Garten und Gartenarchitektur
Die Pomeranzenstuben oder »Oranje-Stooves« stehen in Zusammenhang mit der im 15. Jh. bes. in humanist. Kreisen aufkommenden Leidenschaft, Pflanzen, die man mit der klass. Antike in Verbindung brachte, bes. Zitruspflanzen, als Metaphern der antiken Geistes- und Lebenswelt zu sammeln und als Requisiten fsl. oder großbürgerl.-patriz. Wohnens zu kultivieren (Jovianus Pontanus, De Hortis Hesperidum, 1490). Das Ziel, einen Bestand so genannter klass. Pflanzen aufzubauen, verband sich mit dem Anliegen, in literar. oder bedeutungsmäßigen Zusammenhängen die Tradition zur Antike wieder aufleben zu lassen. Die Liste der begehrten Pflanzen reicht bei Rembert Dodoens 1557 vom Jasmin bis zur Pomeranze, von der Myrthe bis zur Limone, vom Lorbeer bis zur Feige. Wg. guter klimat. Verträglichkeit und relativ einfacher Aufzucht fanden die immergrünen blühenden Pomeranzen (Citrus aurantium) zu besonderer Beliebtheit, obwohl sie im Gegensatz zu den seit 1548 in Europa bekannten Apfelsinen (Citrus sinensis), den Vorläufern der heutigen Orangen, keine unmittelbar verzehrbaren Früchte trugen, sondern nur sauere, bittere Früchte, die erst im Wege der Verarbeitung genießbar wurden. Auf eine wesentl. ältere Tradition in Europa blickt eine Verwandte der Pomeranze, die Zitronat-Zitrone (Citrus medica) zurück, die schon von den Römern kultiviert wurde. Mit ihrer pflanzl. Gestalt entsprach sie weniger der gärtner. Ästhetik, als die durch Zuschnitt auf Proportion ziehbare Pomeranze. Im tägl. Leben und an der höf. Tafel erlangte die ebenso wie die Pomeranze durch die Araber im 10./11. Jh. nach Europa gebrachte Limone (Citrus limon) hohe Bedeutung. Italien wurde als erste europ. Heimat der Zitruskulturen auch das Land ihrer ersten Kultivierung und Aufwertung zum Ausstattungsrequisit repräsentativer Architektur, bes. in Verbindung mit der Bauaufgabe Villa. Als sinnreiche Metapher ihres Familiennamens erkoren die Medici den »malus medica« zum Familiensymbol. So erwarben die Brüder Lorenzo und Giovanni Pierfrancesco de Medici 1477 eine Villa in Castello mit großem Bestand an Zitrusbäumen. Sind Zitruskulturen im repräsentativen Wohnumfeld für Frankreich erst nach dem Italienfeldzug Kg. Karls VIII. von 1495 überliefert, so sind sie für den deutschsprachigen Bereich nördl. der Alpen seit 1531 in den Häusern der Fugger in Augsburg nachgewiesen. Die für eine architekton. Einordnung im Wohnumfeld so entscheidende Mobilität der Zitruspflanzen in Form von Kübelpflanzen ist schon 1490 bei J. Pontanus publiziert, zu dieser Zeit also in gebildeten Kreisen eine gängige Praxis. Dennoch findet die so entscheidende Mobilität der Zitruspflanzen relativ spät Eingang in die Werke der Architektur- und Gartentheorie. Es ist Oliver de Serres, der erstmals 1600 in seinem Traktat die Bedeutung der mobilen Zitrusbäume propagiert. So schuf die Mobilität die Voraussetzung für den Einsatz der Pflanzen im architekton. Rahmen, ließ sie zum Objekt humanist. geprägter Sammelleidenschaft werden und ermöglichte ihre Verwendung als Ausstattung fsl. Gärten und Paläste oder vornehmer Häuser gebildeter Bürger.
