Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Fortbewegungsmittel

Pferde, Marstall

1200-1450

Das Reiten von Pferden war Statussymbol und für den Adel von standesdefinierender Bedeutung. Reitende waren schon im 12. Jh. ein Symbol auf Siegeln (1174, Reitersiegel Heinrichs des Löwen, Hzg. von Bayern und Sachsen). Im 13. Jh. wurde die volle Testierfähigkeit des Mannes u. a. davon abhängig gemacht, ob er von einem ca. 40 cm hohen Stein ohne fremde Hilfe auf ein Roß steigen konnte (Sachsenspiegel). Für Streitrosse sind seit etwa 1200 Panzerungen bezeugt. Die prunkvolle Ausstattung adliger Reiter reichte – vermutl. nicht nur bei Turnieren – bis zu versilberten und goldenen (vgl. Hartmann von Aues Beschreibung von Enites Reitpferd: Erec 7286-7766) Radsporen und Steigbügeln. Ks. Friedrich II. wurden 1235 in Hagenau von den Gesandten der span. Kg.in prachtvolle span. Streitrosse (auch als spanjôl und kastellân bezeichnet) verehrt, die wg. ihrer Schnelligkeit, ihrer Größe und Stärke weithin berühmt waren. Wie kostbar allein schon ein Pferd sein konnte, zeigt, daß Gf. Eberhard von Württemberg 1312 ein Streitroß für eine Summe verkauft hat, für die vier große Dörfer hätten erstanden werden können. Der Wert eines Streit- oder Schlachtrosses (auch ros oder niederfränk. ors gen.), wie man es für Turniere und milit. Handlungen brauchte, war jedoch ungleich höher als der eines gewöhnl. Reitpferdes. Pferde wurden bei Hofe selten, vermutl. aber auch zum Auftragen von Speisen verwendet, so wie um 1340 beim Festmahl zur Einsetzung Balduins von Luxemburg als Ebf. von Trier (Farbtafel 31).

Entspr. dem gestiegenen Wert von Pferden nahm auch die Pferdeheilkunde, v. a. unter Friedrich II., einen großen Aufschwung.

Wertvolle Reittiere konnten – als Art Spoliierung – durch das Plünderungsrecht am Herrscher auf Krönungsreisen beim Einritt in Städte wie Aachen, Rom und Köln ihren Besitzer wechseln: Wg. tumultartiger Umstände, die damit oft einhergingen, bestimmte 1376 Kg. Karl IV. in Frankfurt eine Familie, die das Pferd (erblich) erhalten sollte. Kg. Friedrich III. dagegen löste trotz Intervention bei den Räten sein Pferd gegen beträchtl. Summen immer wieder aus.

Eine symbol. Festlegung auf die Farbe des Pferdes scheint nicht eindeutig erfolgt zu sein: Sicher bevorzugte man Schimmel (wohl u. a. in Anspielung auf das weiße Pferd des Richters am Weltende, Apokalypse 19,11-16, und im Rückgriff auf die verbreitete Lichtsymbolik), jedoch ritt Friedrich III. im Juni 1442 auf einem Rappen zur Krönung in Aachen ein.

Untergebracht waren Pferde bei Hofe in den sog. Marställen. Der Begriff geht auf ahd. marah für »Mähre« zurück und bezeichnet Gebäude zur Unterbringung von Pferden, seit dem 14. Jh. auch von Wagen, Kutschen, Geschirr, von Mauleseln zum Sänftentragen etc.; zum Marstall gehörten Pferdeschwemme und Tränke. Neben reinen Stallbauten, die sich bei Burgen zusammen mit den Wirtschaftsgebäuden oft in den Vorburgen bzw. im äußeren Burghof befanden, gab es mitunter – in späterer Zeit immer öfter – auch Kombinationsbauten mit beheizbaren Wohnräumen. In Berlin waren (bis zur Verpfändung 1451) Stallungen wie auch Wirtschaftsgebäude und Wohnungen des Gefolges vom Grundstück des sog. Hohen Hauses durch eine öffentl. Straße getrennt. Waren Stallgebäude vorerst allg. noch einfach und wenig dauerhaft gebaut, so wurden sie später oft aufwendig gestaltet.

