Turniere (Turnierplatz)
(lat. torneamentum; frz. tournoi; engl. tournament) Das Turnier entstand im 11. Jh. in Frankreich und erreichte das alte Reich und England im 12. Jh. Frühe Höhepunkte im deutschsprachigen Raum sind die Turniere an den Mainzer Hoftagen 1184 und 1188. Ein Turnier ist ein geregelter Konkurrenzkampf ursprgl. zw. Reitern adliger Herkunft, der mit einer formellen Einladung oder Herausforderung beginnt und der auf einem eingegrenzten Platz unter der Aufsicht von Schiedsrichtern stattfindet. Am Anfang war das Turnier ein Gruppenkampf mit scharfen Kriegswaffen, was zu vielen Toten und Verwundeten und folgl. zu Verboten durch die Kirche führte. Im 13. Jh. wurde der Zweikampf zw. zwei Rittern mit Lanze und Schwert, der sog. »Tjost« oder das Lanzengestech (frz. joute; engl. joust), zur charakteristischsten Turnierform (Abb. 254), und man fing an, weniger gefährl. Turnierwaffen und spezielle Rüstungen zu benutzen. Um 1420 wurde das »Ballien« eingeführt, eine feste Holzschranke, die dem Reiter bis zum Knie reichte und über die man den Gegner mit der Lanze aus dem Sattel heben sollte. Dies sollte das Stechen noch weniger gefährl. machen (Abb. 255). Das Ballienrennen (frz. course à la barrière, engl. tilt) wurde immer populärer, obwohl das Lanzengestech weiterhin praktiziert wurde. Das Turnier entwickelte sich zunehmend zum höf. Fest und wurde sowohl bei Hochzeiten und anderen dynast. Ereignissen als auch bei Fürstentreffen und Hoftagen veranstaltet. Die ganze Hofgesellschaft, inkl. Hofdamen, Dichter und Spielleute, wurde einbezogen; gewöhnlicherweise verteilten die Damen die sog. »Dänke« oder Preise.
Trotz seiner wachsenden Ähnlichkeit mit einem sportl. Konkurrenzkampf verlor das Turnier aber lange nicht seine Verbindung zum Krieg. Das Lanzengestech und das Ballienrennen, in denen der Ritter durch seine Kraft und seine Schwere den Gegner vernichten sollte, sowie der Gruppenkampf (dt. buhurt, folla; engl. tourney), der häufig auf die Einzelkämpfe folgte, waren noch bis ins 16. Jh. hinein für die Schlacht relevante Übungen.
Der bewaffnete Reiter in voller Rüstung auf seinem schweren Kaltblüter erreichte den Höhepunkt seiner krieger. Bedeutung um 1450, spielte aber mind. bis 1500 und darüber hinaus im Krieg eine wichtige Rolle. Das bedeutete, daß das Ballienrennen bis zur Mitte des 16. Jh.s das Turniergeschehen prägte. Schon im 14. Jh. aber hatte das Fußvolk, mit Piken bewaffnet, eine Reihe von Siegen gegen Ritterheere (Courtrai 1302, Sempach 1386) erzielt, und die Bogenschützen waren genauso erfolgreich bei Crécy (1346), Poitiers (1356) und Azincourt (1415). Der schwere Reiter verlor allmähl. seine milit. Bedeutung, aber gleichzeitig wurde der schnelle und bewegl. Reiter, der leichte Kavallerist, immer wichtiger. Er mußte verschiedene Waffen hintereinander benutzen, die Pikeniere schnell attackieren und dann schnell wieder wegreiten können, mußte als Bote und als Spion fungieren. Er ritt auf einem viel bewegl. Pferd arab. Abstammung, das über Spanien nach Neapel importiert und in den letzten Jahrzehnten des 16. Jh.s in den neu gegründeten fsl. Gestüten gezüchtet wurde. Diese Pferde mußten nach der neuen ital. Art beritten werden, wie sie zum ersten Mal 1550 von Fedrigo Grisone kodifiziert wurde.
