Theater
Der Begriff Theater / lat. theatrum bezeichnet im 16. bis Mitte des 18. Jh. weit mehr als das Gebäude oder die Veranstaltung. Der Bedeutungsumfang erstreckte sich auf ein Stück bearbeitete Natur herausgestellt zur Anschauung, z. B. erhöhte Plätze in Gärten, die mit Wasserspielen und Statuen geschmückt waren. Im übertragenen Sinne wurde es z. B. für Kriegstheater als Kriegsschauplatz oder Kampfplatz verwendet, aber auch ein erhöhtes Brettergerüst zu Zwecken des theatral. Schauspiels konnte damit gemeint sein (Kirchner 1985, S. 131). Zahlreiche gedruckte Werke verschiedener wissenschaftl. Disziplinen trugen in der Titulatur das Wort theatrum, gleichfalls im Sinne von Schau oder Veröffentlichung (Schramm 1996, S. 52).
Die Forschenden zu Theater im MA sind sich weitgehend darüber einig, daß es Theater im Sinne einer Aufführung von dramat. Texten durch Berufsschauspieler in eigens dafür bestimmten Häusern im MA nicht gegeben hat. (Cohen 1931) Ikonograph. und schriftl. Quellen, dazu gehören die grotesken Darstellungen (Drolerien) an Kathedralenfassaden und Kapitellen, in Kreuzgängen und Klosterhöfen, ebenso wie Zeichnungen in Handschriften (Manessische Handschrift um 1320 (Farbtafeln 142 und 143), Prager Prachthandschrift für Ks. Karl IV. um 1360), zeigen Abb. von theatral., tänzer., pantomim., gesangl., musikal. und artist. Unterhaltern. Diese mehrdeutigen Darstellungen bilden eine nicht zu vernachlässigende Größe. In schriftl. Überlieferungen aus dem dt. Sprachraum finden sich Begriffe, wie der spilman und das spilwip, Gugleleute oder Gaukler – lat. histriones / joculatores, ital. giullari, frz. jongleur, engl. juggler; dies sind nur einige Bezeichnungen für die Gruppe, die unter dem Begriff »Spielleute« zusammengefaßt wird. Spielleute traten vermutl. auch am Hofe, in geistl. Spielen, auf Jahrmärkten, auf adeligen und patriz. Gesellschaften oder im höf. Fest in Erscheinung. Eine differenzierte Betrachtung ihrer Kunst durch die theaterwissenschaftl. Disziplin ist bisher für den deutschsprachigen Raum noch nicht erfolgt (Münz 2002, S. 365). Forschungen erfolgten in der Musikwissenschaft (Salmen 1983), der Geschichtswissenschaft (Schubert 1995) oder unter sozialgeschichtl. Aspekt (Hartung 2003). Als soziale Außenseiter befinden sich die fahrenden Spielleute, wie sie aufgrund ihrer örtl. Ungebundenheit gen. werden, am Rande der Gesellschaft. (Brandhorster 1990, S. 123). Theolog. gelten sie ihres »unzüchtigen« Berufes wg., als heillos und sind von den Sakramenten ausgeschlossen. Diese Haltung der Kirche war geprägt durch die ablehnende Haltung der Kirchenväter. Tertullian (160-220) z. B. lehnte die spectacula wg. Verherrlichung der sinnl. Genüsse als sündhaftes Vergnügen ab. Augustin (354-430) verweigerte den histriones die christl. Sakramente. Nach dem Verfall der röm. Theater wurden diese patrist. Urteile auf die Spielleute übertragen. Im 12.-15. Jh. wird diese Abscheu gegen die Spielleute auf Konzilien- und Synodalbeschlüssen weitergetragen, so daß sich in den Schriften der Theologie bis zur Scholastik deren einhellige Verdammung abzeichnet. (Kröll/Steger 1994, S. 56, Casagrade / Vecchio 1978). Andererseits konnten die Spielleute durch ihre Dienste am Hofe zu Ansehen und materiellem Reichtum gelangen.
