Reise
Vornehmere Preußenfahrer übernachteten auf der »Reise« in Zelten. Geringeres Volk scheint dagegen mit den Vorräten in Hütten untergekommnen zu sein, die in Königsberg gemietet werden konnten. Der Herr schlief in einer eigens angefertigten Bettstatt auf einem Strohsack, von einer Schaffelldecke zugedeckt. Strohsäcke wurden auch für seine Leute angefertigt oder geliehen. Die feldmäßige Ausrüstung wurde ergänzt durch Bänke und zusammenfaltbare Tische auf Böcken, in der Küche durch Zurichtbänke zum Zusammenklappen mit eisernen Scharnieren.
Wie die in Küchenbüchern, insbes. nach Aufenthaltswechseln verzeichneten Ausgaben für Fuhrwerke, die das Gerät (Feuerböcke, Dreifüße, Laternen, ein- oder mehrarmige Leuchter) des Fs.en, seiner Gemahlin, der Küche oder Kanzlei etc. beförderten, zeigen, ließen sich die hölzernen Kästen, die an Stelle von Schränken benutzt wurden, ließen sich Betten und Kupfergerät auf Wagen verladen und vom alten zum neuen Aufenthaltsort transportieren. Die Truhe war ein leicht transportierbares Aufbewahrungsmöbel, das auch als bankkist, sidelkist oder seedell eine Sitzgelegenheit bot.
Möbel und Geschirr (Koch-, Eß-, Trink- und Waschgeschirre) waren auf Dauer vermutl. nur in den wichtigsten Burgen vorhanden. Silbergeschirr und andere Symbole des Reichtums und der Macht wurden also während der Reise mitgeführt. Vermutl. der Repräsentation während des Krönungsmahles, zu dem der sächs. Kfs. Friedrich der Sanfte in Aachen 1442 den Kg., die Kfs.en und andere weltl. und geistl. Große einlud, sollte auch eine Silberlade dienen, die zuvor in Nürnberg repariert worden war.
Tafelschiffe (nefs) waren seit dem MA an den europ. Höfen gebräuchlich. Diese fsl. Statussymbole dienten als Trinkgefäße, Salzgefäße und als Behältnisse für Teller und Besteck. Karl V., Kg. von Frankreich, besaß nachweisl. fünf goldene Tafelschiffe und 20 silberne Schiffe. In einem Inventar vom 16. September 1380 sind u. a. ein goldenes Salzgefäß in Form eines Schiffes und ein kleines nef (bzw. eine navette) aus Gold verzeichnet.
Die bequemer werdende Ausstattung und prachtvollere Verzierung der Wagen deutete auf den Rang der Besitzer hin. Hochzeitszüge stellten einen bes. Fall der Herrscherrepräsentation auf der Reise dar. Die Wagen des Brautzuges der Wettinerin Prinzessin Katharina, 1484, nach Tirol waren ungemein luxuriös ausgestattet; wir hören von Teppichen (Teppiche fanden entweder als Wandbehang, oft Rückentuch gen., oder als Bank- und Stuhllaken Verwendung) und Scharlachtüchern, mit denen sie verhängt waren; Lederpolster und Reisebetten dienten der Bequemlichkeit der Reisenden. Ein Schneider aus Großenhain hatte in diesem Zusammenhang Decken für die Reisebetten des Kfs.en angefertigt; ein weiterer, namentl. nicht genannter Schneidermeister erhielt 1485 einen ß 54 gr. rückständigen Lohns für etl. schwarze Wagentücher.
Auch Sänften wurden vermutl. zu Repräsentationszwecken eingesetzt und fanden wohl u. a. deshalb weiterhin Verwendung. So sind z. B. bei der sog. Landshuter Fürstenhochzeit von 1475 mehrere von Pferden getragene Sänften am festl. Zug zum Einsatz gekommen. Doch auch der schwer gichtleidende Albrecht Achilles, Kfs. von Brandenburg, ließ sich 1486 in Frankfurt am Main aus gesundheitl. Gründen von der Herberge vf synem Stuhle, nach seiner Gewöhnheit in das dortige Dominikanerkl. Zur Andacht tragen.
Im Besitz Hzg. Albrechts IV. von Bayern befanden sich bereits vor 1498 auch Schiffe. 1504 wurden für ihn sieben weitere Boote mit je acht Ruderpaaren fertiggestellt, die mit Tischen und langen Bänken möbliert waren.
