Fortbewegungsmittel
Schneller und vermutl. auch vor Überfällen sicherer als auf Straßen über Land kam man auf Flüssen (in Fließrichtung) voran. Auch wenn die Flußläufe noch nicht begradigt waren und deshalb eine geringere Fließgeschwindigkeit herrschte, reiste man auf ihnen bequem. Gerade bei beschwerl. Gelände (wie in Berggegenden) wurden Wasserwege vorgezogen. Beim Einschiffen von größeren Reisegesellschaften warf aber vermutl. nicht nur das Unterbringen von Begleitpersonen und Gepäck, sondern z. B. auch das der fsl. Pferde Probleme auf. Waren zu wenig Kapazitäten vorhanden, mußten Knechte mit den Pferden auf dem Landweg folgen. Das Eintreffen des Hofes auf dem Wasserwege erforderte bes. Umstände des Empfangs: So war das Einholen (auf dem Landweg durch entgegenreitende Abgesandte) auf dem Seeweg stark wetterabhängig; die städt. Schiffe mußten zudem entspr. ausgestattet werden (mit Stadtwappen und Reichsadler und – falls auf See umgestiegen wurde – wohl auch mit einer luxuriöseren Kabine für den Gast). Auch der Hafen mußte auf das – zumeist vermutl. fahnengeschmückte – Schiff des Fs.en und dessen Geleitschiffe (die möglichst schon vor dem Fs.en eingetroffen waren) eingerichtet sein.
Kg. Sigmund z. B. traf Weihnachten 1414 mit seiner Gemahlin, deren Schwester (der Kg.in von Bosnien) und anderen fsl. Personen mit Pferden und Kutschen in Überlingen ein. Der Zug setzte nach Konstanz über (vgl. Abb. 88); die Konstanzer Bürger hatten ihm ihre Schiffe und Schiffsleute nach Überlingen entgegengeschickt. Bis alle Menschen, das Gepäck und die Pferde auf Schiffe, die eigtl. für Salz und Getreide eingerichtet waren, verladen waren, vergingen Stunden. Der Konvoi gelangte gegen zwei Uhr morgens nach Konstanz, wo sich Sigmund eine Stunde im Rathaus aufwärmte und anschl. zur Weihnachtsmesse ins Münster geleitet wurde.
Als Ks. Sigmund auf seiner eiligen Reise von Rom zum Konzil nach Basel im Oktober 1433 das letzte Stück (auf Limmat, Aare und Rhein) per Schiff zurücklegte, mußten er und seine Begleiter wg. einer Stromschnelle vor Schloß Klingnau die Schiffe verlassen, um diese auf dem Landweg zu umgehen (daß Herren, Pilger und städt. Botschaften, die mit ihren Schiffen den Rhein hinabfahren wollten, von Basler Schiffsleuten nicht daran gehindert, sondern mit Steuerleuten versehen werden sollten, sah eine Basler Schiffsleuteordnung von 1430 vor). Die vorzeitige Ankunft des Kaisers in Basel verkündeten seine Trompeter vom Schiff aus.
Auch zur Aachener Krönung reisten Fs.en mit dem Schiff: Der Electus fuhr in der Regel in Begleitung der Kfs.en und unter dem Schall von Trompeten auf festl. geschmückten Schiffen den Rhein aufwärts bis nach Köln. Die Schiffe, mit denen Friedrich der Sanftmütige und seine Begleiter zur Krönung Friedrichs III. nach Aachen Ende Mai 1442 von Mainz aus reisten, waren fahnengeschmückt (wobei die aufgesteckten Fahnen vermutl. eine ähnliche Funktion wie das Anschlagen der Wappen an den Herbergen hatten).
1448 bat der Komtur von Königsberg den Hochmeister, ihm für die Reise nach Memel und Ragnit den Bedarf an Nassuten (kleinen Flußschiffen) rechtzeitig mitzuteilen, so daß sie termingerecht bereitgestellt werden könnten; zudem sollte der Komtur von Ragnit unterrichtet werden, ob das hochmeisterl. Schiff für Ausbesserungsarbeiten vom Wasser auf Land verbracht werden könne.