Nach 1550 verwandelte sich das Turnier dementsprechend. Obwohl das Ballienrennen bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges vereinzelt praktiziert wurde, bestand das Turnier nach 1550 immer häufiger aus einer Reihe von Übungen, die das schnelle und wendige Reiten sowie Treffsicherheit mit Lanze, Schwert und anderen Waffen trainierten und demonstrierten. Diese sind zunächst das Ring- und das Quintanrennen (frz. course de bague, de quintaine; engl. running at the ring, at the quintain), Turnierübungen, die in allen Ländern außer England, wo sie nie richtig Fuß faßten, schnell dominierten. Im Ringrennen galoppierte der Reiter auf einer eingegrenzten Reitbahn, um einen in Schulterhöhe zw. zwei Pfeilern aufgehängten Ring an der Spitze seiner Lanze hinwegzutragen. Der Ring war in verschiedene Felder eingeteilt, und der Turnierteilnehmer bekam Punkte, je nach dem Feld, wo er den Ring getroffen hatte. Im Quintanrennen mußte der Reiter mit seiner Lanze eine bewegl. Holzfigur auf das Schild treffen, die ihn aus dem Sattel fegen konnte, wenn er sein Ziel verfehlte. Man kämpfte also nicht mehr gegen einen anderen Ritter, sondern gegen einen toten Gegenstand.
In der zweiten Hälfte des 16. Jh.s wurde die Handfeuerwaffe zum festen Bestandteil der Ausrüstung eines jeden Kavalleristen. Als Folge dieser Neuerung kann man die Entwicklung des um 1610 im Reich zustande gekommenen Kopfrennens (frz. course de têtes; engl. running at the head) betrachten. Das Kopfrennen ist die erste Turnierübung, die Fertigkeit sowohl mit Handfeuerwaffen als auch mit Lanze, Wurfspieß und Schwert verlangte. Im Kopfrennen galoppierte der Reiter an einer Reihe von Holz- bzw. Pappmachéköpfen vorbei und mußte jeden mit einer andern Waffengattung treffen (Abb. 256). Die in Heidelberg 1613, in Dessau 1614 und in Halle 1616 veranstalteten Kopfrennen sind die ersten, die überhaupt bekannt sind.
Zwei andere Turnierübungen trainierten die Teamarbeit: das Fußturnier (frz. tournoi à pied; engl. foot tournament) und das sog. »Karisell«. Im Fußturnier, daß von der Mitte des 16. Jh.s immer zusammen mit dem Reiterturnier veranstaltet wurde, marschiert das in der gleichen Farbe gekleidete Fußvolk in Reih und Glied unter Trommeln und Pfeifen auf dem Turnierplatz auf. Es kämpft dann Mannschaft gegen Mannschaft mit Piken und Schwertern über eine niedrige Schranke. Das »Karisell« (z. B. Stuttgart 1609, Halle 1613) ist die dt. Variante des span. juego de alcancías. Es handelt sich um eine berittene Übung, in der jede Mannschaft die Gegner mit hohlen Tonkugeln bewirft, um nachher einen geschwinden und geordneten Rückzug zu erzielen. Diese Gruppenübungen kamen in der Zeit auf, in der die Schlacht aufhörte, aus einer Reihe von Einzelkämpfen zu bestehen, und der milit. Drill immer wichtiger wurde. Das Turnier widerspiegelt also, obwohl mit Verspätung, die kriegstechn. Entwicklungen.