1450-1550

Der langgestreckte Marstall der Reichsfürstenres. Kleve, den Hzg. Johann I. 1467 errichten ließ, lag der Schwanenburg gegenüber. Die Stallungen der Res. Nürnberg wurden ab 1494/95 über dem früheren Halsgraben errichtet. Außer der Errichtung von Neubauten kam es auch zu Umnutzungen schon bestehender Bauten: In Zittau z. B. wurde der Umbau einer Salzkammer (errichtet 1389) veranlaßt (u. a. 1511 – z. T. aus Abrissmaterial des alten Kaiserhauses); über den im Erdgeschoß befindl. Stallungen waren hier bis ca. 1572 in den Obergeschossen Rüstkammer und Lagerräume untergebracht. In der Heidelberger Res. befanden sich über dem Marstall (Erdgeschoß) Wohnungen (Obergeschoß).

Die Anzahl der Pferde in Marställen ist vermutl. sehr unterschiedl. gewesen: 1470 sollen im Berliner Marstall bereits mehr als 100 Pferde gestanden haben; weitere 60 Pferde waren im sog. Mühlenhof, einem Zentrum der Berliner Hofwirtschaft, untergebracht. Aus einer Dresdener Hofordnung zw. 1470 und 1480 geht hervor, daß zur Zeit Hzg. Albrechts des Beherzten von Sachsen vermutl. ca. 150 Pferde, die alle speziellen Aufgaben zugeordnet waren, im Marstall standen (allein 1484 wurden verschiedentl. Pferde angekauft, u. a. ein Hengst für den Kfs.en aus dem thüring. Klettenberg; der Kfs. selbst kaufte einen Hengst aus dem Stall der Stadt Dresden, einen aus dem Besitz des Kg.s von Dänemark und einen Rapp-Hengst, der den kfsl. Wagen ziehen sollte; ein Kammerschreiber kaufte für den Hof ein braunes Pferd, das für die Fahrt eines Kanzleischreibers an die Etsch bestimmt war; in Pirna erwarb der Kfs. etl. Stuten und Fohlen, die offenbar zu Zuchtzwecken nach Coburg gingen). Nach der Hofordnung Hzg. Albrechts von Mecklenburg von 1524 waren dort dagegen nur ca. 20 Pferde ständig im Marstall untergebracht. Daß die Anzahl der Pferde in den Marställen so verschieden war, liegt vermutl. daran, daß das Einstellen von Pferden unterschiedl. gehandhabt wurde: Unterstützt vom Hauptmann der Moritzburg ersuchte Kanzler Laurentius Zoch 1517 darum, daß künftig drei statt zwei seiner Pferde im ebfl. Stall zu Halle an der Saale untergestellt und auf dessen Kosten gefüttert werden würden. Weil es aber zur selben Zeit im ebfl. Marstall, in dem ursprgl. nur die Pferde des Fs.en standen, v. a. in Zeiten der Abwesenheit des Herrschers offenbar ohnehin dazu kam, daß auch Räte und Hofbedienstete ihre Pferde dort einstellten, erließ Ebf. Albrecht eine Hofordnung, die diese Mißstände in Halle untersagten. In seinen Nebenres. en scheint das Unterstellen von Pferd und Wagen hingegen geduldet worden zu sein; jedoch wurde verfügt, daß die Bediensteten ihre Pferde – statt die des Kl.s oder Amtes – benutzen sollten.

Der krieger. Einsatz der Pferde wurde seltener. Das Pferd wurde zum Paradepferd und diente damit als eine Art bewegl. Thron. Ein Einzug von Herrschern in Städte erfolgte zumeist zu Pferde: Friedrich III. z. B. stieg im Aug. 1471 vor dem Stadttor von Nürnberg vom Reisewagen auf sein Pferd um, um die traditionellen Ehrungen und die kirchl. Einzugszeremonie in würdiger Form entgegennehmen zu können.

Die Anzahl der Pferde, die bei herrschaftl. Zügen mitgeführt wurden, konnte erhebl. sein: Zum Treffen mit den Kg.en von Ungarn und Polen im Juni 1515 sei Ks. Maximilian II. mit 5000 gerüsteten Reitern erschienen. 1525 wurde Hzg. Albrecht von Preußen von 200 Senatoren, die ihm entgegengeritten waren, in seine Hauptstadt eingeholt; 200 gerüstete Reiter, in schwarzem und rotem Samt gekleidet, begleiteten ihn 1526 nach Danzig, wo man sie mit 500 Pferden einholte; 1530 fuhren er und seine Gemahlin in einem kostbaren Wagen, begleitet von 300 Pferden, in Krakau ein. Der Kfs. von Köln reiste 1529 mit 400 Pferden zum Reichstag. 1541 verließ Ebf. Albrecht Magdeburg mit 218 Pferden in Richtung Mainz. Andere Fs.en jedoch reisten inkognito und nur mit kleinem Gefolge.

