Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Wohnraum

Tapisserien

Schon im Altertum dienten Luxustextilien als repräsentatives Medium der oberen Schichten. Sie schmückten v. a. Innenräume. Wandbehänge wurden zudem gezielt bei Herrscherinszenierungen eingesetzt, und ihr Gebrauch war zuweilen zeremoniell geregelt – eine Tradition, die sich fortsetzen sollte. Der antike Stoffluxus blieb über Jh.e verbindl. Maßstab herrscherl. Selbstdarstellung. Bis in die Frühe Neuzeit galten großformatige Bildteppiche als Ausstattungsmedium der Paläste beziehungsweise Adelssitze schlechthin. Einerseits ließen sich ganze Räume – wie auch Raumfolgen – mit einer themat. einheitl. Serie (»chambre« oder Tapisseriezimmer) dekorieren, andererseits wurden ebenfalls Einzelstücke präsentiert und kombiniert. Teppiche wurden aber auch an Fassaden von profanen Bauten gehängt. Die Tapisserien maßen 8 bis 15 m Länge mal 4 bis 6 m Höhe; Stoß an Stoß gehängte Serien ergaben Bilderfriese von bis zu 100 m Länge. Nicht nur bei einer Reiseherrschaft dienten Teppiche als adäquater mobiler Dekor, sondern auch in festen Res.en oder an ortsgebundenen Höfen. Seit dem späten 17. Jh. wurden Tapisserien vielfach auch fest vor Ort installiert, meist in Rahmen an den Wänden eingepaßt. Insgesamt gilt, daß Bildteppiche über Jh.e als angemessene Hofkunst bewertet wurden.

Tapisserie war als »portable grandeur« nicht nur ein dekoratives Mittel der Ausstattung und der Wärmedämmung. Im Dienste fsl. Repräsentation wurden textile Bilder v. a. auch als wesentl. Zeichen herrscherl. Magnifizenz erachtet. Die Tugend der Prachtentfaltung im Sinne der Nikomachischen Ethik des Aristoteles wurde nördl. der Alpen spätestens seit dem 14. Jh. Leitbild an den Höfen. Als Luxusgüter definierten sich Teppiche v. a. durch ihre kostbaren Materialien (Wolle, Seide, Gold- und Silberfäden), die bei Kerzen- und Fackelschein wundersam glitzerten und leuchteten, und durch ihre Monumentalität sowie ihre oft Jahre andauernde, kostenintensive Produktion. Sie gehörten denn auch mind. bis ins 18. Jh. zum dynast. Schatz. Ihr hoher ideeller Wert dokumentiert sich in der Tatsache, daß diese Textilien Generation für Generation weiter vererbt und geachtet wurden. Die Sammlungen umfaßten meist zugl. ältere und zeitgenöss. Stücke mit Memorialwert. In Notzeiten wurden die Teppiche, die neben dem Rang auch eine Kontinuität des jeweiligen Hauses demonstrierten, nur selten veräußert. Bspw. erbte der Ks. des Heiligen Römischen Reiches Karl V. nicht nur die Tapisserien aus dem burgund. Schatz, sondern auch diejenigen seiner Tante Margarete von Österreich. Karls herausragende Teppichankäufe setzten im 16. Jh. in Europa an vielen Höfen Maßstäbe für die textile Repräsentation. Die ksl. Sammlung bildete zusammen mit den Tapisserien seiner Schwester Maria von Ungarn den Grundstock des gewirkten Schatzes seines Sohnes Philipp II. von Spanien. Der herausragenden Bedeutung von Tapisserie verlieh Philipp II. i. J. 1597 Ausdruck, als er seine Teppiche als zweiten Sammlungskomplex nach der Rüstkammer für unveräußerl. erklärte.