Gleichzeitig wuchs die theatral. Komponente des Turniers. Schon im 13. Jh. sind bei Turnieren Kostüme belegt, und am Anfang des 15. Jh.s gab es Turniere (sog. tournois à thème) mit einer fiktionalen Handlung als Begründung für die Wettkämpfe. Ein spätes und für Dtl. vereinzeltes Beispiel eines »tournoi à thème« wurde 1596 zur Kasseler Taufe veranstaltet. In einer großangelegten künstl. Landschaft mußte jeder Teilnehmer seine Fertigkeit in den verschiedenen Turnierarten demonstrieren, wobei jeder Kampf als Episode aus einem Ritterroman präsentiert wurde. Monstren, Drachen und Riesen in Form von Quintanen und Köpfen mußten besiegt, Schwerter mußten aus Steinen herausgezogen und Damen befreit werden. Als nach 1560 der ital. trionfo an allen dt. Höfen mit dem Turnier verquickt wurde, spielte die theatral. Umrahmung eine immer größere Rolle. Jeder Turnierteilnehmer wählte sich ein Thema aus – aus der Mythologie (z. B. Neptunus, Saturn), der dt. Geschichte (z. B. Arminius) oder der Antike (z. B. Jason und das goldene Vlies) -, kostümierte seine Musikanten, Trabanten und sich selbst entspr. und wurde von einem Festwagen zum gleichen Thema begleitet, auf dem oft die Musiker saßen. Häufig hatte die gewählte Ikonographie einen polit. Inhalt. Zum Turnier anläßl. seiner Hochzeit 1609 mit Barbara Sophia von Brandenburg, eine Verbindung, die die gerade gegründete protestant. Union befestigen sollte, zog Johann Friedrich von Württemberg auf den Turnierplatz mit einer Gruppe von 118 Personen, die das Programm der Union proklamierte. Unter den Teilnehmern saß Germania hoch auf einem Triumphwagen, begleitet von einer Reihe von Tugenden, sowie von Freiheit und Religion. Die drei altdeutschen Helden Brennus, Manlius und Arminius ritten auch mit, sowie der »Deutsche Glauben« (Germana Fides). Der Aufzug solcher sog. »Inventionen« dauerte häufig mehrere Tage, und sie schlängelten sich durch die ganze Stadt zum Turnierplatz, so daß die ganze Stadtbevölkerung sie wahrnehmen konnte.
Als weiterer Schritt im Prozeß der Theatralisierung gab es Turniere, in denen die Organisatoren ein umfassendes Motiv für die ganze Veranstaltung wählten, wie z. B. im »Ringrennen der Zeit und der sieben Planeten« 1613 in Dresden.
Eine spezif. dt. Komponente waren die kom. Inventionen, in denen sich die Turnierteilnehmer als Bauern, Handwerker oder als Hasen in Jägerkleidung präsentierten. Das groteskkom. »Kübelstechen«, in dem die Teilnehmer statt Rüstung und Helm einen wattierten Anzug mit einem Faß als Kopfbedeckung trugen und auf alten Kleppern reitend sich mit Kolben zu treffen versuchten, ist ebenfalls typ. dt. Diese derbe Komik erscheint neben den klass. Motiven aus der Welt der ital. Renaissance, die an allen europ. Höfen zu finden waren.
Größere Turniere fanden häufig auf dem Marktplatz (noch 1718 in Dresden) oder einem anderen großen Platz der Stadt (Piazza Santa Croce, Florenz, 1615; Place du Caroussel, Paris, 1662) statt. Weil das Turnier nach 1560 einen festen Bestandteil jedes höf. Festes bildete, bauten viele Fs.en in der Nähe ihrer Res. einen Turnierplatz mit Reitbahn(en), Schranken, Pfeilern für den Ring und evtl. auch einem Lusthaus, wo die Festgesellschaft bequem zuschauen konnte (z. B. 1580-93 in Stuttgart). Aufbewahrungsorte für Kutschen und Festwagen, Kostüme und Requisiten, Turnierrüstung und -waffen mußten auch baul. berücksichtigt werden (siehe Beutel, 1671, in dem der Ausmaß dieser Lager deutlich wird).