Burgen fanden – wenn auf Reisen nicht damit gerechnet werden konnte, jeden Tag ein angemessenes Quartier zur Verfügung zu haben – ihre Entsprechung in zum Teil prunkvoll ausgestatteten Zelten. Gleich zwei Besonderheiten enthält jene Illustration, die Diebhold Schilling 1507/13 in seiner Luzerner Chronik der Schlacht vor Murten (1476) gewidmet hat: zum einen ein schloßartiges (zerlegbares) Gebäude aus Holz als persönl. Res. Hzg. Karls des Kühnen von Burgund, das dieser auf seinen diplomat. Reisen und Kriegszügen zum Zweck der Repräsentation mit sich führte, zum anderen ein mehrfarbiges Zelt in Rechteckform, mit Teppichen verkleidet, in die Wappen eingewebt worden waren. Daß Zelte zum üblichen Inventar eines Hofes gehörten, weisen z. B. auch die Küchenbücher am Wettin. Hof aus, in denen zahlreiche kleinere Ausgaben für Ausbesserungsarbeiten, darunter an Zelten, notiert wurden.
Auf Dietrich von Schachten geht eine Beschreibung der Pilgerreise Lgf. Wilhelms des Älteren von Hessen von 1491 zurück, in der er schildert: »Wir hatten einen Ort und Kammern, die ließ mein gnädiger Fürst und Herr zurichten mit kleinen und niederen Umhängen, so daß sich der Mensch kaum aufzurichten vermochte. Das Lager, auf dem man schläft, ist eine Truhe, zwei Spannen breit, sonstenn hatt keiner keinenn andern ortt.« Hans Bernhard von Eptingen hatte über seine Pilgerreise nach Jerusalem i. J. 1460 tagebuchartig aufgeführt, was ein Pilger notwendigerweise mit sich zu nehmen habe, und zwar u. a. Bettwäsche und Leintücher in doppelter Ausführung, eine Decke, einen kleinen Kübel mit Deckel für die Notdurft, aber auch bei Seekrankheit; Geschirr und Küchengerät.
Im spätma. Franken besaßen mehrere Adlige nachweisl. ein sog. Rollbettlein, das zerlegbar war und auf Reisen mitgenommen wurde. Nach der Jahreshauptrechnung von 1484 hatte die einzige Frau, die als Spezialistin für die kursächs. Hofverwaltung tätig war, Fronica die Bettenecherynn in jenem Jahr vier große Sommerpfuhle (Keilkissen) und Reisebetten angefertigt; eine weitere Fraw die heißt Angius, hatte dem Kfs.en vier Reisebetten genäht, wofür sie 14 gr. erhielt.
Ein bezeichnendes Licht auf Lebensverhältnisse, die als problemat. angesehen wurden, wirft ein Brief des Kfs.en Friedrich des Sanftmütigen an seinen Freiberger Münzmeister, worin er ihm zu Weihnachten 1450 antrug, das Kupfergeschirr, das er ihm zur Reparatur übersandt habe, nach Meißen zurückzuschicken, da er es ganz obil entpere. Kfs. Albrecht von Brandenburg lud seinen Bruder, den Kfs.en Friedrich, 1470 ein, zu ihm nach Franken zu kommen, und teilte ihm zugl. mit, man wolle es den Polacken herlich erbieten nach der alten burggrafischen gewonheit. Dazu gehöre es sich, viel Silbergeschirr aufzusetzen, doch ihr gemeinsamer Bruder, Mgf. Johann der Alchymist, habe alles verkauft, so hätten sie solches nur noch zu teglicher notturft. – Anderen Fs.en ging es ähnlich: Die Kfs.in Margaretha von Sachsen ließ den Kfs.en Ernst von Sachsen 1471 deshalb wissen, sie sei bereit, ihm ihr silbernes Gerät und ihren Hofmeister für die Reise zum Regensburger Reichstag zur Verfügung zu stellen. Ihren Söhnen, Kfs. Ernst und Hzg. Albrecht von Sachsen, schrieb sie im selben Jahr von Grimma aus, sie wolle nach Leipzig reisen; wg. des dort benötigten Gemachs lege sie alles in deren Hände, sie könnten davon ausgehen: wir wollen nimant nicht dohein bestellen. Die »jungen Herzöge« mußten sich noch 1479 für eine Reise nach Breslau das erforderl. repräsentative Silbergeschirr von ihrer Mutter leihen. Hzg. Heinrich von Mecklenburg, der sich 1497 in Ansbach aufhielt, teilte von dort seinem Vater, Hzg. Magnus von Mecklenburg, mit, diesem einen Teil seines Silbergeschirrs zurückzusenden und nur etliche Becher, Becken, Kannen und das Eßsilber bei sich behalten zu wollen. Kfs.in Anna von Brandenburg bat 1498 von Ansbach aus ihre Schwiegertochter, Mgf.in Sophie von Brandenburg, um Übersendung eines Kochs und um Silbergeschirr zu einem furstenesen.