Angenommen wird, daß Spielleute auch bei den spätma. geistl. Spielen mitwirkten. Für den dt. Raum sind in städt. Archiven meist durch Ratsrechungen jährl. wiederkehrende Spiele geistl. Inhalts, wie Mirakel-, Mysterien-, Passions-, Oster- und Weihnachtsspiele, Prozessionen, lebende Bilder oder Fastnachtsspiele nachgewiesen (Neumann 1987, Simon 2003).
Im folgenden beziehe ich mich vorrangig auf die kfsl. Res. Dresden, die i. J. 1464 Hauptres. des Kfsm.s Sachsen wurde. 1485 nach der Leipziger Teilung war sie Res. des »albertinischen« Hzm.s, erst mit der milit. »Rückholung« der Kurwürde durch Hzg. Moritz (1547) wurde Dresden wieder kfsl. Res. Das Dresdner Johannesspiel gilt als Beispiel einer Prozession mit Figuren. In Dresden war die Verehrung heiliger Reliquien in der Kirche zum heiligen Kreuz am Tage Johannes des Täufers zu einem Ereignis geworden. Die Mgf.en Heinrich der Erlauchte und sein Sohn Friedrich, gewährten seit dem ausgehenden 13. Jh. dessen Besuchern am Tage vor- und nachher freies Geleit. 1319 wurde von der Kurie durch die Geistlichen ein vierzigtägiger Ablaß für alle Gläubigen erwirkt, die am Johannestag busfertig die Kirche besuchten. Belege der Umzüge finden sich im Ratsrechnungsarchiv ab 1480. Ein Eintrag von 1480: 26 gr. vor ein virtel bir den gesellen, die do in den figuren gegangen haben, 1505: 30 gr. vor ein virtel bir den, die do in der processio umbgehen und im spile sint (Richter 1883). Die Versinnbildlichung christl. Inhalte in Prozessionen wurde im ausgehenden 15. Jh. durch geistl. Spiele, Turniere und Wettrennen erweitert. In Dresden wurde 1523 ein Dorotheenspiel gezeigt. Ebenso wird in den Kämmereirechnungen ein wettelauffen uff Johannis erwähnt. Der als Turnierpreis vorgesehene Ochse, mit vergoldeten Hörnern, sowie mit schwarz-gelber Leinwanddecke und mit Schellen behängt, wurde unter Begleitung ebenfalls in den Stadtfarben gekleidete(r) Knechte und unter Vorantritt des musicierenden Kreuzthürmers im Triumphe durch die Stadt geführt (Herrmann 1987). In Dresden nahm mit Einführung der Reformation (1539) die Aktivität des Spieles ab. Aus dem jährl. Johannesspiel wurde der Johannesmarkt.
Der Adel wird in den höf. Festen zum Hauptakteur vor höf. und städt. Publikum. Die Feste zu Hochzeiten, Geburten (u. a.) setzen sich aus Festumzügen / Turnieren / Kgr.en / Wirtschaften / Schauessen / Karnevalsumzügen / Mummereien, später Maskeraden gen., zusammen. Für deren Ausgestaltung wurden Künstler und Architekten engagiert. Giovanni Maria Nosseni trat 1574 in sächs. Dienste, im Schreiben zu seiner Anstellung heißt es: Insonderheit soll ehr sich zu allerlei Kunst Arbeit mit Bildehauen Mahlen und Conterfeyen, Steinen Tisch Credentz von Allabaster Orbinantz von gebeuden, Inventionen von Triumphen Mumereyen und dergleichen gebrauchen lassen (Fürstenau 1861, S. 83). Die Organisation von »Inventionen« wurde vom Herrscher mit dem Ernst, mit dem man Staatsgeschäften nachgeht, betrieben (Sieber 1959, S. IX). Die Festgestaltung wird zum schöpfer. Akt für den Herrscher. Ende des 16. Jh. werden in den Karnevalsumzügen Hzg. Augusts apokalypt. Bilderreihen auf die Bahn gebracht (Abb. 267). Musiker, Lustige Räthe, Lustigmacher, Pritschmeister, Hofnarren, Zwerge, wilde Männer waren Teilnehmer des Umzugs. Für die lustigen Personen am Hof finden sich bereits Namen, so für das Jahr 1617 der Hofmarschall Zwerg, Andreas im Stalle, Hans Engelhard und Valten Marten ebenso drei Narren: Georg von Seyersbergk, Michael von Harttenstein, Christoph Schaßwitz und zwei kurzweilig Räthe: Aßmus Hahn und Wendel Jobst (Fürstenau 1861, S. 67f.).
