Herr allen Wissens: Künstler und Fachleute
Für Literatur als Teil höf. Unterhaltung gibt es kaum Zeugnisse. Hin und wieder wird in den literar. Texten selbst der (Gesangs-)Vortrag von Dichtung im Rahmen höf. Geselligkeit beschrieben, so wenn im Tristan Gottfrieds von Straßburg (1210/20) Tristan die melanchol. Isolde Weißhand in der Kemenate mit Vorlesen und Gesangsvortrag zu unterhalten versucht und auch vor der Hofgesellschaft (Hzg. und Hzg.in, Damen und Barone, das gesinde) selbstgedichtete Lieder vorträgt (v. 19183-19214) oder wenn in der Kudrun eines Abends Horand von Dänemark den Hof Hagens durch seinen Gesang, also musikal. Vortrag von Dichtung, in Entzücken versetzt (Str. 372-398). Der Inhalt dieser Gesänge wird in der Regel nicht benannt, es mag sich um erzählende Texte handeln oder auch um Minnelieder, die man sich ohnehin nur in Gesellschaft vorgetragen denken kann, obwohl wirkl. belastbare Zeugnisse fehlen, die über den selbstinszenierten Auftrittsgestus (Typ: Ir sult sprechen willekomen, / der iu maere bringet, daz bin ich, Walther von der Vogelweide, Lied 32) hinausgehen. Das gilt selbst noch für den Hof Friedrichs des Siegreichen von der Pfalz, dessen literar. Engagement gut belegt ist, von dessen spezif. Interessen wir aber (über Michel Beheim) auch nur wissen, daß er »Dichter und Sänger jederzeit gern von sturmen vnde stryte [habe] vortragen hören« und »an allerley seltzamer mer interessiert gewesen« sei (Backes 1992, S. 131). Ob Friedrich den Rat seines Hofarztes befolgt hat, sich zur Recreation alt hystoryen von alten keysern vnd herren oder sust etwas lustlichs vorlesen zu lassen (Backes 1992, S. 131), bleibt gleichfalls offen.
Besser bezeugt ist Literatur als Mittel höf. Repräsentation, so schon wenn die Spielleute bei der Hochzeit von Lavinia und Aeneas (Heinrich von Veldeke, »Eneasroman«, von 13153-13200) auf die großzügige Entlohnung mit Preisliedern auf den Kg. antworten, oder auch, im fließenden Übergang zur polit. Agitation, in der gesamten Panegyrik, der dt. Spruchdichtung vom Ende des 12. bis ins 15. Jh. (Walther von der Vogelweide, Reinmar von Zweter, Bruder Wernher, Michel Beheim u.v. a.). Auf repräsentative Ostentation sind in der Regel auch die zahlreichen Widmungen höf. Epen an Fs.en ausgerichtet. Volkssprachige Dichter, die nicht durch ein geistl. Amt versorgt sind, bedürfen des Mäzens nicht nur zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes, insbes. während der Verfertigung umfangr. Epen, sie sind auch auf die Bereitstellung der Schreibmaterialen und in vielen Fällen auf die Besorgung der Vorlagen (über die adeligen »Netzwerke«) angewiesen. Ohne Auftraggeber ist kaum eines der größeren Werke denkbar; in ihren Pro- und Epilogen setzen die Dichter ihnen Denkmäler (ähnl. wie die Maler ihren »Stiftern«).
Im einzelnen sind die Funktionen von Literatur im Rahmen von höf. Geselligkeit und Repräsentation kaum zu sondern. Sie sind eingebunden in eine prinzipielle Aufgeschlossenheit für Literatur. Dabei heben sich sehr deutlich bestimmte Zentren literar. Interesses ab.
Literar. Ambitionen von Fs.en werden zuerst, noch im 12. Jh., für den Welfenhof sichtbar: Heinrich der Löwe hat wahrscheinl. die dt. Bearbeitung des »Rolandsliedes« in Auftrag gegeben (Regensburg, 1172); auf ihn und seine capellane geht auch mind. eine Fassung des Lucidarius (Braunschweig, 1190-95) zurück (Weiteres Bumke 1979, S. 143-148). Etwa gleichzeitig tritt Literatur im Umkreis der Staufer ans Licht, unter Friedrich Barbarossa als polit. Dichtung in lat. Sprache (Archipoeta, Ligurinus, Carmen de gestis Frederici imperatoris), unter Heinrich VI., von dem selbst Minnelieder überliefert sind, durch einige Minnesänger, die allerdings nicht in literar. Zusammenhang mit ihm erscheinen, sondern in Zeugenlisten ksl., ausschließl. in Italien ausgestellter Urk.n: literar. Hofkultur hat sich viell. dort nach ital. Vorbild entwickelt (Troubadourdichtung um die Gf.en von Montferrat).