Die textile Ausstattung des Kutscheninneren war oft nicht fest installiert. Vermutl. war dann die ganze Staffierung auswechselbar, um das Gefährt dem Rang des Benutzers oder einem bestimmten Anlaß entspr. ausstatten zu können, so auch bei den sog. Kaiserkutschen, die als eigentl. Hofkutschen in der Regel für Beamte, Kammerherren, Frauen und weniger hochrangige Gäste und Gesandte verwandt wurden. Diese Kutschen waren mit Sitz und Lehnpolstern (keinen Sesseln) ausgestattet und fanden v. a. bei Überlandfahrten Verwendung, wie z. B. bei der Einholung von Gesandten und Besuchern des Hofes. Am bayer. Hof in München wurden mehrere Kaiserkutschen gebaut, auch zu Geschenkzwecken. Zu nennen ist v. a. ein Auftrag von 1592 für den Bruder Wilhelms V., Hzg. Ernst, Ebf. und Kfs. von Köln. Mehrere Truhen und ein Wäg weise (Wegmesser), die dazu gehörten, sprechen für eine Verwendung auf Reisen.
Die mobile Ausstattung von Wagen und Kutschen konnte verschieden kostspielig sein: In der Münchner Res. wurden für Hzg. Maximilian I. kostbar ausgestattete Sesselkutschen (ab um 1600 als solche bezeichnet) als persönl. Leibwagen bereitgestellt, in die samtüberzogene, atlassene, bestickte, aber auch zusammenklappbare Sessel (wie sie z. B. auch 1635 in Wien angefertigt wurden) als Sitzmöbel hineingestellt wurden. Für bes. Festaktivitäten bei Hofe konnten Wagen und Kutschen allegor. drapiert werden. Das höf. Fahrzeug wurde in seiner Fortbewegungsart dabei so verschleiert, daß der Gebrauch des ursprgl. nicht angemessenen Fortbewegungsmittels erst recht mögl. wurde. Antikisierend gestaltet war z. B. auch der Krönungswagen Ks. Maximilians I.
Auch die Innenausstattung von Sänften konnte mobil sein. Wie aus Wageninventaren von 1580, 1584 und 1596 hervorgeht, waren große Sänften, wie sie am Münchner Hof benutzt wurden, mit mobilen, z. T. kostbar bestickten Sesseln als Sitzmöbel ausgerüstet. – Schiffe sind von 1598 an auch für die Brandenburger Kfs.en bezeugt: Kfs.in Katharina, Gemahlin des Kfs.en Joachim Friedrich, ließ sich damals ein Leibschiff bauen, das einen Raum mit Lehnbänklein und eine Kajüte mit Fenstern aufwies.
Hofordnungen der Hzg.e von Pommern aus den Jahren 1575 und 1624 weisen auf die große Sorgfalt hin, die man bei der Pflege von Silbergeschirr, Tapeten, Decken, Polstern, Stablichtern, Fackeln, Wachslichtern, Schellen, Zaumzeug und Wagentüchern voraussetzte. Die Hofordnung Hzg. Johann Friedrichs von Pommern (1575) gibt zudem vor, die herrschaftl. Wagen mit Kummet, Schellen, Zaumzeug, Wagentüchern und anderem gut zu pflegen, damit sie nicht verstockten, nichts zerbräche oder gestohlen werde und alles allzeit reisebereit sei.
Die bayer. Kfs.en besaßen sog. Reisekeller, mit denen man im Freien speisen konnte. In einem Brief an Hzg. August d. J. von Braunschweig-Lüneburg (um 1643) offerierte der Augsburger Philipp Hainhofer, studierter Jurist und Handelsunternehmer, der sich auch als Mittelsmann für Kunst- und Kulturgüter einsetzte, diesem spezielle Reisetruhen, z. B. eine, in der sich eine bettstatt im feld zu gebrauchen befänden, mit stroosakh, materazo, pfulgen, leilacher, deckhin, umbhäng, tischblättlin, […] 2. stul, nachtstul, vnd anderß, die dekhinen vnd umbhang […] In einer anderen Truhe seien aine feldtafel, mit 6. lidernen stuelen oder seßelen, ain credenz tisch, mit 2. bänkhlen, das geschürr darauf zu stellen: tischleinwat auf 6. gäst, tischgerait von schißlen, teller, salier, leichter, leffel, messer, piron, flaschen, alles von zihn […] Beide Truhen seien sehr sauber beschlagen, mit an die Handhebel gehängten Schlüsseln; sie könnten den fsl. Frauen zur Zeitvertreibung angenehm sein, den Fs.en aber als ein Modell für große Truhen dienen. Hainhofer bot dem Hzg. zudem Öllampen an, an einer Kette in drei Ringen hängend, aus denen, wie man sie auch vndersich oder über sich wendet, kein Öl verschüttet würde, wenn sie nachts an einem Kutschenhimmel oder am Himmel einer Bettstatt hängen würden oder wenn man sie einfach bei sich trüge.