Ein Beispiel für die theatral. Umsetzung einer Schlacht, stellt das Spiel während der Hochzeit Hzg. August von Sachsen mit Anna von Dänemark 1548 in Torgau dar. Für Tanz und Mummereien, sowie bei der Trauungszeremonie in der Kirche wurden Musiker verpflichtet die etzliche schöne Gesänge figuriert, auch zum Teil mit Instrumenten darein geblasen. Nach der Predigt bliesen die Musiker der Kgl.en Stadt Breslau, die Kg. Ferdinand offenbar zur Verfügung gestellt hatte, herrliche Stück sex vocum. Die Festlichkeiten währten sechs Tage, an denen verschiedene Schaukämpfe / Scharmützel, Turniere, Tanz, Mummerein und eine Jagd stattfanden. Das Scharmützel zu Ross stellte einen Kampf von Husarenrotten dar, die mutig eine Festung verteidigten. Die vier Gruppen der Husaren gekleidet in den Farben Rot, Gelb, Blau und Grün kämpfen mutig gegen eine Überzahl Feinde wurde aber am Ende doch besiegt. Moritz und August von Sachsen waren Anführer der Husaren, als Gegner traten zwei Hzg.e von Braunschweig an (Bäumel 1990). Turniere wurden auch von den sächs. Kfs.en in großem Umfange betrieben (Haenel 1910), in den Jahren 1521-35 fanden insgesamt 146 Turniere in Leipzig und Dresden statt (Ende 1984, S. 98). Das Tätigkeitsfeld der Herolde erstreckt sich im Turnier u. U. auch in musizierender Weise (Pietzsch 1966/67), in Dresden lassen sich für 1471/72 ein Parzifant (Unterherold) und für 1476/77 ein Herold nachweisen.
Als unterhaltende Komponente am Hofe werden professionelle Springer, Truppen aus England, Frankreich oder Italien kommend engagiert. Mit Tänzen, akrobat. Künsten oder dramat. Werken agieren sie vor der höf. Gesellschaft. Sie werden für ihre Dienste entlohnt und bei Gefallen mit einem Schreiben an den nächsten Hof weiterempfohlen oder erhalten eine Genehmigung ihre Kunst auch an anderen Orten sehen zu lassen. Ital. Komödianten sind in Nördlingen und bald darauf auch in Nürnberg 1549 urkundl. nachgewiesen. Stuttgart und Straßburg, Linz und Wien erteilten den ital. Commedia dell'Arte Truppen, Comici Gelosi, den Confidenti oder den Fedeli, die begehrte Spielkonzession.
In München, gefördert vom Hofkapellmeister Orlando di Lasso, war es die Commedia dell'Arte, die von ital. Komödianten eingeführt wurde. Für ein zweiwöchiges Festprogramm, das der bayer. Hzg. Albrecht V. zur Vermählung seines Sohnes Wilhelm mit Renata von Lothringen aufbot, wurde nach Turnieren, Kübelstechen und Hofkonzerten am 7. März 1568 eine Commedia all'improviso alla Italiana aufgeführt. Orlando di Lasso führte Regie und spielte selbst den Pantalone, eine Maske der Commedia dell'Arte. Am Ende vereinigten sich Spieler und Zuschauer zu einem fröhl. Tanz, weiß der Chronist Massimo Troiano in seinem Festspielbuch von 1568 zu berichten. In Dresden erfahren wir von einem Christoph Dietrich Bose, der ebenfalls den Pantalone (1655) in einem Ballett der Glückseligkeit zum Geburtstag Johann Georg I. vorstellte. Die Masken der Commedia dell'Arte waren wohl schon zu Beginn des Jh.s in Dresden bekannt, so zeigt eine Abbildung des Festumzuges aus dem Jahre 1609 einen Pantalone in der Tracht eines venezian. Kaufmanns, verkehrt auf einem Pferd sitzend (Abb. 268). Unter den engl. Komödianten, die von der Kfs.in von Brandenburg an den Hof nach Dresden empfohlen wurden, findet sich der Name John Spencer. Eine Spielkonzession erbat sich 1626 auch der Springer Hans Schilling aus Freiberg vom Kfs.en Johann Georg I., um seine Kunst betreiben zu dürfen. Gemeinsam mit Pickelhering Lengßfeld, seinem Schwiegersohn, wollte er Komödien agieren. Im 17. Jh. werden neben den prunkvollen Umzügen der höf. Feste die Theaterhäuser am Hof etabliert, in Wien 1652 von Giovanni Burnacini erbaut. 1654 folgt der Münchner Hof nach. 1667 wurde der erste Dresdner Theaterbau eingeweiht.