In Dtl. stehen die Staufer (Philipp von Schwaben, Friedrich II., Heinrich VII.), wie auch der Welfe Otto IV., seit der Doppelwahl von 1198 im Zentrum polit. Propaganda (Walther von d. Vogelweide). Ein Minnesängerkreis bildet sich um Heinrich (VII.) und später um Konrad IV.: Gottfried von Neifen, Burkart von Hohenfels, Ulrich von Winterstetten. Auch die Epiker Rudolf von Ems und Ulrich von Türheim gehören in den Umkreis derer, die »am staufischen Hof« gedichtet haben (Bumke 1179, S. 251) und wohl v. a. dem Reichsschenken Ulrich von Winterstetten († 1243) verpflichtet waren.
Von vergleichbarer Ausstrahlungskraft waren im 13. Jh. nur noch der Wiener Hof der Babenberger (Walther von der Vogelweide, Neidhart) und v. a. die Lgf.en von Thüringen auf der Wartburg. Schon zw. 1181 und 1190 vollendete Heinrich von Veldeke seine Eneit im Auftrag des späteren Lgf.en Hermann I. (1190-1217) in Thüringen. Herbort von Fritzlar hat sein »Liet von Troye« (um 1190?) im Auftrag Hermanns I. geschrieben, viell. auch Albrecht von Halberstadt seine Übersetzung der »Metamophosen« Ovids. Wolfram von Eschenbach regte der Lgf. zur Abfassung des Willehalm (1210-20) an, Walther von der Vogelweide vertritt in seiner Spruchdichtung mehrfach dessen Interessen.
Im »Wartburgkrieg« ist die Vorstellung vom Hof Hermanns von Thüringen als eines Zentrums literar. Kultur verdichtet worden. Seinen Kern bildet das »Fürstenlob« (um 1260), das als »Sängerkrieg« (erst in späteren Teilen: auf der Wartburg) inszeniert ist und im Wettstreit der berühmtesten Dichter mit der Rühmung des Lgf.en endet.
In der zweiten Hälfte des 13. und im 14. Jh. sind die Nachrichten über mäzenat. Höfe nicht mehr von gleicher Prägnanz. Ottokar II. und Wenzel II. von Böhmen, Mgf. Heinrich III. von Meißen, die Mgf.en von Brandenburg spielen eine Rolle. Der Prager Hof Karls IV. ragt als frühes Zentrum des weitgehend lat. Frühhumanismus heraus und beeinflußt auch die dt. Literatur (Johann von Neumarkt, Heinrich von Mügeln). Mit der Gründung der Universität durch Hzg. Rudolf IV. (1365) und deren Ausbau durch Albrecht III. (1365-95) tritt auch der Wiener Hof erneut ins Zentrum: die vielfältige katechet. Übersetzungstätigkeit ist eng mit den Interessen des Hofes verbunden.
Höfe mit großer literar. Ausstrahlungskraft treten in größerer Zahl, teilw. schon länger vorbereitet, erst wieder um die Mitte des 15. Jh.s in Erscheinung.
Der großen Zeit des Heidelberger Hofes unter Kfs. Friedrich dem Siegreichen (1452-76, vgl. Backes 1992) geht mit Ludwig III. (1410-36), der in engem Kontakt stand zu Oswald von Wolkenstein und theolog. Reformschrifttum förderte, ein literar. ein interessierter Fs. voraus, und auch im Auftrag Ruprechts I. (1353-90), Ruprechts II. (1390-98) und Ruprechts III. (1398-1410) sind literar. Werke (z. B. Konrad Kyesers Bellifortis) entstanden.
Kurz vor der Jahrhundertmitte (1440) setzen die Zeugnisse für die Beschäftigung des Arztes Johannes Hartlieb am Münchner Hof Hzg. Albrechts III. ein, der Beginn einer literar. fruchtbaren Symbiose von Hof und Stadt, die in der im Auftrag Albrechts III. entstandenen »Alexander«-Übersetzung Hartliebs einen ersten, in der gewaltigen retrospektiven Summe aller Artus- und Gralsgeschichten des Hofdichters Ulrich Füetrer (»Buch der Abenteuer«, 1473/78), einer aufwendigen Huldigung an Albrecht IV., einen unüberbotenen Höhepunkt bietet.