Nach 1650, als viele Territorien ein stehendes Heer und eine Kadettenschule etabliert hatten, wurde das Turnier zu einem rein dekorativen und sportl. Vergnügen. Dies sieht man u. a. daran, daß jetzt auch Frauen daran teilnehmen durften und zwar am sog. Damenringrennen. Dies ist erstmals 1654 in Altenburg in einem von Magdalena Sibylle von Sachsen-Altenburg organisierten Fest belegt (Abb.4). Im Damenringrennen hielten die Damen eine leichte Lanze und zielten nach dem Ring von einem von einem Herrn gelenkten Pferdeschlitten oder einer Kutsche aus. Das Turnier wird also zum Divertissement und hat nichts mehr mit Rittertum oder Krieg zu tun. Im gleichen Jahr wurde zum ersten Mal außerhalb von Italien, und zwar in München, eine Turnieroper veranstaltet, eine theatral. Gattung, die, so wie die Oper selbst, in Florenz erfunden wurde und zwar um 1613. In der Turnieroper werden die Reiterkämpfe (meistens Ring- oder Kopfrennen) in eine gesungene Handlung mit Szenerien und Theatermaschinen integriert. In München wurden 1654, 1658 und 1662 und in Wien 1668 grandiose Turnieropern veranstaltet.
Schon um 1709 aber wurde das Turnier als historisierende Tätigkeit praktiziert, denn in diesem Jahr führte man in Dresden mit den alten Rüstungen und Waffen ein altmod. Fußturnier auf. Die Teilnehmer, angehende junge Offiziere aus der Kadettenschule, wußten nicht, wie sie mit diesen ihnen fremden Instrumenten umgehen sollten. Das Turnier war also reines Theater geworden.
→ vgl. auch Farbtafel 22, 51, 71, 131; Abb. 9, 35, 282, 283
Quellen
Bonaventura Pistofilo, Il Torneo, Bologna 1626. – Claude François Menestrier, Traité des Tournois, Joustes, Carrousels et autres Spectacles Publics, Lyons 1669. – Federigo Grisone, Gli Ordini di Cavalcare, Neapel 1550. – Franciscus Modius, Pandectae Triumphales, Frankfurt 1586. – Georg Engelhard von Löhnheyss, Della Cavalleria, Remlingen 1609. – Georg Ruexner, Anfang, Ursprung und Herkommen des Thurniers inn teutscher Nation, Simmern 1532. – Marc Vulson de la Colombière, Le Vray Théâtre d'Honneur et de Chevalerie, Paris 1648. – René d'Anjou, Traitté de la forme et devis d'ung tournoy, c. 1460. – Tobias Beutel, Chur-Fürstlicher Sächsischer stes grünender hoher Cedern-Wald auf dem grünen Rauten-Grunde. Oder kurtze Vorstellung der chur-fürstl. sächs. hohen Regal-Wercke, Dresden 1671.
Literatur
Fleckenstein, Joseph: Das Turnier als höfisches Fest im hochmittelalterlichen Deutschland, in: Das ritterliche Turnier im Mittelalter. Beiträge zu einer vergleichenden Formen- und Verhaltensgeschichte des Rittertums, hg. von Joseph Fleckenstein, Göttingen 1985, S. 229-256. – Paravicini 1994. – Sablonier, Roger: Rittertum, Adel und Kriegswesen im Spätmittelalter, in: Das ritterliche Turnier im Mittelalter. Beiträge zu einer vergleichenden Formen- und Verhaltensgeschichte des Rittertums, hg. von Joseph Fleckenstein, Göttingen 1985, S. 532-567. – Watanabe-O'Kelly, Helen: Triumphall Shews. Tournaments at German-speaking Courts in their European Context 1450-1750, Berlin 1992. – Watanabe-O'Kelly, Helen: Tournaments in Europe, in: Spectaculum Europaeum. Theatre and Spectacle in Europe 1580-1750. – A Handbook, hg. von Pierre Béhar und Helen Watanabe-O'Kelly, Wiesbaden 2000, S. 591-639.