Nahrung und Ernährung
Das Mahl zählt zu den wichtigsten Anlässe fsl. Repräsentation. Der Reichtum der Speisen, die Art der Bedienung, v. a. aber die Pracht der Tafelgeräte waren Ausdruck ökonom. und kulturellen Kapitals. Tafelgeräte aus Edelmetall und exot. Materialien waren der fsl. Familie, ihren Gästen und hohe Würdenträger vorbehalten. Als unverzichtbares Statussymbol wurde silbernes Tafelgerät auch auf Reisen und im Krieg mitgeführt. In der Form von silbernem und goldenem Geschirr befand sich zu bes. Gelegenheiten ein bedeutender Teil des bewegl. Vermögens eines Hauses auf der Tafel. Die alltägl. Mahlzeiten allerdings wurden an vielen Höfen von Zinn eingenommen. Mit Geschirr aus Holz und Irdenwahre wurden die Tische der einfachen Hofbediensteten gedeckt. Zw. 1200 und 1650 nahm die funktionale Differenzierung des Tafelgeräts stetig zu und führte zur Entwicklung zahlreicher neuer Typen. Die Verfeinerung des Tafelzeremoniells trug zu dieser Tendenz ebenso bei wie die Durchsetzung neuer Zubereitungsarten.
Charakterist. für den Umgang mit Geschirr und Besteck ist die zunehmende phys. Distanzierung vom Tischnachbarn auf der einen und von den Nahrungsmitteln selbst auf der anderen Seite. Hatte man zum Teil bis 1650 fast alle Speisen mit der Hand zu Mund geführt, unterlag dieses Verhalten seit der europaweiten Durchsetzung der Gabel einem Tabu. Während sich bis zum 15. Jh. mehrere Personen Trinkgefäß und Ablagebrettchen teilten, standen später jedem Speisenden mehrere Besteckteile, Trinkgefäße und Teller zur individuellen Verfügung.
Nur vereinzelte Tafelgeräte aus fsl. Haushalten haben sich erhalten. Bei der Rekonstruktion einstiger Quantität und Funktion ist man auf schriftl. und auf Bildquellen angewiesen.
Von den aus feuertechn. Gründen weit entfernt gelegenen Küchen wurden die Speisen in Schüsseln zu Tisch getragen, die zum Schutz vor dem Erkalten und Verschmutzen von einer zweiten, mit der Öffnung nach unten aufgelegten Schüssel bedeckt wurden. Mit Messern unterschiedl. Größe zerlegte ein Vorschneider vor den Augen der zu Tisch Sitzenden die Fisch- und Fleischgerichte in mundgerechte Stücke. Diese wurden auf Brotscheiben angerichtet, die den Bratensaft aufsaugten, und anschl. mit einem Vorlegemesser mit breiter, abgerundeter Klinge überreicht. Dieses Verfahren machte Teller und Besteck weitgehend entbehrlich. Als Unterlagen für die Brotscheiben wurden jedoch häufig Brettchen aus Holz oder Zinn benutzt. Der Gebrauch individueller kleiner Tischmesser setzte sich seit dem 14. Jh. mehr und mehr durch. Mit ihren spitz zulaufenden Klingen dienten sie nicht nur zum weiteren Zerteilen, sondern auch zum Aufspießen und zu Mund Führen der Speisen. Erhaltene Messer mit zugehörigen Köchern zeugen davon, daß dieses Besteckteil nicht immer vom Gastgeber zur Verfügung gestellt, sondern häufig persönl. mitgeführt wurde. Flüssige Speisen wurden getrunken. Löffel dienten an der höf., vom Verzehr von Fleisch geprägten Tafel bis zum ausgehenden 14. Jh. ausschließl. zum Ausschöpfen. Erst vereinzelt standen in Salz- und Senfschalen Würzmittel am Tisch zur Verfügung. Trinkgefäße unterschiedl. Gestalt dominierten das Erscheinungsbild der Tafel. Als bes. repräsentative Form galt der Pokal, als Scheuern oder Köpfe bezeichnete man gebauchte, gefußte Trinkschalen mit Henkel, Becher hatten noch keinen Fuß. Aus den Deckeln, die die Trinkgefäße ranghoher Personen in der Regel zierten und schützten, nahm der Mundschenk zuweilen eine Giftprobe des Getränks, bevor er es weiterreichte. In Kannen und Krügen wurden Wein und Wasser an und auf der Tafel bereit gehalten. Das Wasser zum Waschen der Hände goß man aus figürl. gestalteten Aquamanilen aus Bronze oder Kannen, die mit dem zugehörigen Becken ein Ensemble bildeten (Lavabos).
(Abb. 60) Techn. Innovationen im Bergbau und die Einfuhr aus der neuen Welt stellten seit der zweiten Hälfte des 15. Jh.s Silber in größeren Mengen zur Verfügung. Das führte an allen Höfen zur Vermehrung des Tafelsilberbestands. Nach wie vor fand nur ein kleiner Teil seinen Platz an der Tafel selbst, während man den Großteil auf Dressoirs oder Kredenzen zur Schau stellte. Die individuelle und differenzierte Benutzung von Besteck nahm weiter zu. Das eigene Speisemesser wurde obligator., während das Vorschneiden gleichzeitig immer virtuoser zelebriert wurde. Vereinzelt findet man in den Silberkammerinventaren bereits Gabeln oder Pfrieme (Dresden 1469, Hessen 1483), die zunächst v. a. zum Vorlegen dienten. Sätze von neun beziehungsweise 30 Gabeln (Württemberg 1491, Deutscher Orden / Mergentheim 1526) lassen bereits auf einen Gebrauch als individuelles Besteck schließen.
