucht worden, ohne daß daraus ein geregelter Badebetrieb entstand. Eine Ausnahmestellung nahm Aachen ein, dessen heiße, schon von den Römern genutzten Quellen von Karl dem Großen neu erschlossen und zu einem ebenso prachtvollen wie komfortablen Bad bei seiner Pfalz ausgebaut wurden. Auch nach der Zerstörung der Pfalzanlagen i. J. 881 gibt es noch vereinzelte Nachrichten von dt. Ks.n, die wie etwa Heinrich III. während ihrer Anwesenheit in Aachen dort badeten.
Neben solchen in röm. Zeit genutzten, aber während des MA verfallenen Thermenanlagen, auf deren hohes Alter die aus dem ahd. Äquivalent badon für lat. Aquae gebildeten Funktionsbezeichnungen für Orte wie Baden weisen, wurden auch neue Mineralquellen bekannt, die wg. ihrer abgeschiedenen Lage in einsamen, dicht bewaldeten Tälern oder Bergregionen Wildbäder gen. werden. So sollen die warmen Quellen von Karlsbad von Karl IV. bei einem Jagdausflug entdeckt worden sein, der sodann den Ort nach dem Vorbild des karoling. Aachen als Bade- und Kurstadt förderte. Seit 1370 sind Besuche Karls IV., der den Besuch von Heilbädern aus Italien kannte, in dem nach ihm benannten Bad belegt. Nachdem Gf. Eberhard von Württemberg im Frühjahr 1367 während eines Aufenthalts an den heißen Quellen bei Calw im Nordschwarzwald mit seiner Familie durch die Gf.en von Eberstein überfallen worden war, wurde das württ. Wildbad aufgrund dieses Aufsehen erregenden Attentats schlagartig im ganzen Reich bekannt. Da es von den württ. Gf.en befestigt und ausgebaut wurde, erfreute es sich rasch eines starken Besucherandrangs. Den Typus einer solchen Bäderstadt, wie sie meist in stereotyper Weise in den kosmograph. Kompendien des 16. Jh.s ins Bild gesetzt wurde, stellt das von Konrad Gesner beschriebene Plombières in den Vogesen dar (Abb. 99): Eine Burg oder ein festes Haus und Stadtmauern, die hinreichend Sicherheit gewährten, durch sprechende Wirtshausschilder bezeichnete Badeherbergen, die auswärtigen Gästen Unterkunft, Stallung, Feuerung, Möglichkeiten zur Verpflegung und private Bäder boten. V. a. jedoch wurde das Bild der Stadt durch offene Piscinen geprägt, die kostenlos von Armen und Kranken genutzt werden konnten.
Nun erkannten die Landesherren den Badebetrieb als wichtigen Wirtschaftsfaktor und entwickelten eigene Initiativen für den Ausbau der bislang sehr bescheidenen Anlagen in ihren Territorien. Bau- und Pachtverträge informieren über die Errichtung neuer Badehäuser, komfortabler Unterkünfte und Repräsentationsräume für hochgestellte Benutzer sowie exklusives Wohn- und Baderecht während der fsl. Kuraufenthalte. In Baden-Baden, wo die Mgf.en das Verfügungsrecht über die als Erblehen vergebenen Nutzungsrechte sogar wieder zurückerlangten, entstanden seit der Mitte des 15. Jh.s immer neue Badeherbergen, die von vielen Mitgliedern des fsl. und gfl. Adels sowie von vornehmen Gästen aus Straßburg und der ganzen Oberrheinregion frequentiert wurden. 1479 verlegten die Mgf.en ihre Res. hinab in die Stadt und richteten in der Nähe des Neuen Schlosses ein Badehaus für den eigenen Bedarf und ihre Gäste ein.