Reiste man nicht auf eigenen Schiffen, so war es (nach Absprache mit dem Patron des Schiffes) üblich, den beanspruchten Platz an Bord für die Dauer der Schiffspassage mit dem Namen zu kennzeichnen, um zu signalisieren, daß der betreffende Platz bereits reserviert sei. Das Anbringen von Namen und Fahnen auf Schiffen wird wie die Befestigung von Bannern, Wimpeln und Wappen an Herbergen zu Lande zudem eine Repräsentationsfunktion erfüllt haben. Abbildungen von Pilgergaleeren zeigen, wie Wappen des Schiffspatrons und der fsl. Reisenden das Schiff zierten, diese Schiffe somit vermutl. nicht nur als reine Transportmittel verstanden wurden (vgl. Farbtafel 35); es wurden vielmehr symbol. Ansprüche verdeutlicht und rechtl.-organisator. Freiräume für eine gewisse Zeit mit Strukturen versehen. Daß auch das Schiff oder wenigstens der Platz auf demselben – trotz eingeengter Verhältnisse – in diesem Sinne mit der Anwesenheit eines Herrn zu seiner »kleinen Residenz« wurde, wird dadurch deutlich, daß, wenngleich reduziert, auch sein Hofstaat zugegen war und das Gefolge Versorgungs- und Dienstleistungsfunktionen übernahm, die über den im Schiffsvertrag vereinbarten Service hinausgingen.
Von der Reise, die Hzg. Albrecht von Sachsen und Gf. Wilhelm III. von Henneberg 1476 ins Heilige Land unternahmen, ist bekannt, daß sie auf der Rückreise bei schwerem Sturm in Seenot geraten waren. Ob sie mit einem eigenen oder angemieteten Schiff reisten, ist nicht zu sagen. Doch auch wenn Schiffe schon zum festen Bestandteil etlicher Höfe gehört haben, wird es sich dabei eher um Binnenschiffe gehandelt haben.
Im Besitz Hzg. Albrechts IV. von Bayern befanden sich bereits vor 1498 auch Schiffe. 1504 wurden für ihn sieben weitere Boote mit je acht Ruderpaaren fertiggestellt, die mit Tischen und langen Bänken möbliert waren. Inwiefern es sich hierbei aber um Prunkfahrzeuge gehandelt hat, ist nicht überliefert. Der Rat der Stadt Köln hingegen besaß ein – ursprgl. zur Wahrnehmung von Repräsentationsverpflichtungen der Stadt anläßl. des Reichstages von 1512 erbautes – Prunkschiff von exponierter Größe, das mit dem Stadtwappen geschmückt war. Dieses Schiff war fortan für den städt. Rat bei Festlichkeiten wie Kaiserbesuchen, für den Transport hoher Gäste bzw. bei Lustfahrten bestimmt. 1538, als Ferdinand I. (Bruder Karls V.) zu Hzg. Georg von Sachsen aufbrach, fuhr er mit seinem Gefolge von Leitmeritz aus mit fünf Schiffen auf der Elbe bis zur böhm.-sächs. Grenze, wo Hzg. Georg ihn mit seinen Schiffen empfing. Auf dem prunkvollen Hauptschiff des Hzg.s ebenso wie mit den Begleitschiffen fuhr die Gesellschaft bis Königstein; als Besonderheit wurde von hier aus zu Schiff eine Wasserjagd veranstaltet.
1526 traf die Braut, Dorothea von Dänemark, zu ihrer Hochzeit mit Mgf. Albrecht von Preußen in Königsberg mit elf Schiffen in Fischhausen ein.
Den prakt. Einsatz von Schiffen im Alltag einer Res. beschreibt die Hofordnung Hzg. Johann Albrechts von Mecklenburg von 1560: Hier wurde das Brennholz zum Heizen der Hofstube außer auf Wagen auch mit Schiffen zum Schloß transportiert.
Aber auch zum Reisen, zu Lust- und Wallfahrten nutzten Fs.en zunehmend ein Schiff: Dazu wurden 1555 für den bayer. Hzg. Albrecht V. Boote, 1560 drei größere Schiffe aus Lärchenholz, jedes mit Masten und Segeln versehen, und ab 1570 ein neues, 23 m langes Leibschiff gebaut, das mit 42 Rudern fortbewegt wurde und dessen Bugfigur ein vergoldeter Löwe war, der das bayer. Wappenschild hielt. 1595 lagen bei Starnberg neun Schiffe Hzg. Wilhelms V. von Bayern, deren funktionale Zuordnung an die der über Land fahrenden Wagen erinnert: so z. B. das Leibschiff, ein Silber-, ein Küchen- und ein Kellerschiff, das Edelleute- und das Frauenzimmerschiff sowie ein Abortschiff.
