Fortbewegungsmittel
Sänften, ein aus dem Orient stammendes Beförderungsmittel, wurden im europ. MA nach den Kreuzzügen wiederentdeckt, wobei das byzantin. Vorbild prägend gewirkt haben könnte. Galt diese Art der Fortbewegung bis dahin als unmännl., ließen sich jetzt in Europa auch gesunde und kräftige Herrscher wieder in Sänften tragen.
Sänften, kleine offene oder geschlossene Kabinen für zumeist eine Person, wurden entweder von zwei kräftigen Männern oder von Maultieren, Eseln und mitunter auch von Pferden getragen. Von Maultieren getragene Sänften sind von Männern wie Frauen gleichermaßen benutzt worden. Tragesänften, die von zwei Dienern getragen werden mussten, fanden v. a. für Damen und auf kürzeren Strecken Verwendung. Verbreitet war der Einsatz von Sänften bei feierl. Einzügen, Prozessionen und kurzen Wegstrecken. So ist von Ks. Sigmund bekannt, daß er in einer Sänfte getragen, 1433 feierl. in die ital. Stadt Viterbo einzog (in Rom dagegen sind weltl. Herrscher zu Fuß oder reitend eingezogen). Diese mitunter auch Tragstühle genannten Fortbewegungsmittel waren innen und außen oft mit kostbaren Textilien wie Samt kaschiert, die mit Laubwerkmotiven, Wappen und Namenszügen in Gold oder Silber bestickt sein konnten.
Sänften fanden auch lange nach der weiteren Verbreitung von Wagen und Kutschen bei Damen wie Herren noch Verwendung. Sie wurden vermutl. ebenso zu Repräsentanzzwecken eingesetzt, wie die sie später weitgehend ablösenden Prunkwagen und -kutschen. So sind z. B. bei der sog. Landshuter Fürstenhochzeit von 1475 mehrere von Pferden getragene Sänften am festl. Zug zum Einsatz gekommen. Nach 1479, dem Todesjahr Hzg. Ludwigs d. Reichen, Vater des Bräutigams, gelangten einige dieser Sänften mit Zubehör (zwei große Sättel, mit deren Hilfe man die Sänfte zw. den Pferden befestigte) als Geschenk an den Hof nach München. Der schwer gichtleidende Albrecht Achilles, Kfs. von Brandenburg, ließ sich 1486 in Frankfurt am Main von der Herberge vf synem Stuhle, nach seiner Gewöhnheit in das dortige Dominikanerkl. zur Andacht tragen.
Auf einem Holzschnitt (zweite Hälfte 16. Jh.), der den Abschied des Kfs.en Johann Friedrich des Großmütigen von Ks. Karl V. 1552 in der Nähe von Linz wiedergibt, wird der Ks. in einer von berittenen Mauleseln getragenen Sänfte gezeigt, während der Kfs. in einen schweren Reisewagen steigt (Abb. 85) (dieses Bild gibt vermutl. eine Hierarchisierung bei der Nutzung von Fortbewegungsmitteln andeutungsweise wieder, die nicht nur den verschiedenen Entfernungen zuzuschreiben sein wird). Eine Reisesänfte Karls V. wird in Madrid, Museo del Sjercito, aufbewahrt. Sänften konnten aber auch als repräsentative Geschenke verehrt werden: So bekam Hzg. Albrecht von Preußen 1562 für sein Geschenk (elf Pferde und eine Kutsche) an den frz. Kg. und dessen Mutter, Katharina von Medici, außer Handelsprivilegien auch eine verzierte Sänfte samt vier Mauleseln verehrt.
Vermutl. als Zeichen des gehobenen Standes des Getragenen wurden Sänften z. B. auf Landes-Inspektionsreisen mitgeführt, so von Hzg. Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel auf seiner Reise in die Obergft. Hoya 1587, tauscht er doch in Stolzenau fünf alte Sänftenpferde für zwei neue ein. Daß auch Diplomaten oder Abgesandte mit Sänften ausgestattet waren, zeigt das Umzugsinventar des Gf.en Karl von Mansfeld, der 1595 mit 60 Pferden und zwölf beladenen Mauleseln als Generalobristlieutnant von Flandern (Brüssel) nach Ungarn (Wien) wechselte.
Sänften, die von Pferden getragen wurden, benutzte man auch am Hof Hzg. Augusts d. J. von Braunschweig-Lüneburg (die ihm zu diesem Zweck 1615 aus Pommern gelieferten Pferde besaßen jedoch nicht alle eine Höhe und waren teils auch zu schwach, um Sänften zu tragen).
Zur Zeit Hzg. Wilhelms V. (1579-97) gehörten zur bayer. Hofwagenburg neben vielen Kutschen auch sechs Sänften; eine von ihnen war wie eine Kutsche aus Turin, die die Kfs.in Adelaide besaß, mit rotsamtenem Goldstoff verkleidet und daher vermutl. auch im Gebrauch der Kfs.in. Die Innenausstattung von Sänften konnte mobil sein. So besaßen große, auch von Eseln getragene Sänften, wie sie am Münchner Hof benutzt wurden, als Sitzmöbel mitunter – wie bei den sog. Sesselkutschen - mobile, z. T. kostbar bestickte Sessel (vgl. Wageninventare von 1580, 1584, 1596).
Die Produktion von Sänften oblag vornehml. wohl den Kutschenmachern: 1615 z. B. wurde in Nürnberg bei einem solchen Meister eine mit rotem Samt gefütterte Sänfte für die Pfgf.in von Neuburg angefertigt. Die weitere Entwicklung sowohl von Radfahrzeugen als auch von Sänften konnte parallel erfolgen: So, wie ein gläserner, vergoldeter und mit rotem Samt bespannter Leibwagen 1635 als Brautwagen der Kfs.in Maria Anna, einer in Graz geborenen Ehzg.in, der zweiten Gemahlin des Kfs.en Maximilian I. an den Münchner Hof gelangte, kam aus Graz (ursprgl. aber vermutl. als ital. Produkt) auch eine gläserne Leibsänfte dorthin; diese besaß seitl. Fenster und einen gläsernen Himmel.
Quellen
Der Briefwechsel zwischen Philipp Hainhofer und Herzog August d. J. von Braunschweig-Lüneburg, 1984.
Literatur
Marstallmuseum im Schloß Nymphenburg. Hofwagenburg und Sattelkammer. Amtlicher Führer, bearb. von Luisa Hager, München 1965.