Bes. edle und kostbare Pferde wurden auch auf Reisen erworben: 1461 brachte Hzg. Wilhelm von Sachsen und Thüringen sie aus dem Heiligen Land mit. Pferde wurden als Geschenk verehrt: Hzg. Otto von Neumark bekam 1484 zwei Turnierpferde aus Sachsen, ebenso Hans von Sagan und der Mgf. von Brandenburg, dessen Pferde zudem durch Schellen und Federn geschmückt waren. Die Qualität der in der Mark Brandenburg selbst gezogenen Pferde war vermutl. eher minder; schon 1476 und 1478 beklagte sich Kfs. Albrecht darüber. Kfs. Joachim und Mgf. Albrecht stellten 1512 für zwei Jahre eigens einen Pferdekäufer ein, der in Friesland Pferde für den Berliner Marstall kaufen sollte. 1536 äußerte Hzg. Ludwig X. von Bayern wiederholt seine Begeisterung für in Mantua befindl. Pferde und Ställe.

Neben dem Einsatz als Fortbewegungsmittel nutzte man Pferde zur Kurzweil; außer zu Turnieren, Jagden, Stechen und Feierlichkeiten veranstaltete man mit Pferden Rennen (eines gewann 1531 Ehzg. Ferdinand in Breslau); Pferde, die an Rennen teilnahmen, unterlagen einem verabredeten Maß (vgl. Brief des Gf.en Wilhelm von Henneberg an seinen Schwager, Mgf. Friedrich von Brandenburg, 1499). 1535 wurden die Burgställe in Württemberg von Hzg. Ulrich in ihrer Bedeutung hervorgehoben; in Berichten aus der zweiten Hälfte des 16. Jh.s sind rund 60 Eigen- und 20 Lehenschlösser, aber 100 Burgställe bekannt.

1550-1650

Nach einer Marstallordnung Kfs. Joachims II. von Brandenburg (1535-1571) waren im Marstall seiner Res. Berlin 127 Reitpferde sowie 30 Wagen- und Kutschpferde zuzügl. nicht gezählter Pferde, die noch keiner speziellen Aufgabe zugeordnet waren, von insgesamt 19 Personen (von denen die Knechte und Stalljungen im Stall zu übernachten hatten) zu versorgen. Im Württemberger Marstall – so nach der Hofordnung Hzg. Christophs von 1550 – standen ebenfalls Reit-, Wagen- und sogar Fuhrwerkpferde (wobei angeordnet wurde, daß der Stallmeister mit seinem Gesinde und den Fuhrleuten im Falle eines erneuten Brandes alle Pferde satteln und zäumen und die Fuhrleute ihren Pferden das Geschirr anlegen sollten, um sich daraufhin im alten Schloß zur Hilfe bereitzuhalten). Im Marstall Hzg. Johann Albrechts von Mecklenburg waren 1574 neben seinen eigenen Reit- und Wagenpferden auch die der Edelleute und Diener untergebracht (die nach der Hofordnung sämtl. nach dem gleichen, alten Maß zu füttern waren). 1624 wird in der Hofordnung Hzg. Bogislaws XIV. von Pommern-Stettin darauf hingewiesen, daß der Stallmeister ohne den ausdrückl. Befehl des Hzg.s keine fremden Pferde in den Marstall einstellen und füttern dürfe.

1563 wurde in der Münchener Res. unter Albrecht V. (Baumeister: Wilhelm Egckl) der Stall zw. dem Alten Hof und der Neufeste, also auf nicht hzgl. Gebiet, angelegt. In der Hofordnung Hzg. Johann Friedrichs von Württemberg von 1614 wurde die rechtl. Sonderstellung insofern hervorgehoben, daß der Marstall unter den Burgfrieden falle.