Von 1598 an sind auch für die Brandenburger Kfs.en Schiffe bezeugt: Kfs.in Katharina, Gemahlin des Kfs.en Joachim Friedrich, ließ sich damals ein Leibschiff bauen, das, mit zwei Fahnen geschmückt (eine davon mit Wappen), einen mit Schindeln gedeckten Aufbau, einen Raum mit »Lehnbänklein«, eine Kajüte mit Fenstern und einen Mastbaum aufwies.
Jedoch mieteten sich Fs.en – v. a. für längere Fahrten – auf Schiffen auch ein: Als Hzg. Friedrich von Württemberg 1592 nach England reiste, soll er für sich und sein Gefolge ein großes Schiff gemietet und mit dem Patron des Schiffes eine Summe Geldes für die Fahrt vereinbart haben, wobei für den Proviant selbst zu sorgen war. Lgf. Otto von Hessen-Kassel bestieg bei seiner Rückreise von England, 1611, in Hameln wieder das Schiff, das er vermutl. schon auf der Hinfahrt benutzt hatte.
Auf prächtig geschmückten Schiffen wurden fsl. Bräute ins Land geführt: 1599 kam die Tochter des Hzg.s von Lothringen zu ihrer Hochzeit mit Hzg. Johann Wilhelm nach Düsseldorf; vier große Schiffe mit hölzernen, pavillonartigen Aufbauten und dem Lothringer Kreuz auf den Flaggen begleiteten das Schiff der Braut. Auf der Hand liegt, daß 1613 auch Elisabeth von England zu ihrer Hochzeit mit Friedrich V. von der Pfalz per Schiff anreiste.
Schiffe galten nicht nur als repräsentative Transportmittel, sondern sie gehörten zu den höf. Festen wie Theater- und Opernaufführungen, Bälle und Maskeraden, Feuerwerke, Schlittenfahrten, Turniere und Spiele: Im Berliner Residenzschloß gab es anläßl. der Taufe Mgf. Sigismunds von Brandenburg, 1592, etl. Aufzüge: U. a. fuhr auf der Spree, entlang der cölln. Stadtbefestigung, ein rot-weiß gestrichenes Schiff mit drei Mastbäumen, auf dem, ebenfalls in Rot und Weiß gekleidet, Herren und Edelleute musizierten; als sie an die Schloßbrücke kamen, entfachten sie auf dem Schiff ein Feuerwerk und schossen Salut, wonach sie an Land gingen, um sich am Ringrennen zu beteiligen. Schließl. wurde auch die Abfahrt des Schiffes von Freudenschüssen und Feuerwerk begleitet.
Anläßl. des Besuchs Kg. Christians IV. von Dänemark im Berliner Residenzschloß 1595 wurde vor dem Westgiebel des Stechbahnflügels im großen Schloßhof ein imposantes Feuerwerk veranstaltet. Dazu war eine auf der Spree fahrende Vorrichtung errichtet worden, die aus drei Wasserpferden und einem von Neptun gelenkten Schiff bestand; im Schiff selbst saßen zwei sich umarmende Jungfrauen, die eine das Signum des Merkur, die andere eine Säule tragend; auf dem Schiff war eine Kugel, den Weltlauf bedeutend, auf der Fortuna stand, angebracht worden. Von der linken Hand der Fortuna führte eine Schnur bis auf den Dachboden des kfsl. Schlosses, auf der ein gekrönter, wappentragender Schwan hinabglitt, von dem wiederum zu Ehren des Gastes ein Lied ertönte. Am Ende des Liedes, als der Schwan bis auf die linke Hand der Fortuna gefahren war, wurde auf dem Schiff ein Feuerwerk entzündet. – Sagen, wie die vom Schwan, der vor seinem Tod ein Lied singt und dann verbrennen muß, waren damals wohlbekannt. Der Wassergott Neptun steht bei dieser Allegorie für die Flüsse und Seen, auf die der Handelsverkehr damals wesentl. mit angewiesen war; die Fürstengewalt (Mädchen mit Säule) und die Handelsblüte (Mädchen mit Schlangenstab, Attribut des Handelsgottes Merkur) umarmen sich, stellen Symbole gesicherter Handelsstraßen, des Münzwesens und Rechts dar, woraufhin Fortuna das Glück und den Reichtum des Landes beschere. Ähnl. mag auch das Schiff im Hintergrund eines Porträts Kfs. Friedrich Wilhelms von Brandenburg im Stich des Albrecht Christian Calle, um 1650, zu deuten sein.