→ vgl. auch Abb.30
Literatur
Bäumel, Jutta: Die Festlichkeiten zur Hochzeit Herzog Augusts von Sachsen mit Anna von Dänemark 1548, in: Dresdner Hefte, 8,1: Beiträge zur Kulturgeschichte 21 (1990) S. 19-28. – Brandhorst, Jürgen: Spielleute – Vaganten und Künstler, in: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft. ein Hand- und Studienbuch, hg. von Bernd-Ulrich Hergemöller, Warendorf 1990, S. 115-133. – Casagrande, Carla/Vecchio, Silvana: L'interdizione del giullare nel vocabulario del XII secolo, in: II contributo dei giullari, Rom 1978, S. 207-258. – Cohen, Gustave: La »comedie« latine au XIIe siècle, Paris 1931. – Ende, Rudolf von: Circensue, Spiele auf Leben und Tod, Berlin 1984. – Fürstenau, Moritz: Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe der Kurfürsten von Sachsen und Könige von Polen. Friedrich August I. (August II.) und Friedrich August II. (August III.), Bd. 2, Dresden 1862 (ND Leipzig 1971). – Haenel, Erich: Der sächsischen Kurfürsten Turnierbücher; Frankfurt a. Main 1910. – Hartung, Wolfgang: Die Spielleute im Mittelalter. Gaukler, Dichter, Musikanten, Düsseldorf 2003. – Herrmann, Matthias: Untersuchungen zur Geschichte der Dresdner Hofmusik zwischen 1464 und 1541, Leipzig 1987. – Kirchner, Thomas: Der Theaterbegriff des Barock, in: Maske und Kothurn, 31 (1985) S. 131-142. – Kröll, Katrin: Die Komik des grotesken Körpers in der christlichen Bildkunst des Mittelalters (Einführung), in: Mein ganzer Körper ist Gesicht: Groteske Darstellungen in der europäischen Kunst und Literatur des Mittelalters, hg. von Katrin Kröll und Hugo Steger, Freiburg im Breisgau 1994 (Rombach Wissenschaft: Reihe Litterae, 26), S. 11-93 – Münz, Rudolf: Sind »die großen Erzählungen« im Theater zu Ende?, in: Theaterkunst und Heilkunst: Studien zu Theater und Anthropologie, hg. von Gerda Baumbach, Köln 2002, S. 327-424. – Neumann, Bernd: Geistliches Schauspiel im Zeugnis der Zeit. Zur Aufklärung mittelalterlicher religiöser Dramen im deutschen Sprachgebiet, München 1987 (Münchner Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters, 85). – Pietzsch, Gerhard: Musik in Reichsstadt und Residenz am Ausgang des Mittelalters, in: Esslinger Studien 13 (1966/67) S. 98. – Richter, Otto: Das Johannisspiel zu Dresden im 15. und 16. Jahrhunderte, in: NASG 4 (1883) S. 101-114. – Salmen 1983. – Schramm, Helmar: Karneval des Denkens. Theatralität im Spiegel philosophischer Texte des 16. und 17. Jahrhunderts, Berlin 1996. – Schubert, Ernst: Fahrendes Volk im Mittelalter. Bielefeld 1995. – Sieber 1960. – Simon, Eckehard: Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels 1370-1530. Untersuchung und Dokumente, Tübingen 2003 (Münchner Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters, 124).