Von München aus zeigen sich auch Vernetzungen mit anderen literar. ambitionierten Höfen: Für Füetrer werden Kontakte zur Tiroler Ehzg.in Eleonore von Österreich, Übersetzerin eines Prosaromans (1449/65) und Zentrum des Innsbrucker Hofes, überliefert; der Hzg. selbst hat ihr eine Handschrift ausgeliehen (Füetrers Lantzilet?). Püterich von Reichertshausen, der Füetrer eng verbunden war, tritt in einen stilisierten Briefwechsel mit Pfgf.in Mechtild in Rottenburg ein, die ihrerseits mit einer Reihe von Literaten (Hermann von Sachsenheim, Niklas von Wyle u. a.) verbunden war. Mit Mechtild hat auch Eleonore von Österreich Briefe gewechselt.
Der Übergang des Kgtm. und Ksm.s auf die Habsburger (1438) und die Verlegung der ksl. Kanzlei nach Wien macht schon unter Albrecht V., dann v. a. mit Friedrich III. den Wiener Hof zu einem weithin ausstrahlenden literar. Zentrum (Enea Silvio Piccolomini). Ks. Maximilian I. (1493-1519) forciert dann, konzentriert v. a. auf Innsbruck, die Indienstnahme von Literatur für die fsl. Selbstdarstellung. Er läßt nicht nur, im Sinne der Verankerung in der Vergangenheit, die alten Epen sammeln und – gänzl. anachronist. – als Handschrift abschreiben, er wird von seinen Kanzleischriftstellern auch selbst zur literar. Figur stilisiert: Weißkunig (ab 1514) und Theuerdank (1508-17) verklären Leben und Taten des Kaisers nach dem Muster des höf. Romans.
In der zweiten Hälfte des 16. Jh.s und zu Beginn des 17., als die Literaturproduktion ohnehin nicht bes. rege war und sich in starkem Maße auf Städte und Schulen konzentrierte, traten die Höfe nicht bes. hervor. Überdies war durch den Buchdruck die enge Bindung an bestimmte Vortragsgelegenheiten aufgebrochen worden. Literar. interessierte Fs.en, wie z. B. Ludwig von Anhalt-Köthen, übernahmen führende Positionen in den Sprachgesellschaften. Höf. Ambiente spielte wg. der aufwendigen Bühnentechnik v. a. noch für das Jesuitendrama eine Rolle. Wie überhaupt das Theater noch vor dem höf. Roman (Anton Ulrich von Braunschweig Wolfenbüttel, 1633-1714) in dieser Übergangszeit zur eigentl. höf. Kunstübung wurde. Hzg. Heinrich Julius von Braunschweig (1564-1613) holte engl. Komödianten an seinen Hof und verfaßte selbst Dramen in ihrem Stil; Lgf. Moritz von Hessen (1572-1632), gleichfalls mit eigenen Stücken hervorgetreten, ließ 1604/05 in Kassel das erste stehende Theater erbauen.
Quellen
[Hier nur Werke, aus denen zitiert ist:] Gottfried von Straßburg, Tristan und Isold, hg. von Friedrich Ranke, Berlin 1959. – Heinrich von Veldeke, Eneasroman, nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt, Stellenkommentar und Nachwort von Dieter Kartschoke, Stuttgart 1986. – Kudrun, hg. von Karl Bartsch, neue ergänzte Ausgabe der 5. Aufl., überarbeitet und eingeleitet von Karl Stackmann, Wiesbaden 1980. - Walther von der Vogelweide. Leich, Lieder, Sangsprüche. 14., völlig neubearb. Aufl. der Ausgabe Karl Lachmanns […], hg. von Christoph Cormeau, Berlin u. a. 1996.
Literatur
Backes, Martina: Das literarische Leben am kurpfälzischen Hof zu Heidelberg im 15. Jahrhundert. Tübingen 1992. – Bumke, Joachim: Mäzene im Mittelalter. Die Gönner und Auftraggeber der höfischen Literatur in Deutschland 1150-1300. München 1979. – Grubmüller, Klaus: Der Hof als städtisches Literaturzentrum, in: Befund und Deutung. Zum Verhältnis von Empirie und Interpretation in Sprach- und Literaturwissenschaft, Festschrift für Hans Fromm, hg. von Klaus Grubmüller, Tübingen 1979, S. 405-427. – Kästner, Hannes: Harfe und Schwert. Der höfische Spielmann bei Gottfried von Straßburg. Tübingen 1981. – Riedel, Herbert: Die Darstellung von Musik und Musikerlebnis in der erzählenden deutschen Dichtung, Bonn 1959.