Bei den Hochzeitsfeierlichkeiten der Schwester Hzg. Maximilians, Magdalene, 1613, mit dem pfälz.-neuburg. Prinzen Wolfgang Wilhelm wurde symbol. u. a. ein großes Schiff aufgetragen, das, umgeben von Wasser speienden Walfischen, auf Meereswellen schwankte.
Im Lustgarten der Res. Stuttgart ließ Hzg. Johann Friedrich 1616 anläßl. der Taufe seines Sohnes ein Schiffsfeuerwerk ausrichten, wobei ein 14 Meter langes, von Neptun geführtes Schiff, das Element des Wassers darstellend, von seinem Gegenelement, dem Feuer, d. h. durch Geschütze, angegriffen und in Luft aufgelöst wurde.
Für die Ausgestaltung von Wasserfeuerwerken gab es eine eigene Literatur, so z. B. das um 1600 wohl in Straßburg verfaßte Feuerwerksbuch, welches Anregungen gab, wie die Eroberung einer von Teufeln, dem Höllenhund Cerberus und der siebenköpfigen Hydra verteidigten Burg durch Herkules und himml. Heerscharen erfolgen könnte.
Von Maximilian I., Hzg. von Bayern, ist bekannt, daß er 1607 gemeinsam mit seinem Schwager, dem späteren Ks. Ferdinand II., mit 13 Schiffen eine Fahrt unternahm, in deren Zusammenhang eine Hirschjagd in flachen Ufergewässern beschrieben wird; 1608 begab er sich auf eine Wallfahrt nach Aufkirchen, und zwar ebenfalls soweit wie mögl. mit einem Schiff.
→ vgl. auch Abb.22, 176, 274, 275
Quellen
Die Chronica novella des Hermann Korner, hg. von Jacob Schwalm, Göttingen 1895. – Deutsche Hofordnungen, 1, 1905, 2, 1907. – Schwarzwälder 1987. – Eberhard Windeckes, Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Zeitalters Kaiser Sigmunds, hg. von Wilhelm Altmann, Berlin 1893.
Literatur
Ellmers, Detlev: Kogge, Kahn und Kunststoffboot. 10 000 Jahre Boote in Deutschland, Bremerhaven 1976 (Führer durch das deutsche Schiffahrtsmuseum, 7). – Ellmers, Detlev: Baumschiff und Oberländer. Archäologie, Ikonografie und Typenbezeichnung einer mittelalterlichen Binnenschiffsfamilie, in: Häfen, Schiffe, Wasserwege. Zur Schiffahrt des Mittelalters, hg. von Konrad Elmshäuser, Hamburg 2002 (Schriften des deutschen Schiffahrtsmuseums, 58), S. 97-106. – Günther, Karen: Wort- und Sachgeschichte der Schiffahrt in Mittel- und Nordeuropa von den Anfängen bis zum späten Mittelalter. Ein Beitrag zu »Wörter und Sachen« anhand ausgewählter Beispiele, Frankfurt am Main u. a. 1987 (Germanistische Arbeiten zu Sprache und Kulturgeschichte, 8). – Heimpel 1982, bes. S. 389-393. – Kurz, Heidrun: Barocke Prunk- und Lustschiffe am Kurfürstlichen Hof zu München, München 1993 (Miscellana Bavarica Monacensia, 163). – Neitmann, Klaus: Der Hochmeiser des Deutschen Ordens in Preußen – ein Residenzherrscher unterwegs. Untersuchungen zu den Hochmeisteritineraren im 14. und 15. Jahrhundert, Köln u. a. 1990 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preussischer Kulturbesitz, 30), bes. S. 43. – Peschken, Goerd: Von der kurfürstlichen Residenz zum Königsschloß. Der rational geordnete Hofhalt, Bd. 1: Die Bauten Kurfürst Johann Georgs, in: ders.: Das Berliner Schloß, Frankfurt am Main u. a. 1982, S. 29-38 (bes. S. 33-38). – Schenk, Gerrit Jasper: Zeremoniell und Politik. Herrschereinzüge im spätmittelalterlichen Reich, Köln u. a. 2003, bes. S. 275-277. – Wiesinger, Liselotte: Das Berliner Schloß. Von der kurfürstlichen Residenz zum Königsschloß, Darmstadt 1989.