Man nutzte aber nicht nur die eigenen Bäder, sondern reiste auch in auswärtige Heilbäder, deren Indikationen und Wirkungsweisen in der seit der 2. Hälfte des 15. Jh.s in Dtl. rezipierten und popularisierten ital. balneolog. Literatur bekannt wurden. Felix Hemmerli, Ulrich Ellenbog oder Hans Folz vermittelten allg. Baderegeln und beschrieben erstmals die prominenten Wildbäder im deutschsprachigen Raum (Abb. 100). Darunter hatten einige wie das schweizer. Baden, Baden bei Wien sowie Ems an der Lahn den Charakter ausgesprochener Modebäder, die man mehr aus Gründen der Unterhaltung als aus therapeut. Notwendigkeit aufsuchte.
In der Regel aber erforderte die fsl. Reise ins Wildbad einen erhöhten logist. Aufwand, da die Badenden nicht mit ihrem gewohnten Standard an Sicherheit, Unterkunft und Versorgung rechnen konnten. Reiseberichte, Briefe und Rechnungen geben Auskunft über die Verlegung ganzer fsl. Haushalte und umfangr. Lebensmittellieferungen für den gehobenen Bedarf, über die Sorge um sicheres Geleit und angenehme Unterbringung. In der fsl. Korrespondenz finden sich Hinweise auf Verabredungen mit verwandten oder befreundeten Standesgenossen, um die Badekur in möglichst angenehmer Gesellschaft zu verbringen oder sich wenigstens zu besuchen. Dabei reisten fsl. Ehepaare durchaus getrennt aus unterschiedl. Motiven und Indikationen ins Bad. Aber selbst bei gemischten Badegesellschaften war die strenge Geschlechtertrennung des höf. Alltags nur teilw. aufgehoben; so berichtete Hzg. Wilhelm von Sachsen 1476 aus Wildbad, daß er dort gleichzeitig mit der Gf.in von Württemberg, aber getrennt von ihr und ihren Hofdamen tägl. acht bis neun Stunden gebadet habe. Nach der Beschreibung des mondänen Badelebens im schweizer. Baden durch den päpstl. Sekretär Poggio Bracciolini waren in die Bassins hölzerne Trennwände eingezogen, wobei man sich aber durch Fenster habe sehen und unterhalten können. Zudem hätten Besucher von den Galerien rund um die Becken mit den Badenden plaudern können.
Angesichts der langen Badedauer spielten Unterhaltung und Geselligkeit während des Bades eine zentrale Rolle. Abwechslung brachten Einladungen zu Festessen mit anschließendem Tanz oder zu Jagdausflügen, die von den gastgebenden oder in der Umgebung residierenden Standesgenossen ausgesprochen wurden. Im Jahre 1477 fand auf Einladung des Gf.en Philipp von Katzenelnbogen und seiner Gemahlin eine Badegesellschaft von Fs.en, Gf.en und Herren in Ems zusammen, die sich während des langen Einsitzens im Bad die Zeit durch das Vortragen von Literatur vertrieb. Im Gefolge des Ebfs. von Mainz befand sich der Wappendichter Erhard Wameszhafft, der von Dietrich von Isenburg beauftragt wurde, den dort vorgelesenen Bericht über die Pilgerreise des Gf.en von Katzenelnbogen ins Heilige Land von 1433-34 in Reime zu fassen. Im Kontext fsl. Badereisen wurden auch fachliterar. Texte rezipiert. Hzg. Siegmund von Bayern-München ließ sich bei seinen Badereisen nach Gastein von seinem Hofliteraten und Leibarzt Hans Hartlieb begleiten. 1467 erhielt er dort durch den gelehrten Bf. von Chiemsee, Bernhard von Kraiburg, den lat. Bädertraktat des Felix Hemmerli, der auf Bitten des Hzg.s ins Deutsche übersetzt wurde. Daneben verfaßten gelehrte Mediziner und fsl. Leibärzte wie Konrad Schelling in Heidelberg für ihre hochgestellten Patienten Wildbädertraktate, die als persönl. Badeführer gedacht waren.