Giovanni Battista Ferrari berichtet 1646 in seiner Publikation Hesperides von dem in Mittelitalien übl. Brauch, die Zitrusbäume in Zimmern oder Kellern zu überwintern. Commelyn erwähnt 1676 in seinen Nederlantze Hesperides die Pomeranzenstuben, wie sie insbes. in den Niederlanden übl. waren. Er rühmt aber schon die damals zunehmend in Mode kommenden Winterungsbauten, die geräumig und frei von anderen Nutzungen ausschließl. der Überwinterung und Zucht der Zitruskulturen dienten. Mit diesen speziellen Winterungsbauten, den Vorläufern der späteren Pomeranzen- oder Orangenhäuser, wird eine neue Phase der Zitruskultur eingeleitet, die im 17. Jh. schließl. zur Übertragung des Begriffes Orangerie auf das Pomeranzenhaus und zur Entstehung einer eigenständigen Bauaufgabe führen sollte. Der Begriff Orangerie taucht erstmals bei Philibert de L'Orme in Schloß Anet auf, wo er allerdings für den Zitrusgarten Verwendung findet, einen Giardino segreto, der mit seinem flankierenden Arkadenbau zur Überwinterung der Kübelpflanzen als Prototyp der später so prägenden Einheit aus Orangeriegarten und Winterungsgebäude gelten kann. Pomeranzenhäuser für Kübelpflanzen bildeten schon im 16. Jh. die praxisfreundl. Alternative zu den im Grunde stehenden Pomeranzengärten, die den Winter über mit auf- und abschlagbaren hölzernen Verschlägen geschützt wurden. Als Variante der in Italien bis heute erhalten gebliebenen Limonengärten sind sie im deutschsprachigen Raum erstmals 1549 für Stuttgart und 1584 für Baden-Baden nachgewiesen. Der Typus der im Grunde stehenden Orangerie führt aber schon nutzungsmäßig weg von der Möglichkeit, zur repräsentativen Ausstattung von Wohnräumen beizutragen. Die Fortentwicklung der im Grunde stehenden Orangerie wird zu einer Frage der Gartengestaltung in engerem Sinne und nicht der Wohnarchitektur. Nur die Mobilität als Kübelpflanzen garantierte die fast unbegrenzte Einsetzbarkeit als räuml. Ausstattungsrequisit. So stellt Oliver de Serres fest: »Ja man sieht sie in irdenen Töpfen und kleinen Holzvasen gedeihen und Früchte tragen, die ein Mensch wegen ihrer Leichtigkeit tragen kann, wohin er will, in die Häuser, an den Eingang, in die Säle und an die Fenster.« De Serres schildert auch Anlaß und Zweck der Mobilisierung. So ging es zunächst nicht um die Entwicklung eigenständiger Bauten, sondern um eine pragmat. Überwinterung. Man brachte die Pflanzen über den Winter in die Wohn- und Repräsentationsräume und bot ihnen dort einen Platz vor den Fenstern. Schon J. Pontanus erwähnt 1490 die winterl. Unterbringung der Kübelpflanzen in den Häusern oder in unterird. Räumen. G. B. Ferrari verweist 1646 auf die in Rom und in der Toskana übl. Sitte, sie in »Cellae« zu verbringen. Jan van der Groen geht in seinem 1669 erschienenen Buch auf die Bedingungen gut funktionierender »Oranje-Stooves« ein, indem er die Aufreihung der Pflanzen in einer großzügig durchfensterten Stube, die Anordnung der kleineren Bäumchen näher am Fenster und die der größeren reihenweise nach rückwärts gestaffelt fordert. Zur Temperierung schlägt er Öfen an der von den Fenstern abgewandten Seite der Stube vor. Commelyn legt 1676 Wert auf die Feststellung, daß die Pflanzen nur zum Frostschutz in Keller dürfen, ansonsten aber in einer lichten Kammer stehen sollten, um möglichst frühzeitig Wintersonne zu bekommen. In solchen Überlegungen klingt bereits die Bauaufgabe der Gartensäle an, die um 1700 im Schloßbau und in den Lusthäusern der Gärten auftauchen und bisweilen auch zur Überwinterung der Pomeranzenbäume dienten. Eine neue Tradition eröffnen die eigenständigen Pomeranzenhäuser, wie sie außerhalb Italiens erstmals ab 1548 in Schloß Anet nachgewiesen sind. Sie gehen wohl auf die mittelital. Tradition zurück, die Pflanzen in eigene, bes. gut geeignete feste Häuser zu stellen, wie J. Pontanus 1490 und wiederholt G. B. Ferrari 1646 erwähnt. Schon in Schloß Anet, deutl. mit den niederländ. Beispielen bei Commelyn, zeigt sich auch für die mobilen Zitruskulturen eine zunehmend engere Zueinanderordnung von Sommer- und Winterstellplatz als Beginn einer Entwicklung, die im 17. Jh. zur allegor. Symbiose von Pomeranzenhaus und Pomeranzengarten im Sinne der barocken Orangerie führt.
Quellen
Agostino Mandirola, Der italiänische Blumen- und Pomeranzengarten. Zum andern mal in unserer Mutter-Sprache aufgelegt, Nürnberg, 1679
Literatur
Elfgang, Alfons/Kluckert, Ehrenfried: Schickhardts Leonberger Pomeranzengarten und die Gartenbaukunst der Renaissance, Bierlingen 1988. – Paulus, Helmut-Eberhard: Die Orangerie von Schloß Schwarzburg, Garten und Kaisersaalgebäude im Dienst fürstlicher Repräsentation, in: Die Gartenkunst 2 (2004) S. 276-290.