Der Marstall als Bauaufgabe tritt immer deutlicher hervor: 1615 bis 1616 ließ Maximilian (nach dem Entwurf Heinrich Schöns) Ställe und Zeughaus an der Ostseite der Res., außerhalb des einstigen Stadtgrabens, neu errichten. In Stuttgart war unter Hzg. Friedrich von Württemberg der Marstall 1599-1607 unmittelbar neben der Stadtres. errichtet worden (Baumeister: Heinrich Schickhardt): Im Erdgeschoß des Rechteckbaus befand sich der von 66 Säulen getragene, gewölbte Marstall, darüber, ebenfalls von säulengetragenen Gewölben überdeckt, ein zweigeschossiger Saal (ca. 21,20 m×37,20 m) mit einer umlaufenden Galerie und über diesem ein Geschoß, das als Rüst- und Kunstkammer diente. Die Repräsentationsmöglichkeiten des Hofes von der Zurschaustellung edler Pferde über einen Festsaal bis hin zur Kunstsammlung des Hauses waren hier also zentralisiert und zusammengefaßt.

Die Ausstattung des kleinen und großen Marstalls der weltl. Reichsfürstenres. in Marburg ist 1625 um steinerne Krippen erweitert worden.

Pferde wurden, wie ein Bericht von 1594 an den Kfs.en von der Pfalz zeigt, für Höfe seit Generationen gezüchtet. So standen seiner Res. vier Gestüte zur Verfügung: ein »wildes Gestüt auf dem Otterberg« mit zehn Meilen Umfang, ein weiteres, »das auf den fünf Höfen zur Versorgung des Mar- und Wagenstalls« eingerichtet war, ein »welsches Gestüt von neapolitan. Pferden, wie solche auch sonst an etlichen Orten in Teutschland und fürnehmlich in den Kaiserlichen, Churfürstlichen und Fürstlichen Gestüten erzogen würden«, und ein Gestüt »auf der Rehhütte«, wo fries. Pferde standen. In allen vier »Stutereien« zusammen befanden sich ca. 600 Stuten. Der Ankauf von Pferden wurde dennoch weiterhin auch im Ausland vorgenommen: Hzg. Friedrich von Württemberg z. B. sandte 1595 einen Makler nach London, um engl. Pferde zu kaufen.

Die Reduzierung auf Spezialaufgaben, wie der Einsatz als Trauerpferde, scheinen seltener vorgekommen zu sein: Bei der Leichenfeier für Maximilian II. in Prag aber wurden die in der Chronistik als Totenpferde bezeichneten Pferde als Opfertiere während des Seelenamtes im Dom aufgestellt und beim Offertorium feierl. um den Altar geführt; zum Vorteil der Kirche wurden die Pferde anschl. zu einem Seitenausgang gebracht und von der Domkirche einbehalten.

→ vgl. auch Farbtafel 16; Abb. 9, 35, 54, 118, 157, 174, 257

Quellen

Deutsche Privatbriefe des Mittelalters, 1899: Brief des Grafen Wilhelm von Henneberg an seinen Schwager, Markgraf Friedrich von Brandenburg, 1499, Nr. 508 S. 339f. – Deutsche Hofordnungen, 1, 1905, 2, 1907.

Böhm, Werner: Ross und Reiter in der Kulturgeschichte, Hildesheim u. a. 1996. – Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, Bd. 1, München 1992. – Drabek 1964. – Fahrbach, Ute: Marstall, Marstallstraße und Heuscheuer in Heidelberg, Heidelberg 1989 (Kunsthistorisches Institut der Universität Heidelberg. Veröffentlichungen zur Heidelberger Altstadt, hg. von Peter Anselm Riedl, 23). – Gelbhaar, Axel: Mittelalterliches und frühneuzeitliches Reit- und Fahrzubehör aus dem Besitz der Kunstsammlung der Veste Coburg, Hildesheim u. a. York 1997. – Gless, Karlheinz: Das Pferd im Militärwesen, 3. Aufl., Berlin 1989. – Maurer, Hans-Martin: Die landesherrliche Burg in Wirtemberg im 15. und 16. Jahrhundert. Studien zu den landesherrlich-eigenen Burgen, Schlössern und Festungen, Stuttgart 1958 (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe B: Forschungen, 1). – Scholz, Michael: Residenz, Hof und Verwaltung der Erzbischöfe von Magdeburg in Halle in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Sigmaringen 1998 (Residenzenforschung, 7).