Während des 17. Jh.s begann sich hinsichtl. der Materialien, aus denen man das Geschirr für die Tafeln des Hofes herstellte, eine Hierarchie herauszubilden. In aufsteigender Reihenfolge galten Zinn und Fayence, weißes Silber, Vermeil (vergoldetes Silber) und schließl. Gold für unterschiedl. polit. Ränge und gleichzeitig für unterschiedl. Orte und Situationen als angemessen. Während Moritz der Gelehrte, Lgf. von Hessen Kassel, um 1600 noch von Zinn zu speisen pflegte, fand man dieses Material später nicht mehr auf fsl. Tafeln. Bis zum 19. Jh. wurde die öffentl. fsl. Tafel jetzt ausschließl. mit Edelmetall gedeckt. – Vom Schloß in Kassel zur Zeit des Lgf.en Moritz von Hessen (reg. 1592-1627) ist bekannt: In der Schlafkammer des Lgf.en stand 1627 vermutl. ledigl. ein Reisebett. Erst 1637 werden dann ein prächtiges Himmelbett und ein Schrank mit dem hess. und hanau. Wappen angeführt. Dieses Bett wird 1652 durch ein neues frz. Bett ausgetauscht. In einem Kabinett, das 1627 als »Studierstube« des Lgf.en Moritz geführt wird, befanden sich ein mit grünem Tuch ausgekleideter Erker, Bücherschränke, Schreibpulte, Tische mit Schubladen und mit grünem Samt bezogene Stühle, weshalb vermutet wird, daß es sich hier um die Bibliothek des Lgf.en Moritz mit seiner umfangr. alchimist. Büchersammlung gehandelt hat. 1637 aber werden in diesem Raum nur noch ein Reisebett, dessen Zubehör und einige Stühle gen. Erbprinz Wilhelm hatte 1627 das erste Dachgeschoß mit einer Stube und einer Schlafkammer bewohnt. In letzterer befanden sich ein Reisehimmelbett mit hess. und nassau. Wappen am blauen Himmel und eingewirkter, mit den gleichen Wappen gezierter Tischteppich aus blauem Atlas.
Quellen
Der Briefwechsel zwischen Philipp Hainhofer und Herzog August d. J. von Braunschweig-Lüneburg, 1984. – Christ 1992. – Politische Correspondenz des Kurfürsten Albrecht Achilles, 1894-1898. – Hiereth, Sebastian: Zeitgenössische Quellen zur Landshuter Fürstenhochzeit 1475, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern 85 (1959) S. 1-64. – Deutsche Hofordnungen, 1, 1905, 2, 1907. – Deutsche Privatbriefe des Mittelalters, 1899. – Schwarzwälder 1987.
Literatur
Drabek 1964. – Enders, Rudolf: Adelige Lebensformen in Franken im Spätmittelalter, in: Adelige Sachkultur des Spätmittelalters. Internationaler Kongreß, Krems an der Donau, 22. bis 25. September 1980, Wien 1982 (Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs, 5), S. 73-104. – Franke, Birgit: Pracht und Zeremoniell. Burgundische Tafelkunst in franko-flämischen Bildteppichen des 15. Jahrhunderts, in: Die öffentliche Tafel, 2002. – Heppe, Dorothea: Das Schloß der Landgrafen von Hessen in Kassel von 1577 bis 1811, Marburg 1995 (Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland, 17). – Nolte, Cordula: Erlebnis und Erinnerung. Fürstliche Pilgerfahrten nach Jerusalem im 15. Jahrhundert, in: Fremdheit und Reisen im Mittelalter, hg. von Irene Erfen und Karl-Heinz Spiess, Stuttgart 1997, S. 65-92. – Paravicini 1989. – Schiedlausky 1956. – Streich 1989. – Wirtler 1987. – Witte 2001.