Im humanist. Ambiente wurde nicht nur den balneolog. Anwendungen, sondern auch der während der Badekur genossenen Unterhaltung ein hoher therapeut. Nutzen zugesprochen. Die anläßl. von Badereisen entstandene scherzhafte und kurzweilige Literatur wurde zuerst von den fsl. Damen rezipiert. Pfgf.in Mechthild von Rottenburg erhielt 1468 von Niklas von Wyle seine dt. Übersetzung des Brieftraktats Aeneas Silvius' über den Somnium fortunae, den er ihr bereits Jahre zuvor bei einem Besuch im Bad erzählt hatte, zur Kur nach Wildbad geschickt. Margarethe von Savoyen, die Gemahlin des Gf.en Ulrich von Württemberg, die den Ulmer Stadtarzt und Literaten Heinrich Steinhöwel gebeten hatte, ihr in Bad Liebenzell Gesellschaft zu leisten, erhielt von diesem 1474 ein launiges Entschuldigungsschreiben, in dem er ihr und der sie begleitenden Schwiegertochter Zitrusfrüchte als Badegeschenk ankündigte. Mit derartigen Geschenken (Wein, Wildbret, Obst etc.), die Ehepartner, polit. Verbündete, gastgebende Städte, Freunde und Verwandte zur Aufmunterung und Stützung der Bademoral und mit Wünschen für eine erfolgreiche Kur ins Bad sandten, wurde über die von fsl. Haushalten besuchten Badeorte ein neues, von den Lizenzen des Badelebens geprägtes Kommunikationsnetz gespannt.
Im 16. Jh. mehren sich die Nachrichten über fsl. Badereisen, die nun auch in medizin. Hinsicht durch Einholen oft mehrerer Gutachten (consilia oder Badbedenken) prominenter Badeärzte vorbereitet wurden. Angesichts des immer ausgedehnteren Badebetriebs traf man Vorkehrungen zur Absonderung von dem lauten Treiben in den Frei- und Gemeinschaftsbädern. In Baden im Aargau gab es neben den Badehäusern mit Kapazitäten für jeweils 20 bis 50 Personen drei exklusive Badeeinrichtungen, die zusammen mit komfortabel eingerichteten Wohngemächern wochenweise vermietet wurden. Darüber hinaus boten baumbestandene Tanzplätze, Gartenanlagen, Garten- und Brunnensäle dem exklusiven Publium Zerstreuung. In den auch andernorts belegten Bischofs-, Hzg.s- oder Markgrafenbädern hinterließen die fsl. und anderen vornehmen Gäste Wappentafeln, Wandmalereien oder von ihnen gestiftete Brunnensäulen etc., die an ihren Kuraufenthalt erinnerten. Andere Fs.en bemühten sich darum, in den von ihnen bevorzugten Kurorten eigene Bäder einzurichten. Pfgf. Ottheinrich erwarb in Bad Gastein entspr. Rechte vom Salzburger Ebf., und in Baden-Baden kaufte er sich ein Haus in der Nähe der Hauptquellen.
Offenbar suchte man zunehmend Betreuung durch prominente Badeärzte wie den Basler Arzt Heinrich Pantaleon, der sich prominenten Kurgästen in Baden im Aargau widmete, oder den württ. Leibarzt Johannes Widmann, der sich während der Saison vorwiegend in Wildbad aufhielt. Im hess. Langenschwalbach therapierte der Wormser Stadtarzt Jakob Theodor (Tabernaemontanus) den Bruder des Mainzer Erzbischofs durch eine Trinkkur. Mit seiner 1581 gedruckten Schrift Der Neue Wasserschatz etablierte er die Trinkkur, die zunächst als kombinierte Trink- und Badekur praktiziert wurde, sich aber seit dem ausgehenden 17. Jh. mehr und mehr als alleinige Kurform mit erhebl. Auswirkungen auf die gehobene Badekultur durchsetzen sollte.
Quellen
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Literatur
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