Durch bes. gestalter. Aufwand zeichneten sich die Trinkgefäße aus. Der Kelch, der gefußte Becher und das Becherset (auch als Häufebecher) bereicherten das tradierte Formenrepertoire. Pokale in der Gestalt von Blüten und Früchten, Buckelpokale und figürl. Trinkgeräte von zum Teil beeindruckender Größe entstanden im 16. Jh. weniger als Gebrauchs-, denn als Schaustücke für die Kredenz.
Vermeintl. giftanzeigende und antitox. Substanzen wie Natternzungen (Fossilien) und Bezoarsteine (Magensteine) in kunstvollen Fassungen fanden als flankierende Sicherheitsmaßnahme zur Giftkostprobe ebenfalls auf den Kredenzen Aufstellung.
Trinkgläser wurden v. a. in der Form von Römer, Stangenglas und dem mit Nuppen verzierten Krautstrunk benutzt. Dem Kühlen von Wein- und Wasserflaschen dienten in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s erstmals wannenförmige Kühlgefäße. Seltener waren Tischbrunnen, die als Wasser-, v. a. aber als Weinspender eingesetzt wurden oder eine Mischung aus beiden Flüssigkeiten herstellen.
(Abb. 61) Zw. 1550 und 1650 stieg die Anzahl von Geschirr- und Besteckteilen auf dem Tisch kontinuierl. an. Das Vorschneiden wurde weiterhin praktiziert und anhand illustrierter Spezialliteratur perfektioniert. Zum Aufnehmen der Speisen lagen jetzt an jedem Platz Messer, Löffel und zunehmend auch Gabeln bereit. Für Rumpolt gehörten sie 1581 bereits selbstverständlich zum Gedeck. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jh.s verdrängten Teller aus Edelmetall, die im Winter vorgewärmt wurden (Harsdörffer, 1657), die älteren Ablagebrettchen. Das service à la française, bei dem mehrere Platten mit verschiedenen Gerichten gleichzeitig nebeneinander auf die Tafel gesetzt und nach dem Verzehr mehrmals gegen neue ausgetauscht wurden, setzt sich durch. Dieser Vorgang erforderte eine sorgfältige Regie, die an den meisten Höfen dem Hofmeister anvertraut wurde. Am Ende der Epoche war die Tischplatte vollständig mit Tellern, Platten und Schüsseln bedeckt. Während bis zur Mitte des 16. Jh.s Tafelgeräte unterschiedl. Gestalt und Provenienz auf den Tischen gestanden hatten, begann man nun damit, alle Bestandteile des Geschirrs formal aufeinander abzustimmen. Erste Services wurden in Auftrag gegeben (1576 für Albrecht von Bayern, 1620 für Maximilian I. von Bayern).
Neu war die Tazza oder Kredenz, eine flache Schale mit Fuß, auf der v. a. Konfekt serviert wurde.
Zu den etablierten Trinkgefäßformen trat v. a. im N der Deckelhumpen hinzu. Erst nach 1650 verdrängten Gläser das Trinkgeschirr aus Edelmetall weitgehend von der Fürstentafel. Im allg. wurden Trinkgefäße nicht mehr auf der Tafel sondern auf einer Anrichte plaziert, im Bedarfsfall an den Tisch gebracht und nach dem Trinken wieder abgetragen.
Schifförmige Behälter und Trinkgefäße (nefs), die an einigen europ. Höfen seit dem 12. Jh. als Tafelinsignien dem Regenten und ranghohen Gästen vorbehalten waren, sind im Reich erst nach 1550 nachweisbar (München 1568, Prag 1587, Wien 1594), erreichten hier aber bald eine Popularität, die nicht auf die Höfe beschränkt blieb.
→ vgl. auch Abb.58
Quellen
Marx Rumpolt, Ein new Kochbuch, Frankfurt am Main 1581. – Vincenzo Cervio, Il Trinciante, Venedig 1593. – Giacomo Procacchi, Trancier – Oder Vorleg-Buch, Leipzig 1620. – Georg Philipp Harsdörffer, Vollständiges vermehrtes Trincir-Buch von Tafeldecken, Vorschneiden und Zeitigung der Mundkoste, Nürnberg 1652. – Paul Jacob Marperger, Vollständiges Küchen- und Keller-Dictionarium, Hamburg 1716.
Literatur
Benker, Gertrud: Alte Bestecke. Ein Beitrag zur Geschichte der Tischkultur, München 1978. – Gourarier, Zeev: Modèles de cour et usages de table: les origins, in: Versailles et les tables royales en Europc. Red. Simonetta Luz Afonso, Paris 1993, S. 15-32. – Gruber, Alain-Charles: Gebrauchssilber des 16. bis 18. Jahrhunderts, Würzburg 1982. – Hütt, Michael: Aquamanilien. »Quem lavat unda foris«. Gebrauch und Form, Mainz 1993. – Ennès, Pierre/Mabille, Gérard/Thiébaut, Philippe: Histoire de la Table, Paris 1994. – Schiedlausky 1956. – Altes Tafelgerät. Sammlung Udo und Mania Bey (Ausstellungskatalog), bearb. von Manfred Meinz, Hamburg 1966. – Die öffentliche Tafel, 2002. – Vavra 2000. – Wiewelhove, Hildegard: Tischbrunnen. Forschungen zur europäischen Tafelkultur, Berlin 2002.