Luxuriöse Teppiche konnten beinah jeden Ort zu einem herausragenden Repräsentationsort bestimmen. Tapisserie nobilitierte den jeweiligen Raum und unterstrich den Rang der Personen, die sich in ihm aufhielten. Damit ließen sich textile Bilder als Hoheitszeichen und sozial graduierendes Ausstattungsmedium einsetzen. Der gewirkte Dekor wurde einerseits im höf. Alltag verwendet. Andererseits konnten unterschiedl. Sujets anlaßbezogen instrumentalisiert werden. Gewissermaßen als Bildpropaganda dienten die Bildteppiche bei Krönungen, Taufen, Hochzeiten und Begräbnissen sowie bei anderen Staatsakten oder dynast. Ereignissen, etwa Fürstentreffen und diversen Festen, aber auch bei Empfängen von hochstehenden Persönlichkeiten und Gesandten. Das Themenspektrum war von Anfang an weit gefaßt. In textile Bilder umgesetzt wurden zunächst alttestamentl. und neutestamentl. Sujets, Marienleben und Heiligenlegenden sowie vereinzelt auch weitere Themen aus Theologie und Frömmigkeit wie der »Triumph der Eucharistie« nach Entwürfen von Peter Paul Rubens aus den Jahren 1626-27 für Erzherzogin Clara Isabella Eugenia (Madrid). Bemerkenswert ist, daß die religiösen Themen keineswegs nur in Schloßkapellen und in Kirchen eingesetzt wurden. So wie hier auch profane Themen präsentiert wurden – bei einer Taufe oder bei einem Fürstentreffen etwa der textile trojanische Krieg (ein überaus beliebtes Sujet bis gegen 1500) -, so wurden zuweilen religiöse Themen auch in profanen Räumen gehängt. Weiterhin existierten narrative Zyklen mit mytholog. Themen. Außerordentl. geschätzt wurden antike Helden und Heldinnen wie Herkules, Hektor, Aeneas, Hannibal und Caesar, Jason und Medea, Perseus und Andromeda sowie schließl. Semiramis und Penthesilea oder Artemisia. Wiederholt standen die Taten Alexanders des Großen vom 14. bis ins 17. Jh. im Mittelpunkt des Interesses. Hinzu kamen Zyklen mit den Neun Helden und den Neun Heldinnen, wobei auch einzelnen Figuren wie Gottfried von Bouillon oder Karl dem Großen ganze Serien gewidmet waren. Dieses mytholog. und histor. Personal bot Identifikationsfiguren für die aristokrat. Gesellschaft.

Genealog. Programme existierten in den Fürstensitzen nicht nur in der Wandmalerei und in der Tafelmalerei, sondern gerade auch in Tapisserie. Verwiesen sei hier auf den 430 mal 960 cm großen genealog. Wandteppich des Kfs.en Ottheinrich von der Pfalz (München, Abb. 67). Der aus Wolle, Seide und Metallfäden gearbeitete Teppich wurde 1558 in Brüssel produziert. Er gibt die Vorfahren väterlicherseits des pfälz. Regenten wieder. Dieses Kunstwerk stellt eine bes. eindrucksvolle Demonstration des Ranges und Alters eines herrschenden Geschlechts dar. Darüber hinaus entstanden gewirkte Fürstenspiegel, dessen prominentestes Beispiel die neunteilige Folge »Los Honores« für Karl V. ist. Da Tapisserie als transportables Propagandamittel genutzt wurde, bot sich ebenfalls an, konkrete dynast. Ereignisse umzusetzen. Hier sind v. a. die Schlachten zu nennen. Noch Ks. Karl V. verwahrte bspw. die insgesamt 40 m lange und 5 m hohe »Schlacht von Roosebeke«, die 1384-86 für den Burgunderhof gearbeitet worden war.

Zu ergänzen sind literar. Stoffe, eine Vielzahl von Tugend- und Lasterallegorien sowie die Fünf Sinne. Außerdem gehörten Teppiche mit vielfältigen Sujets des höf. Lebens und Genredarstellungen zum Repertoire: Liebesgärten, Verdüren mit diversem Personal, Teppiche mit Gärten und bukol. Themen wie die bereits seit Ende des 14. Jh.s beliebten Schäfereien, Behänge mit Orangenpflückern, Weinlesen, Bauern und Holzfällern sowie Jagden einschließl. der Jagd auf das legendäre Einhorn. In nur wenigen Exemplaren sind hingegen Darstellungen von höf. Festen und Turnieren überliefert. Der 499 mal 578 cm große Turnier-Teppich Friedrichs des Weisen wurde aus Wolle, Seide, Gold und Silber zw. 1494 und 1498 in Brüssel gewirkt (Valenciennes, Farbtafel 22). Er zeigt ein Turnier, das 1494 in Antwerpen anläßl. der Inthronisation Philipps des Schönen abgehalten wurde. Friedrich der Weise, dessen Wappen der Teppich zeigt, war auf Wunsch Ks. Maximilians in Antwerpen anwesend. Tapisserien verkörperten letztl. wie kein anderes Bildmedium herrscherl. Imago und kollektive Identität des Adels.

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